22.05.2007

DAS ZEITALTER DER KOLONIENZWIESPÄLTIGES ERBE

Der Kolonialismus in Afrika trug ein Doppelgesicht: Er hat die Schwarzen im besten Fall paternalistisch behandelt und den Kontinent skrupelloser Ausbeutung unterworfen. Er hat ihm aber auch viele nützliche Elemente von Aufklärung und Moderne gebracht.
Als die Weißen Mitte des 19. Jahrhunderts Schwarzafrika aufzuteilen begannen, bestand der Kontinent aus Hunderten mehr oder weniger selbständigen politischen Einheiten, als sie gingen, nur noch aus vier Dutzend Staaten. Die Spaltungen und die Zwangsvereinigungen, die die Kolonisatoren vornahmen, waren Gewaltakte. Nach neuerem Völkerrechtsverständnis waren sie verbrecherisch. Wenn die Verantwortlichen dafür vor Gericht kämen, stünde das Urteil von vornherein fest: schuldig.
Aber erst müsste sich ein Kläger finden. Denn die Gründerväter des unabhängigen Afrika in der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) hatten die neuen Grenzen ausdrücklich akzeptiert. Sie nahmen sie sogar feierlich in ihre Charta auf. Abgesehen von ein paar kleinen Korrekturen haben sich alle folgenden Politikergenerationen an die Vorgaben gehalten. Die OAU-Gründer wollten nicht für jedes Volk und jeden Stamm einen eigenen Staat, denn die kleinafrikanische Lösung hätte dem Frieden, der Identität und der Prosperität wohl nicht gedient.
Die politische Geografie hat stets nur begrenzten Einfluss auf den Frieden in Afrika gehabt. Der Völkermord in Ruanda, der 1994 rund 800 000 Opfer forderte, wäre vermutlich nicht passiert, wenn die Kolonialisten die Völker der Tutsi und der Hutu auf zwei Staaten verteilt hätten. Aber für eine Trennung sahen die Kolonialisten - erst die Deutschen, dann die Belgier - keinen Anlass. Die zwei rivalisierenden Völkerschaften hatten schon vor der Ankunft jahrhundertelang im Königreich Ruanda koexistiert, ohne sich gegenseitig massiv zu beschädigen.
Es spricht auch nichts dafür, dass Staatswesen mit einem einheitlichen Staatsvolk und ohne Minderheiten in Afrika besser funktionieren als Vielvölkerstaaten. Wenn das anders wäre, dann hätte nicht die Nomadenrepublik Somalia, deren Bevölkerung zu beinahe 100 Prozent aus Somalis besteht, der unregierbarste unter den Chaos-Staaten werden können. So viel ist sicher: Die neue afrikanische Landkarte ist zweckmäßiger als die alte.
Nicht, dass in Europa Kolonialpolitik gemacht worden wäre mit dem Ziel, die Zustände auf dem Schwarzen Kontinent den Bedürfnissen seiner Bevölkerung anzupassen. Die Eroberer kamen als Räuber. Dass die Räuberei auch Vorteile für die Opfer hatte, das hat sich zufällig so ergeben. Dafür schulden die Afrikaner niemandem Dank.
Der Kolonialismus ist aber auch kein Generalpersilschein für politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Axelle Kabou aus Kamerun sagt, die Afrikaner sollten nicht alle Übel dem Kolonialismus anlasten. Man dürfe ihn auch nicht als Vorwand für eigenes Fehlverhalten oder für Nichtstun missbrauchen. Die Schäden, die die Kolonialisten angerichtet hätten, würden überschätzt. Das verlorene Paradies, dem die Afrikaner nachjammerten, habe es nie gegeben, schreibt sie in ihrem Buch "Und wenn Afrika die Entwicklung ablehnte?".
Die Lebensumstände auf dem Schwarzen Kontinent waren in der vorkolonialen Phase alles andere als paradiesisch. Afrika war kein naturbelassener Garten Eden, in dem edle Wilde von den Früchten ihrer ehrlichen Arbeit lebten und sich in Nächstenliebe übten. Er war ein vorwiegend finsterer Ort, der beherrscht war von Tyrannei, Sklaverei und zum Teil von Kannibalismus.
Europa war entsetzt über die schrecklichen Nachrichten, die Forschungsreisende aus Afrika mitbrachten. Missionare dickten die echten Schrecknisse auch noch mit erfundenen an. Sie wollten der Christenwelt dokumentieren, wie dringend nötig es sei, die Mohren zum christlichen Glauben und zur westlichen Zivilisation zu bekehren.
Kolonisatoren und Kirchenleute waren gute Bundesgenossen. Der südafrikanische Reformkleriker und spätere Nobelpreisträger Desmond Tutu hat die Interessenkonkordanz der weltlichen und der spirituellen Eroberer auf folgende Formel gebracht: "Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf, zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land."
Auf der Berliner Kongo-Konferenz hatten die europäischen Signatarmächte 1884/85 versprochen, sie würden "auf die Unterweisung der Einheimischen hinarbeiten und ihnen den Segen der Zivilisation nahebringen". Doch das blieb im Wesentlichen ein Lippenbekenntnis. Das Schulwesen war damals noch an den Bedürfnissen der Kolonialherren ausgerichtet. Die Schwarzen sollten nichts lernen als das, was sie wissen und können mussten, um den Weißen zu Diensten zu sein.
Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, selbst ein gestandener Antikolonialist, hatte für Ende 1884 Vertreter aus elf europäischen Staaten, des Osmanischen Reichs und der Vereinigten Staaten zur Kongo-Konferenz nach Berlin gebeten, um die Handelsfreiheit im Bereich der Flüsse Niger und Kongo zu klären. Weil man einmal so kommod beisammensaß, nahm man gleich auch den Rest des Kontinents und seine ungelösten Grenzprobleme durch. Die Agenda verdichtete sich dann zu der Frage: Wer soll sich wo breitmachen dürfen?
Afrikaner waren nicht geladen. Im eurozentristischen Weltbild war kein Platz für ein Selbstbestimmungsrecht. Die Hegemonialmächte gingen davon aus, dass sich die Eingeborenen nicht selbst regieren konnten. Bis auf Liberia und das Kaiserreich Äthiopien sowie die burischen Siedlungskolonien Oranje und Transvaal wurde in Berlin deshalb der ganze Kontinent grob in Interessengebiete aufgeteilt.
Das ging ganz flott, hauptsächlich mit Lineal und Bleistift. Allerdings sollten nach dem Beschluss des Konferenzplenums nur diejenigen Mächte die Oberhoheit in den Kolonien erhalten, die sie auch tatsächlich in Besitz nahmen. Das blieb freilich eine leere Floskel. Denn die Besatzungsapparate waren personell und militärisch meist so schwach besetzt, dass sie sich auf die Kontrolle von ein paar Brückenköpfen und Außenposten beschränken mussten.
Im Großen und Ganzen wurden auf der Berliner Kongo-Konferenz nur die real existierenden Interessensphären bestätigt. Briten, Franzosen, Portugiesen, Spanier und Belgier hatten ihre Gebiete längst abgesteckt. Nur dem deutschen Kolonialreich fehlte noch die endgültige Form.
Die Eroberung des Schwarzen Erdteils war eine eher schweißtreibende als kriegerische Angelegenheit. Sie vollzog sich im Wesentlichen - und ganz buchstäblich - auf dem Rücken der Schwarzen. Die weißen Herren mussten große Mengen Material über enorme Strecken befördern, um ihre Brückenköpfe im Innern des Kontinents auszustatten. Weil es keine Straßen gab und weil die meisten Flüsse wegen der vielen Stromschnellen nicht schiffbar waren, galten eingeborene Träger als das beste und preiswerteste Transportmittel. Denn Schweiß war billiger als Dampfkraft.
Manche Expeditionen waren kleine Völkerwanderungen. Der französische Forschungsreisende Hauptmann Jean-Baptiste Marchand hob 1896 für seine Trans-Afrika-Expedition von Brazzaville nahe der Kongo-Mündung nach Faschoda im Sudan eine Armee von über 10 000 Trägern aus. Denn neben der Fracht mussten ja auch Verpflegung und Tauschware mitgenommen werden - Bargeld wurde nicht akzeptiert.
In den meisten Kolonien war die Fracht pro Mann auf 30 Kilo begrenzt. Wenn sich Marchand und seine Offiziere an die Vorschriften gehalten haben, dann mussten die Träger eine Fracht im Gewicht eines Panorama-Fernsehers mit 55er Bildröhre so weit schleppen wie von Stockholm nach Sizilien, und das bei Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad Celsius.
Wie die benötigten Trägerheere beschafft und zusammengehalten wurden, beschrieb ein senegalesischer Schütze aus der Marchand-Truppe in einem Brief an seine Eltern: "Ich hatte wenig Spaß mit diesen 200 Trägern, die wir mit Gewalt geholt hatten und die bei der kleinsten Gelegenheit zu fliehen versuchten. Man konnte noch so viele von denen, die man fasste, erschießen oder aufhängen - die anderen versuchten es immer wieder."
Die Träger sahen ihre Heimat meist nicht wieder. Entweder sie starben unterwegs, oder sie wurden am Ziel, das bisweilen Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt war, sich selbst überlassen, ohne Geld und ohne Nahrung.
Das französische Parlament hat sich mehrfach mit den mörderischen Bedingungen solcher Expeditionen befasst. Allerdings ohne handfestes Resultat. Bei den Deutschen wurden Fälle von tödlicher Schinderei bestraft, wenn es jemanden gab, der den Mut hatte, sie anzuzeigen. Wie es einem gewissen Hauptmann Besser geschah, der 1900 vor Gericht gestellt und zu Festungshaft verurteilt wurde, nachdem ein junger Leutnant nach Berlin gemeldet hatte, auf einer von Besser geleiteten Expedition seien 60 bis 70 Träger verhungert.
Die Deutschen waren spät dran in Afrika. Als die Händler und die Eroberer mit kaiserlichen Schutzbriefen im Tornister in Afrika landeten, war die lückenlose Landbrücke aus britischen Besitzungen, die sogenannte Achse Kairo-Kapstadt, fast fertig. Die Franzosen hatten sich den größeren Teil West-, Zentral- und Äquatorialafrikas gesichert. Und der Kongo war schon lange Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. Die Bemühungen der Franzosen, eine Kette von Einflussgebieten vom Niger zum Nil, den zwei großen Flüssen am Rand der Sahara, zu knüpfen, waren erfolglos. Der östliche Sudan blieb in den Händen der Briten.
Die Deutschen hatten im vorkolonialen Zeitalter ein kurzes Gastspiel in Westafrika gegeben, das aber politisch folgenlos blieb. 1683 ließ der brandenburgische Große Kurfürst Friedrich Wilhelm die bescheidene Festung Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana errichten. Sie bestand aus drei Gebäuden im pommerschen Stil mit einer großen Mauer drum herum. Es war eher eine Handelsniederlassung als eine Kolonie.
Gut 30 Jahre später verkaufte der Sohn des Kurfürsten, der erste König von Preußen, Groß Friedrichsburg an die Holländer.
Insgesamt kamen die europäischen Mächte einander erstaunlich selten ins Gehege. Und die einheimischen Häuptlinge und Könige ließen sich meist widerstandslos von den weißen Eroberern vereinnahmen. Sie setzten der Expansion zunächst so gut wie keinen Widerstand entgegen. Erst die Rebellionen der Herero in Deutsch-Südwest und einiger Volksgruppen im südlichen Tanganjika setzten der Idylle ein Ende.
Im Maji-Maji-Aufstand in Tanganjika, der von 1905 bis 1907 dauerte, trieb die deutsche Schutztruppe über 100 000 Schwarze in den Hungertod, indem sie ihre Dörfer und Felder niederbrannte und ihre Stammesgebiete nach außen abriegelte. Die brutale Niederschlagung der Herero-Revolte kostete in den Jahren 1904 bis 1908 bis zu 60 000 Ureinwohner das Leben.
Zwischen konkurrierenden europäischen Mächten wäre es nur einmal beinahe zum Showdown gekommen. 1898 lagen sich britische und französische Truppen in Faschoda im Süden des angloägyptischen Sudan monatelang gegenüber, bis die Regierung in Paris ihre Soldaten zurückrief, um die Allianz mit den Briten gegen Deutschland nicht zu gefährden. Die Faschoda-Krise blieb die einzige nennenswerte Konfrontation zwischen zwei Kolonialmächten, bis der Erste Weltkrieg die friedliche Koexistenz beendete.
In der Folge der Berliner Konferenz wurden Togo, Kamerun, Deutsch-Südwest, Tanganjika oder Deutsch-Ostafrika sowie Ruanda und Urundi an den großen Seen endgültig den Deutschen zugeschlagen. Im kolonialen Alltag waren sie nicht besser, aber auch nicht schlimmer als die anderen Europäer. Eine Figur wie der deutsch-kamerunische Tycoon Julius Scharlach, der sich dazu bekannte, dass er die Eingeborenen "nicht zivilisieren, sondern sie zurückdrängen und schließlich vernichten" wollte, war eher untypisch.
Einzelne Deutsche traten human auf wie der Bremer Westafrika-Händler Johann Karl Vietor, der sich als "christlicher Kaufmann" verstand und deshalb nur Freiwillige in seinen Faktoreien in Togo beschäftigte. Vietor wollte freie und mündige, vor allem natürlich konsumfähige schwarze Bürger. Auch der Umstand, dass viele Togoer noch heute gern von ihren deutschen Vorfahren fabulieren, deutet darauf hin, dass das Verhältnis von Weiß und Schwarz nicht ausschließlich durch Ausbeutung bestimmt war.
Die meisten weißen Pflanzer dosierten den Einsatz von Peitschen und Flinten gegen ihre Plantagenarbeiter allein nach der Maßgabe, dass die Arbeitskraft der Schwarzen nicht gefährdet werden durfte. Man musste tun, was zu tun war, "to make the lazy nigger work", wie die britischen Kollegen es nannten. "Twenty five on the backside" war das Gesetz der Plantagen. Der Delinquent musste die Hosen herunterlassen und sich über einen Stapel Säcke legen. Er wurde an den Armen und Beinen von jeweils zwei Männern festgehalten und bis aufs Blut gepeitscht. Als Gipfel des Herrenmenschen-Zynismus wurde der letzte Hieb stets "auf das Wohl des Kaisers" geführt.
Die deutsche Kolonie Kamerun hieß damals wegen ihrer brachialen Disziplinarordnung auch "Fünfundzwanzigerland". Man konnte dort Grußpostkarten mit aufgedruckten Prügelszenen kaufen: "Ihr Lieben, ein Hurra auf den Kaiser und viele Grüße aus den schönen deutschen Kolonien."
Die Sozialdemokraten prangerten das bestialische Regiment in Kamerun mehrfach im Berliner Reichstag an. Die Regierung versprach jedes Mal, sich für die Humanisierung des Strafrechts in den Schutzgebieten zu verwenden. Bis in die letzten Tage des deutschen Kolonialismus wurde daraus nichts, wenngleich man zumindest den schlimmsten Schinder seines Amts enthob: Unter dem Titel "Tagebuchblätter eines in Kamerun lebenden Deutschen" war ein Bericht in der "Neuen Deutschen Rundschau"erschienen. Darin wurde auch die Bestrafung von Eingeborenen geschildert, die gegen die Disziplin verstoßen hatten: "Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe an die Reeling derartig festgeschnürt worden, dass in die blutrünstigen und aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten."
Gouverneur Heinrich Leist musste sich für diese sadistischen Quälereien vor der Disziplinarkammer des Potsdamer Gerichts verantworten. Er kam zunächst mit einer Strafversetzung davon und wurde dann in zweiter Instanz unehrenhaft aus dem Staatsdienst entlassen, nachdem das Auswärtige Amt Berufung gegen das Urteil eingelegt hatte.
Die Deutschen waren berüchtigt für ihre eiserne Dreifaltigkeit: Steuern, Prügel, Zwangsarbeit. Yendjé Dalaré, ein Konkomba-Häuptling aus dem nördlichen Togo, hat 1980 im hohen Alter von über 85 Jahren seine Erfahrungen mit den "Djama" (Deutschen) geschildert: "Sie waren sehr hart. Sie ließen dich ohne Unterbrechung arbeiten. Wenn du dich bücktest, um Erde auszuheben oder mit der Kreuzhacke zu arbeiten, hattest du kein Recht, dich wieder aufzurichten ... Wer auch nur innehielt und sich eine Sekunde lang aufrichtete, bekam von den rüden Wachsoldaten eine unbarmherzige Bastonade. Einige Leute starben dabei."
Die Barbarei war wissenschaftlich gut untermauert. Dr. Emil Steudel, Medizinalreferent in der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, hatte den deutschen Kolonialgutsbesitzern ein vergleichendes Fachgutachten über den Einsatz von Nilpferdpeitschen (Kibokos) und Tauenden an die Hand gegeben, mit denen sich die körperlichen Risiken bei der Disziplinierung afrikanischer Arbeiter minimieren ließen. Auszug: "Ein Tauende schont die Haut mehr und macht weniger leicht blutige Striemen und direkte Hautverletzungen als ein Kiboko. Ein Tauende macht aber - und zwar je dicker das Tau ist, umso mehr - leichter Verletzungen in der Tiefe, und auf diese Verletzung tiefer Organe, besonders der Leber, sind mit größter Wahrscheinlichkeit die auf körperliche Züchtigungen folgenden plötzlichen Todesfälle zurückzuführen." Um die Tiefenwirkung zu verhindern, schlug Doktor Steudel vor, zum Kiboko zu greifen.
Diesem Gutachten schloss sich ein reger Meinungsaustausch von kolonialen Amtsträgern über die Zweckmäßigkeit der einen oder der anderen Form der Züchtigung an. Der Grundsatz, dass Afrikaner zu prügeln seien, um sie zu brauchbaren Mitgliedern der kolonialen Gesellschaft zu erziehen, war freilich ganz unumstritten.
Immerhin achtete die deutsche Kolonialverwaltung auf minimale Rechtsstandards. Wer zu hart zuschlug und einen Diener oder Arbeiter tötete, musste sich vor Gericht verantworten. Die Strafen waren nicht besonders hart. Aber es sind Fälle von Plantagenbesitzern, Kaufleuten und Beamten bekannt, die für die fahrlässige oder absichtliche Tötung Abhängiger Gefängnisstrafen zu verbüßen hatten.
Am längsten blieb die menschenverachtende Ausbeuterei in den portugiesischen Überseegebieten in Afrika erhalten. Sofie von Uhde schrieb 1938 in "Köhlers Kolonialkalender" über ihre Erlebnisse auf einer Reise durch Angola: "Die Eingeborenen sind treue und brauchbare Arbeiter, recht ursprünglich, von den Portugiesen an diktatorische Behandlung gewöhnt." Sie hatte erlebt, wie Straßenarbeiter mit Stricken aneinandergebunden wurden, damit sie - fast ein Jahrhundert nach der Abschaffung der Sklaverei - nicht wegliefen.
Die Portugiesen hatten die Leibeigenschaft durch die sogenannte Kontraktarbeit ersetzt. Schwarze, die nicht nachweisen konnten, dass sie freiwillig ein halbes Jahr lang gearbeitet hatten, mussten kostenlose Zwangsarbeit auf den Feldern verrichten. Die meisten Arbeiter mussten sogar ihr Essen und ihre Geräte mitbringen. Die Zwangsarbeiter waren rechtlos wie Gulag-Sträflinge. Sie konnten beliebig von einer Kolonie in eine andere gebracht werden. Noch Anfang der fünfziger Jahre wurden mehrere hunderttausend Kontraktarbeiter zwischen den portugiesischen Kolonien hin und her oder nach Rhodesien und Südafrika verschoben.
Den portugiesischen Kolonialbaronen hat es letztlich aber nicht viel eingebracht. In den sechziger Jahren, als die meisten afrikanischen Staaten sich aus dem Kolonialjoch lösten, gehörten Angola und Mosambik zu den ärmsten und rückständigsten Regionen des Kontinents. Ein großer Teil der weißen Bauern, die Afrika während der Befreiungskriege verließen, endete in den Slums von Porto und Lissabon.
Macht bringt Machtneurosen hervor. Kolonisten und Kolonialisten waren davon überzeugt, dass die Unterdrückung, die sie praktizierten, dem Wohl ihrer Opfer diente. Cecil Rhodes, der Chefdenker des britischen Kolonialismus, erntete daheim keinen Widerspruch, als er erklärte: "Brächte man den größten Teil der Welt unter unsere Herrschaft, so würde das das Ende aller Kriege bedeuten."
Über Sinn und Methode gibt die Hymne Auskunft, in der ein unbekannter Militär-Barde die Vorzüge des eben erfundenen Maschinengewehrs Maxim besingt. Darin heißt es:
"Vorwärts, ihr königlichen Soldaten, auf ins heidnische Land. / Die Geschichtsbücher in euren Taschen, die Gewehre in der Hand. / Tragt die ruhmreiche Botschaft dorthin, wo gehandelt werden kann, es ist nicht schwer. / Verbreitet die frohe Botschaft - mit einem Maxim-Gewehr. / Die Herzen der erbärmlichen Eingeborenen sind voller Sünde. / Verwandelt ihre heidnischen Tempel in spirituelle Gründe. / Und gehen sie mit euren Lehren nicht einher, / haltet ihnen noch eine Predigt - mit dem Maxim-Gewehr."
Doch die Briten hausten in Indien nicht so infernalisch wie die Belgier im Kongo. Als der amerikanische Abenteurer Henry Morton Stanley die Kongo-Kolonie in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts für den belgischen König Leopold II. erwarb, lebten dort über 20 Millionen Menschen. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Bevölkerung um rund 10 Millionen zusammengeschmolzen. Es war die Folge des Genozids, der als Kongo-Greuel in die Geschichte eingegangen ist.
Der polnische Schriftsteller Joseph Conrad hat die kongolesischen Schrecken in dem Roman "Das Herz der Finsternis" aufgearbeitet. Er beschreibt darin einen sadistischen Elfenbeinhändler, der die Staketen seines Zauns mit abgehackten Köpfen von Schwarzen verziert hat. "Da war er, schwarz, vertrocknet, eingefallen, mit verschlossenen Lidern - ein Kopf, der auf der Spitze diese Pfahles zu schlafen schien und mit seinen eingeschrumpften, ausgetrockneten Lippen, die eine schmale, weiße Reihe von Zähnen sehen ließen, zugleich lächelte, unentwegt lächelte über einen endlosen spaßigen Traum in jenem ewigen Schlummer."
Der Kopf-ab-Kolonialist war keine Erfindung von Joseph Conrad. Er war einem Offizier der "Force Publique" nachempfunden, der tatsächlich auf den Gartenzaun vor seinem Haus im Nordostkongo die Köpfe enthaupteter Kongolesen zu stecken pflegte.
Die Europäer haben niemals ernsthafte Vergangenheitsbewältigung versucht. Frankreich hat 2005 sogar ein Kolonialgesetz erlassen, das für eine positivere Darstellung des französischen Wirkens in Übersee an den Schulen sorgen sollte. Das Gesetz löste einen stürmischen Historikerstreit aus, der viel Polemik freisetzte, aber auch verschüttete Wahrheiten ans Licht brachte.
Pointiertester Provokateur war der farbige Historiker Claude Ribbe. Er beschrieb den Korsen in seinem Buch "Napoleons Verbrechen" als "ersten rassistischen Diktator der Geschichte". Ribbes Kritiker warfen ihm vor, das Buch mit vergifteter Feder geschrieben zu haben: Die emanzipatorischen Segnungen, die Europa dem großen Korsen verdanke, habe er unterschlagen, um ihn als Massenmörder darstellen zu können, der in Saint-Domingue Tausende von Antillanern in Schiffsladeräumen mit Schwefeloxid vergasen ließ. Den Historikern war das natürlich nicht neu. Auch nicht, dass Napoleon die Sklaverei wieder eingeführt hatte. Doch in französischen Schulbüchern steht darüber nichts. Immerhin wurde das Positivismusgebot wieder aus dem Gesetz gestrichen.
Die Leugnung der kolonialen Massaker war vor allem ein Produkt jener bürgerlichen Ignoranz, mit der sich schon über 80 Jahre zuvor der große Schriftsteller André Gide hatte auseinandersetzen müssen. Er war 1925 nach Zentralafrika gereist, um "das Wilde, das Primitive; eine nackte geschichtslose Menschheit, eine noch von niemandem unterworfene Natur" zu erleben. Die Wilden hat er gefunden. Aber es waren nicht die Afrikaner, sondern eher die Franzosen. Gides Bericht über die Schandtaten seiner Landsleute in Zentralafrika löste einen Skandal aus, der die Pariser Salons zum Beben brachte. Frankreich wollte nicht glauben, dass Franzosen so grausam sein konnten.
"Le Monde" bilanzierte zum 80. Jahrestag des Bebens: "Die Kolonisation - das heißt erobern, massakrieren, besetzen, unterwerfen, beherrschen, erniedrigen, diskriminieren etc. - hat den republikanischen Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit maßlose Gewalt angetan."
Diese Feststellung schließt nicht aus, dass die Kolonisierten von einzelnen Elementen des Kolonialismus auch profitiert haben. Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh hat in einer Rede vor den Studenten der Universität Oxford sein Heimatland Indien als das "leuchtendste Juwel in der britischen Krone" gepriesen. Indien, so sagte er, sei zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Land mit dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen der Erde gewesen. Dafür sei die britische Zivilisation zu tadeln. Die Herrschaft über Indien habe aber auch einige "segensreiche Komponenten" gehabt. Sie hätten Indien eine freie Presse gebracht, ferner eine vorbildliche Verwaltung und "eine gute Vorstellung vom Rechtsstaat". Das alles gilt prinzipiell auch für die früheren britischen Besitzungen in Afrika.
Trotz aller Greuel haben deshalb auch freiheitliche Geister dem Kolonialismus stets mildernde Umstände zugebilligt. Er sei, wie der deutsch-britische Doppelpatriot Sebastian Haffner meinte, eine Mischung aus Gutem und Bösen gewesen. Es komme eben darauf an, ob das Gute das Böse aufgewogen hätte.
Haffner bezieht sich auf die afrikanische Vorgeschichte. Und verglichen mit den präkolonialen Zuständen war die koloniale Unterwerfung auch für die meisten Unterworfenen kein Abstieg in zivilisatorische Abgründe. Im Gegenteil: Je länger ein Land von den Kolonialmächten beherrscht war, umso größer der Nutzen für spätere Generationen. James Feyrer und Bruce Sacerdote von Dartmouth College in New Hampshire haben den Nutzen quantifiziert. Sie errechneten pro Jahrhundert Kolonialismus ein Plus an Sozialprodukt im Umfang von 40 Prozent.
Die Rechnung ist natürlich weniger exakt, als sie klingt, weil ihre Faktoren so genau nicht bestimmbar sind. Aber tendenziell besagt sie, dass der Kolonialismus den meisten Afrikanern langfristig mehr wirtschaftlichen Gewinn als Verlust gebracht hat. Sie profitieren noch heute von den Errungenschaften, die ihnen die Kolonialisten hinterlassen haben. Die staatliche Struktur, Post, Polizei, Armee, Justiz, Gefängniswesen, alles ist im Wesentlichen so geblieben, wie es die früheren Kolonialmächte geschaffen hatten. Wenn die kenianische Armee mit klingendem Spiel durch den Uhuru-Park in Nairobi paradiert, unterscheidet sie sich optisch und akustisch nicht von den "King's African Rifles" in den fünfziger Jahren.
Abgesehen von der "Tazara" (Tanzania Zambia Railway), die die Chinesen in den siebziger Jahren von Tansania nach Sambia bauten, stammen alle heute noch funktionierenden Eisenbahnanlagen aus der Kolonialzeit. Die Tazara hätte ihren Betrieb auch schon ein paar Jahre nach ihrer Eröffnung einstellen müssen, wenn ihr die deutsche Bundesregierung nicht ein paar gebrauchte Krupp-Lokomotiven spendiert hätte.
Das gute alte Motorschiff "Liemba", früher "Graf Goetzen", das Anfang des 20. Jahrhunderts in Papenburg gebaut und dann in Kisten nach Ostafrika gebracht und dort zusammengesetzt wurde, ist auch noch immer verkehrstüchtig. Es verbindet 17 Häfen am Tanganjikasee miteinander. Ohne die "Liemba" wäre der Handel im Grenzgebiet zwischen Tansania, Sambia, Burundi und dem Kongo tot.
Auch die Unterwerfung unter die Sprachen der Kolonialisten erwies sich später als nützlich. Ohne die Kolonialsprachen Englisch, Französisch und Portugiesisch wäre der größte Teil Schwarzafrikas Babylonien geblieben. Vor allem Englisch und Französisch sind heute die kulturelle Brücke zur restlichen Welt. Die afrikanische Literatur wäre, schon weil die großen Kulturen keine Schrift kannten, nichts ohne die Sprachen ihrer ehemaligen Besatzer. Deshalb beschränkte sich das historische Bewusstsein auch nur auf drei bis vier Generationen, also etwa hundert Jahre. Der Philosoph Hegel fand gar, Afrika sei kein "geschichtlicher Weltteil". Er habe "keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen".
Immer unabhängig gewesen zu sein war kein entwicklungspolitischer Vorteil. Nur zwei Staaten in Afrika waren niemals kolonisiert: Liberia und Äthiopien. Beide gehören heute zu den jämmerlichsten Staatswesen des Kontinents.
Vor hundert Jahren hatten auch christlich geprägte Humanisten keine Probleme mit dem Bekenntnis zum rassischen Paternalismus. Der Elsässer Mediziner und Philosoph Albert Schweitzer, der sein ganzes Leben in den Dienst am Nächsten gestellt hatte, war ein temperamentvoller Verfechter von Europas Kolonialmission in Afrika. Schwarze waren für ihn kleine Brüder - Kinder, die man mit Fürsorge, aber auch mit Strenge zur "Kulturgesinnung" verpflichten musste. Trotzdem war er davon überzeugt, dass die Weißen den Schwarzen Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht schuldeten. Für ihn war das kein Widerspruch - ebenso wenig wie für das norwegische Nobelkomitee, das ihm 1952 den Friedensnobelpreis für sein Lebenswerk zuerkannte.
Die Kolonisierten hatten auch bei der antifaschistischen Linken keine zuverlässige Lobby. Bedeutende Denker der fünfziger und sechziger Jahre haben sich zwar mit den unterdrückten Farbigen in aller Welt solidarisiert. Aber viele von ihnen setzten sich durch ihre Schriften dem Verdacht aus, dass sie den Kolonialismus nicht deshalb bekämpften, weil er ungerecht und menschenunwürdig, sondern weil er nicht links war.
Jean-Paul Sartre, zufällig auch ein Verwandter von Albert Schweitzer, war der prominenteste unter den großen intellektuellen Kolonialverächtern der vierziger bis sechziger Jahre. Die Völker der Dritten Welt sollten sich vereinigen, schrieb Sartre im Vorwort zum berühmten Buch "Die Verdammten dieser Erde" von Frantz Fanon. Er war aber bereit, das Unrecht in anderen Weltteilen um eines höheren Zieles willen zu tolerieren. Deshalb hat er nie ein böses Wort über Stalin geschrieben, der mindestens ebenso repressiv war wie die Kolonialisten. Und die Kolonialmächte betrachtete Sartre vor allem deshalb als seine Feinde, weil sie Feinde des Sowjetsystems waren.
Nein, vom marxistischen Lager hatte Afrika nichts zu erwarten. Karl Marx und Friedrich Engels, deren Schriften in der Zeit entstanden, als Europa den Schwarzen Kontinent unter sich aufteilte, haben sich zur Sache kaum geäußert. Das Wissen über Afrika sei bei ihnen "virtually non-existent" gewesen, schrieb der britische Marxismus-Forscher Eric Hobsbawm.
Der Kolonialismus war für die Europäer kein moralisches Problem, weil sie überzeugt waren, dass er ein Segen für die Kolonisierten sei. Alle großen Völker fühlten sich - jedes auf seine Weise - auserwählt und gottgefällig. Die spanischen Eroberer brachten der Neuen Welt den Katholizismus, die Franzosen ihren Kolonien die "civilisation française". Und die Engländer waren sowieso davon überzeugt, dass sich jedes Volk glücklich schätzen konnte, das von ihnen unterworfen wurde. Sie waren ja, wie der Kolonialpionier Cecil Rhodes schrieb, "die erste Rasse der Welt".
Deutschland spielte beim Projekt Imperialismus nur eine Nebenrolle. Und damit war die Nation mehrheitlich auch einverstanden. Das infernalische Lamento, das die Deutsche Kolonialgesellschaft anstimmte, als die Sieger nach dem Ersten Weltkrieg die Länder hinter des Kaisers Warmwasserküsten unter sich aufteilten, blieb beim Volk ohne Echo.
Das deutsche Kolonialreich war zwar um die Jahrhundertwende fast drei Millionen Quadratkilometer groß gewesen - das Fünffache der Landfläche des Deutschen Reichs. Doch die Kongo-Kolonie war fast 80-mal so groß wie das belgische Mutterland. Die Briten beherrschten über 20 Prozent der gesamten bewohnbaren Landfläche der Erde, die Deutschen nur über 2 Prozent.
Die deutschen Besitztümer in Übersee waren ein Kolonialreich mit beschränkter Haftung, wie Reichskanzler Otto von Bismarck es richtig nannte. Die Besatzer bauten ein paar hundert Kilometer Eisenbahnen, ließen auch ein paar Schiffchen auf dem Victoria- und dem Tanganjikasee schwimmen. Doch das konnte man nicht Erschließung oder Kolonisierung nennen.
Bismarck hatte es nicht anders gewollt. Er verstand die Kolonien als eine Art Privatunternehmen. Der Staat sollte ihnen zwar einen gewissen Schutz gewähren, sich aber so wenig wie möglich in ihre Angelegenheiten einmischen. Er war davon überzeugt, dass sich die Unterwerfung fremder Völker einfach nicht rechne. Denn er war nicht nur ein weitsichtiger Staatsmann, sondern auch ein guter Kaufmann. Ein besserer jedenfalls als die hanseatischen Handelsherren, die ihn 1871 nach dem Sieg über Frankreich vergebens dazu drängten, von den Franzosen die Abtretung eines Teils ihrer Überseeterritorien als Reparationsleistung zu verlangen. Kolonien, so giftete der eiserne Kanzler, seien "wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben".
Außer Deutsch-Südwest hat keine deutsche Kolonie eine systematische deutsche Besiedlung erlebt. Karrieren wie die der Siedlerin Margarete Trappe, die mit ihrem Ehemann in Momella am Fuße des Kilimandscharo eine Farm aufbaute und Strukturpolitik auf eigene Faust betrieb, waren Ausnahmen. Die deutschen Investoren steckten ihr Risikokapital lieber in zukunftweisende Projekte wie die Bagdadbahn als in die Urbarmachung afrikanischer Savannen. Im ganzen deutschen Kolonialreich waren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 500 Millionen Reichsmark gebunden. Das waren gerade mal zwei Prozent des deutschen Investitionskapitals im Ausland.
Die Abneigung gegen den Kolonialismus teilte Bismarck mit dem deutschen Arbeiterführer August Bebel, mit dem er sonst so gut wie gar nichts teilte. 1899 erklärte Bebel im Deutschen Reichstag: "Wo immer wir die Geschichte der Kolonialpolitik in den letzten drei Jahrhunderten aufschlagen, überall begegnen wir Gewalttätigkeiten und der Unterdrückung der betreffenden Völkerschaften, die nicht selten schließlich mit deren vollständiger Ausrottung endet ... Und um die Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung im vollen Umfang und möglichst ungestört betreiben zu können, sollen aus den Taschen des Reiches, aus den Taschen der Steuerzahler Millionen verwendet werden ... Dass wir als Gegner jeder Unterdrückung nicht die Hand dazu bieten, werden Sie begreifen." Diese Erklärung war der sozialdemokratischen Tradition würdig.
Kaiser Wilhelm II. lag in der Kolonialfrage nicht auf der Linie seines Kanzlers. Er sympathisierte mit dem Plan des Bremer Kolonialpioniers Adolf Lüderitz zur Schaffung eines südafrikanischen Großreichs unter deutscher Führung. Das erträumte Gebilde sollte vom Atlantik bis zum Indischen Ozean reichen und die Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal einschließen.
Wilhelms Kalkül war nicht so unrealistisch. Seit den ersten Diamantenfunden im Jahr 1869 erlebte das südliche Afrika, ganz im Gegensatz zum Rest des Kontinents, einen enormen Wirtschaftsboom. Davon sollte Deutschland profitieren.
Von den anderen europäischen Großmächten wurde das Afrika-Engagement des deutschen Kaisers als feindselig empfunden, vor allem von den Briten. Den Eklat brachte 1896 die sogenannte Krüger-Depesche, mit der Wilhelm den Buren zur Abwehr eines britischen Mordanschlags auf den Präsidenten von Transvaal, Paul Krüger, gratulierte. Sie war wesentlich mit verantwortlich für die wachsenden Spannungen in Europa, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündeten.
Die Kolonialschwärmer hatten immer neue Auswanderungsziele, obwohl der Globus inzwischen weitgehend aufgeteilt war. Die Deutschen sollten tropische Landwirtschaft betreiben und das Mutterland mit Kolonialwaren versorgen. Dabei lebten vor der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert weniger als 30 000 Deutsche in den Kolonien. Rein rechnerisch kam einer auf hundert Quadratkilometer. Wirtschaftlich waren und blieben die "afrikanischen Schutzgebiete" für die Deutschen ein Fiasko. 1913 betrug der Handel mit dem Mutterland magere 0,6 Prozent des gesamten deutschen Außenhandelsvolumens. Die Kolonien waren weder als Absatzmärkte noch als Rohstofflieferanten von Bedeutung.
Gewiss, der Sklavenhandel war für die Europäer im 16. bis 18. Jahrhundert ein großes Geschäft gewesen. Doch dazu wurden keine Stützpunkte an Land benötigt. Die Einheimischen lieferten die Sklaven ja frei Schiff. Aber spätestens nachdem die Südstaaten der USA nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) die Sklaverei abschafften, galt auch dieses Ausbeutungsmodell als endgültig überholt.
Es ist wahr, einige Kolonien haben dazu beigetragen, einige Kolonialisten reich zu machen. Aber das waren Ausnahmen. Es gibt sogar Indizien für die Annahme, dass die Prosperität der europäischen Mächte im umgekehrten Verhältnis zur Ausdehnung ihrer Kolonialreiche stand.
Der Weltökonom Adam Smith hat 1776 vorgerechnet, dass die Kosten zum Erhalt der britischen Besitzungen in Nordamerika, illusionsbereinigt, in einem krassen Missverhältnis zum wirtschaftlichen Ertrag standen. Wenn man die defizitären Kolonien nicht rentabler machen könne, riet er, solle man sich besser von ihnen trennen. "Unsere Staatsmänner sollen endlich den goldenen Traum, den sie und wohl auch das Volk geträumt haben, verwirklichen oder aus ihm erwachen." England sei gut beraten, seine Politik der Mittelmäßigkeit seiner wirtschaftlichen Lage anzupassen.
Die Briten hatten im größten Teil ihrer afrikanischen Besitzungen nicht genug Leute, um Ausbeutung im großen Stil zu betreiben. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren in Nigeria 1315 Kolonialbeamte tätig. Dieser kleine Trupp verwaltete, assistiert von einheimischen Notabeln, die Belange von 20 Millionen Afrikanern. In Flächenstaaten, die von weißen Einwanderern besiedelt worden waren, sah die Kosten-Nutzen-Rechnung anders aus. Der Wohlstand der südafrikanischen Weißen war allerdings fast ausschließlich das Produkt rassistischer Ausbeutung. Ein weißer Grubenarbeiter verdiente 20-mal so viel wie ein schwarzer.
Wozu die ganze imperiale Kraftanstrengung, wenn sie im großen Ganzen so wenig einbrachte? Den Nutzen hatte das nationale Selbstwertgefühl. Die britische Außenpolitik wurde nicht in den Seminaren gemacht, sondern in den Clubs und Casinos der spleenigen Männerbünde, zu denen die Wirtschaftsvertreter kaum Zutritt hatten. Der britische Herrenmensch wollte siegen und herrschen, egal um welchen Preis. Auf die materielle Wertschöpfung kam es ihm nicht an. Er nahm es gleichgültig hin, dass sich der Anteil des britischen Empire an der Welt-Industrieproduktion in wenigen Jahrzehnten beinahe halbierte.
Die Großmächte begründeten die Besitznahme von entlegenem Areal gern mit strategischen Argumenten. Im Einzelfall mochte das plausibel sein, die große Mehrheit der besetzten Gebiete brachte aber keinerlei militärischen Vorteil. Südafrika war als Brückenkopf wichtig für Großbritannien - aber die westafrikanischen Stützpunkte, die zwischen Southampton und Kapstadt lagen, waren es nicht. Die Dampfschiffe konnten in Europa genug Kohle und Fracht bunkern, um nonstop bis Bombay oder Djakarta durchzufahren. Das galt vor allem nach der Eröffnung des Suez-Kanals, der die Strecke Europa-Fernost glatt halbierte.
Marokko und Algerien waren für den französischen Imperialismus zwei willkommene Experimentierfelder, die sicher auch für die Wirtschaft in Frankreich von Nutzen waren. Aber wozu Mali, Mauretanien, Senegal, Tschad und Ubangi-Schari? Es war nur die Lust der Militärs am Muskelspiel, die sie veranlasste, sich fremder Territorien zu bemächtigen.
In der Privatwirtschaft sah die Kosten-Nutzen-Rechnung stellenweise günstiger aus. Eine Handvoll Reeder, Kaufleute und Plantagenbesitzer wurde mit dem Handel von Kaffee, Kakao, Elfenbein und Mineralien reich. Aber gesamtwirtschaftlich fielen diese Erträge nicht sonderlich ins Gewicht.
Kolonialafrika verfügt über enorme Bodenschätze. Doch die damals schon erschlossenen Ressourcen waren nicht sonderlich bedeutend. Die Bergwerksindustrie von Ghana erzeugte 1949 Diamanten im Handelswert von 6,4 Millionen Pfund Sterling. Das war der Gegenwert von gut drei Prozent der ghanaischen Auslandsreserven. Superrenditen aus der Gold- und Diamantenförderung wurden zwar in Südafrika gemacht. Doch darauf hatten die Kolonialisten keinen Zugriff. Und das Ölzeitalter hatte damals in Schwarzafrika noch nicht begonnen.
Carl von Ossietzky, der Herausgeber der "Weltbühne", fand viel Zustimmung, als er 1928 schrieb: ,,Deutschland ist unter allen Ländern das einzige, das mit Fug und Recht behaupten kann, der Friedensvertrag habe ihm Nutzen gebracht ... Es ist aus der Sphäre des Imperialismus heraus. Und es hat kein Deutschland in Übersee zu verteidigen." Die Deutschen fühlten sich damals ja selbst kolonisiert.
Deutschland konnte froh sein, dass seine Gegner ihm im Versailler Vertrag die Kolonien abgenommen hatten. Sogar die Nazis, Ossietzkys schlimmste Feinde, sahen das ähnlich. Die Quengelei der Kolonialrevisionisten ging Adolf Hitler auf die Nerven. Anfang 1943 erließ sein Sekretär Martin Bormann im Auftrag des Führers einen Befehl, der ,,jede Tätigkeit auf kolonialem Gebiet" untersagte.
Gemeint waren natürlich nur Kolonien in Übersee. Denn zur Versklavung und Kolonisierung hatte Hitler näher liegende Länder ausersehen. Er suchte den neuen Lebensraum in Osteuropa. Afrika interessierte ihn nicht, und die "Neger" waren für ihn einfach nicht satisfaktionsfähig.
Doch als Schreckbild im Zweiten Weltkrieg kam dem schwarzen Mann eine wichtige Funktion in der Propaganda der Nazis zu. Die Verkommenheit der britischen und französischen Gegner zeige sich, wie der "Völkische Beobachter" am 31. Mai 1940 hetzte, schon darin, dass sie "die grausamen schwarzen Bestien aus dem Urwald auf uns loslassen".
So gipfelte der rassistische Grundzug der Kolonialtradition und die Anmaßung von der Überlegenheit der weißen Rasse im deutschen Faschismus. Doch eine Ironie der Geschichte sorgte dafür, dass gerade der von Hitler entfesselte Krieg die ökonomischen und politischen Grundlagen des Kolonialsystems endgültig untergrub - und damit erst die Voraussetzungen für Afrikas Unabhängigkeit schuf. F

Mischehen fast immer glücklich
Der Abgeordnete Adolf Gröber, Zentrum, am 7. Mai 1912 in einer Reichstagsdebatte über Mischehen in der Kolonie Deutsch-Südwest: "Deutsche Frauen sind im Lande selten. So ergab es sich von selbst, dass es hin und wieder zu Ehen zwischen Weißen und Bastardmädchen kam. Man mag über solche Ehen denken, wie man will ... So verlangt es doch die Gerechtigkeit zu erwähnen, dass die Ehen fasst immer glücklich sind." (Zwischenrufe zur Linken: "Hört, hört!")

"Das Volk der Herero muss jetzt das Land verlassen. Wenn es dies nicht tut, werde ich es mit dem großen Rohr dazu zwingen."
LOTHAR VON TROTHA, Gouverneur von Deutsch-Südwest, an die aufständischen Herero

Andere Völker, andere Kulturen
In Deutschland gab es Kolonialisten, die sich den damals noch exotischen Luxus leisteten, den Kolonisierten eine kulturelle Identität zuzugestehen. "Viele der verachteten Naturvölker", hieß es 1912 im Ullstein-Buch "Unsere Kolonien", hätten eine "reiche Kultur entwickelt ... die sich nur nach anderer Richtung entfaltet hat". Deutschlands Kolonialära endete aber nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, bevor sich die liberale Schule durchsetzen konnte.
Von Erich Wiedemann

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 2/2007
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