01.10.1994

„WEIBER ERREGTEN MICH“

Prag, November 1911. Franz Kafka besucht den Linzer Hofrat Anton Max Pachinger. Anschließend macht er sich Notizen über dessen sexuelle Protzereien. Verblüffende Formulierungen: "Die Erzählungen über seine Potenz machen einem Gedanken darüber, wie er wohl sein großes Glied langsam in die Frauen stopft. Sein Kunststück in frühern Zeiten war, Frauen so zu ermüden, daß sie nicht mehr konnten. Dann waren sie ohne Seele, Tiere. Ja, diese Ergebenheit kann ich mir vorstellen."
Kafka hat in seinen Heften und Reiseaufzeichnungen bemerkenswert unbefangen über die körperliche Seite der Liebe gesprochen. Vor allem dann, wenn er Beobachtungen, Erzählungen und Erfahrungen anderer wiedergeben konnte. Von Verklemmung keine Spur. Kafka war kein Heiliger. Er war ein sehr diesseitiger Mann, der im übrigen den Frauen sehr wohl zu gefallen wußte. Und er war am Menschlichen und Zwischenmenschlichen, am Geselligen und Sozialen lebhaft interessiert.
Die erstmals in der kritischen Edition der Tagebücher - in diesem Herbst nun auch in einer erschwinglichen Ausgabe (siehe Kasten Seite 22) - publizierten Textpassagen machen deutlich, daß es für diesen Schriftsteller neben der "Litteratur" - hier stets mit zwei "t" geschrieben - zumindest noch eine große Obsession gab: den Sexus. Kafka selbst rückte beides 1911 in einer schon bekannten Notiz auf das Verblüffendste zusammen. Er war, als er diese Zeilen schrieb, gerade in eine Schauspielerin verliebt: "Ich hatte gehofft, durch den Blumenstrauß meine Liebe zu ihr ein wenig zu befriedigen, es war ganz nutzlos. Es ist nur durch Litteratur oder durch den Beischlaf möglich. Ich schreibe das nicht, weil ich es nicht wußte, sondern weil es vielleicht gut ist, Warnungen oft aufzuschreiben."
Kafkas Werk ist ohne seine Notizen und Briefe nicht zu denken. Kaum jemals zuvor - und wohl auch nicht danach - hat es in der Literatur eine derartige Verflechtung und Verzahnung, eine solche "von Prosaspiegeln umstellte Einzelkämpferarena" gegeben, wie Martin Walser einmal geschrieben hat: "Das hat Kafka für uns hinter sich, also auch hinter uns gebracht."
Für den Ton des Tagebuches typisch ist eine Notiz wie die von Weihnachten 1915, die erste Notiz, nachdem es mehr als einen Monat lang keine Eintragungen gegeben hat und zuletzt von "Vollständiger Nutzlosigkeit" die Rede war: "Eröffnung des Tagebuches zu dem besonderen Zweck, mir Schlaf zu ermöglichen. Sehe aber grade die zufällige letzte Eintragung und könnte 1000 Eintragungen gleichen Inhalts aus den letzten 3 - 4 Jahren mir vorstellen. Ich verbrauche mich sinnlos, wäre glückselig schreiben zu dürfen, schreibe nicht."
Schreiben: Das war für Kafka einzig die "Litteratur". Die Briefe, die Tagebücher, die Artikel, die er gelegentlich für Zeitungen verfaßte - das war Warmlaufen, Abreagieren, Hoffnung und Pein. In seiner Einstellung dem eigenen Tagebuch gegenüber war Kafka extrem schwankend. Einmal erschien es ihm wie sinnloser Energieverschleiß, dann wieder wie die Rettung: "Ich werde das Tagebuch nicht mehr verlassen. Hier muß ich mich festhalten, denn nur hier kann ich es." So geschrieben am 16. Dezember 1910. Und bereits zuvor, unter den frühen, noch undatierten Notizen, findet sich der Vorsatz: "Jeden Tag soll zumindest eine Zeile gegen mich gerichtet werden wie man die Fernrohre jetzt gegen den Kometen richtet."
Das Tagebuch verhilft Kafka über viele Jahre dazu, den Kontakt mit dem Schreiben, dem eigentlichen Anliegen, nicht zu verlieren. "Die Frage des Tagebuches ist gleichzeitig die Frage des Ganzen, enthält alle Unmöglichkeiten des Ganzen." Das Tagebuch dient dazu, sich bereitzuhalten - und so gibt es auch immer wieder den fließenden Übergang in literarische, fiktionale Texte. Kafkas Selbstbeobachtungen, seine zwischen manischen Omnipotenzphantasien und depressiven Verzweiflungsräuschen schwankenden Notizen sind die früh gezogene Summe künstlerischer Skrupel und Selbstzweifel in diesem Jahrhundert.
Kafka denkt im Tagebuch keineswegs gering von seiner Arbeit - jedenfalls von der nicht, für die er sich bereithält. Er will das Höchste. Und er sieht den Gipfel bisweilen in Reichweite. Im Sommer 1913 heißt es im Tagebuch: "Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar."
Aber dann beginnt sich immer wieder das Karussell der Selbstzweifel zu drehen, wie Anfang 1915: "Wieder zu schreiben versucht, fast nutzlos." Und am Tag darauf: "Die alte Unfähigkeit. Kaum 10 Tage lang das Schreiben unterbrochen und schon ausgeworfen. Wieder stehn die großen Anstrengungen bevor. Es ist notwendig förmlich unterzutauchen und schneller zu sinken als das vor einem Versinkende." Ein paar Tage später, am 7. Februar: "Vollständige Stockung. Endlose Quälereien." Am 22. Februar: "Unfähigkeit in jeder Hinsicht und vollständig."
Und so endlos weiter. Kafka ist sich und dem Geheimnis des Schreibantriebs auf der Spur - aber das Geheimnis entzieht sich auch ihm immer wieder. Das große Rätsel bleibt, er kann es nur immer wieder umkreisen:
Mir immer unbegreiflich, daß es jedem fast, der schreiben kann, möglich ist, im Schmerz den Schmerz zu objektivieren, so daß ich z. B. im Unglück, vielleicht noch mit dem brennenden Unglückskopf mich setzen und jemandem schriftlich mitteilen kann: Ich bin unglücklich. Ja, ich kann noch darüber hinausgehn und in verschiedenen Schnörkeln je nach Begabung, die mit dem Unglück nichts zu tun zu haben scheint, darüber einfach oder antithetisch oder mit ganzen Orchestern von Associationen phantasieren. Und es ist gar nicht Lüge und stillt den Schmerz nicht, ist einfach gnadenweiser Überschuß der Kräfte in einem Augenblick, in dem der Schmerz doch sichtbar alle meine Kräfte bis zum Boden meines Wesens, den er aufkratzt, verbraucht hat. Was für ein Überschuß ist das also?
Die Frage bleibt unbeantwortet. Immer deutlicher wird jedoch, daß Glück für ihn nur bedeuten kann, die Welt "ins Reine, Wahre, Unveränderliche" heben zu können. Und wie ein Motto dazu, fast schon wie ein früher Rückblick, will die lapidare Zeile aus dem Jahre 1922 anmuten: "Unmerkliches Leben. Merkliches Mißlingen."
Bis zum letzten Eintrag im Sommer 1923 bleibt die Spannung, die Ambivalenz erhalten: die Ambivalenz zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Gipfelsturm und Vernichtungsphantasie. "Immer ängstlicher im Niederschreiben. Es ist begreiflich. Jedes Wort, gewendet in der Hand der Geister - dieser Schwung der Hand ist ihre charakteristische Bewegung - wird zum Spieß, gekehrt gegen den Sprecher. Eine Bemerkung wie diese ganz besonders. Und so ins Unendliche. Der Trost wäre nur: es geschieht ob Du willst oder nicht. Und was Du willst, hilft nur unmerklich wenig. Mehr als Trost ist: Auch Du hast Waffen."
Das Tagebuch, das mit diesen Worten endet, ist keineswegs durchgehend verdüstert. Neben der Faszination des Schreibens und seiner Probleme gibt es eben auch ein zweites großes Thema dieses Tagebuchs: die Magie und die Melancholie des Sexuellen. Noch Anfang der fünfziger Jahre hielt Max Brod als Herausgeber empfindliche Eingriffe für nötig.
Die Attraktivität etwa, die Bordelle für Kafka hatten, unterschlug Brod in seiner Edition konsequent. Seinem Strich fiel sogar ein so harmloser, liebevoller Satz wie dieser zum Opfer: "Ich gieng an dem Bordell vorüber, wie an dem Haus einer Geliebten." Verständlicher ist schon, daß Brod sich mit den Details des Berichts über eine gemeinsam mit Kafka unternommene Reise nicht recht anfreunden mochte.
Am Anfang des Reisetagebuchs aus dem Jahr 1912 notierte Kafka nämlich: "Leipzig. Gespräch mit unserem Dienstmann. Max fragt ihn, trotzdem er wie unser Großvater aussieht, nach Mädchen." Daß Max Brod den letzten Satz wegen des falschen Gebrauchs von "trotzdem" weggelassen haben könnte, ist unwahrscheinlich, denn diese Spracheigenheit taucht in Kafkas Schriften auch anderswo auf.
Einzelheiten seines Liebeslebens hat Kafka im Tagebuch nicht enthüllt. Wenn es sich um Erlebnisse außerhalb der "Bordellgäßchen" handelt, dann neigt er zu verschwommenen Formulierungen. Da ist dann von "Verirrungen mit Mädchen" die Rede, von "Verführung", vom "Sich-öffnen frauenhafter Tiefe" - womit freilich "der Blick ihrer besänftigten Augen" gemeint sein könnte.
Dennoch gibt es manchen Hinweis darauf, daß die Formulierung vom "Coitus als Bestrafung des Glückes des Beisammenseins" nicht unbedingt Kafkas letztes Wort gewesen ist.
"Weiber erregten mich", hält er im Tagebuch fest, was die Brodsche Edition ihm durchgehen ließ, aber einmal fehlt es auch nicht an einem deutlichen Hinweis darauf, daß ihn nicht allein die Weiber zu erregen vermochten - was Brod ihm zensierte. Diese Reisenotiz Kafkas aus dem Jahr 1912 findet sich vollständig erst in der kritischen Ausgabe: "2 schöne schwedische Jungen mit langen Beinen, die so geformt und gespannt sind, daß man nur mit der Zunge richtig an ihnen hinfahren könnte."
Auch die folgende Notiz, in der Kafka fasziniert protokolliert, was er über den Münchner Fasching des Jahres 1911 gehört hat, ließ Brod weg - sie steht in Zusammenhang mit dem Besuch bei jenem Linzer Hofrat Pachinger, über dessen sexuelle Aktivitäten Kafka so genau und fasziniert Buch führt: "Sehr ergiebiger Fasching in München. Nach dem Meldeamt kommen während des Faschings über 6000 Frauen ohne Begleitung nach München offenbar nur, um sich koitieren zu lassen. Es sind Verheiratete, Mädchen, Witwen aus ganz Bayern, aber auch aus den angrenzenden Ländern."
Der damals 50 Jahre alte Pachinger, der in Prag zu Besuch war, muß dem 28jährigen Kafka auch Aktfotos einiger seiner Geliebten gezeigt haben. Besonders genau erinnert sich der junge Dichter im Tagebuch an ein "Bild der aus der aufgeknöpften Blouse gezogenen langen Brüste und eines abseits schauenden in einem schönen Mund zugespitzten Gesichtes".
All das gibt erst die kritische Edition preis. Auch ein schon in der Brod-Edition gedruckter Satz erhält plötzlich - in voller Länge - einen radikal anderen Sinn. Pachinger, notiert Kafka, halte den schwangeren Körper für den schönsten, "er ist ihm auch am angenehmsten ..." Tatsächlich lautet die Notiz: "... er ist ihm auch am angenehmsten zu vögeln". Kafka spricht also im Tagebuch völlig unbefangen vom Koitus, auch über den Tripper, den ein befreundeter Schauspieler habe, über die "Angst wegen der Ansteckung" eines anderen Kollegen und Malers: "Er hat sie unten geküßt, er sieht sich schon zerfallen."
Und doch: Das alles betrifft ihn nicht direkt - es ist der Blick in eine fremde Welt. Über sich und seine Befangenheiten in erotischer Hinsicht spricht Kafka kaum. Ein Journal intime ist das Tagebuch auch in der vollständigen Fassung nicht.
Kafkas Journal ist Inbegriff des Künstlertagebuchs im 20. Jahrhundert. Dieses Werk zeigt wie kein anderes, was und wie künstlerische Introspektion, in Konkurrenz zur Psychoanalyse, erkennen kann: fragmentarisch, fratzenhaft, widersprüchlich, verwirrend - das Ich nicht definierend, sondern überhaupt erst entwerfend, verwerfend, verdoppelnd. Nicht anders als in seinen Briefen erfindet sich Kafka im Tagebuch als Figur, er müht sich damit ab, sich wie einer Romanfigur einen Umriß zu geben. Und er verzweifelt immer wieder daran, daß es nicht gelingen will - zugleich von dieser Vergeblichkeit angestachelt.
Das Tagebuch ist ungeeignet, um daraus Kafkas Leben zu rekonstruieren; und doch wird er nirgendwo greifbarer - soweit einer wie Kafka eben greifbar ist, einer, dessen Leben vom Schreiben irgendwann nicht mehr zu trennen ist, weil das Schreiben als ein anderes Leben gesucht und gefunden wird.
Man muß das Chaotische, die Durchmischung eines solchen Tagebuchs goutieren können, einen Wegweiser gibt es nicht: Irrwege, Sackgassen sind von den Hauptpfaden nicht säuberlich abgehoben.
Kafka notierte im September 1911 nach dem Studium von Goethes Tagebüchern: "Ein Mensch, der kein Tagebuch hat, ist einem Tagebuch gegenüber in einer falschen Position." Ein Mensch dagegen, der Tagebuch schreibt, so könnte man den Gedanken fortsetzen, wird immer wieder auch als Leser zu Tagebüchern greifen: eigenen wie fremden.
Ein Jahr zuvor, im Dezember 1910, hatte Kafka jene hinreißende Formulierung gefunden, die den Effekt eines Tagebuchs am besten beschreibt: "Ein wenig Goethes Tagebücher gelesen. Die Ferne hält dieses Leben schon beruhigt fest, diese Tagebücher legen Feuer daran."
Das Hin und Her, das zu keinem Ende führt, der beständige Wechsel des Blickwinkels macht das Tagebuch zu einer so modern, ja alterslos anmutenden Textform - mitsamt den Möglichkeiten der vollendeten Selbstbezüglichkeit: ein endloses Spiel im Spiel. Kafkas Fazit lautet:
Ein Vorteil des Tagebuchführens besteht darin, daß man sich mit beruhigender Klarheit der Wandlungen bewußt wird, denen man unaufhörlich unterliegt, die man auch im allgemeinen natürlich glaubt, ahnt und zugesteht, die man aber unbewußt immer dann leugnet, wenn es darauf ankommt, sich aus einem solchen Zugeständnis Hoffnung oder Ruhe zu holen. Im Tagebuch findet man Beweise dafür, daß man selbst in Zuständen, die heute unerträglich scheinen, gelebt, herumgeschaut und Beobachtungen aufgeschrieben hat, daß also diese Rechte sich bewegt hat wie heute, wo wir zwar durch die Möglichkeit des Überblickes über den damaligen Zustand klüger sind, darum aber desto mehr die Unerschrockenheit unseres damaligen in lauter Unwissenheit sich dennoch erhaltenden Strebens anerkennen müssen.
Geschrieben ist das in dem Bewußtsein, daß es einen sicheren Standpunkt der Selbstbeobachtung nicht gibt und nie geben wird. Und doch führt diese Erkenntnis eben nicht bloß zu Verzagtheit, sondern ihr entspringt auch der Stolz, die Annäherung immer wieder, auf jeder Stufe neu, versucht zu haben.
Und der Leser von Kafkas Tagebuch kann jenes Gefühl nachvollziehen, das Kafka Ende 1911 festgehalten hat, das Gefühl, das entsteht, "wenn man durch Zuschlagen des Buches wieder auf sich selbst gebracht, nach diesem Ausflug und dieser Erholung sich in seinem neu erkannten, neu geschüttelten, einen Augenblick lang von der Ferne aus betrachteten eigenen Wesen wieder wohler fühlt und mit freierem Kopfe zurückbleibt".
Von Volker Hage

SPIEGEL SPECIAL 10/1994
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