18.12.2007

SEITENBLICKBODENLOSE NAIVITÄT

FDer amerikanische Botschafter Joseph E. Davies, von US-Präsident Roosevelt 1936 nach Moskau geschickt, hält sich selbst für einen unvoreingenommenen Mann und dabei gern auf dem Laufenden. "Viele gute Dinge", findet er, "sind unter dem jetzigen Regime verwirklicht worden." Und manche "edlen Unternehmungen" seien "noch geplant", die "Sympathie und Bewunderung erwecken".
Nie kann man wissen, wann die nächste gute Tat bevor- steht. Also zieht es Exzellenz in die Gerichtssäle, als Stalin mit seinen trotzkistischen Parteifeinden in Schauprozessen abrechnen lässt. Zwar findet Davies es unfair, dass es den Angeklagten an Verteidigungsmöglichkeiten mangelt. Russisch versteht er auch nicht. Dennoch erkennt er zweifelsfrei: Diese Prozesse haben "Hitlers fünfter Kolonne in Russland den Garaus gemacht". Der britische Kronanwalt Denis Nowell Pritt, ein linker Labour-Mann, findet den Prozess gegen Sinowjew und Genossen sogar "im Allgemeinen fair geführt". Zweifellos sind die Angeklagten "schuldig". Alle ausländischen Beobachter denken "das Gleiche", müssen es aber "aus Propagandagründen" abstreiten. Dass jede Antwort durch Folter erpresst und vom Untersuchungsrichter vorher festgelegt wurde, kann sich der Gentleman und spätere Ehrenbürger Leipzigs überhaupt nicht vorstellen.
Auch Bertolt Brecht, der in seinem Leben viermal in Moskau war, zuletzt 1955, um sich einen Stalinpreis abzuholen, zeigt für die Angeklagten der Moskauer Prozesse herzlich wenig Anteilnahme: Mit allem "Geschmeiß des In- und Auslandes" hätten sie sich gemeingemacht, alles "Parasitentum, Berufsverbrechertum, Spitzeltum" habe sich bei ihnen "eingenistet". Mit Verlierern wie Trotzki möchte Brecht nicht öffentlich in Verbindung gebracht werden. Im privaten Gespräch, 1931, nennt er ihn noch den "größten lebenden Schriftsteller von Europa", wie Freund Walter Benjamin im Tagebuch schreibt.
Das rote Moskau ist ein intellektueller Magnet in diesen Jahren. Doch die meisten Schlachtenbummler der Revolution verspäten sich. Sie wollen das Alte in Scherben fallen und neues Grün hervorsprießen sehen im Osten. Dort, wo nur ein halbes Jahrhundert zuvor Karl Marx nur "asiatische Barbarei" gesehen hatte, die jeden Moment "wie eine Lawine über Europa hereinbrechen" könne. Aber als die Revolutionstouristen endlich ankommen, ist Karl Radeks spöttischer Spruch über die drei Herrschaftsepochen der Menschheitsgeschichte längst Wirklichkeit geworden: Nach Matriarchat und Patriarchat bestimmt nun das bürokratische Sekretariat. Vor allem, was und wo links ist.
So loben sie, was ihnen geboten wird. Brecht 1935 die Einweihung der Moskauer Metro, zu der er von seinem Übersetzer Sergej Tretjakow eingeladen wird. Der deutsche Dichter schenkt der proletarischen U-Bahn ein Gedicht. In dem klettern viele "Männer und Mädchen" herzlich "lachend aus den Stollen", überall "fröhliches Gedränge" - kurzum, ein "wunderbarer Bau", und einer, in dem die Erbauer zugleich die Eigentümer sind.
Immerhin leitet der listige Brecht sein Werkchen mit einem verstohlenen "Wir hörten" ein. Denn dass der Moskauer Parteichef Lasar Kaganowitsch und sein Gehilfe Nikita Chruschtschow, wenn die Planerfüllung gefährdet scheint, ganze Belegschaften von Moskauer Fabriken zur Wochenend-Fron in die Metro-Schächte schaffen lassen, dass auf Verweigerung solcher "freiwilligen Sonderschichten" Lagerhaft steht - das sagt dem Dichter ja niemand.
Dann wird Brecht stiller. Sein Freund Tretjakow wird liquidiert, seine Freundin Carola Neher verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Gulag. Als der in Ost wie West gleich populäre Romancier Lion Feuchtwanger 1936 nach Moskau reist, ersucht ihn Brecht heimlich um Hilfe: "Vertraulich", bittet er, da er doch kein "Misstrauen gegen die Praxis der Union säen" möchte.
Feuchtwanger aber findet keine Gelegenheit zur kritischen Intervention. Auch er ist auf Loben eingestellt. "Mehr Licht als Schatten" sieht er in Moskau - und wird einer Audienz bei Stalin für würdig befunden.
Die "naive patriotische Eitelkeit der Sowjetunion" gefällt ihm "nicht übel", die politischen Prozesse und Todesurteile (bei dem gegen Karl Radek ist er im Gerichtssaal) hält er für gerechtfertigt: Schließlich kann Stalin, "dieser gescheite, überlegene Mann unmöglich die ungeheure Dummheit begangen haben, mit Hilfe zahlloser Mitwirkender eine so plumpe Komödie aufzuführen, lediglich zu dem Zweck, ein Rachefest, die Demütigung der Gegner, bei bengalischer Beleuchtung zu feiern".
Selten hat wohl einer so fahrlässig ein Terrorsystem als moralgesteuerten Wohlfahrtsstaat missdeutet. Mit seiner Beschreibung des Stalin-Reichs als "allein durch ethische Vernunft" bestimmt und als "Werk", zu "dem man von Herzen Ja, Ja, Ja sagen kann", führt Feuchtwanger die gebildeten Stände der westlichen Welt geradewegs in eine gefährliche pseudolinke, pseudosozialistische Irre.
Nur wenige Schriftsteller, deren Herz links schlägt, trauen sich, aus der ihnen zugedachten Jubel-Rolle zu fallen. Der Franzose André Gide beispielsweise, der unter dem Eindruck eines Moskau-Besuchs sein rosiges Bild vom sowjetischen Russland öffentlich und empört korrigiert. Und dafür prompt unter schweren stalinistischen Beschuss gerät. Oder der bajuwarisch-listige Oskar Maria Graf, der sich im Lenin-Mausoleum angewidert an Wallfahrten seiner Jugend nach Altötting erinnert fühlt. "Das ist nicht mein Lenin", schreibt er danach, "das ist nicht unser aller Lenin. Nein, nie und nimmer!" JÖRG R. METTKE
Von Jörg R. Mettke

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2007
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