21.10.2008

DIE AMERIKANISCHE GESELLSCHAFTGOTT IN DER NEUEN WELT

Die Evangelikalen sind die größte religiöse Gruppe in den USA. Sie leben eine uramerikanische Form des Protestantismus: marktwirtschaftlich, alltagstauglich, politisch. Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin begeistert die religiöse Rechte, aber viele Evangelikale wenden sich politisch der Mitte zu.
Hauptpastor Ed Kalnins predigt gern im Holzfällerhemd, in Jeans und derben Schuhen. Seine Kirche der Assemblies of God in Wasilla, Alaska, liegt am Ende einer Schotterstraße neben einem Bergsee. Sie sieht eher aus wie ein zu groß geratener Strandimbiss, mit weißen Holzwänden und blaugestrichenen Fensterrahmen.
Die Botschaften des Pastors und seiner Kirche sind indes nicht ganz so malerisch. Als Präsident George W. Bush wegen des verheerenden Krisenmanagements bei Hurrikan "Katrina" kritisiert wurde, ätzte Kalnins: "Ich hasse Kritik am Präsidenten, weil das so ist wie Kritik am Pastor. Das führt nirgends hin - außer in die Hölle." Wenn seine Schäfchen einen Demokraten wählten, "zweifle ich an eurer Erlösung. Es tut mir leid".
Der Gottesmann hat nicht nur politisch klare Vorstellungen. Er predigt auch, Gott habe Alaska als einen "Zufluchtsstaat" für die herannahende Endzeit ausgewählt. "Hunderttausende werden nach Alaska flüchten", sagte er im Sommer vor der Abschlussklasse eines religiösen Seminars der Kirche. "Wir müssen darauf vorbereitet sein, uns um sie zu kümmern."
Auch Sarah Palin sprach an diesem Tag zu den Nachwuchspastoren. "Es war so cool, in dieser Kirche aufzuwachsen und gerettet zu werden", sagte sie. In politischen Fragen setzt Palin auf Unterstützung von ganz oben. "Gottes Wille muss befolgt werden, um Menschen und Firmen zu vereinen, so dass die Pipeline gebaut werden kann", berichtet sie über ihr Vorzeigeprojekt als Gouverneurin. Der Irak-Krieg hat für sie eine göttliche Komponente. Die "führenden nationalen Politiker" schickten die Soldaten dorthin "mit einer Aufgabe von Gott". Es gebe "einen Plan, und dieser Plan ist von Gott".
Sarah Palins Nominierung als Vizepräsidentschaftskandidatin hat nicht nur die religiöse Rechte elektrisiert und für das republikanische Kandidaten-Team eingenommen. Sie wirft auch ein neues Schlaglicht auf die amerikanische Religiosität, vor allem den Evangelikalismus, die stärkste religiöse Strömung in den USA.
Evangelikale unterscheiden sich von protestantischen Christen des Mainstream darin, dass sie sich als "wiedergeboren" bezeichnen. Gemeint ist eine Umkehr und bewusste Entscheidung für Gott. Das ist aber auch schon alles, was den Evangelikalen gemeinsam ist. Unter ihnen gibt es eine unüberschaubare Vielzahl von Gruppierungen, Splittergruppen und auch sektenähnlichen Bewegungen.
Palins ehemalige Kirche, die Assemblies of God, gehört zu den Pfingstlern, zu denen sich 13 Millionen Anhänger im ganzen Land zählen. Sie glauben nicht nur an die wörtliche Auslegung der Bibel, ihnen ist auch die persönliche Erfahrung besonders wichtig, dass der Heilige Geist in sie fährt. In manchen Gottesdiensten sprechen die Menschen erregt "in Zungen", wie es im Neuen Testament über Versammlungen der christlichen Urgemeinde berichtet wird. In anderen weinen, lachen, zittern oder schreien sie unkontrollierbar, offenbar mitgerissen von Massenekstase. Die Schäfchen der Assemblies of God glauben an Wunderheilungen und die Apokalypse, aus der nur die Gläubigen gerettet werden.
Diese Endzeitphantasien sind allerdings auch weit über die Pflingstlerbewegung hinaus populär: Die Buchserie "Left Behind", eine als Actionthriller aufgemachte Geschichte über die Apokalypse, verkaufte weltweit 60 Millionen Exemplare.
Palins Aufstieg zur Gouverneurin wurde in ihrer Kirche "prophezeit". Palin selbst berichtet gern davon, dass der kenianische Prediger Thomas Muthee, ein internationaler Star der schrägen Bibeltruppe, gebetet habe, Gott solle "einen Weg finden", sie zur Gouverneurin zu machen. Derselbe Assemblies-of-God-Prediger ist der Pfingstbewegung bekannt, weil er - durch die Vertreibung einer Hexe und böser Geister - aus einem Slum-Vorort von Nairobi angeblich eine heile Welt gemacht hat.
An den Rändern des Pfingstlertums tummeln sich radikale Bewegungen und Sekten. Zu ihnen gehört etwa die Jugendgruppe "Joel's Army", eine paramilitärische Truppe, die den Weltuntergang abwenden will, indem sie Nichtchristen missioniert. Gründer dieser Gruppe ist der kanadische Evangelist Todd Bentley, ein Mittdreißiger mit Punk-Outfit und Tattoos, der als Jugendlicher des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt wurde. Bei einer seiner vermeintlichen Wunderheilungen trat er einem schwerkranken Krebspatienten in den Bauch, um ihn von seinem Leiden zu befreien.
Trotz ihrer unkonventionellen Kirche hat Sarah Palin politisch bislang die klassische Linie der christlichen Rechten vertreten: gegen Schwulenehe, gegen Abtreibung. Sie ist jung und wirkt frisch, mit ihrem religiösen Standpunkt begeistert sie die alten Gruppen, die George W. Bush im Jahr 2004 zur Wiederwahl verhalfen. "Palin verkörpert, was Bush auch verkörpert hat", sagt Professor Michael Hochgeschwender, Religionshistoriker an der Universität München.
Das wirkt wie ein Rückschritt, weil im jetzigen Präsidentschaftswahlkampf Religion bislang weitaus vielschichtiger vorkam. Da war Mike Huckabee, der republikanische Baptistenprediger aus dem Südstaat Arkansas. Sein Credo "Ich bin konservativ, aber nicht bösartig" war ein deutlicher Bruch mit früheren religiösen Eiferern. Huckabee setzte auf Humor und Selbstironie statt selbstgerechte Polemik. Er versprach, Politik im Interesse der Bürger und nicht der Hochfinanz zu machen.
Barack Obama hatte erkannt, welch schwerer Fehler es war, den Republikanern das Feld der evangelikalen Gläubigen zu überlassen. Ronald Reagan hatte es 1980 erstmals geschafft, sie mehrheitlich auf die republikanische Seite zu ziehen. Obama will das rückgängig machen: In seinem Team arbeiten Spezialisten, die engen Kontakt zu religiösen Gruppen halten. Obama selbst betet öffentlich mit Unterstützern und sagt, Krankenversicherung für alle sei ein Gebot der Nächstenliebe. Damit können Evangelikale etwas anfangen.
Religiosität hat im öffentlichen Leben Amerikas größeren Einfluss als in fast jedem anderen industrialisierten Land. Meistens werden die Menschen immer säkularer, je wohlhabender, moderner und gebildeter sie sind. In Amerika scheint es genau umgekehrt zu sein. 92 Prozent der Amerikaner glauben an Gott oder ein höheres Wesen, 56 Prozent sagen, dass Religion in ihrem Leben "sehr wichtig" sei. Fast 40 Prozent aller Befragten und 60 Prozent aller Evangelikalen gehen mindestens einmal in der Woche zum Gottesdienst - in Deutschland sind es nur 7 Prozent.
Amerika ist stark christlich dominiert: Fast 80 Prozent der amerikanischen Gläubigen bezeichnen sich als Christen. Mehr als ein Viertel firmiert als evangelikale Protestanten, rund 18 Prozent sind klassische Protestanten, die eher in einer europäischen Tradition stehen. Ein weiteres Viertel ist katholisch: Den Katholiken laufen zwar, wie den herkömmlichen Protestanten, die Mitglieder in Richtung der eher persönlich orientierten Kirchen davon, aber der Schwund fällt wegen der vielen katholischen Einwanderer aus Mexiko nicht so auf.
Es ist ein Paradox, dass die USA laut Verfassung eine strikte Trennung von Kirche und Staat praktizieren, anders als etwa Deutschland. Auf das Konzept von Kirchensteuern, die der Staat eintreibt, reagieren Amerikaner mit hochgezogenen Augenbrauen. Die Kirchen kennen in den USA keinen Sonderstatus als Körperschaften öffentlichen Rechts, in öffentlichen Schulen ist Religionsunterricht undenkbar.
"Gerade weil es keine etablierte Staatskirche gibt, hat sich ein breitgefächertes Angebot von Kirchen gebildet, die aus eigener Kraft Gläubige anziehen müssen", sagt Amerika-Kenner Hochgeschwender. Aber nicht nur das Angebot ist in den USA vielfältiger - auch die Nachfrage ist größer. Weil die amerikanische Gesellschaft so mobil ist, zerreißt das Netz sozialer Bindungen schneller. "Die Kirchen geben Nestwärme", sagt Hochgeschwender. Und sie übernähmen Aufgaben, für die in Europa der Sozialstaat zuständig sei, bis hin zur Arbeitsvermittlung. Kirche transportiere in Amerika zudem ein Gefühl von Gemeinschaft und von gemeinsamen Werten.
Das galt auch für den Puritanismus, die erste bestimmende Strömung in der Neuen Welt. Die puritanisch-calvinistischen Siedler, die im 17. Jahrhundert an die Ostküste kamen, träumten von der exemplarischen Ordnung in dem neuen und, wie sie es sahen, jungfräulichen Land, von einer "Stadt auf dem Hügel", einem Vorbild für die Menschheit. Doch sie scheiterten: Weil sie Wert auf intensives Bibelstudium legten, bevor neue Gemeindemitglieder aufgenommen wurden, blieb ihre Macht begrenzt. Ihre Vision des vorbildlichen Gottesstaats verwirklichte sich nie.
Die Puritaner etablierten aber englische Traditionen, die bis heute lebendig sind: das Recht, Waffen zu tragen, ein Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit und zur Bildung für alle. Besonders prüde waren sie indessen nicht. Sie behandelten Sexualität in der Ehe offenherzig und hatten auch nichts gegen mäßigen Alkoholkonsum. Erst die Aufklärer des 18. und die Viktorianer des 19. Jahrhunderts waren es, die Selbstkontrolle und Lustverzicht zum Wert an sich in Amerika machten.
Die großen Christianisierungen kamen in Schüben über das Land, Historiker nennen das die Erweckungswellen. Als Erstes waren da die Wanderprediger am Anfang des 18. Jahrhunderts, die leidenschaftlich die Gefühle ihrer Zuhörer ansprachen und so, anders als die Puritaner, viele Anhänger fanden. Manchmal zelebrierten sie Riesengottesdienste unter freiem Himmel, bei denen Tausende in Verzückung gerieten. Aus einem distanzierten europäischen Gott wurde ein erfahrbarer, verinnerlichter, zutiefst amerikanischer Gott.
Parallel zur Demokratisierung und Staatsgründung Amerikas 1776 demokratisierte sich so auch der Glaube von der Elite- zur Volksreligion. "Diese Phase wiederholt die Reformation in Amerika", sagt die Religionshistorikerin Uta Balbier vom Deutschen Historischen Institut in Washington. "Jeder kann Gott erfahren, jeder kann die Bibel lesen." Auch die Ausbildung der Prediger wurde nicht mehr reglementiert, die Gläubigen entwickelten heftige Vorbehalte gegen Institutionen, die festlegen wollten, was der richtige Glaube sei.
Die zweite Erweckungswelle gegen Ende des 18. Jahrhunderts war vor allem eine Reaktion auf die beginnende Industrialisierung: Die Evangelikalen hakten sich bei den Kapitalisten unter. Freiwillige Armut galt bis dahin als ehrenvoll - nun wurde sie zum moralischen Versagen. Vielen amerikanischen Christen gilt Reichtum noch heute als Beweis, dass Gott jemandem wohlgesinnt ist. "Gott wird dich reich machen", sagt Palins Pastor Kalnins. "Und ich meine nicht reich im Geiste."
Dass die Bibel eher die selbstgewählte Armut als selig preist, blenden Evangelikale gern aus. Der Evangelikalen-Führer Jim Bakker sagte: "Warum sollte ich mich entschuldigen, wenn Gott mir Kristalllüster und Mahagoniparkett gibt?" Erst während eines fünfjährigen Gefängnisaufenthalts wegen Steuerhinterziehung las Bakker die Bibel komplett und zog daraus den neuen Schluss, dass die Heilige Schrift nicht unbedingt für Reiche sei.
Die Amerikaner haben wenig Probleme mit ihrer selektiven Wahrnehmung des Christentums, weil die große Religiosität oft mit ebenso großer Unkenntnis einhergeht. Viele wissen nicht, was sie glauben: Fast zwei Drittel der US-Bürger können nicht einmal fünf der zehn Gebote nennen. Nur die Hälfte kennt gerade mal einen Evangelisten. Mark Noll, einflussreicher Geschichtswissenschaftler an der Universität Notre Dame in Indiana und selbst Evangelikaler, beklagt: "Der Skandal des evangelikalen Verstandes ist, dass es nicht viel evangelikalen Verstand gibt."
Das hat auch mit der dritten Erweckungsbewegung zu tun, die durch Amerika zog und 1920 in christlichen Fundamentalismus mit antiintellektuellen Strömungen mündete. Christen auf dem Land und Intellektuelle aus der Stadt stritten darum, wie man mit der Moderne umgehen solle. Die Fundamentalisten sahen die rasch wachsenden Städte als Sündenpfuhl: steigende Scheidungsraten, mehr uneheliche Kinder, offen gelebte Homosexualität. Gleichzeitig galten die Städte aber auch als Heimat von bösartigen, reichen Eliten, die sich gegen die Werte des ländlichen Herzens Amerikas verschworen hatten. Die liberale Elite in den Städten hingegen betrachtete die Fundamentalisten als bornierte Hinterwäldler.
Diese Spaltung bestimmt bis heute das Land: Nach außen hin versuchen sich alle Präsidentschaftskandidaten mit den Urwerten des einfachen Amerikas zu verbinden. Und es ist kein Zufall, dass auf Wahlpartys aller Art die Provinzhymne "Small Town" des Rocksängers John Mellencamp gespielt wird. Aber als Obama herausrutschte, die Menschen in der Provinz "halten sich an Waffen und Religion fest", sprach er als Mitglied der liberalen Elite.
Der historische Konflikt fand seinen symbolischen Höhepunkt im Jahr 1925 im sogenannten Affenprozess von Tennessee. Die neugegründete Bürgerrechtsorganisation ACLU führte einen Musterprozess im Namen eines Lehrers, der die Evolution im Biologieunterricht behandelt hatte. Das war damals in Tennessee verboten. Der Prozess war ein nationales Spektakel und wurde in ganz Amerika im Radio übertragen. Die Fundamentalisten versuchten, die Intellektuellen als abgehobene Akademiker ohne Werte darzustellen, die Liberalen porträtierten die Religiösen als vernagelte Fanatiker.
Die Anklage argumentierte, die Lehre der Evolution verderbe den Charakter: Den armen Kindern werde beigebracht, sie stammten von Affen ab, "und dann nicht mal von amerikanischen Affen, sondern von solchen aus der Alten Welt". Der Anwalt der Gegenseite warnte vor einer Stimmung der "Inquisition".
Der Prozess ging unentschieden aus. Das Gericht verurteilte den Lehrer zwar, aber nur zu einer Mindeststrafe von 100 Dollar. Das Gesetz zum Verbot der Evolutionslehre in Schulen wurde nie wieder angewandt und dann 1967 abgeschafft. Heute ist der Biologieunterricht in öffentlichen Schulen wieder ein umkämpftes Thema. Die religiöse Rechte konnte sogar Erfolge erzielen: Einige Bezirke und der Bundesstaat Kansas sehen vor, dass die Schöpfungslehre oder das "intelligent design" - also die Theorie, dass eine höhere Instanz die komplizierten Lebewesen von heute entworfen haben muss - im Fach Biologie behandelt wird.
Auf dem Feld der öffentlichen Meinung sind die Erfolge der Evangelikalen sogar überwältigend. 45 Prozent der Amerikaner glauben nicht mehr, dass die Evolutionslehre stimmt. Mehr als ein Drittel möchte sogar, dass die Evolution überhaupt nicht in der Schule besprochen wird. Auch darin kommt wieder der tiefsitzende Widerstand gegen die Autorität einer akademisch gebildeten Elite zum Vorschein, die der Mitte Amerikas diktieren will, was richtig ist.
Mit Beginn der sechziger Jahre befeuerten dann einige Urteile des Obersten Gerichtshofs in Washington eine neofundamentalistische Bewegung. 1962 verbot der Supreme Court das amtlich angeordnete Schulgebet. Die Evangelikalen waren entsetzt. Sie hatten die Trennung von Kirche und Staat stets als Schutz der Religion vor staatlichem Einfluss gesehen; es wäre ihnen gar nicht in den Sinn gekommen, dass der Staat vor der Kirche geschützt werden müsse. Zudem wollten drei Viertel der Amerikaner, dass ihre Kinder in der Schule beteten.
Endgültig explodierte der Konflikt elf Jahre später mit der Entscheidung "Roe gegen Wade": Die obersten Richter stellten Abtreibung in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft grundsätzlich straffrei und leiteten das aus einem "Recht auf Privatsphäre" her - eine liberalere Regelung als etwa in Deutschland. Die Abtreibungsfrage wurde zum Kulturkampf: Die Liberalen zählten sie zu ihren Kernprojekten - und die Evangelikalen hielten erbittert dagegen. Dieser Streit machte die verschiedenen religiösen Gruppierungen erst "kampagnefähig", so der Religionshistoriker Hochgeschwender - wenigstens in dieser Frage waren sich die allermeisten noch so unterschiedlich geprägten Gruppen einig.
Auch aus diesem Grund wird bis heute eine Schlacht um dieses Thema geführt. Später nahmen Schwulenrechte und die Homo-Ehe einen ähnlichen Rang in der Bewegung ein.
Abscheu über die Protestbewegung an den Universitäten und eine Demokratische Partei, die nach links rückte, trieben diese Christen in den achtziger Jahren in die Arme der Republikaner. Evangelikale gründeten schlagkräftige politische Gruppen: Dazu gehörten etwa "Focus on the Family", die "Christian Coalition" und die "Moral Majority". Immer fester waren die Evangelikalen im republikanischen Lager verortet.
2004 schaffte es der Wahlstratege Karl Rove, durch die Mobilisierung der evangelikalen Basis Bush die Wiederwahl zu sichern. 78 Prozent der weißen Evangelikalen stimmten für Bush, so viele wie noch nie für einen Republikaner. Die Christen glaubten ihm, wenn er sagte: "Es gibt nur einen Grund, warum ich im Oval Office bin und nicht in jener Bar. Ich habe den Glauben gefunden. Ich habe Gott gefunden. Ich bin hier wegen der Macht des Gebets."
Doch viele religiöse Rechte sind heute desillusioniert. Der Streit um die Schwulenehe wird vermutlich auf regionaler Ebene ausgetragen. In der Frage der Abtreibung hat sich nichts verändert. Dazu kamen Skandale in den eigenen Reihen. Mehrere bedeutende nationale Tele-Evangelisten wurden des Ehebruchs überführt. Ein weiterer geriet unter Verdacht, Speed zu nehmen und mit einem männlichen Prostituierten zu verkehren. Die einfachen Schäfchen sind nicht viel besser: Fundamentalistische Christen und Evangelikale haben eine mindestens so hohe Scheidungsrate wie der Rest der Amerikaner.
Was haben die rechten Christen während der Präsidentschaft von George W. Bush erreichen können? Ihre größten politischen Erfolge sind scharfe Restriktionen bei der Stammzellforschung, Abstinenzprogramme an Schulen und die großzügige Zuweisung von Geldern an kirchliche Gruppen.
Angesichts der Steuergeschenke für Großverdiener klagen desillusionierte Evangelikale heute, der Kulturkrieg der vergangenen drei Jahrzehnte sei nur ein Ablenkungsmanöver der superreichen Wirtschaftselite gewesen, um die Masse Amerikas dazu zu bringen, gegen ihre eigenen Interessen zu stimmen. Und viele fragen sich, ob sie für Bush nicht bloß Stimmvieh waren.
Umso interessanter ist, dass sich ein Flügel von Evangelikalen gebildet hat, der neue Töne anschlägt. Zwar bleiben diese Gruppen Gegner der Abtreibung und der Homo-Ehe, aber sie sind nicht mehr allein auf diese Themen fixiert. Joel Hunter, Hauptprediger der Northland Church in Florida, einer Megakirche mit etwa 10 000 Mitgliedern, war einer der frühesten Kritiker der Fundi-Christen. In seinem Buch "Rechter Flügel, falscher Vogel" warnte er die Bewegung 1988: "Christen haben den Ruf, übergeschnappte Irre zu sein, und in mancher Hinsicht zu Recht."
Hunter trat 2007 in einem evangelikalen Werbespot gegen den Klimawandel auf - er warb dafür, Gottes Schöpfung zu bewahren. Danach beschimpften ihn seine religiösen Brüder, er sei unamerikanisch. Hunter findet die Todesstrafe problematisch, hat sich für ein neues Einwanderungsgesetz ausgesprochen und besucht regelmäßig ein Forum zum Islam in Katar. In den Vorwahlen stimmte er für Mike Huckabee.
Im Mai unterzeichnete Hunter zusammen mit 72 einflussreichen Glaubensbrüdern ein Manifest der Evangelikalen-Bewegung. Es sei Pflicht, so das Manifest, "nicht mit einer Partei gleichgesetzt zu werden", sonst verliere der Glaube seine Unabhängigkeit, und Christen würden "nützliche Idioten" für die eine oder andere politische Richtung.
Auch Rick Warren, Hauptpastor der Saddleback Church in Kalifornien und der bekannteste Evangelikalen-Prediger des Landes nach Billy Graham, gehört der neuen Bewegung an. Er möchte Armut und die Ausbreitung von Aids in Afrika bekämpfen und seine Gemeinde für diese Ziele mobilisieren.
Die Wahl am 4. November wird deshalb zum Lackmustest. Wie viele Evangelikale kann Sarah Palin für sich einnehmen? Oder wird Barack Obama der erste Demokrat, der wieder eine Verbindung zur religiösen Mitte Amerikas findet?
Nachdem Obama vor 80 000 Menschen im Invesco-Stadion von Denver seine Parteitagsrede gehalten hatte, nachdem das Feuerwerk verloschen war, aber die Flutlichter noch leuchteten, trat ganz zum Schluss ein schmaler Mann in schwarzem Anzug ans Mikrofon: "Wir sind alle hier, um unser Land besser zu machen", begann Joel Hunter. Er bat Gott "um Mitgefühl mit den Verletzlichsten unserer Gesellschaft, mit den Babys, den Kindern, den Armen und den Kranken". Er bat um "Eifer, die Umwelt zu säubern, die wir verschmutzt haben". Hunters Gesicht erschien auf allen Leinwänden, als er sagte: "Wir zählen bis drei, und dann endet jeder das Gebet so, wie es in seinem Glauben gemacht wird."
Das könnte ein Neubeginn sein. F
Von Cordula Meyer

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 4/2008
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