01.10.1994

ALLZU SÜSSER COCKTAIL

Manchen Barmixern, die mit Inbrunst aufregende Cocktails aus abstrusen Zutaten bereiten, würde man es auch zutrauen, einen Drink zu mixen, der schmeckt wie das Leben selbst. Vielleicht könnten sie sogar das Lebenselixier Martin Heideggers zusammenrühren, und dann käme, mag dieser selbst auch am liebsten klares Bergwasser getrunken haben, eine verwegene Mischung ins Glas.
Jedenfalls müßte man etwas dazutun, was so reinigend schmeckt, daß man sich nach dessen Genuß einbildet, die Welt klarer zu sehen, daß sich - heideggersch gesprochen - eine Lichtung auftut, in der dem Menschen das "Seiende" offenbar wird. Es würde auch etwas Starkes, Schweres hineinkommen, damit man - heideggersch gesprochen - merkt, welch eine Last das Dasein ist. Irgend etwas Bitteres dürfte nicht fehlen, in dessen herbem Geschmack - heideggersch gesprochen - die Erde steckt, auf der alles gründet. Dazu gehörte am Ende noch ein Schuß von etwas, das aufstachelt, das uns - heideggersch gesprochen - Erfahrungen der Eigentlichkeit verheißt.
Wie sich der Barmixer schwertun wird mit diesem Leben und an diesem Denken, das "herrisch, zwingend, geheimnisvoll" war (Hannah Arendt), so auch dessen nächster Verwandter, der Biograph. Nach Hugo Ott, der in seinem Heidegger-Buch noch "unterwegs zu seiner Biographie" war, hat sich jetzt zum erstenmal jemand an Heideggers ganzes Leben herangewagt und knapp 20 Jahre nach dessen Tod eine regelrechte Biographie vorgelegt - Rüdiger Safranski. Er gilt als Meister seines Fachs, und sein Buch "Ein Meister aus Deutschland" beginnt mit der verheißungsvollen Ankündigung: "Es ist eine lange Geschichte mit Heidegger, mit seinem Leben, seiner Philosophie. Die Leidenschaften und Katastrophen des ganzen Jahrhunderts sind darin."
Heidegger war Minimalist. Seine Autobiographie hätte zum Schrecken jedes Verlegers nur den einen Satz umfaßt: "Er lebte, arbeitete und starb." 1918, als knapp 30jähriger Soldat zur Frontwetterwarte einberufen, schrieb er:
Das geistige Leben muß bei uns wieder ein wahrhaft wirkliches werden - es muß eine aus dem Persönlichen geborene Wucht bekommen, die ,umwirft'' und zum echten Aufstehen zwingt - und diese Wucht äußert sich als echte nur in der Schlichtheit, nicht im Blasierten, Dekadenten, Erzwungenen ... Wo der Glaube an den Selbstwert der eigenen Bestimmung wahrhaft lebt, da wird alles Unwertige einer zufälligen Umgebung von innen heraus und für immer überwunden.
Würde also Heidegger selbst seinen Lebens-Cocktail mixen, wäre alles Fremde darin verpönt. Doch Safranski gelingt es zu zeigen, daß hinter dieser minimalistischen "schlichten Wucht" ein Maximum an Inhalten, Zutaten und Einflüssen steckt; er beschreibt, wie sich Heidegger, der in ärmlichen Verhältnissen "unter dem Himmel von Meßkirch" aufwuchs, "in der Arena der Moderne behauptete".
Neue biographische Enthüllungen werden nicht geboten, aber das Berühmte und Berüchtigte wird erzählt: daß Heidegger früh ankündigte, sein "Existieren wüten" zu lassen; daß er einem Kollegen "durch das Wie meiner Gegenwart die Hölle heiß machen" wollte; daß er Hannah Arendt, die Geliebte, zur "Passion seines Lebens" erklärte; daß diese wiederum Ehefrau Elfriede für "leider einfach mordsdämlich" hielt; daß Heidegger die "wachsende Verjudung" des "deutschen Geisteslebens" beklagte und Hitlers "wundervolle Hände" bewunderte; daß ihm erst im Alter der Alptraum von der Abiturprüfung abhanden kam. All diese Zutaten würzen das Buch, doch Safranski widmet sich auch ausgiebig den philosophischen Zentralbegriffen Heideggers - wie eben Last und Eigentlichkeit, Erde und Lichtung.
Eine erste große Tat Heideggers war nach Safranski der Abschied vom "System des Katholizismus", das seine Jugend geprägt hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg, der die alten Ordnungen zerschlagen hatte, sah Heidegger sich allein auf die "Existenz", die "Faktizität" zurückgeworfen. Dem wollte er sich mit "innerer Demut" stellen, das Dasein auf sich nehmen wie eine Last.
Safranski zeigt, wie Heidegger sich mit vielen Zeitgenossen in den zwanziger Jahren sträubte gegen das Leben im "Gekünstelten, Verlogenen, immer schon von anderen Beschwatzten". Der Vorwurf, erhoben im Hauptwerk "Sein und Zeit" (1927), lautete: Wer vor dem "Sein" flieht, gibt sich dem Schein hin. Heidegger setzte auf Nietzsches Postulat "Werde, was du bist" und geleitete das Dasein zur Eigentlichkeit. Hannah Arendt notierte, Heideggers Name reise "durch ganz Deutschland wie das Gerücht vom heimlichen König".
Unter den Studenten der zwanziger Jahre kursierte als Parodie von Heideggers "Eigentlichkeit" der Spruch: "Ich bin entschlossen, nur weiß ich nicht wozu!" Safranski verfolgt den geistigen und politischen Geländeritt, auf dem Heidegger nach einem "Wozu" fahndete. 1933, als Führer-Rektor der Freiburger Universität, meinte Heidegger zu wissen, daß die nationalsozialistische "Umwälzung" die gesuchte "Grunderfahrung des Ursprungs" erbringe. 1935 war er dann schon auf der Suche nach einer anderen, "neuen Grunderfahrung"; von der Kunst versprach er sich nun einen unverdächtigen Zugang zum "Ursprünglichen", zur Erde. Jaspers notierte 1945: "Heideggers Denkungsart erscheint mir ihrem Wesen nach unfrei, diktatorisch, communikationslos."
Am Ende griff Heidegger auf eine alte Einsicht zurück, die seinem Lehrer Husserl, dem Phänomenologen und "Facharbeiter in den Fundamenten", zu verdanken war. Dieser hatte Heidegger schon früh den unverbildeten Zugang zur Welt, den "Kampfruf ,zu den Sachen selbst''" gelehrt. Safranski beschreibt, wie Heidegger daraus einen Kampfruf gegen Wissenschaft und Technik machte, die - wie er meinte - das Seiende zurichten und der Vernutzung preisgeben. Der Philosoph empfahl dagegen die Einübung in die "Offenheit" für das Sein - eine Offenheit, für die es gar einen besonderen, eigenen Ort geben sollte: die Lichtung.
Safranski hat, wie es sich nicht nur für einen guten Barmixer, sondern auch für einen guten Biographen gehört, soweit erst einmal die richtige Mischung zusammengebracht. Das Buch über den "Meister aus Deutschland" hätte vielleicht selbst ein kleines Meisterwerk werden können, wenn Safranski seinem Cocktail nicht noch etwas furchtbar Süßes, so etwas wie eine klebrige, überzuckerte Spätlese beigemischt hätte. So hat er alles verdorben.
Einen "Meister" will er feiern: "Wie kein anderer hat Heidegger in einer nichtreligiösen Zeit den Horizont für religiöse Erfahrung offengehalten. Er hat ein Denken gefunden, das den Dingen nahe bleibt und vor dem Absturz in die Banalität bewahrt." Safranski bewegt sich freilich oft selbst am Rande dieses Abgrunds. In der "Erfahrung des Seins" erahnt er ein "Seinsverhältnis, das fromm ist; andachtsvoll, meditativ, dankbar, ehrfürchtig, gelassen"; mit Heidegger will er "das Dasein lichten, so wie man die Anker lichtet, um befreit in die offene See hinauszufahren". Safranski deutet Heideggers Philosophie als spirituelle Erlebnisreise, als Kreuzfahrt im Sein und entdeckt "in der Seinsfrage" gar "die Bereitschaft zum Jubel". Doch bekanntlich bekommt es einer Frage nicht allzugut, wenn man sie jubelnd stellt; und dem Jubel schadet es nur, wenn man ihn mit Fragezeichen versieht.
Auch der Heideggerschen "Eigentlichkeit" wird eine besondere Erfahrung untergejubelt, die "Eröffnung von Chancen für große Augenblicke ... Wozu? Wofür? Nicht für ein in der Ferne liegendes Geschichtsziel; wenn es überhaupt ein Ziel gibt, dann ist es dieser Augenblick selbst. Es geht um eine Steigerung des Daseinsgefühls. Eigentlichkeit ist Intensität, nichts anderes." Safranski verniedlicht die Härte und Strenge, die Heidegger Zeit seines Lebens bestimmte; noch als 20jähriger hätte er das "Dreinschlagen auf jede ... Diesseitsauffassung des Lebens" geübt. Der Autor will nicht wahrhaben, daß zu Heideggers Leben - wie dieser immerhin selbst einmal schrieb - "notwendig die Herbheit des Gespaltenseins, der Rückfälle und neuen Anläufe, das unaustragbare Leiden am Problematischen und Fragwürdigen" gehört.
Heideggers nationalsozialistische Phase wird bei Safranski zu einem Überschwang an "Intensität", der dank der Selbstheilungskräfte der Philosophie wieder bezähmt wird. Dieser Lesart fällt dann auch die konfliktreiche Begegnung zwischen Heidegger und dem Dichter Paul Celan 1967 zum Opfer. Wenn Celan schrieb, er warte "auf eines Denkenden kommendes Wort", so unterstellt Safranski, damit könnte auch irgendeine weitere Fortschreibung von Heideggers Seinsdenken - vielleicht ein kleiner Aufsatz? - gemeint sein, nicht nur ein Wort über Auschwitz. "Daß er sich ... von dem millionenfachen Mord an den Juden distanzieren sollte, diese Forderung empfand Heidegger zu Recht als eine Ungeheuerlichkeit."
Am Ende ist ein viel zu süßer Cocktail, ein Buch über den guten Heidegger entstanden, und dieser bekommt von Safranski dann auch, wie es sich in einer biographischen Arche Noah guter Geister gehört, eine Partnerin, nämlich Hannah Arendt.
Der Beziehung zu Hannah Arendt, die als heiße Affäre begann und als schwierige Sehnsucht andauerte, sind zwei eindrucksvolle Kapitel gewidmet; leider ist sie aber auch das Lieblingsobjekt Safranskis Harmoniestrebens, und das führt zu einem philosophischen Kuddelmuddel: "Hannah Arendt wird ... Heidegger ... besser verstehen, als er sich selbst verstanden hat. Sie wird ... auf seine Philosophie antworten und ihr jene Weltlichkeit geben, die ihr noch fehlt. Auf das ,Vorlaufen in den Tod'' wird sie antworten mit einer Philosophie der Geburtlichkeit ...; auf die Kritik der ,Verfallenheit'' an die Welt des ,Man'' wird sie antworten mit dem ,Amor mundi'', der Liebe zur Welt. Auf Heideggers ,Lichtung'' wird sie antworten, indem sie die ,Öffentlichkeit'' philosophisch adelt. So erst wurde aus der Heideggerschen Philosophie etwas Ganzes, aber dieser Mann wird das nicht bemerken."
Safranski feiert posthum eine philosophisch offenbar dringend erforderliche Hochzeit zwischen Heidegger und Hannah Arendt, die zu Lebzeiten nicht zustande kam. Beiden hätte es gutgetan, wenn sie nicht an diesen Standesbeamten geraten wären. Dann hätte Heidegger unverkitscht der zwiespältige, zerrissene Denker bleiben können, dessen "Leidenschaften und Katastrophen" in der Tat für dieses geschundene Jahrhundert bezeichnend sind; Hannah Arendt wäre es erspart geblieben, für die Demokratie-verträgliche Nachbesserung des Seinsdenkens herhalten zu müssen.
Der existentialitische Stiefbruder Heideggers, Jean-Paul Sartre, hat sich einmal schaudernd gefragt, ob "die Menschen überhaupt nie ein anderes Leben haben als das, welches sie verdienen". Für Heideggers Leben gilt dies sicherlich; den Biographen aber, den er verdiente, hat er noch nicht gefunden.
Rüdiger Safranski: "Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit". Hanser Verlag, München; 544 Seiten; 58 Mark.
Von Dieter Thomä

SPIEGEL SPECIAL 10/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 10/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit