21.08.2007

PREUSSEN - DER KRIEGERISCHE REFORMSTAATGOTTESREICH AN DER OSTSEE

Erst verfolgte der Deutsche Orden die Pruzzen, die Ureinwohner jenseits der Weichsel, dann errichtete er einen der modernsten Staaten des Mittelalters. Der Bernstein-Handel ließ die Gotteskrieger reich werden, so dass sie lange Zeit sogar auf Steuern verzichten konnten.
Weithin sichtbar schimmert die dunkelrote Silhouette der größten, aus Backsteinen errichteten Burg Europas am Ufer der Nogat, einem Nebenfluss der Weichsel. Mehrere hundert Meter zieht sich die Außenmauer am Wasser entlang, biegt dann landeinwärts ab und umschließt ein Gebirge von Türmen, Wehrgängen, Zugbrücken und den prächtigen Hochmeisterpalast mit dem berühmten Sommerrefektorium. Nur eine einzige Säule trägt dessen herrliches Gewölbe mit den feinen Rippen, die an Palmen erinnern, welche den Kreuzfahrern im Heiligen Land einst Schatten spendeten.
Die Anspielung ist kein Zufall, denn erbaut hat die 21 Hektar große Anlage der Marienburg vor 700 Jahren der "Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem", Deutscher Orden genannt, und seine Ursprünge liegen im Palästina zur Zeit der Kreuzzüge. Kaufleute aus Bremen und Lübeck hatten damals eine Spitalbrüderschaft gegründet, die Pilger und Kreuzfahrer medizinisch versorgte. 1198 wurde daraus ein Ritterorden, der deutsche Christen schützen sollte, die zu den heiligen Stätten pilgerten.
Die Gotteskrieger (Motto: "Helfen, Heilen, Wehren") waren bald für Disziplin, Opfergeist und Pflichtbewusstsein berühmt. Die Kunde von ihnen drang auch zum polnischen Herzog Konrad von Masowien, der vergebens versuchte, die baltischen Pruzzen im späteren Ostpreußen zu christianisieren. Im Winter 1225/26 bat er schließlich den Orden um Hilfe. Und mit dieser polnisch-deutschen Kooperation begann die politische Geschichte der späteren Großmacht Preußen.
Herzog Konrad hatte eine begrenzte Zusammenarbeit mit den Männern in den weißen Mänteln vor Augen; der Orden suchte jedoch seit längerem nach einem geschlossenen Terrain, um einen eigenen Staat zu gründen. Der heidnische Nordosten Europas schien vielversprechend.
Ordenschef Hermann von Salza - sein Titel lautete Hochmeister ("magister hospitalis") - ließ sich daher nicht nur vom Herzog das Kulmer Land jenseits der Weichsel schenken, sondern erwirkte von Kaiser Friedrich II. das Recht, alle Eroberungen zu behalten. Auch der Papst stellte sich hinter den Orden und erklärte Ostpreußen zum Kreuzzugsgebiet.
Im Frühjahr 1231 überquerte ein Trupp Ordensritter mit 1000 Mann Gefolge die Weichsel und errichtete erste Ordensburgen auf preußischem Boden. Es waren meist nur von Wällen geschützte Wehrbauten aus Holz, die Arbeit an der prächtigen Marienburg - dem späteren Ordenssitz - begann erst 40 Jahre danach. Aber schon bei den ersten Landnahmen zeigte der Orden seine Leistungsfähigkeit.
In immer neuen Feldzügen stießen dessen Heere entlang der Küste vor und gründeten Städte, über hundert insgesamt, deren gitterförmiges Straßennetz noch heute auf den Stadtplänen erkennbar ist: in Thorn (polnisch Torun), Kulm (Chelmno), Elbing (Elblag). Das Ordenshaus lag meist an einer Ecke oder am Stadtrand. Mancher Ortsname erinnert an den Gründer; Königsberg etwa, das heutige Kaliningrad, wurde nach König Ottokar II. von Böhmen benannt, der wie viele Adelige aus ganz Europa an den Kreuzzügen gegen die Pruzzen teilnahm. Nach kirchlicher Lesart ließen sich damit Sünden tilgen.
Es muss ein unwirtliches Gelände gewesen sein, durch das die Ritter ihre Pferde lenkten: Sümpfe, Seen und Urwälder aus Eichen, Weißbuchen und Birken. Die Kiefern und Fichten der Masurischen Seenplatte, die heute Touristen anziehen, stammen aus späterer Zeit.
Über die Pruzzen, die in dieser Wildnis lebten, ist wenig bekannt. Ungefähr 1800 Worte ihrer Sprache sind überliefert, darunter Ortsnamen wie Sangnitten, Canditten oder Willgaiten; ihre Götter hießen Pattollo oder Wurschaito.
Der Sage nach kam das baltische Volk aus Gotland; es wird als groß, blond, blauäugig und überaus hilfsbereit beschrieben. Der Name "Pruzzen" könnte sich vom litauischen "prausti" ("waschen") oder einer Bezeichnung für Pferdezüchter herleiten: Das kaschubische "prus" bedeutet "Hengst". Besonders empörte die christlichen Kämpfer, dass die Pruzzen mehrere Frauen haben durften.
Gut ein halbes Jahrhundert, bis 1283, dauerte die Eroberung, von den ungefähr 170 000 pruzzischen Ureinwohnern im späteren Ostpreußen lebten anschließend nur noch 90 000. Was mit den anderen geschah, ist nicht in allen Fällen eindeutig zu beantworten.
Die Missionierung mit dem Schwert war de jure verboten, der Orden sollte nur die pruzzischen Stämme befrieden und das Seelenheil der Heiden der Kirche überlassen. Wie blutig diese Praxis verlief, ergibt sich aus einem Bericht, den der Chronist Peter von Dusburg über den Sieg des Ordens über ein Pruzzenheer bei Riesenburg geschrieben hat:
"Dort verschlang das geschwungene Schwert der christlichen Ritterschaft das Fleisch der Ungläubigen, hier schlug ihr Speer blutige Wunden ... und so wurde ein großes Blutbad unter dem Volk der Prussen angerichtet; an diesem Tage fielen nämlich über 5000. Darauf kehrten die Kreuzfahrer alle freudig heim und lobten die Gnade des Erlösers."
Sicher ist, dass die Kreuzritter immer wieder heidnische Männer ermordeten, Frauen und Kinder gefangen nahmen, Hütten und Dörfer abfackelten. Allerdings galt der Kampf gegen die Heiden den Zeitgenossen als Gottesdienst, und so vermuten heute Historiker, dass manche Darstellung Dusburgs - des wichtigsten Zeugen - übertrieben ist.
1249 ordnete der Papst an, dass Pruzzen, die sich und ihre Kinder nicht innerhalb eines Monats taufen ließen, allen Besitz verlören und das Land verlassen müssten. Den christianisierten Pruzzen hingegen versprach das Kirchenoberhaupt die "Freiheit eines Christenmenschen" und eine Garantie ihrer Habe.
Dennoch wanderten viele Ureinwohner lieber ins benachbarte Litauen ab, wo der Papst (noch) nichts zu sagen hatte. Andere ließen sich nur pro forma bekehren und folgten insgeheim weiter den alten Riten. Erst mit der Reformation kam das Christentum in alle Winkel des Landes.
Deutsche und polnische Historiker haben in der Vergangenheit den Kampf zwischen Pruzzen und dem Orden zu einem nationalen Konflikt stilisiert. Doch im Heer des Ordens fochten auch polnische Adelige. Gelegentlich verbündeten sich Pruzzen und Christen gegen andere Pruzzen oder Christen.
Nach Ansicht des Historikers Andreas Kossert entwickelte sich Preußen sogar zu einem "Schmelztiegel". Im Süden siedelten Polen, deren Nachfolger nach Masuren weiterzogen, in den Norden und den Nordosten kamen Litauer. Ganz besonders förderte der Orden deutsche Siedler. Zunächst rollten die Wagen von Fernhändlern und ritterlichen Großgrundbesitzern heran. Dann machten sich Bauerntrecks im Altreich auf den Weg, sie liefen durch Pommern, Schlesien oder zogen die Netze entlang.
Ein preußisches Gemeinschaftsgefühl scheint um 1400 aufgekommen zu sein, maßgeblich beflügelt durch den bald sprichwörtlichen Wohlstand der "Herren in Preußen". Denn der Ordensstaat - bei der Christianisierung noch ganz dem Mittelalter verhaftet - zeigte in der effizienten Wirtschaftspolitik eine erstaunliche Modernität. Die Hochmeister ließen ein umfangreiches Deichsystem an der Weichsel errichten, das die Niederung vor dem berüchtigten Hochwasser schützte. Ein fruchtbares Gemüseanbaugebiet entstand - bis heute haben Erbsen, Bohnen und Zwiebeln aus Kwidzyn, ehemals Marienwerder, in Polen einen guten Ruf.
Das straffe Verwaltungssystem des Ordens war legendär. Dem Hochmeister standen sogenannte Großgebietiger zur Seite, die ihn berieten, etwa der Treßler (Schatzmeister), der Spitler (Leiter des Hospitalwesens), der Trapier (zuständig für Ausrüstung und Kleidung) oder der Marschall (Chef des militärischen Bereichs). Es gab einheitliche Längenmaße und Gewichte und auch eine einheitliche Währung.
Und so blühte der Handel. Preußen exportierte Holz für den Schiffbau nach England und bezog von dort Tuche; preußisches Getreide ging in fast alle westeuropäischen Städte. Und immer wieder Bernstein, das als Material für Rosenkränze geschätzt und auch in den Orient ausgeführt wurde.
Der Orden hatte sich gleich nach dem Einmarsch ins Pruzzenland das sogenannte Bernsteinregal gesichert: Nur besonders befugte Untertanen durften das kostbare Harz sammeln und mussten es hinterher an den Orden verkaufen. Strandvögte wachten darüber, dass jedes Stück abgegeben wurde. Unbefugte Bernstein-Sammler riskierten die Todesstrafe. Aufgrund dieser Monopolstellung konnte der Orden die Menge des sogenannten Goldes der Ostsee knapp und damit die Preise hochhalten.
Vom Wohlstand profitierten viele der Zuwanderer. Die ersten 150 Jahre seiner Existenz verzichtete der Ordensstaat sogar fast vollständig auf Steuern, weshalb der Orden die Macht nicht - wie andere Territorialherren in Europa - mit den Ständen, also Adel, Städten und Klöstern, teilen musste. Gern erzählte man sich die Geschichte von einem Bauern, der einen Hochmeister bewirtete und dem Ordenschef einen Sack zum Sitzen anbot; der Sack war mit Gold gefüllt.
Nur an den Pruzzen ging der Aufschwung größtenteils vorbei. Sie wurden unterdrückt und mussten für die neuen Nachbarn malochen. Noch im 17. Jahrhundert wurde in einigen Landesteilen Pruzzisch gesprochen, dann verschwand die Sprache.
Der Ruhm ließ Preußen zu einer "Macht werden, die man gern zum Freunde hatte und von deren Kriegsführung und Verwaltung jeder Staatsmann lernen konnte", wie der Historiker Erich Weise schreibt. 1308 eroberten die Gotteskrieger das Herzogtum Pommerellen mit Danzig, später kamen auch Estland, Gotland und die brandenburgische Neumark dazu. Zeitweise herrschten die Hochmeister über ein geschlossenes Territorium mit mehr als 500 000 Menschen.
Freilich zeigten sich bald auch die Grenzen des Ordensstaates, der sich mit seinen Expansionsgelüsten zu übernehmen drohte. Offen blieb auch die Frage, ob prosperierende Städte wie Danzig, Elbing oder Königsberg auf Dauer die Vormundschaft der Kirchenkrieger akzeptieren würden.
Die Ordenschefs beherrschten in ihrer Hoch-Zeit das Land mit Hilfe von gut 120 Ordensburgen, deren Besatzungen sich mit Rauch-, Feuer- und Spiegelsignalen verständigten. Von manchen Festungen stehen noch Ruinen, andere dienen heute als Alten- und Pflegeheim, als Hotel oder - wie die Burg Tapiau - als Gefängnis.
Es waren damals hochmoderne Bauten, zugleich Festung, Verwaltungszentrale und Wohnung der Ritter, mit zentraler Luftheizung und Toiletten, was die Seuchengefahr minderte. Die Aborte befanden sich im sogenannten Dansker, einem Wehrturm mit Vorbauten, die über einen Graben reichten.
Die bekannteste Feste ist die Marienburg. Als 1309 Hochmeister Siegfried von Feuchtwagen den Sitz des Ordens von Venedig an die Nogat verlegte, wurde die Burg zu einer der prächtigsten Residenzen Europas ausgebaut, vergleichbar der Alhambra in Granada. Fast fünf Millionen Ziegelsteine sollen dafür gebrannt worden sein. An der Außenseite errichteten die Gotteskrieger eine über acht Meter hohe Marienstatue, die mit Mosaiksteinen verkleidet wurde. Sie kündete weithin sichtbar vom Triumph der Männer, auf deren weißen Mänteln ein schwarzes Tatzenkreuz prangte.
Paradoxerweise ging der christliche Ordensstaat ausgerechnet am Fortschreiten der Christianisierung zugrunde. 1386 ließ sich der litauische Großfürst Jagiello taufen, damit gab es keine heidnischen Territorien mehr in Ostmitteleuropa. Offiziell war der Auftrag des Ordens erfüllt. Die Litauer schlossen sich nun mit dem polnischen König zusammen, und gemeinsam nahm man den Ordensstaat von zwei Seiten in die Zange.
1410 kam es zur berühmten Schlacht bei Tannenberg, einer der größten Schlachten des Mittelalters. Einem Chronisten zufolgen unterlagen die Ordensritter, weil sie den Vorteil der Überraschung nicht nutzten: Hätte "das Ordensheer sofort angegriffen, sie hätten Ehre und Gut erwerben können". Stattdessen wurden sie umzingelt, ungefähr jeder dritte Ordensritter fand den Tod; auch Hochmeister Ulrich von Jungingen fiel. Anschließend plünderten die Sieger das Land und verlangten gigantische Kriegsentschädigungen.
Alle Versuche des Ordens, mit Hilfe von nun erstmals erhobenen Steuern zu alter Herrlichkeit zurückzukehren, schlugen fehl. Das Land war verwüstet, die Kassen blieben leer. 1454 wagten die großen Städte und ein Teil der Ritterschaft den Aufstand gegen die neuen Ansprüche. Wie unwichtig ethnische Zugehörigkeiten waren, lässt sich daran ersehen, dass die Rebellen den polnischen König um Hilfe baten.
Der Orden griff auf Söldner zurück und verpfändete als Sicherheit für die Soldzahlungen seine Burgen, darunter auch die Marienburg. 1457 ließen sich die böhmischen Landsknechte auf der Marienburg nicht länger hinhalten und verkauften die Wehranlage an den polnischen König. Der Hochmeister musste nach Königsberg ausweichen und im sogenannten Zweiten Thorner Frieden wertvolle Ländereien an Polen abtreten.
Das Ende kam dann ganz schnell: Ein Hochmeister nach dem anderen bemühte sich verzweifelt um Hilfe aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Vergebens. Der 1511 gewählte Albrecht von Brandenburg-Ansbach aus dem Hause Hohenzollern zog daraus die Konsequenz, verwandelte den maroden Ordensstaat in ein weltliches, also vererbbares Herzogtum und unterstellte den Staat dem polnischen König.
Im Namen des Herzogtums lebten die pruzzischen Anfänge fort: Es hieß Herzogtum Preußen. F
Von Klaus Wiegrefe

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.