29.01.2008

DER WEG IN DIE DIKTATURDIE UNTERWERFUNG

Einmal an der Regierung, machte sich Adolf Hitler das Land in kurzer Zeit untertan. Mit Terror und Notverordnungen, unterzeichnet vom Reichspräsidenten. Und mit Hilfe der vielen Deutschen, die freiwillig kollaborierten.
Seit dem 30. Januar 1933 war Adolf Hitler nun also Reichskanzler - ein Traum für seine Parteigänger, ein Alptraum für seine Gegner. Die meisten anderen aber schienen davon anfangs eher unberührt zu bleiben. Schulterzucken bei denen, für die Hitler nicht der große Heilsbringer war. Und wer sich nicht als Aktivist gegen die braune Partei verstand, lebte erst einmal sein Leben weiter - die bösen Erfahrungen der letzten Jahre, die große Wirtschaftskrise, ließen die meisten Menschen zweifeln, dass es zu Änderungen, also Verbesserungen, kommen könnte.
Manchen schien es einfach belanglos zu sein, dass es nun diesen Hitler in der Reichskanzlei gab. Londons Botschafter Horace Rumbold etwa beobachtete, dass die Ernennung des obersten Nationalsozialisten vielerorts "phlegmatisch" aufgenommen worden sei, und Karl Barth, ein führender evangelischer Theologe, wollte nicht glauben, dass jener Tag "in irgendeiner Richtung den Anbruch großer Neuigkeiten bedeuten" werde.
Andere wiederum waren überzeugt davon, der Ex-Gefreite Hitler werde nicht länger Kanzler sein als sein Vorgänger Kurt von Schleicher, der General: 57 Tage. Franz von Papen, Hitlers Stellvertreter im Amt, legte sich sogar fest: "In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht."
Irrtümer, wie sie größer nicht hätten sein können.
Ein Irrtum war es auch, sich vorzustellen, Hitler im Kabinett auf die Rolle des Juniorpartners festlegen zu können. In dieser Phantasie aber lebten Hitlers konservative Gefährten. Gewiss, seine Macht schien eng begrenzt: Die Reichswehr blieb Domäne des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, das Reichskommissariat für Preußen, des größten und wichtigsten Landes, kontrollierte Vizekanzler Papen, und Alfred Hugenberg, der Medienzar und Vorsitzende der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), genoss als Superminister - zuständig für Wirtschaft, Ernährung, Landwirtschaft - seinen vermeintlich großen Einfluss.
Doch Hitler war nicht der Mann, der sich mit der Rolle eines Juniorpartners begnügte. Der skrupellose Machtmensch war getrieben von einem so brennenden Ehrgeiz, und seine konservativen Steigbügelhalter waren ihm so wenig gewachsen, dass es systematischer Diktaturpläne gar nicht bedurfte. An Hitlers Griff zur Alleinherrschaft erscheint es Zeitgeschichtlern deshalb heute nicht bemerkenswert, wie viel der Reichskanzler unternehmen musste, um die Ausweitung und Festigung seiner Macht zu erreichen, sondern wie wenig. "Die Diktatur Hitlers", sagt der britische Historiker Ian Kershaw, "kam ebenso sehr durch andere zustande wie durch ihn selbst."
Dieser Marsch in den totalitären Staat, Start am 30. Januar 1933, Ziel am 2. August 1934 mit dem Tode Hindenburgs, war möglich durch eine, so Kershaw, "Mischung aus pseudogesetzlichen Maßnahmen, massiver Propaganda, Terror, Manipulation und - bereitwilliger Kollaboration". Für die praktische Umsetzung dieser braunen Revolution war schnell ein Begriff gefunden, der aus dem Fachwortschatz der Elektrotechnik stammt: Gleichschaltung.
Innerhalb von nur vier Wochen existierten die in der Weimarer Verfassung geschützten Bürgerrechte nicht mehr. Innerhalb von nur acht Wochen war nicht mehr das Parlament Herr der Gesetzgebung, sondern Hitler - viele seiner politischen Widerparts auf sozialdemokratischer und kommunistischer Seite waren geflüchtet, inhaftiert oder ermordet.
Innerhalb von nur 14 Wochen wurden die Gewerkschaften, die zu den mächtigsten der Welt gehört hatten, aufgelöst. Innerhalb von nur 23 Wochen waren die Oppositionsparteien verboten - oder sie hatten sich selbst aufgelöst. Übrig blieb nur noch eine Partei: die NSDAP.
Wie ein böses Geschwür hatte sich der totalitäre Staat in fast sämtliche Lebensbereiche hineingefressen. Am Ende, nach Hindenburgs Tod, hatten auch die Streitkräfte nichts Eiligeres zu tun, als Hitler ewige Treue zu schwören und "unbedingten Gehorsam" - zuvor waren Soldaten auf die Verfassung vereidigt worden.
Nur wenige erkannten offenbar die Bedeutung dieses letzten Schritts, einer war der jüdische Gelehrte Victor Klemperer. Nach Hindenburgs Tod schrieb er in sein Tagebuch: "Der vollkommene Staatsstreich wird vom Volk kaum gemerkt. Ich möchte schwören, dass Millionen gar nicht ahnen, was für Ungeheures geschehen ist."
Hitler hatte die Verfassung quasi außer Kraft gesetzt, aber er bediente sich ihrer eiskalt, wenn sie ihm Vorteile verschaffte - durch Notverordnungen, die der Reichspräsident in einsamer Entscheidung erließ, in den ersten 53 Tagen seit dem 30. Januar waren es glatte 20. Sie schufen, gleich zu Beginn, die "machtpolitischen Voraussetzungen für die pseudoparlamentarische Legalisierung der Diktatur", analysierte der Geschichtsforscher Karl Dietrich Bracher.
Thema Nummer eins war sofort nach Hitlers Regierungsantritt die Auflösung des Reichstags, waren die Neuwahlen. Der neue Regierungschef hoffte, auf diese Weise hinter die Reichsregierung die absolute Mehrheit zu bekommen. In der pazifistischen Zeitschrift "Weltbühne" schrieb Herausgeber Carl von Ossietzky: "Der Acheron schäumt." Acheron ist in der griechischen Mythologie der Fluss der Unterwelt. Ossietzkys Bild passte genau.
Im Kabinett machte Hitler keinen Hehl daraus, welche Absichten er verfolgte. In "bindenden Versprechungen" gab er, so ein Protokoll, die Marschrichtung vor: "a) Der Ausgang einer Neuwahl zum Reichstag solle keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der jetzigen Reichsregierung haben, b) die nun bevorstehende Wahl zum Reichstag solle die letzte Neuwahl sein. Die Rückkehr zum parlamentarischen System sei unbedingt zu vermeiden."
Neuwahlen, das hieß Wahlkampf, und Wahlkampf hieß in dieser Zeit: Auseinandersetzung bis zum Bürgerkrieg, Angriff auf das demokratische System, Hetze gegen Sozialdemokraten und Kommunisten. Dazu: Verhöhnung auch der deutschnationalen Hugenberg-Partei, die zusammen mit Hitler regierte und deren parlamentarische Basis mit 52 von 584 Mandaten ohnehin ziemlich schwach war.
Schon diese Zahl zeigte, wie wenig die konservativen Partner Hitlers in der Lage waren, den politischen Aufsteiger im Zaum zu halten. Hugenberg sollte recht behalten, als er nur kurz nach Antritt des Hitler-Kabinetts mit sich selbst haderte: "Ich habe die größte Dummheit meines Lebens begangen. Ich habe mich mit dem größten Demagogen der Weltgeschichte verbündet."
Am selben Tag, dem 31. Januar 1933, leitartikelte im "Berliner Tageblatt" der große Publizist Theodor Wolff über Hitlers, über Deutschlands Zukunft. Ja, man habe viel erreicht, ja, man werde "gewiss noch mehr" erreichen. Aber: Man werde "nicht verhindern, dass in einem großen Volke seelischer und geistiger Widerstand wächst und wartet, seinem eigenen Tage entgegenschwebt". Eine Hoffnung, die trog; der jüdische Journalist Wolff, heute Namensgeber eines der renommiertesten Auszeichnungen seines Berufsstandes, starb 1943 nach KZ-Haft in einem jüdischen Krankenhaus in Berlin.
Auch die Sozialdemokraten glaubten noch, die Braunen niederringen zu können. Die Arbeiterschaft stehe bereit, hieß es aus der SPD-Führung, "um den Abwehrkampf gegen alle reaktionären Bestrebungen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu führen". Und die KPD rief auf zum Generalstreik in Berlin, in anderen Großstädten und im Ruhrgebiet.
Doch der Kampf der Arbeiterbewegung gegen das braune Regime blieb aus. Warum? Sicher ist, dass Hitler einen solchen Ausstand fürchtete, doch angesichts der Massenarbeitslosigkeit war von vornherein fraglich, ob genügend Beschäftigte die Arbeit niederlegen und ihren Job riskieren würden. Hinzu kam, dass die Kommunisten die Sozialdemokraten seit Jahren als "Sozialfaschisten" erbittert bekämpften, was eine gemeinsame Front gegen Hitler verhinderte.
So wurde am Ende nur an wenigen Orten wirklich gestreikt, etwa im 4200-Seelen-Städtchen Mössingen am nördlichen Rand der Schwäbischen Alb. Einige hundert Textilarbeiter riefen Parolen wie "Hitler verrecke" oder "Hitler bedeutet Krieg", als aber ein kleiner Trupp Polizisten aufkreuzte, wurde die Erhebung abgeblasen.
Am 1. Februar ordnete Hindenburg die Auflösung des Parlaments an, "damit das deutsche Volk durch Wahl eines neuen Reichstages zu der neu gebildeten Regierung des nationalen Zusammenschlusses Stellung nimmt". Als Termin für die Neuwahl wurde der 5. März festgelegt, und Hitler gab die Wahlparole aus: "Angriff gegen den Marxismus". Der Reichskanzler meinte damit nicht nur die KPD, sondern die Linke insgesamt.
Am Abend, Punkt 22 Uhr, sprach Hitler erstmals im Radio, und dieses Medium sollte ihm schon bald riesige Propagandaerfolge bringen. Er trug einen dunkelblauen Anzug mit schwarzweißer Krawatte, schwitzte stark vor Aufregung und redete ungewohnt langsam und monoton.
"Vierzehn Jahre Marxismus haben Deutschland ruiniert", sprach er ins Mikrofon, "ein Jahr Bolschewismus würde Deutschland vernichten." Deshalb habe der Reichspräsident seiner Regierung die "Mission" übertragen, Deutschland zu retten - die "schwerste, die seit Menschengedenken deutschen Staatsmännern gestellt wurde".
Anschließend kündigte Hitler zwei "Vierjahrespläne" an, um das "große Werk der Reorganisation der Wirtschaft" zu starten. Erstens müssten die Bauern der "Verelendung entrissen" werden, zweitens müsse binnen vier Jahren die "Arbeitslosigkeit endgültig überwunden" sein. Wie das allerdings erreicht werden sollte, blieb für das Publikum an den Lautsprechern zunächst ein Geheimnis.
Das Ergebnis der Weimarer Republik sei, so Hitler, ein "Trümmerfeld", weshalb er jetzt vier Jahre Zeit brauche. Dann, sagte er an das "deutsche Volk" gewandt, dann "urteile und richte uns!" Schließlich forderte er den Segen des Allmächtigen ein.
Und noch etwas war an dieser Rede bemerkenswert. Hitler versuchte, sich als Mann des Friedens zu präsentieren, mit einer verschrobenen Formulierung indes. Die deutsche Regierung wäre "beglückt, wenn die Welt durch eine Beschränkung ihrer Rüstungen eine Vermehrung unserer eigenen Waffen niemals mehr erforderlich machen würde", sagte er - und fügte an, diese Worte gälten "trotz unserer Liebe zu unserem Heere als Träger unserer Waffen und Symbol unserer großen Vergangenheit".
Als Hitler zwei Tage später hohen und höchsten Reichswehroffizieren seine Aufwartung machte, klang das ganz anders. Zwar wirkte der Reichskanzler in der Runde etwas linkisch, aber das verwässerte keineswegs die Gewalt seiner Worte. Endlich müsse der "Krebsschaden der Demokratie" beseitigt und müssten die innenpolitischen Zustände völlig umgekehrt werden, kündigte er an, eine Opposition sei nicht zu tolerieren. Kurzum: "Wer sich nicht bekehren lässt, muss gebeugt werden. Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel."
Auch darüber, welche Rolle das Militär künftig zu spielen habe, ließ er seine Zuhörer nicht im Unklaren: Weil der "Lebensraum" für das deutsche "Volk zu klein" sei, müsse in anderen Kategorien gedacht werden. Sein Vorschlag: "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung".
Deshalb sei der Ausbau der Streitkräfte vorrangiges Ziel, und dazu müsse die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt werden - was nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags verboten war. Und dann sagte er einen Satz, der den Herren besonders gut tun musste: Die Wehrmacht sei die wichtigste Institution im Staate.
Lebensraum, Eroberung, Germanisierung, Rücksichtslosigkeit. Krieg?
Hitler hatte der Generalität keinen konkreten Kriegsplan vorgelegt, aber wer nur ein bisschen Vorstellungskraft besaß, der wusste: "Lebensraum" im Osten konnte nur durch Krieg erreicht werden.
Nach außen aber ließ Hitler weiter Schalmeientöne erklingen. Britischen, italienischen und amerikanischen Journalisten diktierte er in den Block: "Niemand wünscht den Frieden mehr als ich."
Tags darauf, am 4. Februar, trat reichsweit eine "Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes" in Kraft, euphemistischer hätte eine Titulatur nicht sein können. Kommunistische und sozialdemokratische Zeitungen wurden nach und nach verboten. Hitlers Adlatus Hermann Göring, kommissarischer Leiter des preußischen Innenministeriums, verhehlte nicht, wie er die Durchsetzung dieser von Hindenburg unterzeichneten Bestimmung umsetzen wollte: "Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten." Martialische Worte, die die Menschen im Wahlkampf noch öfter zu hören bekommen sollten.
Bald darauf ordnete Göring an, jedwede nationale Propaganda zu unterstützen, jedwede feindselige Haltung gegen nationale Verbände wie den "Stahlhelm" strikt zu unterbinden, "wenn nötig", mit der Schusswaffe.
Und er machte den Kommunisten klar, wen er in den "Todeskampf" gegen sie führen werde - die "Braunhemden" nämlich, 25 000 Mitglieder der brutalen Eingreiftruppe SA, die in einem wahnwitzigen, aber für die Zeit nach Hitlers Machtantritt typischen Verwaltungsakt zu preußischen Hilfspolizisten aufgestiegen waren. Noch einmal so viele Schläger kamen vom "Stahlhelm" und aus den Reihen von Hitlers persönlichem Schutzkommando, der SS - alle trugen weiße Armbinden, eine Farbe, die diesmal mitnichten die Farbe der Kapitulation war.
Da stand nun also eine Bürgerkriegsarmee. Schlagkräftig im Sinne des Wortes, hörig, hasserfüllt - und schon deswegen allzeit bereit, weil die Nazis eine regelrechte antikommunistische Paranoia erzeugt hatten. Eine Terrorwelle überrollte das Land - deutliches Zeichen für den Zivilisationsbruch, der dem "Dritten Reich" seinen besonderen historischen Charakter geben sollte.
Derweil gerierte sich Hitler ganz als konventioneller Staatsmann. Die Parteiuniform hatte er abgelegt, seit er als Kanzler eines "Kabinetts der Nationalen Konzentration" in die traditionsreiche Wilhelmstraße 71 gezogen war, an jenem historischen Arbeitsplatz den würdigen Nachfolger Bismarcks mimend. Meist trug er einen Zweireiher, und das "Abenteuer Regierung faszinierte ihn so sehr" (Heinz Höhne), dass er zunächst die üblichen Wochenendflüge nach München zu seiner Freundin Eva Braun einstellte.
Eva, 20, die als Sekretärin in einem Fotostudio arbeitete, hörte die Nachricht von Hitlers Ernennung von einer katholischen Armenschwester, die verkündete: "Welches Glück, dass der freundliche Herr Hitler die Macht übernommen hat. Gott sei gelobt!"
Man muss sich die politischen und sozialen Verhältnisse im Februar 1933 so vorstellen: Parteien, die versagt hatten, ein alter Reichspräsident, der ratlos von Kanzler zu Kanzler gesprungen war, über sechs Millionen Arbeitslose, demoralisiert, zermürbt, ein armseliges Leben führend.
Und zwischen allem und über allem einer, der sich als Heilsbringer anpries: Hitler.
In diese Welt der Gewalt, der Depression, der aufgeheizten Propaganda und der Einschüchterung schlug am 27. Februar eine Nachricht ein, die das Leben in Nazi-Deutschland brutal verändern sollte - in Berlin brannte das Reichstagsgebäude.
War die Tat eine nationalsozialistische Provokation? Hatte der niederländische Anarchokommunist Marinus van der Lubbe, der als Täter gestellt und später hingerichtet wurde, Hintermänner, oder hatte er den Brand allein gelegt? Bis heute wird darüber gestritten. Allerdings sind die meisten Historiker davon überzeugt, dass van der Lubbe, wie er selbst behauptete, auf eigene Faust gehandelt hat.
Unstrittig jedoch ist, dass Hitler und die Seinen die Flammen im Reichstag sogleich für ihre Zwecke zu nutzen wussten, um politische Gegner auszuschalten und bei den anstehenden Wahlen mit Willkür und Terror die absolute Mehrheit zu organisieren. "Das ist ein gottgebenes Zeichen, Herr Vizekanzler!", behauptete Hitler Papen gegenüber. "Wenn dieser Brand, wie ich glaube, das Werk der Kommunisten ist, dann müssen wir diese Mörderpest mit eiserner Faust vernichten."
Noch in der Brandnacht begannen Polizei und SA, Kommunisten und andere Linke wie den späteren Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky zu verhaften. SA-Männer schlugen ihre Opfer zusammen, folterten manche zu Tode.
Und wieder war Hindenburg zur Stelle, der Reichspräsident, und spielte den Nationalsozialisten in die Hände - mit der "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat", der sogenannten Reichstagsbrand-Verordnung, die am Tag nach Entdecken des Brandes in Kraft trat - ein Freibrief, der wesentliche Grundrechte der (formal weiterexistierenden) Weimarer Verfassung außer Kraft setzte. Fortan konnte jeder ohne Anklage und Beweise verhaftet werden, Wohnungen konnten durchsucht, Briefe geöffnet, Telefone abgehört, Zeitungen zensiert werden. Fortan befand sich das Land in einem permanenten Ausnahmezustand, konnte die Jagd auf Hitlers Gegner mit dem Anschein des Rechts vernebelt werden.
Fast schon todesmutig schrieb damals der Satiriker Walter Mehring: "Und dann kreiste zurück die Jahrhundertuhr / Zu ewiger Mitternacht / Und wenn die berauschte Kreatur / Vom Traum erwacht / Geht alles rückwärts und verquer / Rückwärts und verquer / Zu Hexenbränden und Judenpogrom."
Sonntag, 5. März 1933, Wahltag. Historiker haben diese Wahl, die ja die letzte sein sollte, als "halbfrei" bezeichnet. An den Urnen herrschte beträchtlicher Andrang: 88,8 Prozent aller Wahlberechtigten stimmten ab, also knapp 40 Millionen Menschen, ein Rekord.
Hitlers NSDAP, im Wahlkampf inzwischen von der gesamten Großindustrie massiv gefördert, erreichte bei weitem nicht die angestrebte absolute Mehrheit, sie kam auf 43,9 Prozent - was im 647köpfigen Reichstag 288 Sitze ausmachte. Erst die gut 8 Prozent von DNVP und "Stahlhelm" verhalfen der Regierung zum Sprung über die 50-Prozent-Marke und versetzten Hitler in die Lage, endgültig die Macht zu ergreifen. Denn nun riss der Regierungschef, der den ihn enttäuschenden Wahlausgang kurzerhand in eine "Revolution" umdeutete, handstreichartig auch jene Länder des Reichs an sich, die noch nicht in seiner Gewalt waren: Hamburg etwa oder Hessen, Baden und Bayern, Württemberg oder Sachsen.
Die Selbständigkeit der Länder war ein prägendes Erbe der deutschen Geschichte. Jetzt marschierten SA- und SS-Truppen auf, umlagerten Amtsgebäude, Hakenkreuzfahnen wurden aufgezogen, Bürgermeister, Polizeipräsidenten, ganze Regierungen gaben nahezu widerstandslos auf, innerhalb von fünf Tagen wurden die Länder linientreu gemacht - wo es sein musste, auch mit brachialer Gewalt.
"Wir sagen nicht: Aug' um Auge, Zahn um Zahn", deklamierte der württembergische Gauleiter Wilhelm Murr. "Nein, wer uns ein Auge einschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen, wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen."
Mit der Reichstagsbrand-Verordnung waren alle Machtmittel direkt an den Reichskanzler und dessen Parteifreund, Innenminister Wilhelm Frick, gebunden - und nicht etwa an den Reichspräsidenten, dessen Unterschrift die Bestimmung nur trug. Auch Hitlers Vize Papen und DNVP-Chef Hugenberg waren von diesem Zeitpunkt an nur noch Mehrheitsbeschaffer, und das auch nur für kurze Zeit.
Am 21. März brachte Hindenburg die Verordnung "zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung" auf den Weg - "unwahre" Kritik an der Hitler-Regierung wurde formell unter Strafe gestellt. Die Zahl der Denunziationen stieg daraufhin so massiv an, dass Polizisten, eigentlich die Hüter der Ordnung, Kritik übten. Haft- und Folterstätten schossen wie Pilze aus dem Boden, und schon bald gehörte ein böser Satz zum allgemeinen Sprachgebrauch: "Sei still, sonst kommst du nach Dachau!"
Jetzt schlug die Stunde des Joseph Goebbels, der nach den Wahlen aufgestiegen war zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda - einer weltweit einzigartigen Behörde zur Kontrolle der öffentlichen Meinung und zur fast religiösen Überhöhung des NS-Regimes. Goebbels organisierte am 21. März in Potsdam einen Staatsakt, den "Tag von Potsdam", der eines beweisen sollte: dass die Hitler-Bewegung in der Tradition des Bismarck-Reiches stand. Das neue Deutschland, aufgebaut auf dem Ruhm der preußischen Vergangenheit.
In der Garnisonkirche, wo Friedrich der Große und sein Vater, der "Soldatenkönig", ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, ging die Hauptzeremonie vonstatten, der Rundfunk übertrug live, die Kinder hatten schulfrei. Hindenburg erschien in der Uniform des preußischen Generalfeldmarschalls, vor dem leeren Thron des letzten Kaisers, der im niederländischen Exil lebte, hob er grüßend seinen Marschallstab. Hitler trug, ganz Staatsmann, einen dunklen Cutaway.
An den Gräbern der Könige wurden Kränze niedergelegt, Soldaten schossen Salut. "Dank Ihrem Verstehen, Herr Reichspräsident", predigte Hitler, sei die "Vermählung vollzogen" worden "zwischen den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft". Er, lobte Hitler den alten Herrn, habe diesem "jungen Deutschland am 30. Januar 1933 in großherzigem Entschluss die Führung des Reiches anvertraut".
Goebbels notierte: "Am Schluss sind alle auf das tiefste erschüttert. Ich sitze nahe bei Hindenburg und sehe, wie ihm die Tränen in die Augen steigen. Der Schild der deutschen Ehre ist wieder reingewaschen."
Der Propagandacoup von Potsdam diente nicht nur dazu, die Symbiose der revolutionär-nationalsozialistischen Bewegung (in der Figur Hitlers) und des bürgerlichkonservativen Patriotismus (in der Figur Hindenburgs) vor den Augen aller darzustellen. Er war darüber hinaus die emotionale Vorbereitung auf ein Ereignis zwei Tage später, das die Selbstentmachtung der Parteien bedeutete - die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, dessen offizielle Bezeichnung, "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich", viel dramatischer klingt.
Seit November 1932 schon stand ein solches Gesetz auf der Wunschliste Hitlers und seiner Entourage. Seine Ziele: Ausschaltung des Parlaments, Gesetzgeber sollte die Regierung sein. Ausschaltung der Verfassung, Hitler wollte nicht mehr abhängig sein von Hindenburgs Notverordnungen. Neue Gesetze brauchten nicht mehr verfassungskonform zu sein.
Die Reichstagssitzung am 23. März begann um 14.05 Uhr. Ein riesiges Hakenkreuz prangte einschüchternd an der Wand hinter der Rednertribüne in der Berliner Kroll-Oper, die nach dem Reichstagsbrand als Ausweichquartier diente. Männer der SA, der SS und des "Stahlhelm" bewachten die Eingänge, etliche brüllten: "Wir fordern das Ermächtigungsgesetz, sonst gibt's Zunder!"
Das Plenum war nicht vollzählig. 107 Abgeordnete der SPD und der KPD fehlten - sie saßen in Haft oder hatten aus Angst um ihr Leben die Flucht ergriffen. Hitler brauchte eine Zweidrittelmehrheit, und deshalb tricksten Innenminister Frick und Reichstagspräsident Göring. Unentschuldigt fehlende Abgeordnete galten als "anwesend", ein Boykott der Sitzung hätte also nichts genützt; die KPD-Mandate wurden als nicht existent deklariert, so dass sich die "gesetzliche Mitgliederzahl" des Reichstags um 81 verminderte.
Dennoch, trotz dieser Manipulationen blieb die Koalition aus NSDAP und Konservativen abhängig vom Verhalten des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei, den innerlich zerrissenen Parteien des politischen Katholizismus - sie hätten den Weg in den Abgrund vielleicht verhindern können. Als Hitler, diesmal in brauner Uniform, versicherte, die christlichen Religionsgemeinschaften seien die "wichtigsten Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums" und deren Rechte würden nicht angetastet, durfte er sich dieser Stimmen sicher sein.
Um 18.16 Uhr trat der SPD-Vorsitzende Otto Wels ans Mikrofon, in den Händen das Manuskript einer Rede, die der Journalist Friedrich Stampfer für ihn aufgeschrieben hatte - diese Rede war das letzte öffentliche Bekenntnis zur Demokratie.
Wels sprach ruhig, bedacht, und er ließ sich nicht ablenken vom Gelächter der Nationalsozialisten, das immer wieder im Sitzungsprotokoll vermerkt ist. "Sie", wandte er sich an die NSDAP-Abgeordneten, "wollen vorerst den Reichstag ausschalten, um Ihre Revolution fortzusetzen. Zerstörung von Bestehendem" aber, betonte Wels, sei längst "keine Revolution".
Bevor Hitlers Parteigänger "stürmische Heil-Rufe" (Protokoll) brüllten, bekannte sich der SPD-Chef "in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus". Und er ging den Regierungschef an: "Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten."
Hitler schäumte vor Wut, auf dem Weg zum Rednerpult stieß er seinen Vize Papen, der ihn zu besänftigen suchte, heftig beiseite. "Ich will auch gar nicht, dass Sie dafür stimmen", schrie er in Richtung Sozialdemokraten. "Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie!"
444 Abgeordnete stimmten schließlich für das Ermächtigungsgesetz, eine ganz breite Mehrheit. Der Zentrumsvorsitzende Ludwig Kaas, ein Theologe, argumentierte mit der "brennenden Not, in der Volk und Staat gegenwärtig stehen". Die Liberalen - auch der Abgeordnete Theodor Heuss, später erster Bundespräsident - hatten ihre "ernsten Bedenken" zurückgestellt "in der Erwartung einer gesetzmäßigen Entwicklung".
Schon am nächsten Tag trat das Gesetz, das Hitler eine "Entscheidung über Frieden oder Krieg" genannt hatte, in Kraft. Der "Völkische Beobachter", das Zentralorgan der NSDAP, kommentierte, Hitler könne nun "alles tun, was notwendig ist für die Rettung Deutschlands".
Im Klartext hieß dies: Die Illusion, Hitlers Bewegung nutzen zu können zur Errichtung eines autoritären Staates im Sinne Papens und Hugenbergs, hatte sich nach kürzester Zeit aufgelöst. Der Mann war auf dem Weg zur Diktatur, endgültig.
Bald schon war auch keine Rede mehr von der "nationalen Revolution" - sondern von der nationalsozialistischen. Die Gleichschaltung, der Begriff tauchte erstmals auf in einem Gesetz vom 31. März 1933, erfasste alle Bereiche der Politik und des sozialen Lebens, und mit Hitlers Machtantritt war der Antisemitismus, die rassistisch begründete Feindschaft den Juden gegenüber, Staatsdoktrin geworden. Am 1. April 1933 organisierte die NSDAP eine reichsweite Boykottaktion gegen jüdische Kaufleute, Ärzte und Anwälte - "Deutsche! Wehrt Euch!" lautete die Parole, der Boykott wurde allerdings schon bald wegen zu geringer Resonanz und außenpolitischen Drucks abgebrochen.
Vom 7. April an galt das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das im Widerspruch zu seinem Wortlaut politisch unliebsame Beamte aus dem Staatsdienst warf, vor allem Juden. Sie wurden ersetzt durch NS-Parteigänger. Ein neuer Begriff machte die Runde: "Arierparagraph". Darin hieß es wörtlich: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen." Das klang recht harmlos, war aber in aller Regel ein späteres Todesurteil.
Die Zerschlagung der Gewerkschaften bedeutete die zwangsweise Eingliederung ihrer Mitglieder in die "Deutsche Arbeitsfront", die unter der Führung des Exzentrikers und NS-Organisationsleiters Robert Ley zur Einheitsorganisation "aller schaffenden Deutschen" wurde und schon bald mit 23 Millionen Mitgliedern die größte NS-Massenorganisation war. Die Tarifhoheit, Kernstück gewerkschaftlichen Handelns, war abgeschafft, staatliche "Treuhänder der Arbeit" bestimmten Jobs und Verträge.
Den Geist der neuen Zeit verkündeten auch Akademiker und solche, die es werden wollten. Am 10. Mai brannten in den deutschen Universitätsstädten auf großen Scheiterhaufen die Bücher missliebiger deutscher Dichter, Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler - ein Akt der Barbarei wider den angeblich "undeutschen Geist", organisiert von Studenten und tatkräftig unterstützt von Professoren und Rektoren.
Allein in Berlin warf die Meute 20 000 Bücher in die Flammen. "Hier sinkt", jubelte Goebbels, "die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden." Erich Kästner war der einzige Autor, der bei der Vernichtung eigener Werke zugegen war: Eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, "den Blüten der Nation", habe er den "schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners" zugehört, eine "theatralische Frechheit".
Auch die Bücher eines Heinrich Heine wurden zu Asche. Er hatte geschrieben: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Eine Prophezeiung, die sich bald schon bewahrheiten sollte.
War Hitler unmittelbar nach seiner Inthronisierung vielen noch gleichgültig, so nahm der Hype um seine Person nun Formen an, die, so Kershaw, "selbst den Kult um die Person des Reichsgründers Bismarck bei weitem" übertraf. Etliche Bürgermeister beeilten sich, dem Kanzler die Ehrenbürgerschaft anzutragen, Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, der historische Nürnberger Hauptmarkt hieß bald schon "Adolf-Hitler-Platz", ein See bei Oppeln "Hitlersee" und ein ganzer Ort - nämlich Sutzken in Ostpreußen - "Hitlershöhe".
Eine Kitschindustrie entstand - mit Büsten und Reliefs, Hitler auf Postkarten, Hitler auf Taschenmessern, Hitler auf Zinntellern. Das war selbst einem Regime zu viel, das auf Gefühle setzte und fast religiöse Hingabe: Kurzerhand verbot Goebbels, den Hitler-Kopf gewerblich zu nutzen.
Gängigstes Zeichen der Anpassung wurde der zum Hitlergruß ausgestreckte rechte Arm (übernommen von Italiens Faschisten). Für alle Beamten war er seit Mitte Juli Pflicht, wer wegen einer körperlichen Behinderung nicht den rechten Arm zum "Deutschen Gruß" heben konnte, der musste es mit dem linken tun. Zwei Worte und ein Ausrufungszeichen - "Heil Hitler!" - bildeten das äußerliche Signum dafür, dass aus Deutschland ein Führerstaat geworden war, "und der Parteiführer war dabei, zum Symbol der nationalen Einheit zu werden", analysiert Kershaw.
Zwei Probleme freilich galt es noch zu bewältigen, zwei große Probleme.
Da war die mächtige, vier Millionen Mann starke Parteiarmee SA, deren Chef Ernst Röhm, einer der wenigen Duzfreunde Hitlers, immer massiver nach oben drängte und überzeugt davon war, seine SA sei die eigentliche Armee des nationalsozialistischen Staates. Röhm fühlte sich, sehr zum Ärger eines Göring oder eines Goebbels, als zweiter Mann im Staat.
Und da war die wirkliche Armee, die Reichswehr, die, abgesehen von jüngeren Offizieren, Hitler und seiner Partei immer noch skeptisch gegenüberstand und die alle militärischen Ambitionen der SA als freche Anmaßung empfand. Ihr Oberbefehlshaber war Reichspräsident Hindenburg, und in dieser Funktion wollte Hitler ihn beerben - schließlich brauchte er die Reichswehr für seine expansionistischen Ziele.
Monatelang zögerte Hitler, es waren die kritischsten seines Regimes, auch weil Deutschland außenpolitisch ziemlich in die Isolation geriet; selbst sein Vorbild Mussolini hielt Distanz. Auch Papen, der Vizekanzler und Wortführer der Konservativen, setzte ihm zu. "Mit ewiger Dynamik kann nicht gestaltet werden", kritisierte der Stellvertreter am 17. Juni 1934 seinen Chef, "Deutschland darf nicht ein Zug ins Blaue werden, von dem niemand weiß, wann er zum Halten kommt."
Dann schlug Hitler zu. Wie ein Ganove in einem Schurkenstück.
Geschickt streuten Geheimdienstler das Gerücht, Röhm und seine SA planten einen Putsch. Zwar hatte Röhm sich hin und wieder über seinen "Führer" beschwert ("Hitler ist treulos und muss mindestens auf Urlaub"), eine Verschwörung oder einen Staatsstreich jedoch hatte er nie im Sinn gehabt. Für den 30. Juni ordnete Hitler eine Besprechung im oberbayerischen Bad Wiessee an, wo sich Röhm und einige seiner Gefährten gerade im Hotel "Hanslbauer" aufhielten.
Frühmorgens tauchte Hitler im Hotel auf, hinter sich zwei Kripobeamte mit entsicherter Pistole. Röhm schlief noch. Hitler schrie, so schilderte es sein Fahrer Erich Kempka: "Röhm, du bist verhaftet!" Schlaftrunken stammelte der: "Heil, mein Führer!", und Hitler brüllte ein zweites Mal: "Du bist verhaftet!"
Röhm wurde in ein Gefängnis nach München geschafft und dort ermordet. Auch etliche seiner Leute ließ Hitler liquidieren, die Mörder kündigten sich so an: "Sie sind vom Führer zum Tod verurteilt worden. Heil Hitler!"
In Berlin leitete Göring die Blutaktion mit dem Decknamen "Kolibri" - und erweiterte sie gegen "die Reaktionäre", wie Papens Gefolgsleute im Nazi-Jargon hießen. Papens Pressesprecher wurde ebenso getötet wie sein Redenschreiber, ein Schriftsteller; Hitlers Vorgänger Kurt von Schleicher: erschossen ebenso wie seine Frau und sein Vertrau-ter, der Generalmajor Ferdinand von Bredow. Erschossen auch Gregor Strasser, Hitlers ärgster Rivale in der Partei, Zeuge und Mitwisser seines Weges an die Macht.
Die Bilanz des ersten Massenmords im "Dritten Reich": mindestens 85 Tote, möglicherweise sogar 200, unter ihnen auch Opfer von Verwechslungen. So gut es ging, wurden Spuren verwischt, das Ermächtigungsgesetz erlaubte Hitler, im Nachhinein das Blutbad zu legalisieren und auf diese Weise zu demonstrieren, dass in Deutschland die Willkür des Diktators nun oberstes Gesetz war. Die Regierung erließ ein Gesetz, das nur einen Paragrafen hatte: "Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens."
Der Beifall der meisten Bürger war Hitler gewiss. Die oft arroganten, aufsässigen und gewalttätigen SAler hatten sie gestört und auch geängs-tigt. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass niemand aufbegehrte gegen die Tyrannei, die Kirchen nicht und auch die Reichswehr nicht, obschon zwei ihrer Generäle umgebracht worden waren.
Die Armee hatte, ganz im Gegenteil, die Mordaktionen gegen die Konkurrenz SA sogar unterstützt und auch Hitlers Begründung akzeptiert, er sei des "deutschen Volkes oberster Gerichtsherr". So geriet deren Führung zum Komplizen eines Unrechtsstaats, und Reichswehrminister Werner von Blomberg konnte die Absicht verkünden, "unmittelbar nach dem Ableben des Herrn Reichspräsidenten die Soldaten der Wehrmacht auf Hitler zu vereidigen". Hindenburg starb am 2. August 1934.
Tags zuvor hatte Hitler das Amt des Reichspräsidenten qua Gesetz abgeschafft und ein anderes für sich geformt - "Führer und Reichskanzler". Jetzt war er alles: höchster Soldat, höchster Richter, Chef der Regierung. Oberhaupt des Staates, totalitärer Diktator - und fast auch Herrscher über die Köpfe von Millionen Menschen. F

"Das war ein Vorspiel nur. Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."
HEINRICH HEINE
in der Tragödie "Almansor"
Von Georg Bönisch

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SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
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