22.05.2007

PERSPEKTIVEN FÜR AFRIKASEUCHE DER IGNORANZ

Warum wütet Aids in Schwarzafrika viel extremer als im Rest der Welt? Millionen sind infiziert, immer noch trifft der Erreger auf wenig Widerstand. Schuld sind unfähige Politiker, mächtige Legenden, Angst vor Kondomen - und trockene Vaginen.
Gambia, ein wurmförmiger Zwergstaat im Westen Afrikas, ist Schauplatz einer Geschichte über die Geißel Aids, die durchaus unterhaltsam sein könnte - wenn sie nicht so empörend und so tragisch wäre.
In diesem Ländchen entlang der Ufer des Gambia-Flusses herrscht Yahya Jammeh, 41, ein stets in Weiß gewandeter Autokrat, der es sich allen Ernstes zur Aufgabe gemacht hat, sein Land bis 2020 zu einem Singapur Westafrikas umzurüsten. Schon damit hat sich seine Exzellenz viel vorgenommen, denn sein elend darbendes Volk - 1,6 Millionen Menschen - besteht zum großen Teil aus Analphabeten. Doch im Vergleich zur neuesten Vision des Maulhelden wäre die Wiedergeburt Gambias als funkelndes Handels- und Finanzzentrum fast ein Klacks.
Jammeh - ein Offizier, der sich 1994 an die Macht geputscht hat - ist nicht nur Staatspräsident; er ist auch Heiler in göttlicher Mission. Im Januar rief er Getreue und Diplomaten zu sich und eröffnete ihnen, dass er großartige Entdeckungen gemacht habe. Er sei jetzt höchstpersönlich in der Lage, neben Asthma auch Aids zu heilen - jene Seuche, die Schwarzafrika wie keine andere Weltregion verheert: Mehr als 15 Millionen Afrikaner sind bereits daran gestorben, weitere 25 Millionen sind infiziert.
An Donnerstagen - Jammeh sagt, er habe die Fähigkeit ausschließlich donnerstags - lässt der Präsident oft auch das gambische Fernsehen daran teilhaben, wie er in seinem Palast Aids besiegt. Die Patienten legen sich auf eine Pritsche, der Präsident wirbelt um sie herum, murmelt Koran-Sprüche, klatscht grüne Pampe auf ihre Haut, sprenkelt Flüssigkeit über sie aus einer alten Evian-Flasche und gibt ihnen braune Brühe zu trinken. Bananen, oral verabreicht, runden die Therapie ab.
Das war's. Dank der Kraft des Korans und sieben geheimer Kräuter führe diese Behandlung, über Wochen wiederholt, "mit absoluter Sicherheit", so Jammeh, zur Heilung von den todbringenden Viren. Zwei Voraussetzungen aber müssten dafür erfüllt sein. Erstens: Für die Dauer der Therapie müssen seine Patienten auf Alkohol, Tee, Kaffee und Sex verzichten - und auch auf Diebstahl. Und zweitens: Wer antivirale Medikamente einnehme, der müsse sie sofort absetzen.
Der Gesundheitsminister des Landes ist promovierter Gynäkologe, ausgebildet in der Ukraine und in Irland. Er dürfte genau wissen, dass sein Chef dummes Zeug redet, aber gleichwohl spendet er ihm lauten Beifall. Das Gleiche tun die übrigen Institutionen des Landes, einschließlich des Parlaments. Und auf den Straßen des Landes sind manchmal Demonstrationen zu sehen - nicht gegen Jammeh, sondern für ihn: Bestellte Claqueure bejubeln sein Genie als Aids-Bezwinger.
Einzig die Statthalterin der Vereinten Nationen in Gambia wagte es, verhalten Kritik zu üben. Sie sagte, es gebe keinen Beleg für Jammehs Erfolg, und niemand solle glauben, er sei nach der Präsidententherapie nicht mehr infektiös. Jammeh war über diese Worte so erzürnt, dass er die Uno-Repräsentantin flugs zur Persona non grata erklärte und sie zwang, innerhalb von 48 Stunden das Land zu verlassen.
Zuvor schon hatten zwei hochrangige Aids-Aufklärer in der gambischen Hauptstadt Banjul ihren Rücktritt erklärt, weil sie angesichts von Jammehs Heilswahn keine Chance mehr sahen, realitätskonforme Botschaften über HIV und Aids unter das Volk zu bringen. Jammeh unterdes dreht weiter auf. Anfang April teilte er mit, dass er überdies die Fähigkeit erlangt habe, Diabetes zu heilen, und wie auch bei Asthma brauche er dafür nur fünf Minuten. Nicht alle seiner Untertanen nehmen ihm das ab - aber sehr viele.
Miserable Regierungen und irrlichternde Despoten - das sind zwei der zahlreichen Gründe, warum HIV südlich der Sahara fast widerstandslos wüten kann. Nur eine Handvoll afrikanischer Staaten hat notgedrungen zu einem rationalen Umgang mit Aids gefunden. Senegal, Ghana und vor allem Uganda haben eindrucksvolle Erfolge im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus errungen. In anderen Gesellschaften Afrikas aber herrschen auch mehr als 25 Jahre nach Entdeckung der Seuche Zustände, die den HI-Viren erst richtig Bahn brechen.
Alles greift ineinander: Aberglaube, Analphabetismus, Armut, Desinformation, Isolation, Korruption, Migration, Prostitution, Promiskuität, Polygamie. Und außerdem: das große Schweigen. Obwohl Aids in weiten Teilen Schwarzafrikas eine Katastrophe ersten Ranges darstellt, ist das Thema ein Tabu geblieben. Niemand spricht darüber, niemand bekennt sich dazu - weder Kranke noch Angehörige, weder Religionsführer noch Politiker.
Wer betroffen ist (und das von sich weiß), der zieht es vor zu behaupten, er leide nicht an Aids, sondern an der Fülle der Krankheiten, die durch die Immunschwäche erst Oberhand gewinnen: Tumoren etwa, Tuberkulose oder Lungenentzündung. Manche nehmen sogar für sich in Anspruch, verhext worden zu sein. Alles ist besser als Aids, denn Aids gilt immer noch als Krankheit der Schande.
Auch der älteste Sohn von Südafrikas Ex-Präsident Nelson Mandela ist Anfang 2005 mit 54 Jahren an den Folgen von Aids gestorben. Sein Vater machte die Erkrankung öffentlich und forderte seine Landsleute auf, endlich offen über HIV zu reden, um Aids Stück für Stück zu einer normalen Krankheit zu machen - vergebens. Wer zugibt, HIV-positiv zu sein, der muss vielerorts in Afrika befürchten, mitsamt seiner Angehörigen ausgegrenzt zu werden. Einzelne sind, als sie ihren HIV-Status publik machten, von wütenden Nachbarn sogar schon umgebracht worden.
Es ist bizarr, wie so viele Nationen es schaffen, eine Seuche zu leugnen, die Massen von jungen Menschen ins Grab reißt und ganze Gesellschaften von innen aushöhlt. Aidskranke Bauern sind zu schwach für die Feldarbeit, Lehrer unterrichten nicht mehr; Soldaten sterben, Lkw-Fahrer, Ingenieure, Ärzte und Minister, ihre Frauen und ihre Kinder. Aids kostet viele Länder allen wirtschaftlichen Fortschritt der letzten 25 Jahre.
Routinemäßig heuern manche Firmen zwei Bewerber für einen Job an, weil sie genau wissen, dass in Kürze nur noch einer übrig sein wird. In vielen Regionen sind Beerdigungen die häufigsten Familienfeste. Vor 25 Jahren lag die mittlere Lebenserwartung in Botswana noch bei über 60 Jahren. Jetzt ist sie gesunken auf weniger als 40 Jahre. Zwölf Millionen Kinder sind wegen Aids zu Waisen geworden, viele von ihnen haben sich schon als Ungeborene oder mit der Muttermilch mit dem Virus infiziert.
Kaum eines dieser Länder hat ein auch nur halbwegs funktionierendes Gesundheitssystem. Wissenschaftlich ausgebildete Mediziner sind rar, und die meisten Kranken kommen selten oder nie mit ihnen in Kontakt. Nur von Reihenuntersuchungen etwa an Schwangeren können Mediziner auf die Infektionsraten insgesamt schließen. Darum kennen sie die ungefähre Ausbreitung des Virus - und sie ist selbst für pessimistische Experten atemraubend: In Sambia ist jeder Fünfte HIV-positiv, in Namibia jeder Vierte, in Simbabwe und Botswana jeder Dritte. Abgesehen von Indien ist die absolute Zahl der Menschen mit HIV nirgendwo höher als in Südafrika: Sie liegt bei über sechs Millionen; jeden Tag sterben mehr als tausend Südafrikaner den Aids-Tod.
Medizinischen Beistand suchen Afrikaner immer noch vor allem bei den oft hochangesehenen traditionellen Heilern, die allem Übel nach Art der Vorväter mit Kräutern und Magie zu Leibe rücken. Diese Heiler könnten im besten Fall bei der Lösung des Aids-Problems helfen, und in vielen Ländern versuchen Hilfsorganisationen, sie für die nötige Aufklärung zu rekrutieren. Aber oft sind die Botschaften solcher Heiler Teil des Problems. Im südlichen Afrika beispielsweise sind Millionen Männer davon überzeugt, dass sich eine HIV-Infektion leicht heilen lasse - nämlich durch Sex mit einer Jungfrau.
Dass Kondome schützen, hat sich noch immer nicht überall herumgesprochen; und viele von denen, die davon gehört haben, glauben es nicht. Manche halten Präservative für unvereinbar mit Maskulinität oder gar für eine Verschwörung des weißen Mannes, die darauf abziele, die Geburtenrate der Afrikaner zu senken. Forscher haben auch schon Legenden gehört, wonach Kondome von westlichen Regierungen absichtlich mit Aids-Viren bestückt würden, um auf diese Weise die Zahl der Afrikaner zu reduzieren. Viele Stammesführer und traditionelle Heiler warnen vor dem Gebrauch der Kondome, ebenso die katholische Kirche - unter solchen Umständen haben Präventionsbotschaften zwangsläufig einen schweren Stand.
Tragischerweise trifft das HI-Virus in Afrika auf Menschen, die dafür besonders empfänglich sind. Denn nach wie vor sind dort auch andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Herpes oder Tripper weitverbreitet. Sie führen zu vermehrten Wunden an den Geschlechtsteilen, die dann wiederum dem HI-Virus helfen, die Schleimhautbarriere zu überwinden.
Außerdem wendet ein Großteil der Frauen südlich der Sahara seit Generationen Sexualpraktiken an, durch die ihr eigenes Infektionsrisiko dramatisch steigt. Vor dem Sex entfernen sie alle Feuchtigkeit aus der Vagina mit Hilfe von Kräutern, Puder oder Tüchern. Männer schätzen das angeblich, weil die Scheide dann trocken, heiß und eng werde. Aber beim sogenannten "dry sex" kommt es an der Vaginalschleimhaut oft zu kleinen Verletzungen und damit auch besonders leicht zur HIV-Infektion. Aids-Aufklärer versuchen, Frauen von diesem Brauch abzubringen, aber ihr Erfolg ist gering.
Südafrika ist das Land, das von seiner Wirtschaftskraft und Infrastruktur her noch am besten gerüstet wäre für den Kampf gegen die Seuche. Und doch verhalten sich ausgerechnet südafrikanische Politiker in Sachen HIV auf phänomenale Weise hilf- und kopflos - nicht ganz so wahnwitzig wie Gambias Virentöter, aber fast. Thabo Mbeki, Mandelas Nachfolger im Präsidentenamt, hat wiederholt mit den längst diskreditierten Ideen der sogenannten Aids-Dissidenten geflirtet, wonach kein Virus die Ursache von Aids sei, sondern Armut und Mangelernährung.
Mbekis ehemaliger Vizepräsident Jacob Zuma hat ungeschützt mit einer HIV-positiven Frau geschlafen. Infektionsgefahr habe dabei kaum bestanden, sagte Zuma öffentlich, schließlich habe er gleich nach dem Sex geduscht. Es verwundert, dass Zuma nicht besser Bescheid weiß über den Ausbreitungsweg der HI-Viren, denn zuvor war er immerhin Chef einer nationalen Aids-Organisation.
Und Südafrikas Gesundheitsministerin, eine promovierte Medizinerin ohne jeden Sachverstand, empfiehlt den Infizierten nicht antivirale Medikamente, sondern ein Gemisch aus Knoblauch, Zitrone, Kartoffeln und Roter Bete. Das sei besser, wegen geringerer Nebenwirkungen. Außerdem sympathisiert "Dr. Rote Bete", wie sie verspottet wird, mit dem deutschen Wunderheiler Matthias Rath, der in Südafrika Vitamincocktails verkauft als angebliche Alternative zu den etablierten HIV-Arzneien.
In reicheren Ländern führt Aids längst nicht mehr zwangsläufig zum Tode. Die Krankheit ist zwar nicht heilbar, aber moderne Medikamente können den Viren so stark zusetzen, dass sie im Blut nicht mehr nachweisbar sind und das Immunsystem in Frieden lassen. Die Therapie mit diesen lebensrettenden Arzneimitteln war lange so teuer, dass zum Beispiel 2003 nur rund 100 000 Afrikaner in ihren Genuss kamen.
Das hat sich geändert - und dies ist die einzig positive Nachricht über Aids in Afrika. Viele Länder und Organisationen wie die Weltbank stellen alles in allem Milliarden zur Verfügung, um zu stark verbilligten Preisen Medikamente einzukaufen. Im vergangenen Jahr hatten erstmals rund 1,3 Millionen Aids-Kranke in Schwarzafrika Zugang zu den Arzneien, die sie zum Überleben brauchen.
Das bedeutet offenbar, das jetzt fast schon ein Drittel der Bedürftigen Hilfe erhält. Bis 2010, das haben sich die Vereinten Nationen vorgenommen, soll sogar jeder einzelne Kranke versorgt werden.
Das Ende des Sterbens könnte auch für afrikanische HIV-Patienten begonnen haben. Doch damit die Kranken behandelt werden können, muss ihr Blut zunächst von ausgebildetem Personal untersucht werden - und daran hapert es noch erheblich: In den meistbelasteten Ländern Afrikas haben kaum zehn Prozent der Bevölkerung jemals einen Aids-Test gemacht.
Die Übrigen wissen oft nicht einmal, dass es so etwas gibt. F

"Ich persönlich kenne niemanden, der an Aids gestorben ist."
THABO MBEKI, Präsident Südafrikas, in einem Interview 2003
Von Marco Evers

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 2/2007
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