01.10.1994

WALTER KEMPOWSKI

1. Wie regelmäßig führen Sie ein Tage- oder Notizbuch? 2. Lesen Sie gern Tagebücher? 3. Kann ein Tagebuch literarischen Rang gewinnen?
Seit langem bin ich daran gewöhnt, ständig ein Tagebuch mit mir herumzutragen. Ich habe großformatige Tagebücher und kleine. Die großen (meist Blindbände des Verlages) sind für zu Hause bestimmt, die kleinen handlicheren nehme ich mit auf die Reise.
Mit dem Tagebuchschreiben begann ich 1945 beim Einmarsch der Roten Armee. Ich saß am Fenster und notierte, was ich sah, und auch das, was ich hörte, die Gerüchte und die zum Teil dramatisch aufgeputzten Russen-Geschichten, die sich die Nachbarn erzählten. Diese frühen Tagebücher liegen jetzt wahrscheinlich in Moskau, denn sie wurden mir bei meiner Verhaftung abgenommen und brachten mir den Straftatbestand "Antisowjetische Einstellung" ein.
Im Zuchthaus konnte ich leider nichts notieren, da war jegliches Schreiben verboten, das bedaure ich noch heute, aber nach meiner Entlassung begann ich sofort wieder damit, und bis heute ist das Tagebuch mein ständiger Begleiter.
Meistens mache ich nachts meine Eintragungen, im Bette liegend. Morgens früh nehme ich das Buch gleich wieder vor, und dann trage ich Träume ein und das, was mir in der Nacht wundersamerweise von selbst noch nachgewachsen ist. Da ich das Haus selten verlasse, schreibe ich auch tagsüber jede nur denkbare Beobachtung ein, auch Reflexionen und all das, was ich mir sonst nicht durchgehen lassen darf: Klagen und Schimpfereien.
Im Tagebuch werden Gedanken für Buchprojekte notiert, und zwar nach Kennziffern (damit ich sie wiederfinde). Für die tägliche Lektüre, Musik, die ich höre, Fernsehbeobachtungen, Wetter gibt es besondere Rubriken. Ich schneide auch Bilder aus Zeitungen aus, wenn sie mir aus irgendeinem Grunde auffallen, und klebe sie dazu. Politisches Tagesgeschehen findet selten Eingang in mein Tagebuch, es sei denn, es betrifft mich direkt (der Fall der Grenze und die Rückkehr nach Rostock). Manchmal lasse ich die Tagebücher herumliegen, und dann freut es mich, wenn Fremde darin blättern. Weil das häufiger geschieht, also ganz offensichtlich ein Interesse an meinen Aufzeichnungen besteht, habe ich vor einigen Jahren den "Sirius" veröffentlicht.
Mein jetziges Tagebuch trägt die Nummer 111, jeden Tag kommen zehn, manchmal auch mehr Seiten dazu, ich freue mich, wenn sich die Bücher füllen, das ist wie ein sich selbst vermehrender Schatz. Tage ohne einen Eintrag kommen mir dumm und leer vor. Ich muß auch sagen, daß das Tagebuchschreiben für mich den Charakter des Etüdenspielens hat. Immer wieder bin ich verblüfft, wie die Tatsächlichkeiten in der Reflexion ihren fiktiven Charakter freigeben. Erst in der Ausformulierung entstehen die Tatsachen, an denen ich mich orientiere. Ich vervielfache mein Leben durch die täglichen Notate, ja, ich erfülle es.
Tagebücher anderer Autoren lese ich nur dann gern, wenn es echte Tagebücher sind (Thomas Mann, Cheever), also nicht nachträglich für den Leser verfaßte. ("Heute kam Hermann, mein Bruder, mit seiner Frau Ilse ...") Das bedeutet nicht, daß ein Autor seine Tagebücher vor einer Veröffentlichung nicht noch einmal überarbeiten könnte oder dürfte. Man bekommt Briefe und schreibt welche, und diese Art Texte gehen ja auch den Tag an, warum sollte man sie nicht "einarbeiten"?
Ein Schriftsteller, der kein Tagebuch schreibt, ist irgendwie schief gewickelt, mit dem stimmt was nicht. Höchst interessant ist es, daß Rühmkorf sein Tagebuch von 1989 veröffentlicht (wunderbar wäre es, wenn ich darin vorkäme). In zwei Jahren kann er in meinem "Alkor '89" nachlesen, wo überall ich anderer Meinung bin als er. Auch Margarete Hannsmann hat ihre Notizen von 1989 veröffentlicht, die drei Texte könnte man dann parallel lesen.
Verschiedene Tagebücher day by day nebeneinanderzustellen, das ist von großem Reiz, ich habe das in meinem "Echolot" gemacht.

SPIEGEL SPECIAL 10/1994
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