20.02.2007

EIN VOLK ERKENNT SICH SELBST„MANN DES JAHRTAUSENDS“

Er hatte Sinn fürs Geschäft, aber auch für die Schönheit: Der Mainzer Handwerker Johannes Gutenberg führte den von ihm erfundenen Buchdruck gleich zu einem ersten ästhetischen Höhepunkt.
Niemand weiß, wann dieser Henne Gensfleisch geboren wurde - es könnte im Jahr 1395 gewesen sein, vielleicht auch 1402. Niemand weiß, wie er aussah, dick oder dünn, klein oder groß, blondes Haar oder schwarzes. Etwa hundert Jahre nach seinem Tod erscheint ein erstes Bild von ihm, wache Augen, langer Bart, auf dem Kopf eine Pelzkappe; authentisch ist dieses Bild freilich nicht.
In den einschlägigen Akten hat Gensfleisch, ein Bürger aus Mainz, kaum Spuren hinterlassen, und dennoch gilt er - unter seinem bekannten Namen Johannes Gutenberg - als einer der ganz Großen, als "Mann des Jahrtausends", wie das "Time"-Magazin befand. Seinen Ruhm verdankt er einer herrlich einfachen Idee, die technisch gesehen eine Sensation war und wohl den Sprung der Gesellschaft in die Neuzeit beförderte: dem Buchdruck. Gutenberg erfand die beweglichen Lettern, die immer wieder verwendbar waren und Dokumente von bestechender Optik produzierten. Es war "eine Medienrevolution", so das Urteil des Literaturwissenschaftlers Jochen Hörisch.
Gutenbergs Texte seien nicht nur in "höchst sauberer und korrekter Schrift" verfasst, schwärmte der Zeitgenosse Enea Silvio Piccolomini, nachmaliger Papst Pius II. Begeistert teilte er im März 1455 dem sehschwachen Kardinal Juan de Cavajal mit, er würde sie "mühelos lesen können", auch "ohne Brille". Das war die eine, die praktische Seite jener Innovation, die der Welt den ersten industriellen Massenartikel bescherte. Gleichzeitig rollte nach der "Epochenzäsur" (Hörisch) die Alphabetisierung der Bürger an, deren Grad zu Gutenbergs Zeit im unteren Prozentbereich lag, schon bald aber schnell nach oben ging.
Und natürlich manifestierte das Gutenberg-Projekt die Sprache des Landes - Deutsch. Nur wenige Jahrzehnte später kursierten bereits über 300 Ausgaben der deutschsprachigen Luther-Bibel, mit einer Gesamtauflage von etwa einer halben Million Exemplaren. "Bei dem sich erst entwickelnden Buchmarkt und der geringen Lesefähigkeit eine bis dahin unerreichte Zahl", sagt der Sprachforscher Stephan Füssel, an der Mainzer Gutenberg Universität Direktor des Instituts für Buchwissenschaft.
Dass ein Reformator des Glaubens zum ersten wirkungsmächtigen Nutzer seiner Erfindung werden sollte, konnte der "bewundernswerte Mann" (Piccolomini), ein treuer Sohn seiner Kirche, wahrlich nicht erahnen.
Zunächst einmal war der Sohn eines Mainzer Patriziers und zeitweiligen städtischen Rechenmeisters ein ehrgeiziger Handwerker mit gehörigem Gewinnstreben. Einigen gilt er als verschlagener Geschäftsmann, "hitzköpfig, lärmend und rabiat". Gensfleisch alias Gutenberg - denn so hieß ein Anwesen der Familie im Stadtkern - hatte wohl im Jahr 1438 in Straßburg zusammen mit anderen das Unternehmen "Aventur und Kunst" gegründet. Er begann mit dem Typenguss und beweglichen Lettern zu experimentieren. Auch wenn es bereits in Korea und China ähnliche Techniken gab, konnte bislang keine Verbindungsbrücke zwischen asiatischen Druckern und ihm entdeckt werden.
Gutenbergs erstrangiges Ziel war es ganz offenbar nicht, eine gegenüber der gängigen Praxis preiswerte Massenware zu produzieren. Er wollte besonders schöne Schriften in einer Qualität liefern, die die berufsmäßigen Schreiber, Rubrikatoren und Miniatoren der Klöster oder Universitäten nicht erreichen konnten. Erst recht nicht die Mitarbeiter jener gewerblichen Skriptorien, die Bücher auf Vorrat abschrieben, quasi fabrikmäßig.
Gewiss, auch die Zeit war ein wesentlicher Faktor. Damals benötigten selbst schnelle Kopisten mindestens drei Jahre, um ein einigermaßen gut lesbares Exemplar der Bibel zu erstellen.
Während andere Tüftler versuchten, Bücher so zu drucken wie Kupferstiche entstehen, also Seite für Seite, setzte Gutenberg auf ein System der Kleinteiligkeit, das beliebig zusammensetzbar und immer wieder reproduzierbar sein würde - Buchstabe für Buchstabe, Satzzeichen für Satzzeichen, Zeile für Zeile. Das Material für die Typen war eine Legierung, die hauptsächlich aus Blei bestand, aber auch Zinn, Antimon, Kupfer und Eisen enthielt. Die Druckerschwärze hatte Gutenberg mit Lampenruß, Firnis und Eiweiß angerührt. Und so funktionierte es dann, wie Füssel beschreibt:
Das Papier wurde angefeuchtet, damit es sich besser um das Typenmaterial legen kann, und in einem klappbaren Pressdeckel mit mehreren Nadeln fixiert. Es wurde ein Rahmen darüber geklappt, der genau in der Größe des Satzspiegels eine Aussparung hatte, damit die Blattränder auf keinen Fall beim Drucken beschmiert werden.
Der Wagen mit dem Satz und dem Deckel mit dem Papier wurde dann unter die Druckplatte, den Tiegel, geschoben und der Tiegel mit einem kräftigen Ruck auf das Papier gedrückt.
Der erste so entstandene Druck war das "Mainzer Fragment" von circa 1445, Teil einer thüringischen Dichtung über das Jüngste Gericht; es folgten ganz rasch eine - lateinische - Schulgrammatik, Kalender (zum Thema "Aderlass" etwa oder über die Gefahr einer türkischen Invasion) - oder schließlich Ablassbriefe, ein äußerst lukrativer Geschäftszweig. Gab doch die Kirche Roms hohe Auflagen in Arbeit, einmal sogar knapp 200 000 Exemplare.
Und dann ging Gutenberg jenes Produkt an, das immer noch Anlass zum Staunen bietet: seine berühmt gewordene Bibel, die in Fachkreisen nur "B 42" heißt, B für Bibel, 42 für die Anzahl der Druckzeilen pro Seite. Das handgeschriebene Vorbild hieß "Vulgata", was so viel bedeutet wie: "allgemein verbreitete Ausgabe".
An der Produktion des "Buches der Bücher", wie die Bibel auch genannt wird, waren neben Chef Gutenberg mindestens vier Setzer und zwölf Drucker beteiligt - nach der Verarbeitung von 48 000 Papierbögen à 16 Seiten, Pergamenten aus den Häuten von 3200 Tieren und über 230 000 Handgriffen lagen etwa 180 Exemplare in lateinischer Sprache vor, geschaffen in der Rekordzeit von gut zwei Jahren. Ein ausgereiftes, vorzügliches Werk mit dem weiteren Vorteil, nur ein Viertel der handschriftlichen Bibel zu kosten.
Gutenbergs Erfindung jagte mit einer Geschwindigkeit hinaus in die Welt wie erst später im 20. Jahrhundert wieder das Internet. Noch vor Gutenbergs Tod - er starb, das ist nun verbürgt, gutsituiert am 3. Februar 1468 - wurde mit seiner Technik, der "schwarzen Kunst", in Straßburg (1460) und Rom (1464) gedruckt; später dann in Venedig (1469), Paris (1470), Valencia (1474), London (1477) und Stockholm (1483).
Den deutschen Humanisten half Gutenbergs Erfindung dabei, das eigene Unterlegenheitsgefühl gegenüber Italienern und Franzosen zu überwinden. Endlich sei es den Deutschen möglich, jubelte der Dichter Conrad Celtis (1459 bis 1508), Anschluss an die geistige Größe der Antike zu erreichen. Gutenberg und seinen Zeitgenossen war ein solcher Nationalstolz noch fremd gewesen.
Und fünf Jahrzehnte nach der Erfindung gab es mindestens 1000 Druckereien in 350 Städten quer durch Europa. Zwischen 1450 und 1500 veröffentlichten sie etwa 30000 Titel mit einer geschätzten Gesamtauflage von neun Millionen Bänden. Zeitgenossen freuten sich, dass es "jedem Minderbemittelten" nun möglich sei, "höhere Bildung zu erwerben". Später drängten - etwa in Augsburg oder in Straßburg - die ersten Zeitungen auf den Markt; "Zeitung", ein mittelhochdeutscher Begriff, bedeutete schlicht "Nachricht".
Um diese Zeit verlor das Lateinische an Bedeutung, eher angesagt war Deutsch. Der Begründer der Gutenberg-Forschung, der Göttinger Johann David Köhler (1684 bis 1755), bediente sich konsequenterweise "hiebey unserer Mutter-Sprache", was ihm "niemand verübeln" dürfe. Denn "eine solche Sache, welche die Ehre der gantzen Teutschen Nation anbetrifft" - Gutenbergs Erfindung natürlich - müssten "auch alle Teutschen lesen und verstehen können, welche dieselbe lieb haben".
Was sie denn auch taten - vor allem jene Romantiker des 19. Jahrhunderts, die Johannes Gutenberg zum nationalen Heros erhoben. F

Vorläufer in Asien
Schon 70 Jahre vor der Erfindung des Buchdrucks in Europa arbeiteten koreanische Drucker mit beweglichen Metalllettern - bei Tausenden Zeichen eine kaum praktikable Technik. Erst ein neues, stark reduziertes Alphabet um 1446 erleichterte die Arbeit. Gegossen wurde anfangs in Sandformen; deshalb besaßen die Typen nicht die Randschärfe und die Präzision der Gutenbergschen Arbeit.
Von Georg Bönisch

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2007
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