18.12.2007

DIE RUSSISCHE REVOLUTION - EIN EXPERIMENTDIE ÄRA DER REVOLUTION

Keine Idee und keine Bewegung hat das 20. Jahrhundert so geprägt wie der Kommunismus - doch dessen Geschichte bis zu seinem fast lautlosen Zusammenbruch vor knapp zwanzig Jahren lässt sich als eine einzige Kette von Fehlkalkulationen und Katastrophen erzählen.
So wie die Sowjetunion ist noch keine Weltmacht der Geschichte abgetreten. Dabei ist sie weder besiegt noch gestürzt worden, im Gegenteil, der Kollaps kam nach einer mehrjährigen Phase der Entspannung und Abrüstung, im Augenblick des vielleicht tiefsten Friedens, den Europa und die Welt im 20. Jahrhundert gekannt haben. Noch im Sommer 1989 wäre jeder für verrückt erklärt worden, der vorausgesagt hätte, dass die östliche Supermacht und das um sie gescharte "sozialistische Lager" sich binnen drei Jahren ganz einfach auflösen würden. Aber genau so geschah es.
Umso rätselhafter erscheinen im historischen Rückblick die sieben Jahrzehnte des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs dieser Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Erstanden ist sie aus der Asche des Ersten Weltkriegs, der russischen Revolution von 1917 und des anschließenden Bürgerkriegs. Man könnte die Geschichte dieses Machtstaats neuen Typs sogar als eine einzige, nicht abreißende Kette von Unwahrscheinlichkeiten und Fehlgedanken, Illusionen und Katastrophen erzählen. Und nicht viel anders verhielte es sich mit der von Moskau einst ausgegangenen "kommunistischen Weltbewegung", die immerhin einmal als die größte und tiefgreifendste Massenbewegung des 20. Jahrhunderts erschien, bevor sie ähnlich überstürzt die Bühne verließ.
Eine solche Linie der Betrachtung müsste im Winter 1917 beginnen. Niemand hätte es damals für möglich gehalten, dass die extreme Aktionspartei der Bolschewiki die Staatsmacht, die sie in einem kurzen Moment des Patts und der Erschöpfung aller sozialen und politischen Kräfte in den Hauptstädten Russlands an sich gerissen hatte, für mehr als ein paar Wochen oder Monate würde festhalten können. Nicht einmal die Bolschewiki selbst glaubten das. Schließlich hatte ihr Führer Lenin gerade erst eine kühne, von den eigenen Genossen noch gar nicht verdaute Theorie-Improvisation in die Welt gesetzt: Es sei möglich, so behauptete er, auf Basis der staatlich gelenkten Kriegswirtschaft des alten Regimes direkt zum diktatorisch exekutierten "Kriegskommunismus" eines bolschewistischen Räteregimes überzugehen. Diese Perspektive sprengte alle Kategorien eines noch so radikal formulierten Marxismus ebenso, wie die kaum kaschierte Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner, dem deutschen Kaiserreich, alle Begriffe einer revolutionären Realpolitik überschritt.
Der Griff nach der Staatsmacht im Oktober/November 1917 bedeutete für die Parteigänger Lenins den Aufbruch in ein Niemandsland der Geschichte. Aus ihm gab es kein Zurück. Am ehesten ließ er sich vielleicht mit dem Zug der kleinen Scharen spanischer Conquistadoren ins Herz der unbekannten indianischen Großreiche Südamerikas vergleichen. Der "Kriegskommunismus" war denn auch wenig mehr als ein Euphemismus: eine salbungsvolle Umschreibung der bedingungslosen Ausrichtung aller Produktions- und sonstigen Aktivitäten auf die Erfordernisse eines Bürgerkriegs. Den eröffneten die Bolschewiki offensiv, den trieben sie mit allen Mitteln von Konfiskation, Aushungerung, Zwangsarbeit, Geiselnahme und Massenterror voran.
Die Resultate ihres Siegs nach drei Bürgerkriegsjahren waren rundum desaströs. Die materielle Produktion war auf einen Bruchteil der Vorkriegsziffern gesunken, das Land in den primitiven Naturaltausch zurückgefallen. Nach einer letzten Serie "konterrevolutionärer" Streiks waren die großen Fabrikzentren großteils aufgelöst, geplündert und stillgelegt. Wie Lenin in einer schneidenden Replik auf die parteiinterne "Arbeiteropposition" 1921 feststellte, gab es in Russland überhaupt keine Arbeiter mehr. Sie selbst, die Bolschewiki, waren jetzt eben die "führende Klasse". Aber auch eine Überschüsse produzierende Bauernschaft gab es kaum noch, so wenig wie regulär arbeitende Handwerker und Händler. Die glänzende Metropole St. Petersburg, die jetzt Petrograd hieß, bevor sie 1924 zu Leningrad wurde, war Anfang der zwanziger Jahre ähnlich entvölkert und verlassen wie Phnom Penh nach dem Sturm der Roten Khmer Mitte der siebziger Jahre. Und die Zahl der Opfer des Bürgerkriegs und der Hungersnot überstieg die des Weltkriegs bei weitem. Aber gerade inmitten dieses Chaos konsolidierten die Bolschewiki ihre Macht.
Noch "unwahrscheinlicher" war freilich die Tatsache, dass die mit drakonischer Härte neuformierte Rote Arbeiter-und-Bauern-Armee den Bürgerkrieg gewann. Es gelang ihr, in einer Kette von Feldzügen bis 1922/23 die meisten der abgefallenen, in selbständige Republiken verwandelten Gebiete der Ukraine, des Kaukasus und Zentralasiens zurückzuerobern. Dabei hätte niemand in der Welt einen Cent oder eine Kopeke darauf verwettet, dass das Russische Vielvölkerreich - anders das untergegangene Habsburger Reich oder das zerfallene Osmanische Reich - wieder in einen zentralisierten Staatsverband zurückzubringen wäre. Doch die Bolschewiki schafften es tatsächlich, den Kern des alten Imperiums wiederherzustellen. So vollbrachten sie, wie nationalistische Emigranten neidvoll anerkannten, "mit roten Händen die Sache der Weißen".
Allerdings waren sie weit davon entfernt, dieses gewaltsam zusammengeflickte Riesenreich auch wirklich zu beherrschen und zu durchdringen. Noch weniger waren sie in der Lage, die vitale "Anarchie der Kleinproduzenten" ihrem Kommando zu unterwerfen, die im Zuge der 1921 hastig eingeführten "Neuen Ökonomischen Politik" zu einer kräftigen wirtschaftlichen Erholung geführt hatte. Gerade deshalb rüsteten sie Ende der zwanziger Jahre unter Führung Stalins zu einem neuen Feldzug, der einem noch "unwahrscheinlicheren" Ziel diente: nämlich der totalen Kollektivierung aller agrarischen und industriellen Produktion im Rahmen zentraler "Fünfjahrpläne" sowie der Ersetzung jeglichen freien Handels durch ein System staatlicher Versorgung und Zuteilung. Parallel dazu wurden auch die letzten Äußerungen kultureller Eigenständigkeit und geistiger Unabhängigkeit, von der Religion bis zur Kunst, in einer wilden "kulturrevolutionären" Kampagne unter die Diktatur und Zensur der Partei gestellt. Ein so totales Monopol einer Partei auf die Lebensgestaltung aller gesellschaftlichen Subjekte hatte es noch nie und nirgends in der Geschichte gegeben.
Diese 1929 eingeleitete Politik der Kollektivierung und Gleichschaltung bedeutete einen von oben entfesselten, zweiten Bürgerkrieg, dessen sozialökonomische Folgen abermals verheerend waren: ein über Jahre dauernder Kollaps der agrarischen Produktion durch die Vernichtung des Bauerntums und der ländlichen Welt des alten Russland sowie seiner ukrainischen, jüdischen und muslimischen Grenzgebiete; die Einebnung fast aller historisch gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen und Arbeitsteilungen; der erneute Tod von Millionen Menschen durch Terror, Zwangsarbeit, Deportation, Hunger, Krankheit, Verzweiflung. Aber so wie es Lenin gelungen war, gerade im Chaos des ersten Bürgerkriegs einen eisern zusammengeschmiedeten neuen Machtapparat zu formen, so gelang es Stalin im blutigen Morast der Kollektivierung, einen neuen, weit überdimensionierten militärisch-industriellen Komplex und Staatsmoloch aus dem Boden zu stampfen.
H
Die Motive dieser gewaltsamen Neuformierung lagen vorwiegend im Inneren, weniger im Äußeren, und schon gar nicht im Aufstieg der faschistischen Mächte. Mit Mussolinis Italien befand die Sowjetunion sich im besten Einvernehmen. Und die Machteroberung der Nationalsozialisten in Deutschland wurde anfangs mit bemerkenswerter Neutralität verfolgt, solange sich die "imperialistischen Widersprüche" verschärften. Die 1935 erfolgte Umstellung der von Moskau dirigierten Kommunistischen Internationale auf eine Politik der antifaschistischen "Volksfront" und "kollektiven Sicherheit" gehorchte rein taktischen Erwägungen und wurde bereits Ende 1938 stillschweigend wieder revidiert. Der überfallartig abgeschlossene Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, mit dem der Zweite Weltkrieg eröffnet wurde, traf jedenfalls weder in Moskau noch in Berlin auf Hindernisse prinzipieller Art.
In krassem Gegensatz zu diesen kaltblütigen Schachzügen auf der Weltbühne stand der paranoide Verfolgungswahn, der den engeren Stalinschen Machtzirkel in den dreißiger Jahren infiltriert hatte. Er war vom berechtigten Gefühl bestimmt, dass all die totale Macht auf sozialen Treibsand gebaut war. Die Art und Weise jedenfalls, wie die herrschende Partei in den Jahren des Großen Terrors von 1934 bis 1939 sich selbst und ihren aktiven Funktionärskader zerfleischte, gehörte zu den "unwahrscheinlichsten" Seiten des Aufstiegs zur Weltmacht.
Die Kerngruppe um Stalin vernichtete nicht nur die komplette alte Garde der Leninschen Oktoberrevolutionäre, die in Schauprozessen "gestehen" mussten, Verräter und Agenten im Dienste des deutschen, japanischen, britischen, französischen oder polnischen Imperialismus zu sein. Auch die Helden der eigenen Stalinschen Kollektivierungsrevolution wurden zu einem großen Teil verhaftet, gefoltert und ermordet. Zu ihnen gehörte die Mehrheit des 1934 gewählten neuen Zentralkomitees, der leitenden Funktionäre in den Ministerien, der frischgebackenen Industriemanager und Ingenieure, der jungen Kolchosvorsitzenden und Agrartechniker, der roten Professoren und Akademiker. Noch verheerender war der Schlag gegen die Generalität und das Offizierskorps der Armee, deren Angehörige zu Zehntausenden verhaftet und erschossen wurden.
Und selbst die führenden Kader des Geheimdienstes und des Justizapparats, die dieses Blutbad organisiert hatten, wurden immer wieder durch frischrekrutierte jugendliche Nachrücker ersetzt und in die Erschießungskeller mitten in Moskau geschleppt, die sie selbst errichtet hatten. Für ein solches Massaker in Friedenszeiten gab und gibt es keinerlei historische Präzedenz. Und es ist eine bis heute nicht zu beantwortende Frage, wie ein Staats- und Gemeinwesen einen solchen monströsen "Blutaustausch" (Stalin) seines eigenen Personals überhaupt überleben kann.
Mit und neben diesen treuen Dienern der Macht starben Hunderttausende ehemaliger Bürger und Bauern, Offiziere und Beamte, die vor Massengräbern an der Peripherie der großen Städte erschossen wurden. Sie alle galten als "gewesene Menschen" und wurden nach Quoten verhaftet. Darüber hinaus wurden Millionen willkürlich ausgesonderter "Volksfeinde" einer Armee von Sklavenarbeitern eingegliedert. Dieser "Archipel Gulag" war freilich nur der zugespitzte Ausdruck allgemeiner Staatssklaverei, wie sie sozialistische Staaten in ihrer totalitären Formationsphase immer wieder praktiziert haben - in einem Geisterland wie Nordkorea bis heute.
H
Zu den Opfern des Großen Terrors der späten dreißiger Jahre gehörten auch Zehntausende in die Sowjetunion emigrierter Nazi-Gegner, spanischer Bürgerkriegskämpfer und exilierter ausländischer Parteiführer und Mitarbeiter der Internationale. Kurzum: die Blüte der um das rote Moskau gescharten kommunistischen Weltbewegung. Das ergänzte sich mit einem neuartigen Massenterror gegen "feindliche Nationalitäten" im Inneren der Sowjetunion: gegen Polen, Deutsche, Finnen, Esten, Koreaner, Griechen, Türken und so weiter - gegen alle, die ein "fremdes Vaterland" außerhalb der Grenzen der UdSSR hatten. Das Mutterland des "proletarischen Internationalismus" - in dem es der neuen Verfassung von 1936 zufolge keine Klassen mehr gab und alle Nationalitäten gleichberechtigt waren - verwandelte sich immer mehr in einen Hexenkessel der Xenophobie und der ethnischen Säuberungen. Diese Seite des Stalinschen Terrors, der sich nach 1939 in den frischeroberten baltischen, ostpolnischen und rumänischen Gebieten bruchlos fortsetzte, ist erst in jüngeren Forschungen deutlicher herausgearbeitet worden.
Aber dieser Schrecken ohne Ende war noch immer nicht der Tiefpunkt. Der kam, als sich das verbrecherische Spiel mit Hitlers Krieg, bei dem die Sowjetunion sich die östliche Hälfte Mitteleuropas kampflos (bis auf das widerborstige Finnland) als Beute einverleibt hatte, im Juni 1941 plötzlich gegen Stalin wendete. Der sowjetische Führer hatte Dutzende präziser Warnungen seiner Diplomaten und Agenten und dringende Vorstellungen seines Generalstabs in den Wind geschlagen. Seine unglaubliche Fehlkalkulation führte zum katastrophalsten Zusammenbruch der Militärgeschichte. Binnen weniger Tage und Wochen verlor die hochgerüstete, offensiv aufgestellte Rote Armee das Gros ihres Materials und ihrer Truppen. Millionen Rotarmisten wanderten in eine Gefangenschaft, die sie nicht überleben sollten. Das Land lag wie in Hitlers wahnwitzigsten Fieberträumen dem deutschen Versklavungs- und Vernichtungsfeldzug offen. Erst in den auf Messers Schneide stehenden Winterschlachten vor Moskau, Stalingrad und Leningrad rannte der sich fest.
Doch so "unwahrscheinlich" das war: Vor allem das alte und neue Staatsvolk der Russen scharte sich in dieser Stunde der äußersten existentiellen Herausforderung noch einmal um seinen Führer. Der nannte seine Untertanen plötzlich "Brüder und Schwestern" und proklamierte statt der Verteidigung des Sozialismus den Großen Vaterländischen Krieg. Hunderttausende "Hiwis" (Hilfswillige), Russen wie Nichtrussen, die sich den Hitler-Armeen als vermeintlichen Befreiern zur Verfügung stellten, erkannten bald, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen waren. Unter beispiellosen Menschenverlusten trat die mit Amerikas Hilfe neu ausgerüstete Rote Armee ab 1943 wieder den Vormarsch an, der sie im Frühjahr 1945 bis nach Berlin führen würde.
Hinter den Fronten, noch mitten im Krieg, und erst recht dann nach dem Sieg, vollzog sich ein neues, ungeheuerliches Strafgericht. Opfer waren diesmal nicht nur Millionen Kollaborateure, sondern alle als unzuverlässig erklärten Völkerschaften der Sowjetunion. Sie wurden (wie etwa die Tschetschenen) mit Frauen, Kindern und Greisen unter mörderischen Bedingungen in die unwirtlichsten Gebiete des Reiches deportiert. Alle Hoffnungen auf eine Milderung oder Demokratisierung des Regimes, die sich an die antifaschistische Kriegskoalition mit den westlichen Demokratien geheftet hatten, wurden schon vor dem Ende des Krieges radikal enttäuscht.
Und doch sonnte sich Stalin 1945 im milden Lichte eines überlebensgroßen Ruhmes als Sieger des Weltkriegs und Retter des Vaterlandes. So hart am Abgrund sein Regime in den Jahren der Kollektivierung, des Terrors und des militärischen Zusammenbruchs gestanden hatte, so ungefährdet konnte es sich nun in der verwüsteten Nachkriegslandschaft des abermals erweiterten Sowjetimperiums von neuem etablieren. In einer Art retrospektiver Sinnstiftung erschienen die vergangenen Jahre der Kollektivierung und des Terrors vielen Menschen nach den Kriegsschrecken sogar als Beweis der Weitsicht des Führers. Die wiedergewonnene Weltmacht galt als eine Kompensation aller Leiden und Entbehrungen.
Auch die Länder Mittelosteuropas, die auf den alliierten Konferenzen in Teheran, Jalta und Potsdam dem Machtbereich der UdSSR zugeschlagen worden waren, waren ausgepowert von Faschismus, Krieg und Besatzung. Sie hatten dem Versuch Moskaus, sich einen Gürtel neuer "volksdemokratischer" Satellitenstaaten zu schaffen, wenig entgegenzusetzen. Als 1947 der "Kalte Krieg" mit den vormaligen westlichen Verbündeten ausbrach, reichte die Macht Stalins bereits bis in die Mitte Europas.
Diese weit überdehnten Linien wurden durch die siegreichen Vormärsche kommunistischer Volksbefreiungsarmeen in China, Indochina und Korea nochmals weiter gezogen. Das "sozialistische Lager" reichte Ende 1949, nach Gründung der Volksrepublik China und der DDR, schon "von der Elbe bis zum Yangtze". Und in Korea setzten die Truppen des kommunistischen Machthabers Kim Il Sung in Absprache mit Stalin und Mao 1950 zu einem neuen Vormarsch an. Eine Uno-Koalition konnte ihn nur in einem verheerenden Luft- und Landkrieg stoppen.
H
Der ungeahnte Zuwachs an Verbündeten produzierte im Moskauer Zentrum wieder nur neue Schübe paranoiden Wahns. Mit dem Ausbruch des Kalten Krieges und der Gründung Israels 1948 wurden vor allem die sowjetischen Juden zur "feindlichen Nationalität", die als kollektiver Agent der kosmopolitischen westlichen Zivilisation als besonders gefährlich erschien. Parallel dazu wurde Tito, der eigensinnige Führer der jugoslawischen Kommunisten, über Nacht exkommuniziert und zum "neuen Trotzki" und "Faschisten" umdeklariert. In sämtlichen Vasallenstaaten Mittelosteuropas wurde unter der Regie sowjetischer Geheimdienstoffiziere in einer gespenstischen Wiederauflage der Schauprozesse und Säuberungen der dreißiger Jahre die schmale Schicht loyaler Führungskader auf "Titoisten" oder "Zionisten" hin durchkämmt und blutig dezimiert. Auch mit dem China des Großen Vorsitzenden Mao Zedong, der alle Sowjet-Einmischungen schroff abwehrte und sich selbstbewusst Stalin zur Seite stellte, gab es die ersten Differenzen, die sich bald zum fundamentalen Schisma der kommunistischen Weltbewegung auswachsen.
Doch inmitten all dieser Turbulenzen gelang es der ausgebluteten UdSSR in einem Kraftakt, bei der Entwicklung der Atomwaffen mit den USA gleichzuziehen. Aus einer gepanzerten Landmacht wurde noch unter Stalin, vollends unter seinen Nachfolgern, eine Luftmacht mit Fernbombern und Raketen. In den späten fünfziger Jahren übertrumpfte sie die Vereinigten Staaten sogar für eine kurze Zeit. Damit nicht genug, begann die Sowjetunion, eine Flotte auf die Weltmeere zu entsenden, die neben der amerikanischen die größte der Welt und der Geschichte werden sollte. Beide Weltmächte konnten sich nun mehrfach atomar vernichten, was ihnen den trügerischen Status von "Supermächten" verlieh.
Mit diesen eskalierenden Rüstungswettläufen wurde das magere Sozialprodukt der Sowjetunion allerdings in Größenordnungen belastet, die erst recht beispiellos waren. Dazu gesellten sich immer neue politische und moralische Erschütterungen:
Das Tauwetter nach Stalins Tod und die Enthüllungen seines Nachfolgers Chruschtschow, der auf dem 20. Parteitag 1956 einen Zipfel vom Leichentuch über den Massenverbrechen der Stalin-Ära aufdeckte; die nicht abreißende Kette der oft mit Panzern niedergewalzten Revolten - von Ost-Berlin 1953, Posen und Budapest 1956 bis Prag 1968 und Danzig 1970; die Bildung einer hartnäckigen Dissidentenbewegung im eigenen Land, die trotz aller Isolation mit dem Nobelpreis für Alexander Solschenizyn 1970 und der Veröffentlichung des "Archipel Gulag" im Westen weltpolitische Statur gewann. Das alles nahm der Sowjetunion bereits einen Großteil ihrer Aura von welthistorischer Überlegenheit.
Trotz aller Revolten und Schismen im eigenen Block erweiterte sich im Zuge der antikolonialen Befreiungsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre das um die Sowjetunion gescharte "sozialistische Lager" noch einmal. Von Kuba bis Angola, von Äthiopien bis Afghanistan entstanden bis weit in die achtziger Jahre hinein immer neue "Volksrepubliken". Viele waren allerdings nur mit massiver militärischer und wirtschaftlicher Hilfe der Sowjetunion lebensfähig. In Afghanistan verstrickte sich die sowjetische Armee ab 1979 schließlich in einen Guerillakrieg, der dem glich, den die USA in Vietnam gerade fluchtartig hinter sich gelassen hatten. So viele Verbündete und Stützpunkte die Sowjetunion des greisen Leonid Breschnew nun weltweit besaß, so viele Klienten und Schuldner hatte sie.
H
Nachdem Ronald Reagan die Rüstungsschraube noch einmal angezogen hatte, verzehrten die Ausgaben der UdSSR für Rüstung und "internationalistische Hilfe" an die 30 Prozent des Sozialprodukts. Vom "Einholen und Überholen" des weltpolitischen Rivalen im Wettstreit der Systeme war ohnehin längst keine Rede mehr. So war der atomare Super-GAU von Tschernobyl 1986 nur das handgreifliche Menetekel eines beginnenden inneren Zusammenbruchs.
Verzweifelt bemühte sich der 1985 an die Macht gekommene Generalsekretär Gorbatschow, durch mutige Rückzüge, drastische Abrüstungen und halbherzige Reformen das Imperium zu retten. Die Welle der Bürgerrechtsbewegungen, die 1980 mit der "Solidarnosc" in Polen begonnen hatte, setzte sich in der DDR und anderen Ländern Mittelosteuropas fort. Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 bedeutete im buchstäblichen Sinne einen Dammbruch. Gorbatschow erhielt für dessen Hinnahme aus der Feder des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger das Prädikat eines "Helden des Rückzugs". Der hatte er ganz bestimmt nicht sein wollen.
So mündete der "Umbau" (russisch "Perestroika") des Imperiums schließlich in einem sang- und klanglosen Kollaps der Sowjetunion selbst, der in vieler Hinsicht dem des Zarenreiches 1917 ähnelte - nur eben im Frieden statt im Krieg. Die Öffnung des Landes zum Weltmarkt und der direkte Kontakt mit den subversiven Lebensstilen und Informationswelten des Westens waren womöglich bereits der Todeskuss. Wie ein amerikanischer Wissenschaftler 1991 süffisant feststellte, hatte die Sowjetunion "die beste Wirtschaft der Welt nach den Maßstäben der 1890er Jahre aufgebaut". Sie produzierte ungeahnte Mengen an Stahl und Beton, an Roh- und Energiestoffen, an Panzern und Lkw - aber keinen konkurrenzfähigen Pkw und keinen allgemein käuflichen PC. Darin drückte sich kein technisches Unvermögen, sondern eine gesellschaftliche Erstarrung aus. Durch ihre jahrzehntelange Abschottung von der übrigen Welt und durch das Regime staatlicher Zensur hatte die Sowjetunion sich von einem großen Teil der modernen Kommunikation und des zeitgenössischen Weltwissens abgekoppelt. In diesem Sinne könnte man diagnostizieren, dass sie einen Hirnschlag beim Eintritt ins Informationszeitalter erlitten hatte.
So etwa sähe ein "Kurzer Lehrgang der Geschichte der KPdSU" im retrospektiven Zeitraffer aus. Alle suggestiven Vorstellungen einer höheren, wissenschaftlich begründeten "historischen Notwendigkeit" erscheinen in dieser Betrachtung geradezu auf den Kopf gestellt. Historisch notwendig und begründet wäre dann nicht der Sozialismus, sondern sein Verschwinden.
Aber das wäre natürlich nur eine umgekehrte Einbahnstraße der Erklärung. Als Historiker wird man das Paradox einer derart "unmöglichen" und dennoch möglichen Gesellschaftsformation, wie es die verblichene Sowjetunion war, positiv auflösen müssen. Die Frage muss schon beantwortet werden, welcher historischen Räson die ein Dreivierteljahrhundert überspannende Entwicklungskurve des Weltkommunismus denn eigentlich gefolgt ist und welche lebendigen Motive sie getragen haben - Motive immerhin, die zeitweise einen Energiestrom von gewaltiger Stärke erzeugen konnten.
Diese Gegenerzählung müsste noch einmal zu den Anfängen der bolschewistischen Machteroberung in Russland 1917 zurückkehren. George Kennans Bezeichnung des Ersten Weltkriegs als der "great seminal catastrophy" des 20. Jahrhunderts, wäre statt mit "Urkatastrophe" richtiger mit einer "Gründungskatastrophe" zu übersetzen. Der Weltkrieg selbst mit seinen auf alle Seiten des sozialen Lebens zugreifenden, "totalen" Tendenzen hatte bereits eine tiefgreifende Umwälzung im sozialen Gefüge und im kulturellen Gepräge der beteiligten Gesellschaften mit sich gebracht. Er war der Beginn und die Grundlage aller Revolutionen des Zeitalters.
Im vierten Kriegsjahr 1917 bewegten sich alle kriegführenden Mächte am Rande des Zusammenbruchs, ohne irgendeinen anderen Ausweg als den eigenen "Sieg" zu sehen. Denn alle Regierungen fürchteten die Ansprüche derer, die die Last des Krieges getragen hatten. Es war damit zu rechnen, dass Millionen junger Männer im Soldatenmantel Kompensation für ihre Leiden und Opfer fordern würden, erst recht natürlich im Falle eines Zusammenbruchs, einer Niederlage oder eines fruchtlosen Sieges. Man könnte von einem nach innen gerichteten sozialen Revanchismus sprechen, der sich in der Revolution des zerbrechenden russischen Vielvölkerreiches 1917 nur am frühesten und gewaltsamsten entwickelte.
Lenins kaltblütige Formel von der Umwandlung des Weltkriegs in einen Bürgerkrieg war insofern von großer prognostischer Hellsicht. Sie wurde im Frühjahr und Sommer 1917, ganz unabhängig von jeder bolschewistischen Propaganda, zur beklemmenden Realität. Aber auch seine These, dass gerade die imperialistische Kriegswirtschaft die Mittel für einen direkten Übergang zum Sozialismus liefere, war ein überaus zeitgemäßer Gedanke; er wurde damals in vielen, wenn auch weniger radikalen Varianten gedacht.
Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass es nach diesem aus der globalisierten Realität der kapitalistischen Mächte entsprungenen Weltkriegs erstrebenswert oder möglich sein würde, einen integrierten Weltmarkt wiederherzustellen. Der hatte zwar die Basis des industriellen Aufschwungs der Vorkriegsjahrzehnte gebildet, aber auch die Schicksale jedes Landes mit dem aller anderen verwickelt. Im Übrigen hatten die in Deutschland und Großbritannien als "Kriegssozialismus" bezeichneten Systeme staatlicher Planung, Rohstoffbewirtschaftung und allgemeiner Arbeitspflicht in den ersten Kriegsjahren erstaunliche Leistungsfähigkeit gezeigt. In ihr auch die Lösung einer neuen, "höheren" Nachkriegsordnung zu suchen, erschien vielen fast zwingend.
Mehr noch: Begriffe wie "Kriegssozialismus" oder "Volksgemeinschaft" hatten in allen am Weltkrieg beteiligten Ländern nicht nur Erwartungen auf demokratische Teilhabe und soziale Anerkennung geweckt. Sie hatten auch schwärmerische Erwartungen einer neuen Einfachheit, Sittlichkeit und Sinngebung des Lebens hervorgebracht. Die Erfahrung des menschenvertilgenden Krieges hatte diese Erwartungen nicht ernüchtert, sondern noch gesteigert. Apokalyptische Formeln wie "Weltende" oder "Menschheitsdämmerung" (um die Titel berühmter Anthologien deutsch-expressionistischer Dichtung zu zitieren) enthielten bei aller Beschwörung des Unheils zugleich entgrenzte Heilsvorstellungen. Auch insofern war die nahezu religiöse Aufladung der Vorstellungen von einer vollkommen neuen, "höheren" Ordnung kein Privileg der Bolschewiki, sondern entsprach einer fast allgemeinen Zeitstimmung.
H
Man kann weitergehen und sagen, dass gerade im "totalitären", aufs gesellschaftliche Ganze zielenden Anspruch ihre eigentliche soziale Attraktion und emotionale Bindekraft lag. Im narkotischen Gemisch aus Ideologie und Propaganda, in die das bolschewistische Regime sich von Beginn an wie in eine Wolke hüllte, flossen die Themen und Stoffe einer ganzen Reihe zeittypischer Utopismen zusammen. Der Krieg hatte ihnen, so schien es, nur eine neue Dringlichkeit gegeben. Dazu gehörte ein Utopismus der Jugend gegenüber allem, was als "alt" und historisch überkommen galt; ein Utopismus von Technik und Wissenschaft, der im russischen Kontext früh schon Formen einer naiven Wissenschaftsmagie oder Technikgläubigkeit angenommen hatte; ein Utopismus des sozialen Ingenieurstums, der Kreierung eines homogenisierten, gesunden und geschlossenen Gesellschaftskörpers; ein Utopismus der universellen menschlichen Erziehung, der sich "materialistisch" unterfütterte und im Ideal des "neuen Menschen" kulminierte; ein Utopismus des totalen Künstlertums, der schon in den russischen und internationalen Avantgarden der Vorkriegs- und Kriegsjahre auftauchte und im Bündnis mit der Macht die Welt als Gesamtkunstwerk gestalten wollte; und so weiter.
Aus demselben Fonds apokalyptischer Gefühle und Erwartungen schöpften freilich auch die anderen totalitären Bewegungen. Sie entwickelten sich im Schoße dieses Weltkriegs neben dem Bolschewismus und in Konkurrenz zu ihm unter neuen Bezeichnungen wie "Faschismus" oder "Nationalsozialismus". Genährt aus der fanatischen Beschwörung von Zusammenbruch und Niederlage, wie in Deutschland, oder von einem "gestohlenen Sieg", wie in Italien, lassen sie sich als Projekte zur Fortführung des Weltkriegs mit anderen Mitteln beschreiben: mit den Mitteln politischer Diktatur, ideologischer Mobilisierung, organisatorischer Erfassung, wirtschaftlicher Planung, allgemeiner Militarisierung und radikaler Homogenisierung. Und in jeder dieser Konzeptionen setzte der Aufstieg aus der Asche des Weltkriegs das Stahlbad eines Bürgerkriegs voraus.
H
Für die kommunistischen Parteien wie für ihre faschistischen Rivalen gilt, dass ihre ursprünglichen "revolutionären Subjekte" weniger die stets beschworenen Proletariermassen als vielmehr radikale Fraktionen der Intelligenz waren. Die stellten sich an die Spitze meuternder oder demobilisierter Soldaten und Matrosen von überwiegend ländlicher Herkunft. Der magnetische Machtpol einer Kampfpartei, die aufs Ganze zu gehen versprach, zog darüber hinaus entwurzelte und aktionslustige Elemente jeglicher Herkunft wie Eisenspäne an. Wer mit von der Partie war, mochte heute "nichts" und konnte morgen "alles" sein. An die Stelle der alten Eliten und ihrer Beamtenapparate traten neue Staats- und Machtorgane. Schon in diesem Positionstausch lag ein gewaltiges soziales Versprechen - je radikaler, umso größer.
Demokratie und Liberalismus schienen anachronistisch gewordene Luxusgüter saturierter bourgeoiser Gesellschaften zu sein. Zwar hatten die westlichen Sieger es noch einmal geschafft, in Versailles, St. Germain, Neuilly und Trianon die Weltkarte neu zu zeichnen. Aber das britische Empire war in unaufhaltsamem Abstieg. Und die USA, die sich auf ihren Kontinent zurückgezogen hatten, boten trotz allen Glamours der Roaring Twenties in vieler Hinsicht ein abstoßendes Bild von Mafia-, Rassen- und Klassenkriegen. Die Weltwirtschaftskrise von 1929/30 machte vollends deutlich, dass es nicht gelungen war, das 1914 zerrissene Netz des freien Welthandels und eines funktionierenden internationalen Währungssystems wiederherzustellen.
Diese "Große Depression" hielt bis weit in die dreißiger Jahre hinein an. In all den krisenhaften Auf- und Abschwüngen war noch kaum sichtbar, was im Rückblick auf das 20. Jahrhundert offenkundig wird: dass der westliche Kapitalismus, nicht der östliche Sozialismus sich - in den Worten des Postmarxisten Eric Hobsbawm - als die eigentliche "Kraft der permanenten, ununterbrochenen Revolution" des Jahrhunderts erwies. Damals schienen die sowjetischen Fünfjahrpläne mit ihren gigantischen statistischen Zuwachsziffern dagegen das schlagende Gegenmodell zum krisengeschüttelten Weltkapitalismus abzugeben.
Der parallele Aufstieg der faschistischen Mächte mit ihren offen erklärten Expansionszielen und Weltmachtambitionen wiederum konnte als eine radikalere Variante des bürgerlich-kapitalistischen Imperialismus und Kolonialismus verstanden werden. Mit der der "Achse" Berlin-Rom-Tokio, die durch einen "Antikomintern-Pakt" ideologisch unterfüttert wurde, schien umgekehrt der um Moskau gescharten Internationale die Würde der Vormacht eines kämpferischen Antifaschismus und Antinazismus zuzuwachsen. Und während in Spanien Demokraten und Sozialisten gegen die faschistische Fronde kämpften, standen die "alten" Mächte des Westens als Beschwichtiger (appeaser) da. Oder, schlimmer noch, als zynische Komplizen der aggressiven "jungen" Achsenmächte, die von China bis Äthiopien, vom anschlusswilligen Österreich bis zur aufgegebenen Tschechoslowakei auf neue Eroberungszüge ausgingen. Alle verstörenden Nachrichten über Chaos, Hunger und Terror aus Stalins Sowjetunion drangen unter diesen Umständen kaum in die Weltöffentlichkeit - oder schienen eben durch diesen heraufziehenden Zweiten Weltkrieg gerechtfertigt.
Es war Stalin, der in seiner "Kastanienrede" im März 1939, kurz vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag, die Westmächte höhnisch darauf hinwies, dass durch die Aggressionen der faschistischen Mächte in erster Linie ihre eigenen kolonialen Besitztümer und Einflusssphären in Gefahr waren. Die Sowjetunion habe durchaus andere Optionen. Das über Nacht geschlossene stille Kriegsbündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland vom August 1939 stellte denn auch tatsächlich eine völlig neue weltpolitische Konstellation her.
Wie Stalin dem Chef der Kommunistischen Internationale, Georgij Dimitrow, am 7. September 1939 auseinandersetzte, sei es überhaupt "nicht schlecht, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte" und Hitler "ohne es zu verstehen und zu wollen, das kapitalistische System zerrüttet und untergräbt". Noch besser sei es, "wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und die Bevölkerung ausdehnen". Diese menschenverachtende, aber vorausschauende Politik ermöglichte es der Sowjetunion, zuerst im Windschatten der fieberhaften Aggressionen Hitlers ihre eigene Position auszubauen und dann auf den Trümmern seines "Dritten Reichs" zu einem neuen weltpolitischen Vormarsch anzusetzen.
Parallel zur Auflösung der Kommunistischen Internationale im Jahr 1943 fusionierten alle mit der Sowjetunion verbundenen Parteien ihre sozialistischen Doktrinen programmatisch mit den Zielen und Traditionen ihrer jeweiligen Nation. Jetzt konnten sie sich mit einer gewissen Glaubwürdigkeit als deren natürliche und konsequenteste Führer im Kampf um Unabhängigkeit und Befreiung darstellen. Nach den Rückzügen oder Zusammenbrüchen der deutschen, italienischen und japanischen Armeen hatte sich in Mittelosteuropa und in Asien ein Vakuum eröffnet. In ihm wagten Kommunisten am Ausgang des Zweiten Weltkriegs in einer Reihe von Ländern erneut den Griff nach der Staatsmacht.
In sozialökonomisch entwickelteren Gesellschaften wie Frankreich oder Italien waren sie, trotz ihrer führenden Rolle im antifaschistischen Widerstand, ohne Chance. In einigen Ländern Mittelosteuropas und Asiens konnten sie dagegen auch ohne Unterstützung der Roten Armee ihre Diktatur errichten. Generell haben kommunistische Parteien im 20. Jahrhundert nur gesiegt:
* in alten, vormodernen Großreichen wie Russland oder China;
* in prekären multinationalen Monarchien wie Jugoslawien;
* in Ländern wie Vietnam oder Korea, die in ihrem Widerstand gegen fremde Okkupanten und Kolonisatoren ebenfalls an ältere Reichstraditionen anknüpfen konnten.
* Oder sie schälten sich als neugegründete Staatsparteien erst aus dem Pulverdampf antiimperialistischer Aufstände, nationalistischer Militärputsche oder antikolonialer Befreiungsbewegungen heraus, wie in den sechziger und siebziger Jahren in Kuba, Angola, Mosambik, Südjemen oder Äthiopien.
Als Staatsgründer traten die Kommunisten direkt in die Fußstapfen der Nationalbewegungen ihrer Länder. Oft waren sie selbst nur eine radikale Fraktion dieser machtvollsten historischen Tendenz des Zeitalters, die von 1917 bis 1991 zur Gründung von etwa 130 neuen Staaten in der Welt geführt hat. Stalins Formel für die kommunistischen Revolutionen: "National in der Form, sozialistisch im Inhalt" lässt sich viel plausibler andersherum lesen. In der historischen Realität erwies sich der Sozialismus oder Kommunismus eher als eine "Form" oder ein Mittel, um sämtliche Kräfte und Ressourcen einer Nation - und erst recht einer neugeschmiedeten Hypernation wie der Sowjetunion - zentralistisch zusammenzufassen. So konnte man sich als Staat gegenüber den hegemonialen kapitalistischen Mächten behaupten.
Wenn es also eine verbindende Räson der kommunistischen Revolutionen und Staatsgründungen im 20. Jahrhundert gegeben hat, dann lag sie nicht in frommen Postulaten "sozialer Gerechtigkeit" oder "Brüderlichkeit und Gleichheit", sondern in der eisernen Schmiedung einer jeweils eigenen Nation. Jedenfalls erwies sich "der Kommunismus" am Ende als ein Konglomerat nationaler Kommunismen, die sich (anders als die Demokratien) manchmal auch untereinander in schwere zwischenstaatliche Konflikte und "rote Kriege" verstrickten - wie China mit der Sowjetunion, Jugoslawien mit Albanien, Vietnam mit Kambodscha oder China mit Vietnam.
Das genau war es, was die westlichen Regierungen, allen voran die der USA, im "Kalten Krieg" völlig missverstanden. Fast wie in einer ironischen Wiederaufnahme der hundertjährigen Formulierung des "Kommunistischen Manifests" sahen sie voller Schauder ein "Gespenst des Kommunismus" um die Welt ziehen, das es mit allen Mitteln zurückzuschlagen gelte. Das eigentliche Spielfeld für eine dritte Welle kommunistisch geführter Revolutionen im 20. Jahrhundert wurde paradoxerweise vielfach erst von einem repressiven Antikommunismus geschaffen. Denn der war zur Unterstützung jedes noch so reaktionären und diktatorischen Regimes bereit, wenn es sich nur als "pro-westlich" deklarierte. Auch der überfällige Rückzug der europäischen Kolonialmächte aus Afrika und Asien wurde durch den blinden Antikommunismus gewaltsam verzögert. (Die Parallelen zum aktuellen "Krieg gegen den Terror" und zum Gespenst eines um die Welt ziehenden Islamismus liegen wohl auf der Hand.)
Die Volksrepubliken von Jugoslawien bis China, Indochina, Korea oder Kuba waren aus den antifaschistischen, antiimperialistischen und antikolonialen Befreiungskriegen hervorgegangen. Am Ende unterlagen sie denselben Gesetzen einer sozialökonomischen und politisch-moralischen Regression wie ihr ursprüngliches Vorbild, die Sowjetunion. Sie alle konnten sich trotz anfänglich breiter Unterstützung nur um den Preis terroristischer Zurichtung und "Säuberung" der eigenen Gesellschaften behaupten.
Darunter waren einige der größten Massenverbrechen des Zeitalters, von den unermesslichen Menschenopfern des "großen Sprungs" und der "Kulturrevolution" in China bis zu den archaischen Massakern der Roten Khmer oder dem erstickenden Regime der Kim-Dynastie in Korea. Am Ende wurde überall die Komplexität der gesellschaftlichen Arbeitsteilungen und Feingliederungen reduziert. Stets ging die forcierte Industrialisierung auf Kosten der agrarischen Ernährungsbasis des Landes und diente in erster Linie dem Aufbau militärischer und repressiver Machtapparate. Und noch die propagandistisch herausgestellten Errungenschaften von Bildung und medizinischer Versorgung blieben stets den Zwecken des staatlichen Zugriffs auf die Köpfe, die Körper und die Lebenswelten ihrer Subjekte untergeordnet.
H
Wo sich kommunistische Parteien über den Zusammenbruch der Sowjetunion und des "sozialistischen Lagers" hinaus an der Macht haben behaupten können, da jedenfalls nur in ihrer Rolle als Hüter und Bewahrer ihrer Nation und als Garanten einer zentralen Staatlichkeit, der alle sozialen und ökonomischen Politiken letztlich untergeordnet sind - von der extremsten Staatssklaverei wie in Nordkorea bis zum exzessivsten Mischkapitalismus wie in China.
Die zentrale These Eric Hobsbawms in seinem großen Rückblick auf das "Zeitalter der Extreme" mutet angesichts all dessen noch ebenso paradox an wie vor 13 Jahren, als er schrieb: "Die Welt, die Ende der achtziger Jahre in Stücke brach, war eine Welt, die von den Auswirkungen der Russischen Revolution 1917 geprägt worden war." Erst die Präsenz der Sowjetunion habe die kapitalistische Welt des Westens nämlich zu jenen wirtschaftlichen und sozialen Reformen gezwungen, die ihre angestammte Überlegenheit wieder gesichert hätten. Somit habe der Kommunismus sich "als Retter des liberalen Kapitalismus" erwiesen. Und darin liege "eine der Ironien dieses denkwürdigen Jahrhunderts".
Man wird diese Ironie, wenn schon, noch etwas weitertreiben müssen. Denn wenn an Hobsbawms Gedanken überhaupt etwas Richtiges ist, dann gewiss nicht im Sinne jenes friedlichen "Wettkampfs der Systeme", den Nikita Chruschtschow bei seinem Besuch in den USA 1959 gleichsam mit einem Paukenschlag auf den Gulaschkessel vollmundig angekündigt hatte. Diese Konkurrenz haben die Länder des Kapitalismus nie fürchten müssen. Und für die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen des Westens waren die Verhältnisse im "realen Sozialismus" selten ein Ansporn, eher schon eine Hypothek.
Wenn die Herrscher des Westens und des Weltmarktes etwas gefürchtet haben, dann allenfalls jenes Gespenst eines "Weltkommunismus", das seit der russischen Revolution von 1917 um die Welt zog - und letztlich mehr in der Einbildung seiner Gegner als in der historischen Realität des 20. Jahrhunderts existiert hat. F

GERD KOENEN,
63, wurde mit Büchern wie "Das rote Jahrzehnt" und "Utopie der Säuberung" bekannt. Für die Studie "Der Russland-Komplex" wurde der Historiker und Essayist 2007 mit dem "Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung" ausgezeichnet.
Von Gerd Koenen

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Originelle Geschwindigkeitskontrolle: Der singende Asphalt
  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen
  • Trockenheit in Deutschland: Hohe Waldbrandgefahr - diesmal schon im Frühjahr