20.02.2007

DER LANGE MARSCH IN DEN ABGRUNDDEUTSCHLAND, EINE JAHRHUNDERTFRAGE

Einig und frei, so hatten sich die Bürgerrevolutionäre von 1848 die deutsche Nation erträumt. Doch im Kaiserreich galt Demokratie als undeutsch, und die Hetze gegen innere „Reichsfeinde“ bereitete der NS-Ideologie den Boden. Von Heinrich August Winkler
Sonderausgaben der Zeitungen brachten die Nachricht des Tages in alle Teile des eben gegründeten deutschen Kaiserreichs: Die Kapitulation von Paris stand unmittelbar bevor. Man schrieb den 27. Januar 1871. In Bonn griff ein 53jähriger Historiker zur Feder, der zu den liberalen Vorkämpfern der deutschen Einheit gehörte: Heinrich von Sybel. In einem Brief an seinen Kollegen Hermann Baumgarten, der in Karlsruhe Geschichte lehrte, bekannte er sich zu seinen Freudentränen: "Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen? Und wie wird man nachher leben? Was 20 Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt! Woher soll man in meinen Lebensjahren noch einen neuen Inhalt für das weitere Leben nehmen?"
Die deutschen Liberalen hatten Grund zur Freude. "Einheit und Freiheit" war ihre Forderung in der Revolution von 1848/49 gewesen. Erreicht hatten sie damals keines der beiden Ziele. Immerhin war seit jener Zeit vielen bewusst, dass es zwischen dem Wünschenswerten und dem Möglichen zu unterscheiden galt. Ein "Großdeutschland" unter Einschluss Österreichs mochte man wünschen, aber gegen den Willen der Herrschenden im habsburgischen Vielvölkerreich war es nicht durchsetzbar. Folglich musste man auf eine bescheidenere Art von deutscher Einheit hinarbeiten: ein "Kleindeutschland" ohne Österreich und mit einem preußischen Erbkaiser an der Spitze.
1849 war diese Lösung daran gescheitert, dass der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., gar nicht daran dachte, ein deutscher Kaiser von Volkes Gnaden zu werden. 17 Jahre später, 1866, schuf der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck durch einen siegreichen Krieg gegen das Habsburgerreich und dessen Verbündete in Süd- und Mitteldeutschland die Voraussetzungen für eine Lösung der deutschen Frage im kleindeutschen Sinn. Zeitgenossen aus allen politischen Lagern empfanden Bismarcks Politik als "revolutionär" oder sprachen von einer "Revolution von oben". Um einen deutschen Nationalstaat zu gründen, musste jedoch noch ein weiteres Hindernis, das Veto des Kaisers der Franzosen, Napoleon III., beseitigt werden. Das geschah im Verlauf eines weiteren Waffengangs: jenes deutsch-französischen Krieges von 1870/71, über dessen Ausgang die meisten Deutschen ähnlich begeistert waren wie Heinrich von Sybel.
Auch die deutschen Katholiken, die 1866, nach dem entscheidenden preußischen Sieg bei Königgrätz, die Trennung vom katholischen Österreich lebhaft beklagt hatten, und die preußenfeindlichen Demokraten in Württemberg und anderen Staaten des "dritten Deutschland" begrüßten Anfang 1871 in ihrer großen Mehrheit die Gründung des kleindeutschen Kaiserreichs. Abseits standen nur die Sozialdemokraten, soweit sie auf August Bebel und seine Ratgeber im englischen Exil, Karl Marx und Friedrich Engels, hörten. Sie waren die einzigen erklärten Gegner der Annexion von Elsass-Lothringen, und am 28. November 1870 stimmten ihre vier Abgeordneten (zusammen mit vier Anhängern des verstorbenen Arbeiterführers Ferdinand Lassalle) im Norddeutschen Reichstag, dem Parlament des kurzlebigen Norddeutschen Bundes, gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite.
Als sich Wilhelm I., der König von Preußen, am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamieren ließ, war eines der beiden großen Ziele von 1848, das der Einheit, erreicht. Die andere Forderung, die nach Freiheit, erfüllte Bismarck aber nicht. Er konnte es auch gar nicht, weil weder Preußen noch die anderen Bundesstaaten bereit waren, ihren Einfluss zugunsten des Reichstags aufzugeben.
Ein kräftiges Stück Demokratie gewährte Bismarck den Deutschen, soweit sie männlichen Geschlechts waren und das 25. Lebensjahr vollendet hatten, dennoch: Für die Wahlen zum Reichstag galt das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, wie es 1849 die Deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche beschlossen hatte. Es war ein sehr viel fortschrittlicheres Wahlrecht, als es liberale Mustermonarchien wie Großbritannien oder Belgien damals kannten. Der Reichstag hatte in der Gesetzgebung ein gewichtiges Wort mitzureden. Eine parlamentarisch verantwortliche Regierung gab es in Bismarcks Deutschland jedoch nicht. Das Deutsche Reich war nach seiner Verfassung keine parlamentarische, sondern nur eine konstitutionelle Monarchie.
Die Liberalen, die zur Zusammenarbeit mit Bismarck bereit waren - die "Nationalliberalen", wie sie sich seit 1867 nannten - betrachteten die Gründung des Deutschen Reichs als großen historischen Fortschritt und hielten es für ausgemacht, dass sich das gebildete und besitzende Bürgertum im deutschen Nationalstaat viel besser würde entfalten können als in den deutschen Fürstenstaaten der älteren und jüngeren Vergangenheit. "Ist denn die Einheit nicht selbst ein Stück Freiheit?", fragte Ludwig Bamberger, ein ehemaliger 48er Demokrat und jetzt ein führender Kopf der Nationalliberalen, im Dezember 1866 in einem Aufruf an die Wähler in Rheinhessen anlässlich der Landtagswahlen im Großherzogtum Hessen-Darmstadt.
Als Gegner von Einheit und Freiheit nahmen die Nationalliberalen die "Ultramontanen" wahr: Die Loyalität der deutschen Katholiken, so lautete der Vorwurf, gelte eher dem Papst "jenseits der Berge" (ultra montes) als dem Deutschen Kaiser, mehr der angeblich universalen Kirche als dem deutschen Nationalstaat. Der Katholizismus erschien aus liberaler Sicht als feudal und rückschrittlich, der Protestantismus als zumindest vergleichsweise fortschrittlich und liberal. Folglich kam das neue Reich nicht darum herum, jenen "großen Kulturkampf" gegen den weltlichen Machtanspruch der katholischen Kirche zu führen, von dem der linksliberale Parlamentarier und berühmte Mediziner Rudolf Virchow am 17. Januar 1873 im preußischen Abgeordnetenhaus sprach.
Konservative Protestanten äußerten sich mitunter ähnlich militant. Der spätere Hof- und Domprediger Adolf Stoecker, der sich seit Ende der 1870er Jahre als antisemitischer Agitator hervortat, schrieb wenige Tage nach der Kaiserproklamation von Versailles an einen befreundeten Professor: "Das heilige evangelische Reich deutscher Nation vollendet sich ... In dem Sinn erkennen wir die Spur Gottes von 1517 bis 1871."
Von der Reformation zur Reichsgründung: Für die deutschen Katholiken gab es im Kaiserreich nur dann einen gesellschaftlich anerkannten Platz, wenn sie die kulturelle Hegemonie des Protestantismus und die politische Hegemonie Preußens anerkannten. Das Wort vom "evangelischen Kaisertum" machten sich auch Reichskanzler Otto von Bismarck und der nationalliberale Parteiführer Rudolf von Bennigsen zu eigen. Der "Kulturkampf" im ersten Jahrzehnt des Kaiserreichs war zwar alles in allem ein Fehlschlag: Die Katholiken scharten sich um ihre verfolgten Geistlichen und strömten bei den Wahlen vermehrt der katholischen Partei, dem Zentrum, zu. Aber das Gefühl, Deutsche zweiter Klasse zu sein, überdauerte die Zeit der Kampfgesetze, die in den 1880er Jahren durch mehrere Milderungs- und Friedensgesetze abgelöst wurden. Nicht wenige Katholiken meinten in der Folgezeit, ihr Deutschtum durch einen besonders ausgeprägten Nationalismus beweisen zu müssen.
Der Kulturkampf war, soweit es nach Bismarck und den Nationalliberalen ging, ein Versuch, aus der sehr viel älteren und größeren deutschen Kulturnation, der auch Österreich zugehörte, eine engere, kleindeutsche Staatsnation herauszuentwickeln. Im Zeichen des gemeinsamen evangelischen Glaubens und des Gegensatzes zu "Rom" und den "Römlingen" konnten sich Preußen und Nichtpreußen, Liberale und Konservative treffen. Der Preis dieser Art von konfessionell geprägter Nationsbildung war die Ausgrenzung eines Drittels der Deutschen: der romtreuen Katholiken. Doch sie galten nicht als die einzigen "Reichsfeinde". Mit dem gleichen herabsetzenden Namen wurden die nationalen Minderheiten bedacht: die Polen in den preußischen Ostprovinzen, vor allem im "Großherzogtum Posen", die annektierten Elsässer und Lothringer und die Dänen in Nordschleswig.
Als noch gefährlichere "Reichsfeinde" galten die Sozialdemokraten, die sich 1875 in Gotha zu einer einzigen Partei zusammenschlossen und von Wahl zu Wahl mehr Stimmen auf sich vereinigen konnten. Als im späten Frühjahr 1878 kurz hintereinander zwei anarchistische Einzeltäter Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübten (wobei der greise Monarch beim zweiten schwer verletzt wurde), machte der "Eiserne Kanzler" wahrheitswidrig die Sozialdemokratie für die Anschläge verantwortlich. Dem von ihm unterbreiteten "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" stimmten im Oktober 1878 unter massivem politischem und publizistischem Druck auch die Nationalliberalen zu.
Das Sozialistengesetz ordnete das Verbot sozialistischer Vereine, Versammlungen und Druckschriften an und erlaubte die Ausweisung sozialdemokratischer Agitatoren sowie die Verhängung des "kleinen Belagerungszustandes" in besonders "gefährdeten" Bezirken. Zunächst auf zweieinhalb Jahre befristet, bis 1890 aber viermal verlängert, war das Sozialistengesetz der klassische Fall eines Ausnahmegesetzes. Es widersprach damit krass liberalen Vorstellungen vom Rechtsstaat. Die Zustimmung der Nationalliberalen bedeutete also nicht mehr und nicht weniger als eine Kapitulation des rechten Flügels des Liberalismus vor Bismarcks innerstaatlicher Machtpolitik.
Die Entliberalisierung des Nationalliberalismus war mit dem Sozialistengesetz noch nicht abgeschlossen. Im Jahr 1879 stimmte eine starke Minderheit der nationalliberalen Reichstagsfraktion Schutzzöllen für Eisen und Getreide zu und verabschiedete sich damit vom Freihandel. Die Parole, mit der die Schwerindustrie die Wende in der Handelspolitik betrieb, lautete "Schutz der nationalen Arbeit".
Die Wortwahl war bezeichnend. Vor 1871 hatte "national" etwas völlig anderes bedeutet als Ende der 1870er Jahre. Als "national" galten bis zur Reichsgründung die Kräfte, die für Einheit und Freiheit eintraten. "National" und "liberal" oder "fortschrittlich" waren fast auswechselbare Begriffe. "National" zu sein hieß soviel wie "antifeudal" und "antipartikularistisch" zu sein. Nach der Reichsgründung wanderte der Begriff "national" allmählich von links nach rechts. 1878/79 hieß "national" vor allem "anti-international", nämlich gegen die internationale Sozialdemokratie, gegen das internationale Freihändlertum und sehr häufig auch schon gegen das "internationale Judentum" zu sein.
Der Aufstieg des "modernen", nicht mehr in erster Linie religiös, sondern wirtschaftlich, kulturell und rassisch argumentierenden Antisemitismus im ersten Jahrzehnt des Kaiserreichs hing mit der sogenannten Gründerkrise zusammen. Am 9. Mai 1873 war in Wien die Börse zusammengebrochen. Der anschließende "große Krach" kam einem Erdbeben gleich, das ganz Europa erschütterte. Die Schuldigen am Bankrott zahlreicher Banken und Firmen waren rasch gefunden: Es waren nach Meinung der Antisemiten internationale "Börsenjuden", die sich in allen europäischen Ländern, so auch in Deutschland, des Liberalismus als politischen Instruments bedienten. Von internationalen Juden gelenkt war angeblich auch die Sozialdemokratie, die aus ihrem Bekenntnis zur internationalen Solidarität des Proletariats ja auch gar keinen Hehl machte.
Im Herbst 1879 tauchte im Umkreis des Publizisten Wilhelm Marr erstmals der Begriff "Antisemitismus" auf. Um dieselbe Zeit wurde in Berlin von Anhängern desselben Autors die "Antisemitenliga" gegründet. Träger der Judenfeindschaft waren nicht nur verängstigte kleine Kaufleute, Handwerker und Bauern, sondern auch Studenten und Akademiker, die sich vor jüdischen Konkurrenten, besonders in den freien Berufen, fürchteten. Ihnen allen gab ein angesehener Historiker, der bis Juli 1879 auch Mitglied der nationalliberalen Reichstagsfraktion gewesen war, das zündende, noch lange nachhallende Stichwort: Heinrich von Treitschke. In den von ihm herausgegebenen "Preußischen Jahrbüchern" beschwor er die Gefahr, die von den unaufhaltsam über die Ostgrenze nach Deutschland einströmenden, beharrlich nach oben strebenden Juden ausgehe: "Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf ... ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unser Unglück."
Acht Jahre nach Treitschke bezeichnete der bekannte Orientalist Paul de Lagarde, der ursprünglich Paul Anton Bötticher hieß, die Juden als "wucherndes Ungeziefer", das es zu zertreten gelte. "Mit Trichinen und Bacillen wird nicht verhandelt. Trichinen und Bacillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet."
Eine radikalere Lösung der "Judenfrage" als die physische Vernichtung der Juden war nicht denkbar. Dass für die Juden auf der Welt kein Platz mehr sein sollte, ergab sich für extreme deutsche Antisemiten scheinbar von selbst aus ihrer Überzeugung, dass die Juden überall auf der Welt und damit nirgends zu Hause waren. Die Juden waren aus dieser Sicht entweder keine Nation oder eine Nation in der Nation, in jedem Fall aber ein Fremdkörper. Ihr eigenes "Weltbürgertum" hatten die Deutschen spätestens mit der Errichtung eines Nationalstaats hinter sich gelassen. Von den Juden hingegen nahmen viele Deutsche an, sie seien hierzu nicht willens oder in der Lage.
Vermutlich war es so, dass die Deutschen, die der Philosoph Helmuth Plessner eine "verspätete Nation" genannt hat, sich nach 1871 ihrer nationalen Identität zutiefst unsicher waren. Nachdem sie Frankreich, den äußeren "Erbfeind", überwunden hatten, war für viele die Versuchung groß, sich einen inneren Erbfeind zu erschaffen, der die Frage beantworten half, was deutsch und was undeutsch sei. Das "internationale Judentum" eignete sich für diese Rolle besonders gut, weil es mit fast allem in Verbindung gebracht werden konnte, was eher konservativ gestimmte Deutsche fürchteten. Da Protestanten und Katholiken, gläubige und nicht gläubige Christen in diesem Punkt übereinstimmen konnten, schien das Judentum als innerer Feind für den nationalen Zusammenhalt sogar noch mehr zu leisten als das ultramontane Rom.
Nur eine Minderheit der Deutschen folgte während der Kanzlerschaft Bismarcks, die am 20. März 1890 mit der Entlassung des Reichsgründers durch Kaiser Wilhelm II. endete, den Parolen der radikalen Antisemiten. Aber diejenigen, die zum Kampf gegen die Antisemiten aufriefen, waren auch nur eine Minderheit. Die Mehrheit war von den Aktivitäten der Judenfeinde nicht sonderlich beunruhigt und von Vorurteilen gegenüber den Juden nicht frei. Als in den 1890er Jahren eine neue Hochkonjunktur einsetzte, ließ der Zulauf zu den in den späten siebziger und den achtziger Jahren gegründeten Antisemitenparteien rasch nach. Aber inzwischen war die Judenfeindschaft längst "gesellschaftsfähig" und Teil der Programmatik der Deutschkonservativen Partei und des ihr nahestehenden, einflussreichen Bundes der Landwirte geworden. Wer sich in der Wilhelminischen Ära zur politischen Rechten zählte, stand dem Antisemitismus in der Regel nicht fern.
Nichts war der antisemitischen Agitation der Rechten so förderlich wie der Aufstieg der Linken. Bei den Reichstagswahlen von 1912 errangen die Sozialdemokraten einen überragenden Sieg: Schon seit 1890, dem Jahr, in dem das Sozialistengesetz auslief, die Partei mit den meisten Stimmen, stieg die SPD nun zur stärksten Fraktion auf. Ihr Stimmenanteil belief sich auf 34,8 Prozent.
Kurz nach der Wahl erschien ein Buch unter dem Titel "Wenn ich der Kaiser wär". Hinter dem Pseudonym "Daniel Frymann" verbarg sich der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der Mainzer Rechtsanwalt Heinrich Claß. Die Juden bezeichnete er als "Träger und Lehrer des heute herrschenden Materialismus". Zur Abwehr der jüdischen Gefahr forderte er, die Einwanderung von Juden zu verbieten, die "landansässigen" Juden vom öffentlichen Leben auszuschließen, ihnen das Wahlrecht zu entziehen und den prozentualen Anteil jüdischer Studenten auf den jüdischen Bevölkerungsanteil herabzudrücken. Der Kampfruf, den Claß den Juden entgegenschleuderte, lautete: "Deutschland den Deutschen". In die Tat umsetzen sollte diese Forderung der "Führer". Der Kaiser war wohl die wünschenswerte, aber nicht unbedingt die einzig vorstellbare Verwirklichung des Führergedankens: "Wenn heute der Führer ersteht, wird er sich wundern, wie viele Getreue er hat - und wie wertvolle, selbstlose Männer sich um ihn scharen."
Zählte man die Reichstagssitze der Sozialdemokraten, der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei und des katholischen Zentrums zusammen, so ergab sich 1912 zwar noch keine Links-, aber doch eine Anti-rechts-Mehrheit. In einem solchen Parlament Rüstungsvorlagen durchzusetzen war äußerst schwierig. Für die nächsten Reichstagswahlen, die 1917 fällig waren, war ein weiterer Stimmenzuwachs für die Sozialdemokraten und die Linksliberalen, wenn nicht gar eine "linke" Mehrheit zu erwarten.
Auf der politischen Rechten und den Spitzen des Militärs war dieser Gedanke ständig präsent. Er trug das Seine dazu bei, dass sich nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaars in Sarajevo am 28. Juni 1914 bei den Eliten des Reichs die Stimmung des "Jetzt oder nie" verbreitete. Der Erste Weltkrieg war, was die deutsche Seite anging, eine "Flucht nach vorn". Das lag nicht nur am internationalen Rüstungswettlauf, sondern auch an der innenpolitischen Sackgasse, in die die Reichsleitung unter Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg 1912 geraten war.
Die vielzitierte "Kriegsbegeisterung" von 1914 war von kurzer Dauer, und sie hatte nie das ganze Land erfasst: Sie war in den Städten größer als auf dem Land, bei den Arbeitern sehr viel schwächer als bei Bürgern, "Kleinbürgern" und Angestellten, und nirgendwo so stark wie in der akademischen Jugend. Dass im August 1914 auch die Sozialdemokraten für die Bewilligung von Kriegskrediten stimmten, entzog der Kampfparole von den "vaterlandslosen Gesellen" zwar vorübergehend den Boden. Doch je länger der Krieg dauerte, desto brüchiger wurde der "Burgfriede".
Nach dem Schwinden der Siegeshoffnungen wuchs das Bedürfnis, Schuldige namhaft zu machen. Anfang Oktober 1916 ordnete das preußische Kriegsministerium unter dem Eindruck antisemitischer Beschwerden wegen angeblicher "jüdischer Drückebergerei" eine "Judenstatistik" im preußischen Heer an. Die Unterstellungen der Judenfeinde erwiesen sich als völlig grundlos. Die Erhebung aber war nichts Geringeres als die erste staatliche Anerkennung und Legitimierung des Antisemitismus seit der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert: Darin lag die historisch einschneidende Bedeutung dieses nicht nur von deutschen Juden als schockierend empfundenen Vorgangs.
Ende September 1918 kam auch die Oberste Heeresleitung zu dem Ergebnis, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Die Verantwortung für die Niederlage aber wollte sie auf die Mehrheitsparteien des Reichstags - die SPD, das Zentrum und die Fortschrittliche Volkspartei - abschieben, die sich im Jahr 1917 in einer Resolution für einen Verständigungsfrieden ohne erzwungene Gebietsabtretungen und politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigungen ausgesprochen hatten. Die Mehrheitsparteien waren ihrerseits bereit, in die Bresche zu springen und die Regierung zu übernehmen. Ihr Kalkül war einfach: Verwandelte sich Deutschland von einer konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarische Monarchie, mochte es leichter sein, die siegreichen westlichen Demokratien für einen milden Frieden zu gewinnen. Am 4. Oktober 1918 erhielt das Reich die erste Regierung, die sich auf das Vertrauen einer Mehrheit des Reichstags stützen konnte. Am 28. Oktober traten die entsprechenden Änderungen der Reichsverfassung in Kraft.
Die Hoffnung, durch diese "Revolution von oben" eine "Revolution von unten" zu vermeiden, erfüllte sich jedoch nicht. Als die Seekriegsleitung an der neuen zivilen Reichsleitung vorbei der Flotte den (militärisch sinnlosen) Befehl gab, gegen England auszulaufen, setzte sie die "Oktoberreformen" faktisch außer Kraft. Die Folge war ein Matrosenaufstand, der binnen weniger Tage in eine landesweite Revolution umschlug. Am 9. November 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann in Berlin die Republik aus. Der letzte Herrscher aus dem Haus der Hohenzollern, der Deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm II., erlebte seine Absetzung und das Ende der Monarchie bereits außerhalb Deutschlands: im Großen Hauptquartier im belgischen Spa, wohin er sich am 29. Oktober begeben hatte.
Für die extreme Rechte stand zu diesem Zeitpunkt längst fest, wer die Schuld an der deutschen Niederlage trug. Namens des Alldeutschen Verbandes forderte Heinrich Claß schon am 3. Oktober 1918 die Gründung einer "großen, tapferen und schneidigen Nationalpartei und rücksichtslosesten Kampf gegen das Judentum, auf das all der nur zu berechtigte Unwille unseres guten und irregeleiteten Volkes abgelenkt werden muss". Zweieinhalb Wochen später, am 19. und 20. Oktober, rief er die Spitzengremien seines Verbands auf, "die Lage zu Fanfaren gegen das Judentum und die Juden als Blitzableiter für alles Unrecht zu benutzen". In Anlehnung an Worte, die Heinrich von Kleist einst auf Napoleon I. gemünzt hatte, gab er gegen Ende seiner Rede die Parole aus: "Schlagt sie tot, das Weltgericht / fragt Euch nach den Gründen nicht."
Das Ziel, mit dem die deutschen Eliten in den Ersten Weltkrieg gezogen waren, hieß Hegemonie in Europa und Aufstieg zur Weltmacht. Am Ende stand ein Friedensvertrag, den die Deutschen als schreiendes Unrecht empfanden, obwohl er das Reich bestehen ließ und ihm die Möglichkeit einräumte, wieder zur Großmacht zu werden. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kriegsschuld fand nicht statt, obschon bereits im April 1919 eine interne Aktensammlung vorlag, die keinen Zweifel daran ließ, dass die Reichsleitung im Juli 1914 alles getan hatte, die internationale Krise zu verschärfen. In Abwehr der alliierten These, Deutschland und seine Verbündeten trügen die alleinige Verantwortung für den Kriegsausbruch, entstand eine Kriegsunschuldlegende, die ebenso viel Unheil stiftete wie ihre Zwillingsschwester, die Dolchstoßlegende - die Behauptung, "marxistischer" (oder "jüdischer") Verrat an der Heimatfront habe das "im Felde unbesiegte" deutsche Heer um die Früchte seines heldenhaften Kampfes gebracht.
Der Vertrag war hart und stand in manchen seiner Bestimmungen im Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker, zu dem sich vor allem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson in den Jahren 1917/18 immer wieder bekannt hatte. Auf dieses Recht beriefen sich Ende 1918, nach dem Untergang des habsburgischen Vielvölkerreichs, auch die Deutsch-Österreicher und die Deutschen, wobei in beiden jungen Republiken die Sozialdemokraten die lautesten Rufer im Streit waren. Sie fühlten sich als die berufenen Erben von 1848 und hielten jetzt die Stunde für gekommen, die kleindeutsche Lösung durch die Verwirklichung des großdeutschen Gedankens zu überwinden.
Bei Deutschlands bürgerlichen Demokraten und im katholischen Zentrum gab es ebenfalls noch lebhafte Erinnerungen an die ältere, großdeutsche Kulturnation, die jetzt erstmals eine Chance zu erhalten schien, sich zu einer deutschen Staatsnation zusammenzuschließen. Die Nationalliberalen und die Konservativen, die eigentlichen Kleindeutschen, lernten rasch um. Bismarcks Reichsgründung wurde "historisiert": Sie war damals, 1866 und 1871, die einzig mögliche Lösung der deutschen Frage gewesen. Jetzt aber, nachdem es die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn nicht mehr gab, musste die andere, größere Lösung wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden: der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.
Hätten die Alliierten diese Forderung erfüllt, wären die Besiegten als die wahren Sieger aus dem Krieg hervorgegangen: für Washington, London und Paris eine abwegige Vorstellung. Die Antwort der westlichen Verbündeten war das "Anschlussverbot" in den Friedensverträgen von Versailles und St. Germain. In Deutschland und Österreich aber blieb die großdeutsche Idee lebendig. Im Verlauf der zwanziger und dreißiger Jahre verband sie sich immer mehr mit der Erinnerung an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das sich 1806 unter dem ultimativen Druck Napoleons I. aufgelöst hatte. Das Alte Reich hatte immer etwas anderes und mehr sein wollen als ein Nationalstaat. Es hatte sich im Mittelalter als Schutzmacht der abendländischen Christenheit verstanden und eine universale, ja heilsgeschichtliche Sendung für sich in Anspruch genommen. An dieses Erbe knüpften nach 1918 und verstärkt seit 1930 Intellektuelle der sogenannten Konservativen Revolution an. Sie erhoben "das Reich" in den Rang der europäischen Ordnungsmacht und schrieben ihm die geschichtliche Aufgabe zu, den Kontinent in eine Zukunft jenseits von östlichem Bolschewismus und westlicher Demokratie zu führen.
Ähnliches hatte man auch schon während des Ersten Weltkriegs von deutschen Intellektuellen gehört oder gelesen. Den "Ideen von 1789" wurden die "Ideen von 1914" gegenübergestellt: Das deutsche Wesen verlangte demnach nicht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sondern nach Ordnung, Zucht und Innerlichkeit. Deutsche Kultur statt westlicher Zivilisation: Selbst Thomas Mann war sich nicht zu schade, noch im letzten Kriegsjahr ein ganzes Buch, seine "Betrachtungen eines Unpolitischen", diesem vermeintlichen Gegensatz zu widmen. Als Deutschland sich 1918/19 in eine parlamentarische Demokratie verwandelte, galt diese Regierungsform auf der deutschen Rechten als System der Sieger und damit als undeutsch. Thomas Mann gehörte zu jener Minderheit von Intellektuellen, die rasch erkannten, dass die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, sehr wohl an deutsche Traditionen anknüpfen konnte: an das schwarzrotgoldene Erbe von 1848, das in der Arbeiterschaft freilich sehr viel stärker nachwirkte als im Bürgertum.
Als parlamentarische Demokratie ist die Republik von Weimar, wie sie aus Niederlage und Revolution hervorging, nur elf Jahre alt geworden. Im Frühjahr 1930 zerbrach die letzte Koalitionsregierung, die sich auf eine Mehrheit im Reichstag stützen konnte, an einem Streit um die Reform der Arbeitslosenversicherung. Es folgten drei Jahre, in denen Präsidialkabinette mit Hilfe von Notverordnungen des Reichspräsidenten regierten. Der Reichstag hatte in dieser Zeit als Gesetzgebungsorgan sehr viel weniger zu sagen als im Kaiserreich. Die Entparlamentarisierung gab mit innerer Logik antiparlamentarischen Kräften von rechts und links Auftrieb, den Nationalsozialisten noch sehr viel mehr als den Kommunisten. Adolf Hitler verstand es meisterhaft, einerseits an den seit Bismarcks Zeiten verbrieften Teilhabeanspruch des Volkes zu appellieren, der seit 1930 gewissermaßen ins Leere lief, und andererseits das verbreitete Ressentiment gegenüber der parlamentarischen Demokratie zu schüren, die ja mittlerweile tatsächlich gescheitert war. Der Führer der Nationalsozialisten wurde somit zum Nutznießer der ungleichzeitigen Demokratisierung Deutschlands: der frühen Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts (das seit 1919 auch den Frauen zustand) und der späten Parlamentarisierung des Regierungssystems im Zeichen der Niederlage von 1918.
In das Amt des Reichskanzlers, das ihm Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 übertrug, gelangte Hitler zwar nicht aufgrund eines Wahlsiegs: Bei den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 hatten die Nationalsozialisten sogar gegenüber der vorausgegangenen Wahl vom 31. Juli 1932 über zwei Millionen Stimmen verloren. Aber Hitler blieb Führer der mit Abstand stärksten Partei, und als solcher war er ein Machtfaktor, mit dem konservative Politiker aus dem Umfeld des Altpreußen Hindenburg rechneten und den sie für ihre Zwecke einzuspannen gedachten. Nachdem er an die Spitze einer "nationalen Regierung" berufen worden war, in der die Anhänger der monarchistischen Deutschnationalen die Nationalsozialisten weit überwogen, hätte es nur eine Möglichkeit gegeben, Hitler abzuwählen: bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933. Tatsächlich erreichte die NSDAP damals "nur" 43,9 Prozent der Stimmen. Aber da die Koalitionspartner der "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" auf 8 Prozent kamen, ergab sich daraus eine eindeutige Mehrheit von 51,9 Prozent für die Regierung Hitler.
Mit Terror und Unterdrückung allein hätte Hitler sich nicht zwölf Jahre an der Macht behaupten können. Doch er wusste sich durch Erfolge zu legitimieren: erst in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, wobei die Rüstungsindustrie eine zunehmend wichtige Rolle spielte, dann auch in der Außenpolitik. Nichts war in Deutschland populärer als Gesten und Entscheidungen, die geeignet waren, das Trauma der Niederlage von 1918 zu lindern. Spätestens seit dem März 1936, als Hitler die entmilitarisierte Zone des Rheinlands besetzen ließ, ohne dass die Westmächte tätig wurden, funktionierte in Deutschland der "Führermythos". Als zwei Jahre später durch den "Anschluss" Österreichs der großdeutsche Traum in Erfüllung ging, erreichte das Ansehen Hitlers schwindelerregende Höhen.
Die Angliederung des Sudetenlands im Herbst 1938 war hingegen für die meisten Deutschen bislang kein Herzensanliegen gewesen, die Zerschlagung der restlichen Tschechoslowakei und die Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren" im März 1939 erst recht nicht. Dennoch waren die meisten Deutschen beeindruckt, dass auch diese Aktionen zur Steigerung deutscher Macht von den Siegermächten ohne massive Reaktionen hingenommen wurden. Und wie stets fanden sich auch jetzt Wissenschaftler, die Hitlers Taten rechtfertigten. Der österreichische, seit 1935 in Münster lehrende Rechtshistoriker Karl Gottfried Hugelmann, ein entschiedener Großdeutscher, schrieb 1940, die "Eingliederung" des tschechischen Volks in das Großdeutsche Reich sei vom Reichsbegriff her berechtigt und sinnvoll. Es müsse sogar einleuchten, "dass mit der Eingliederung des Protektorates Böhmen und Mähren in das großdeutsche Reich dessen Charakter als Reich ... nur noch stärker hervortritt".
Von allen Brücken zwischen Hitler und dem gebildeten Deutschland war der Reichsmythos wohl die wichtigste. Das "Reich" brachte Empfindungen zum Schwingen, die sich einer Kontrolle durch die Vernunft zu entziehen schienen. Hitler war sich dieser Wirkung voll bewusst. Nach dem "Anschluss" Österreichs ließ er die alten Reichsinsignien, darunter Krone, Reichsapfel, Szepter und Schwert, aus Wien, der Stadt der Habsburgerkaiser, nach Nürnberg, in die Stadt der Reichsparteitage, bringen. Auf dem Reichsparteitag "Großdeutschland" erklärte er am 12. September 1938, er habe dies getan, "um nicht nur dem eigenen deutschen Volk, sondern auch einer ganzen Welt es zu bedenken zu geben, dass über ein halbes Jahrtausend vor der Entdeckung der Neuen Welt schon ein gewaltiges germanisch-deutsches Reich bestanden hat ... Das deutsche Volk ist nun erwacht und hat seiner tausendjährigen Krone sich selbst als Träger gegeben."
Der Glanz des Reichs ließ viele über vieles hinwegsehen. Als im September 1935 die "Nürnberger Gesetze" verabschiedet wurden, die die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden aufhoben und die "Nichtarier" einer entwürdigenden Diskriminierung unterwarfen, gab es, wenn man den amtlichen Berichten über die Stimmung in der Bevölkerung glauben darf, nicht nur keine Proteste, sondern Erleichterung darüber, dass die "Judenfrage" nunmehr auf gesetzlichem Weg gelöst schien. Den Krieg, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann, hatten die Deutschen nicht ersehnt, sondern gefürchtet. Als aber Rundfunk und Zeitungen zunächst nur Siegesmeldungen brachten, wuchs der Stolz auf den "Führer" und die Wehrmacht. Ihren absoluten Höhepunkt erreichte Hitlers Popularität, als im Juni 1940 Frankreich kapitulierte. Die Schmach von 1918 schien ausgelöscht, der Erste Weltkrieg im Nachhinein doch noch gewonnen.
Anders als die Feldzüge gegen Polen und Frankreich war der Krieg gegen die Sowjetunion kein "Blitzkrieg". Er war infolgedessen bei den Deutschen auch nicht beliebt. Dennoch taten sie, was sie für ihre Pflicht hielten, und manche sehr viel mehr als das. Von evangelischen und katholischen Bischöfen erfuhr Hitler Lob und Anerkennung für seinen Kampf gegen den atheistischen Bolschewismus. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der mutige Kritiker der Tötung von Geisteskranken, zitierte in seinem Hirtenbrief vom 14. September 1941 sogar zustimmend Hitlers Wort von der "jüdisch-bolschewistischen Machthaberschaft" in Moskau. Für den Historiker Reinhard Wittram, der an der "Reichsuniversität" Posen lehrte, war der Deutsche der "Soldat Europas", der eine "neue Ordnung" verwirkliche und damit Europa wieder "ein Ganzes" werden lasse. Er tue dies im Kampf gegen den "Ungeist" im Osten, gegen die "Widerkraft, die alles in Frage stellte, was diesem Erdteil seinen geschichtlichen Rang verliehen hat".
Es war in der Regel nicht opportunistische Anbiederung, was deutsche Akademiker veranlasste, dem Regime ihre Feder und ihre Stimme zu leihen. Sie schrieben und sprachen nicht wider besseres Wissen; sie stellten der Führung des Großdeutschen Reichs zur Verfügung, was sie für ihr Wissen hielten und was ihr Glaube war. Sie stimmten mit Hitler wenn nicht in allem, so doch in vielem überein. In dem verballhornten deutschen Bildungsgut, aus dem er lebte und das er in Politik umsetzte, konnten sich große Teile des gebildeten Deutschland immer noch wiedererkennen - seine jüngeren Vertreter vorbehaltloser als die älteren, die in der Zeit vor 1914 aufgewachsen waren und ihre Vorbehalte gegenüber der Vulgarität des "Emporkömmlings" nie ganz überwanden.
In den Jahren von 1933 bis 1945 erreichte der deutsche Nationalismus das Stadium seiner äußersten Perversion. Im Bismarckreich waren die radikalen Judenfeinde eine Minderheit gewesen; im Reich Adolf Hitlers waren die extremen Antisemiten an der Macht. Die Deutschen hatten in ihrer Mehrheit weder rohe Gewalt gegenüber den Juden befürwortet noch gar deren Ausrottung gefordert. Doch nachdem sie die staatsbürgerliche Entrechtung der "nichtarischen" Deutschen entweder begrüßt oder widerspruchslos hingenommen hatten, waren sie moralisch gelähmt. Über die Vernichtung der europäischen Juden wurde während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland sehr viel mehr bekannt, als später zugegeben wurde. Doch zum Wissen gehört das Wissenwollen, und daran fehlte es bei den meisten Deutschen.
Die Ideen der Menschen- und Bürgerrechte hatten seit dem späten 18. Jahrhundert auch in Deutschland beredte Fürsprecher gefunden. Aber politisch erkämpft wurden diese Rechte von den Deutschen nicht. Am Ende war dies wohl der tiefere Grund, warum eine Bewegung wie der Nationalsozialismus 1933 die Herrschaft über Deutschland erringen und zwölf Jahre lang behaupten konnte. Als 1945 alles vorüber war, zerfiel fast schlagartig, was vom "Führermythos" noch übrig war. Den Deutschen und der Welt blieb erspart, was Hitler sich für die Zeit nach dem "Endsieg" vorgenommen hatte: die endgültige Überwindung des Christentums, in dem nach seiner Überzeugung der Geist des Judentums immer noch fortlebte.
Nach 1945 war fast alles anders als nach 1918. Die Sieger besetzten das besiegte Land, und als sie sich über seine Zukunft nicht verständigen konnten, teilten sie es. Soweit das Führungspersonal des "Dritten Reichs" den Krieg überlebt hatte und in die Hände der Alliierten fiel, wurde es zur Rechenschaft gezogen. Frühzeitig gab es auch deutsche Stimmen, die von deutscher Schuld sprachen und eine gründliche Umkehr forderten: Das "Stuttgarter Schuldbekenntnis" des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom Oktober 1945 war ein solches Beispiel. Beifall für Kriegsunschuld- und Dolchstoßlegenden war, im Unterschied zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, nach 1945 nur selten zu hören. Allmählich fanden auch einige der Deutschen Anerkennung, die unter Einsatz ihres Lebens Widerstand geleistet hatten, wobei die späten Gegner Hitlers aus Adel, Militär, Beamtentum und Kirchen gegenüber den frühen Opponenten aus der Arbeiterschaft deutlich bevorzugt wurden: Aus dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde in den fünfziger Jahren eine Art Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland. Die SS galt schon in den ersten Nachkriegsjahren als verbrecherisch; von der Wehrmacht hieß es dagegen, sie sei im Großen und Ganzen "anständig" geblieben. Der Mord an den europäischen Juden wurde nicht geleugnet, aber lange nur als ein Verbrechen unter anderen betrachtet, für das Hitler, Heinrich Himmler und ihre unmittelbaren Helfer die Verantwortung trugen. Die moralische Verurteilung des Regimes und seiner obersten Führer ging Hand in Hand mit Verständnis für die vielen, die nur "verführt" worden waren, unter massivem Druck gehandelt oder ganz einfach ihre Pflicht getan hatten.
Es bedurfte eines Generationenwechsels, damit sich im Westen Deutschlands eine kritischere Sicht der Jahre 1933 bis 1945, ja der neueren deutschen Geschichte überhaupt durchsetzen konnte. Seit Anfang der sechziger Jahre wurde die bis dahin vorherrschende apologetische Deutung des Kriegsausbruchs von 1914 und der deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg in Frage gestellt und schließlich überwunden. Seit Ende der siebziger Jahre rückte der Holocaust immer mehr ins Zentrum der Beschäftigung mit der Zeitgeschichte. Von einem überwiegend selbstkritischen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kann man, was die Gesellschaft der Bundesrepublik angeht, aber erst seit den achtziger Jahren sprechen.
Eine zweite Chance in Sachen Demokratie erhielten nach 1945 nur die Deutschen, die in den westlichen Besatzungszonen, der späteren Bundesrepublik Deutschland, lebten. Nur hier war es möglich, aus den Erfahrungen der Weimarer Republik zu lernen und eine funktionstüchtige parlamentarische Demokratie aufzubauen, die ihren Gegnern vorsorglich den Kampf ansagte und allen Versuchen, die Verfassung mit scheinbar legalen Mitteln zu beseitigen, einen wirksamen Riegel vorschob. Das "Wirtschaftswunder" der fünfziger Jahre und die rasche Rehabilitierung durch die Westalliierten taten das ihre, um aus der Bundesrepublik eine westliche Demokratie zu machen, wie es sie zuvor in Deutschland nicht gegeben hatte.
Die Öffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens konnte sich auch deshalb einigermaßen "organisch" vollziehen, weil die innenpolitischen Fronten in der frühen Bundesrepublik völlig andere waren als in der ersten deutschen Republik. Damals war die Rechte nationalistisch und die Linke internationalistisch gewesen. In der Ära Adenauer betrieb die rechte Mitte unter Führung der Unionsparteien eine Politik der supranationalen Integration, während die gemäßigte Linke, die Sozialdemokratie unter Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer, für den Vorrang der Wiedervereinigung eintrat und so ein nationales Profil gewann. Der Ruf, die Partei der deutschen Einheit zu sein, half der SPD später, nach dem Machtwechsel von 1969, unter der Kanzlerschaft Willy Brandts die Westbindung durch die Politik der Ostverträge zu ergänzen und so die Folgen der deutschen Teilung und namentlich die der Berliner Mauer für die Deutschen erträglicher zu gestalten.
Den Deutschen, die in der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik, lebten, wurde nach 1945 ein kommunistisches Regime aufgezwungen, das zu keiner Zeit über eine demokratische Legitimation verfügte. Sie konnten sich von der Diktatur erst im Herbst 1989 durch jene "friedliche Revolution" befreien, deren Anfänge bis in das Jahr 1980 zurückreichen, als in Polen die unabhängige Gewerkschaft "Solidarnosc" gegründet wurde. Die neugewonnene Freiheit nutzten die Ostdeutschen, um im Jahr darauf die DDR durch Beitritt zur Bundesrepublik aufzulösen.
Seit dem 3. Oktober 1990 ist die deutsche Frage in jeder Hinsicht gelöst. Erstens ist durch die Wiedervereinigung endgültig geklärt, wo Deutschland liegt, wo seine Grenzen verlaufen, was dazu gehört und was nicht. Die deutsche Frage konnte also nur im Zusammenhang und zeitgleich mit einem anderen Jahrhundertproblem, der polnischen Frage, gelöst werden: Die völkerrechtlich verbindliche Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Görlitzer Neiße war eine der Voraussetzungen dafür, dass Deutschland in den Grenzen von 1945 wiedervereinigt werden konnte. Zweitens gibt es keinen Gegensatz mehr zwischen Einheit und Freiheit: Seit dem 3. Oktober 1990 ist das Doppelziel von 1848 verwirklicht. Drittens ist die deutsche Einheit zu westlichen Bedingungen, unter Beibehaltung der Mitgliedschaft der Bundesrepublik im Atlantischen Bündnis, erreicht worden. Damit hat Deutschland aufgehört, ein Problem der europäischen Sicherheit zu sein.
Die "alte" Bundesrepublik hatte sich in ihrer Spätphase nach der inzwischen klassischen Formel des Historikers und Politikwissenschaftlers Karl Dietrich Bracher zunehmend als eine "postnationale Demokratie unter Nationalstaaten" verstanden. Das wiedervereinigte Deutschland ist ein Nationalstaat, aber keiner des klassischen Typs. Es ist ein postklassischer demokratischer Nationalstaat wie die anderen Mitglieder der Europäischen Union auch. Die "neue" Bundesrepublik übt Teile ihrer Souveränität gemeinsam mit anderen Mitgliedern dieses supranationalen Staatenverbunds aus und hat andere Teile, wie die Währungshoheit, auf Einrichtungen der Union übertragen.
Vom ersten deutschen Nationalstaat, dem von Bismarck gegründeten Deutschen Reich, trennt das wiedervereinigte Deutschland vieles - nämlich alles, was für den preußisch-deutschen Militär- und Obrigkeitsstaat typisch war. Als Rechts-, Bundes- und Sozialstaat steht die "neue" Bundesrepublik aber auch in Traditionen, die weit hinter die Weimarer Republik zurückreichen. Dasselbe gilt für die parlamentarische Debattenkultur und die Parteiengeschichte. Auch in räumlicher Hinsicht gibt es eine Kontinuität zwischen dem ersten und dem zweiten deutschen Nationalstaat. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag, die völkerrechtliche Gründungsurkunde des wiedervereinigten Deutschland, hat, wenngleich auf einem sehr viel kleineren Territorium, Bismarcks kleindeutsche Lösung insofern bestätigt, als diese ein Deutschland ohne Österreich geschaffen hat.
Das Ergebnis einer so widerspruchsvollen Geschichte wie der deutschen des 19. und 20. Jahrhunderts in einem einzigen Satz zusammenzufassen erscheint unmöglich. Doch es gibt einen solchen Satz. Er stammt aus der Rede, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 3. Oktober 1990 in der Berliner Philharmonie hielt, und lautet: "Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet." F

HEINRICH AUGUST WINKLER
ist seit 1991 Professor für neuere Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin.

CHRONIK

DER DEUTSCHE WEG

1871 Nach der Reichsgründung nimmt der Druck auf Minderheiten zu. Kanzler Otto von Bismarck lässt Katholiken und ab 1878 Sozialdemokraten verfolgen; die polnische, die französische und die dänische Minderheit werden diskriminiert. Antisemitische Verbände verzeichnen wachsenden Zulauf. Schon Zeitgenossen bezeichnen die Politik der Ausgrenzung sogenannter Reichsfeinde als "innere Reichsgründung".
22. Juli 1913 Das "Reichs- und Staatsangehörigkeitsrecht" schreibt das Abstammungsprinzip fest: Nur in Ausnahmefällen kann man ohne deutsche Vorfahren Deutscher werden. Die Regelung soll Auswanderern die Möglichkeit zur Rückkehr geben. Es herrscht Arbeitskräftemangel, und Berlin will auf Gastarbeiter möglichst verzichten. Erst 1999 wird das Abstammungsprinzip ergänzt.
1914 bis 1918 Im Ersten Weltkrieg strebt das Reich nach der Herrschaft über Europa. Die deutsche Regierung will Teile Frankreichs annektieren, den Kolonialbesitz erweitern, Belgien als Vasallenstaat ausbeuten; die Ziele im Osten bleiben unklar. Aufgrund der Niederlage ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die Republik aus. Kaiser Wilhelm II. dankt ab.
1919 Mit dem Friedensvertrag von Versailles verliert das Reich 13 Prozent seines Territoriums; 3,5 Millionen ehemals Reichsdeutsche leben fortan im Ausland. Die Alliierten verbieten den Anschluss Deutsch-Österreichs.
30. Januar 1933 Adolf Hitler wird Reichskanzler. Er fordert, dass alle Deutschen in einem Staat leben sollen und betreibt den Anschluss Österreichs, der 1938 erfolgt. Insgeheim strebt der Diktator nach der Weltherrschaft.
15. September 1935 Auf einem Parteitag der NSDAP werden die "Nürnberger Gesetze" verkündet. Jüdische Deutsche sind danach nur Staatsangehörige, nicht Reichsbürger. Ihre Rechte werden drastisch eingeschränkt.
1. September 1939 Das "Dritte Reich" greift Polen an. Nach dem Sieg annektiert Hitler Danzig, Westpreußen, das Wartheland und Ostoberschlesien. Zentralpolen wird als "Generalgouvernement" dem Reich angegliedert.
27. Juli 1941 Hitler erklärt im Hauptquartier, große Gebiete der europäischen Sowjetunion einschließlich der Krim sollen nach einem "Endsieg" Teil des deutschen Herrschaftsgebiets werden. Die NS-Führung plant die Ermordung von Millionen Slawen.
25. November 1941 Eine Verordnung legt fest, dass deportierte jüdische Deutsche die Staatsangehörigkeit verlieren. Im Holocaust sterben ungefähr 6 Millionen Menschen aus ganz Europa.
1. November 1943 Die Sowjetunion, Großbritannien, die USA und China vereinbaren, dass nach einem Sieg die Republik Österreich wieder errichtet werden soll.
7./8. Mai 1945 Das Oberkommando der Wehrmacht kapituliert. Deutschland verliert infolge des Krieges ein Viertel seines Territoriums von 1937. 14 Millionen Deutsche flüchten oder werden vertrieben, mehrere hunderttausend Deutsche sterben.
1949 Die Bundesrepublik Deutschland und die von der SED beherrschte DDR werden gegründet. Beide Teilstaaten bekennen sich zur deutschen Einheit und erheben den Anspruch, für alle Deutschen zu sprechen.
13. August 1961 Die SED-Führung beginnt mit dem Mauerbau. Sie führt später eine DDR-Staatsbürgerschaft ein und gibt den gesamtdeutschen Geltungsanspruch auf.
9. November 1989 Die Mauer fällt. Bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer im März 1990 erhalten die Parteien, die sich für eine baldige Einheit aussprechen, ungefähr drei Viertel der Stimmen.
3. Oktober 1990 Die DDR tritt der Bundesrepublik bei. Diese bleibt in der Nato. Das geeinte Deutschland verzichtet auf die Ostgebiete.

Kulturkampf
Durch strikte Trennung von Kirche und Staat versuchten Bismarck und liberale Politiker, den Katholizismus zu schwächen. Fortschritte wie die Zivilehe (1875) standen neben Repressionen: Kleriker wurden mit Haft bedroht ("Kanzelparagraf"), die Jesuiten verboten, die polnische Minderheit bedrängt. Weil die harte Linie der katholischen Zentrumspartei starken Zulauf bescherte, lenkte Bismarck schließlich ein.

Frauenwahlrecht
Nach dem Sturz des Kaisers konnten bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 erstmals Frauen ab 20 Jahren reichsweit ihre Stimme abgeben. Auch das passive Wahlrecht besaßen sie nun - von 423 gewählten Abgeordneten waren 36 weiblich. Deutschland war in Europa die achte Nation, die das allgemeine Frauenwahlrecht einführte.

"Republik Deutschösterreich"
Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde im November 1918 in Wien der Staat "Deutschösterreich" proklamiert als Bestandteil einer "Deutschen Republik". Das Veto der Siegermächte erzwang im Vertrag von Saint-Germain 1919 die Namensänderung in "Österreich".

Großdeutschland
Schon in der Frankfurter Paulskirche hatten 1848/49 Abgeordnete einen Bundesstaat aller Deutschen in Ost- und Mitteleuropa angestrebt. Die NSDAP schrieb die Forderung 1920 in ihr Programm. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde der Reichstag "großdeutsch", es folgten der Rundfunk und die Fußballnationalmannschaft. Ab 1943 nannte sich der NS-Staat offiziell "Großdeutsches Reich".
Von Heinrich August Winkler

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2007
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