29.07.2008

DER TRIUMPH DES WESTENSVORBOTE DES UMBRUCHS

Die Solidarno's'c, die erste freie Arbeiter-und-Bauerngewerkschaft in einem Arbeiter-und-Bauernstaat, brachte den kommunistischen Machthabern in Polen eine schwere Niederlage bei. Sie wusste dabei einen mächtigen Verbündeten hinter sich: Papst Johannes Paul II.
Danzig, die backsteinerne Hansestadt an der Ostsee, war ein unruhiges Pflaster in den siebziger Jahren: Rund um die Uhr schallten der Lärm der Kräne und das Donnern der Hämmer von der Leninwerft herüber in die malerischen Gassen. Polens Kommunisten waren stolz auf die Schiffe aus den Danziger Docks. Die Frachter brachten Devisen, die die notorische Geldknappheit des Staates linderten.
Die 17 000 Arbeiter auf der Werft wussten das - und ließen sich nichts gefallen. In den sechziger Jahren hatten sie bereits für höhere Löhne gestreikt, im Dezember 1970 hatte die Miliz in eine Menge friedlicher Demonstranten gefeuert und mindestens 45 Menschen erschossen. Danach hatte der neue kommunistische Parteichef Edward Gierek sich entschuldigen und die Arbeiter um Beistand in der Wirtschaftskrise anflehen müssen: "Helft ihr?" "Wir helfen", hatten die Leute von der Leninwerft gesagt.
Doch Frieden zwischen den Werktätigen und den Kommunisten war danach noch lange nicht. Immer wieder zogen die Arbeiter in den folgenden Jahren in den Arbeitskampf gegen den Arbeiter-und-Bauernstaat. Der reagierte mit Gewalt, knüppelte Unruhen nieder, ließ Streikende verhaften und aufmüpfige Arbeiter feuern.
Auch Lech Walesa hatte es erwischt. Der Elektriker war arbeitslos, schlug sich mit Reparaturjobs durch. Schon damals trug er Polens Schutzheilige, die Schwarze Madonna von Czestochowa, am Revers. Den Schnurrbart ließ er sich wachsen - ein Zeichen für Aufmüpfigkeit. So hatten schon die Edlen, die Szlachta des 16. Jahrhunderts, die Haare unter der Nase frisiert. Polen war damals eine Adelsrepublik, und der König - so es denn einen gab - hatte wenig zu melden.
Walesa war immer dabei gewesen, wenn es gegen die Kommunisten ging. Er hatte gestreikt und mit Professoren und Studenten von der Universität Beistand für die Familien der Opfer von 1970 organisiert. Er war ein bekannter Mann.
Als die Arbeiter der Leninwerft im August 1980 mal wieder in den Ausstand traten und das Haupttor verrammelten, weil die Kommunisten die Preise für Fleisch angehoben und eine freche Kranführerin entlassen hatten, musste Walesa wieder dabei sein. Also stieg er kurzerhand über den Zaun. Seine Kollegen wählten ihn sogleich zum Vorsitzenden des überbetrieblichen Streikkomitees. Auch in Szczecin, Katowice und anderswo wurde die Arbeit niedergelegt - und überall trugen die Demonstranten Bilder des polnischen Papstes Johannes Paul II. vor sich her. Am 31. August konnte Walesa ein Abkommen unterzeichnen. Die Machthaber mussten die Forderungen der Streikenden erfüllen und die Zulassung einer freien Gewerkschaft erlauben.
Es folgten 16 Monate nervenzermürbender Reibereien mit dem Regime. Schließlich, am Morgen des 13. Dezember 1981, ließen die Kommunisten die Panzer rollen. General Wojciech Jaruzelski, der Mann mit der Sonnenbrille, verhängte den Kriegszustand. Die "Unabhängige Gewerkschaft Solidarität" wurde zerschlagen. Walesa verschwand im Arrest.
Trotzdem hatten die Kommunisten eine Niederlage erlitten, von der sie sich bis zur Wende 1989 nicht mehr erholen sollten. Sie hatten endgültig jede Rechtfertigung für ihre Herrschaft verloren. Der polnische Papst hatte die Massen ermutigt und die Anliegen der Solidarnosc weltweit bekannt gemacht, der Eiserne Vorhang hatte Löcher bekommen. Moskau konnte in seinem Herrschaftsbereich 1980 längst nicht mehr völlig frei schalten und walten und wie 1968 in Prag einfach einmarschieren und die Opposition unterdrücken. Die globale Ordnung des Kalten Krieges war ins Wanken geraten.
"Wenn ich in Prozentzahlen ausdrücken sollte, wer wie viel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, würde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Solidarnosc und Lech Walesa. Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow", sagte Lech Walesa im SPIEGEL-Gespräch am 26. April 2004 - fünf Tage später trat Polen der Europäischen Union bei.
Die Rückkehr Polens in den Westen hatte am 16. Oktober 1978 begonnen. Überraschend wählten die Kardinäle in Rom ausgerechnet den Polen Karol Wojtyla aus ihrer Mitte zum Pontifex maximus. Plötzlich wusste die ganze Welt, dass Polen ein Land am Westrand des Ostblocks war und dass dort Kommunisten Christen unterdrückten. Im Juni 1979 reiste Johannes Paul II. in sein Heimatland. Hilflos mussten die Machthaber mitansehen, wie die Polen ihm einen Triumphzug bereiteten.
Erst seit der Westverschiebung des Landes am Ende des Zweiten Weltkrieges war Polen ein konfessionell homogenes Land geworden. 90 Prozent der Bevölkerung waren katholisch getauft. "Möge dein Geist herabsteigen! Und das Antlitz dieser Erde verändern!", sagte der Papst in Warschau.
Die Menschen nahmen die Sache selbst in die Hand. Das Porträt Wojtylas wurde zur Ikone der Streikenden und Demonstranten. In den 16 Monaten der Solidarnosc nahm der Papst immer wieder für die Gewerkschaft Partei. Die polnische Kirche wurde zur Beschützerin der Opposition - auch wenn längst nicht alle Dissidenten gläubige Katholiken waren.
Die Streikenden in Danzig und ihr Führer Lech Walesa erlegten sich harte Regeln auf. Es durfte nicht getrunken, Krawalle sollten vermieden werden. Provokationen der Miliz liefen ins Leere. Diszipliniert berieten die Werftarbeiter über ihre Forderungen. Sie bemühten sich, allzu Systemsprengendes zu vermeiden. Es ging vor allem um bessere Arbeitsbedingungen und Mitbestimmungsrechte. Nicht selten gerieten die Versammlungen zu Freiluftmessen. Die Staatsmacht hielt still. Sie spürte, das Volk war auf der Seite der Streikenden.
Diese verbündeten sich mit Oppositionellen aus dem Milieu der Hochschulen. Dissidenten wie Adam Michnik oder Jacek Kuron (Kuroń) hatten Hilfskomitees für verfolgte Arbeiter und ihre Familien gegründet. Lech Walesa ließ sich dann bei den Verhandlungen mit der Staatsmacht von dem katholischen Intellektuellen Tadeusz Mazowiecki und dem Geschichtsprofessor Bronislaw Geremek beraten. Sie mahnten zur Vorsicht, mühten sich pragmatisch auszuloten, wie weit die Kommunisten entgegenkommen würden. Deshalb wurde der Aufstand der Solidarnosc später die sich "selbst beschränkende Revolution" genannt.
Nach dem August-Abkommen entstanden überall im Land neue Gewerkschaftskomitees, bis zu 10 der 35 Millionen Polen wurden bis zum Herbst 1981 Mitglieder. Bis in die Reihen der Partei hinein konnte Solidarnosc Sympathisanten werben.
Doch die Staatsmacht verlegte sich auf Obstruktion: Erst zögerte sie die offizielle Zulassung der Gewerkschaft hinaus, dann ließ sie durch den zuständigen Richter den Statuten Sonderklauseln hinzufügen, die vorher nicht vereinbart waren. Gleichzeitig machte die Miliz Jagd auf Oppositionelle.
Solidarnosc reagierte mit Streiks, in der Folge ging die Wirtschaft in den freien Fall über. Die Versorgungslage verschlechterte sich, die Produktivität ging zurück, das Volkseinkommen sank um etwa 20 Prozent. Ohnehin hatte Parteichef Edward Gierek die dringendsten Konsumbedürfnisse der Bevölkerung in den vergangenen Jahren nur mit Westkrediten stillen können. Gierek wurde im Dezember durch den farblosen Stanislaw Kania abgelöst, der aber den Kurs seines Vorgängers gegen die Solidarnosc im Wesentlichen beibehielt.
Moskau hatte von Anfang an mit Entsetzen auf die weiche Haltung der polnischen Genossen reagiert und die "unerträgliche Anarchie" gegeißelt. Und von Anfang an war der Kreml bereit, Gewalt anzuwenden. "Wenn die Situation schwieriger wird, dann werden wir einmarschieren", drohte der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew seinem Kollegen Kania im Dezember 1980. Gleichzeitig plante Breschnew in Polen - unter dem Vorwand eines Manövers -, Truppen zusammenzuziehen.
Gewalt sollte aber nur der allerletzte Ausweg sein. Moskau konnte sich nicht darauf verlassen, dass die polnische Armee sich im Falle einer Invasion auf die sowjetische Seite gestellt hätte. Auch war der Kreml in Afghanistan schon in einen Krieg verwickelt, bei dem sich kein Ende abzeichnete. Deshalb setzte Breschnew auf General Jaruzelski, der ab Oktober 1980 die Verhängung des Kriegszustandes und die Niederschlagung der Solidarnosc mit eigenen Kräften plante.
Washington war unterdessen über die sowjetischen und polnischen Pläne bestens unterrichtet - dank Ryszard Kuklinski (Kukliński). Der Oberst der polnischen Armee hatte nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" den Glauben an den Kommunismus verloren und trotzdem Karriere im Generalstab gemacht. 1972 hatte der passionierte Hobbysegler mit seiner Yacht in Wilhelmshaven festgemacht und einen Brief an die US-Botschaft in Bonn eingeworfen. Er beschrieb sich darin selbst als Militär "from Communistische Kantry" und bat um ein Gespräch. Kuklinski verriet bis zu seiner Flucht im November 1981 die wichtigsten Pläne aus dem polnischen Generalstab an die Amerikaner.
Die gingen mit ihrem Wissen behutsam um. Gleich nach der Gründung der Solidarnosc hatte Präsident Jimmy Carter Moskau gewarnt, eine Invasion nach Prager Muster würde die Beziehungen zu den USA nachhaltig schädigen. Diesmal mischte sich Washington ein, während Breschnew 1968 noch sicher sein konnte, auf seiner Seite des Eisernen Vorhangs weitgehend ungehindert handeln zu können. Carters Nachfolger Ronald Reagan behielt diesen Kurs bei. Er ermahnte die amerikanischen Gewerkschaften, die Solidarnosc nicht zu offensichtlich zu unterstützen - das wäre Wasser auf die Mühlen der kommunistischen Propaganda gewesen. Gleichzeitig setzte die Reagan-Administration auf Wirtschaftshilfe. Der glühende Antikommunist im Weißen Haus war zwar überzeugt, dass die Solidarnosc Vorbote eines Umbruchs im Osten war. Aber zunächst galt es, eine Invasion zu verhindern. Wäre es dazu gekommen, hätten die USA, gemessen an der öffentlichen Erwartung, nur geringe Handlungsmöglichkeiten gehabt.
Im März 1981 erreichte der Konflikt zwischen der Solidarnosc und der polnischen Staatsmacht einen Höhepunkt. Walesa und die Seinen drohten mit Generalstreik. Die CIA informierte den Papst über die sowjetischen Invasionspläne - eine seltsame Achse der Mitwisser war entstanden, die von Moskau über den Warschauer Generalstab und den Vatikan bis nach Washington reichte. Johannes Paul II. ließ über Kardinal Stefan Wyszynski (Wyszyński) mäßigenden Einfluss auf die Gewerkschaft nehmen - und verhinderte schließlich die Arbeitsniederlegung. "Kein Streik, keine Intervention", ließ Breschnew seine polnischen Genossen beinahe erleichtert wissen.
Als Scharfmacher tat sich - wie schon beim Prager Frühling - die DDR-Führung hervor. Das Ost-Berliner Politbüro war von panischer Angst erfüllt, der Bazillus der Freiheit könne Oder und Neiße überwinden. Die DDR schottete sich ab, Angehörige des sozialistischen Brudervolkes der Polen durften kaum noch einreisen. SED-Generalsekretär Erich Honecker riskierte sogar, die Beziehungen zu Bonn zu belasten: Um auch von Westen her möglichst wenig Frischluft in den ostdeutschen Mief zu lassen, erhöhte er den Zwangsumtausch und erschwerte so Besuchsreisen.
In der Bundesrepublik war das Verhältnis zu den Vorgängen in Polen zwiegespalten. Kirchen und Konservative organisierten mit Begeisterung Hilfslieferungen. Rund zwei Millionen Päckchen mit Konserven, Kleidung, Schokolade und besten Wünschen gingen bis Ende 1981 bei polnischen Familien ein.
Doch die deutsche Linke tat sich schwer mit der Solidarnosc: eine Arbeiterbewegung - aber nicht links, sondern nationalistisch-katholisch. Kanzler Helmut Schmidt und viele andere sorgten sich, die Solidarnosc könne die Sowjetarmee auf den Plan rufen. Das Kräftegleichgewicht in Mitteleuropa - und damit die deutsch-deutsche Annäherung - wäre empfindlich gestört worden. Um die Situation in Polen zu beschwichtigen, pumpte Bonn Geld nach Osten. Bis zum Frühjahr 1981 gaben bundesdeutsche Banken 15 Milliarden Mark an Krediten an Polen. Es war diese Angst vor dem Einsturz der fragilen europäischen Ordnung, die Helmut Schmidt nach der Verhängung des Kriegszustandes in Polen sagen ließ: "Ich bedauere sehr, dass dies nun nötig geworden ist."
Die Panzer in den Straßen und die Verhaftungswelle - mehr als 5000 Oppositionelle und Gewerkschafter wurden interniert - stellten die Ruhe nur scheinbar wieder her. Eine Normalisierung nach tschechoslowakischem Muster ließ sich nicht wiederholen. Die Kommunisten selbst waren matt geworden, der Geist der Freiheit aus der Flasche. Schon acht Jahre nach dem vorläufigen Ende der Solidarnosc kehrten die Kommunisten an den Verhandlungstisch zurück. Walesa saß ihnen wieder gegenüber - aber diesmal ging es nicht um ein paar Arbeitnehmerrechte, diesmal ließen sich die Kommunisten die Macht abhandeln. F

Ende der Solidarität
Als erstes Land des Ostblocks erhielt Polen im August 1989 einen nichtkommunistischen Regierungschef: Der liberale katholische Intellektuelle Tadeusz Mazowiecki, ein Weggefährte Lech Walesas, wurde vom Parlament zum Ministerpräsidenten gewählt - die Solidarnosc hatte zuvor alle 161 Sitze gewonnen, die in freier Wahl vergeben wurden. Im Sommer 1990 begann jedoch der Zerfall in Flügel und Parteien. Bei der Präsidentenwahl im November 1990 kandidierten unter anderem Mazowiecki und Walesa gegeneinander. Mazowiecki schied schon nach dem ersten Wahlgang aus, in einer Stichwahl setzte sich Walesa durch. Beim Versuch, für eine zweite Amtszeit gewählt zu werden, unterlag Walesa 1995.
Von Jan Puhl

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2008
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