12.11.2013

Erfindung aus Fernost

Traditionelle Chinesische Medizin ist Jahrtausende alt? Keineswegs, sagt der Medizinhistoriker Paul Unschuld: Sie ist ein Kunstprodukt, entstanden auf Geheiß der chinesischen Regierung.
ZUR PERSON
Paul Unschuld
Der Sinologe und Medizinhistoriker ist Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Unschuld, 70, befasst sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Vergleich europäischer und ostasiatischer Heilkunde. Unter anderem übersetzte er die älteste Textsammlung zu seinem Thema ("Antike Klassiker der Chinesischen Medizin", Cygnus Verlag. 2013).
SPIEGEL: Tausende Ärzte und Heilpraktiker in Deutschland behandeln ihre Patienten mit Traditioneller Chinesischer Medizin, kurz TCM. Gemeint ist damit vor allem Akupunktur und ein Denkgebäude, dass das Gleichgewicht von Yin und Yang und die Harmonie der "fünf Elemente" preist. Was hat das noch mit der ursprünglichen chinesischen Medizintradition zu tun?
Unschuld: Recht wenig. Das, was den Patienten hierzulande als TCM angeboten wird, ist ein in China am grünen Tisch geschaffenes Konstrukt, das auf dem Weg in den Westen dann noch einmal kreativ verändert wurde.
SPIEGEL: Was heißt das genau?
Unschuld: Schon Anfang des 20. Jahrhunderts drängten Reformer und Revolutionäre darauf, die traditionelle Medizin in China abzuschaffen und stattdessen die westliche Medizin einzuführen. Traditionelles Denken galt als rückständig und wurde für die drückende Überlegenheit des Westens verantwortlich gemacht. Westliche Naturwissenschaft, Medizin und Technologie in China einzuführen, galt auch später, nach Gründung der Volksrepublik China, als unabdingbar dafür, das Land wieder konkurrenzfähig zu machen. Da die traditionelle chinesische Medizin damals schon deshalb nicht ganz abgeschafft werden konnte, weil sie vielen Menschen einen Lebensunterhalt bot, wurde sie auf einen Kern reduziert, der mit der naturwissenschaftlichen Ausrichtung einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft gerade noch so vereinbar war. Daran hat in den fünfziger und sechziger Jahren eine eigens eingesetzte Kommission intensiv gearbeitet. Das Filtrat, das sie aus der ursprünglichen Medizintradition schuf, wurde fortan nach außen als TCM deklariert.
SPIEGEL: Wie gelangte dieses Kunstprodukt in den Westen?
Unschuld: 1972 reiste der US-amerikanische Präsident Richard Nixon nach China. Während der Vorbereitung auf diese Reise musste ein US-Journalist in China am Blinddarm operiert werden. Seine Schmerzen nach der OP wurden mit Akupunktur behandelt. Der Bericht, den er darüber in der "New York Times" schrieb, weckte das Interesse westlicher Ärzte, Heilpraktiker und natürlich auch vieler Patienten.
SPIEGEL: Was war für westliche Ärzte so faszinierend?
Unschuld: Die Nadeltherapie schien auf den ersten Blick exotisch - aber, weil ihre theoretische Grundlage durch die Kommission in den fünfziger und sechziger Jahren ja bereits dem westlichen Denken angepasst worden war, eben auch nicht völlig fremd. Es waren keinesfalls nur Esoteriker, die jetzt plötzlich Akupunktur lernen wollten. Sogar das US-amerikanische Militär interessierte sich dafür.
SPIEGEL: Aber wohl kaum ernsthaft.
Unschuld: Doch! Ich lebte seinerzeit in München, und die Amerikaner waren schon damals bestens darüber informiert, wer in welcher Beziehung zu China stand. Kurz nachdem der Artikel in der "New York Times" erschienen war, klingelte bei mir ein CIA-Mann und sagte: "I am James Quinn, CIA. Tell me about the military use of acupuncture." Noch heute finanziert das US-Militär umfangreiche Programme beispielsweise zur Behandlung von traumatisierten Kriegsveteranen.
SPIEGEL: Vor allem erfüllte die TCM aber doch eine tiefe Sehnsucht nach einer sanften, ganzheitlichen Medizin.
Unschuld: Das stimmt natürlich auch. Angesichts wachsender Unzufriedenheit mit der Schulmedizin, die dann auch als "Apparatemedizin" bezeichnet wurde, bot sich die chinesische Medizin wie eine weiße Folie an, auf die westliche Skeptiker ihre Sehnsüchte und Hoffnungen projizieren konnten. Die Unkenntnis der historischen Medizin führte allerdings zu zahlreichen Missverständnissen und Übersetzungsfehlern.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Unschuld: Es fängt schon bei "Qi" an. Bis heute wird das in Deutschland mit "Lebensenergie" übersetzt. Dabei heißt Qi wörtlich genommen "Speisedampf". Damit ist in der chinesischen Medizintradition eher so etwas wie das Pneuma in der antiken griechischen Medizin gemeint, das in der damaligen Vorstellung zusammen mit dem Blut durch den Körper strömte und gemeinsam mit diesem die Lebensgrundlage bildete. Doch der französische Akupunkturpionier George Soulié de Morant hatte Qi bereits in den zwanziger Jahren als "Energie" gedeutet - und in der Energiekrise der Siebziger war es dann selbstverständlich, diese Übersetzung zu übernehmen. Die Lebensenergie eines Menschen zu stärken, zu harmonisieren - mit diesem Therapieziel wurden damals geradezu gesamtgesellschaftliche Ängste gemildert.
SPIEGEL: Wie sah denn die Medizin im alten China tatsächlich aus?
Unschuld: Es gab immer viele Sichtweisen nebeneinander - aber nie eine einheitliche chinesische Medizin. In den ungefähr 15 000 medizinischen Texten aus der Kaiserzeit bis 1911, die noch erhalten sind, findet sich die Sichtweise einer kleinen Oberschicht. Der ging es darum, den Körper nach denselben Prinzipien "in Ordnung zu halten" wie den Staat. Daher hatten Verhaltensregeln für die Menschen größte Bedeutung. Im Vordergrund konkreter Therapie stand aber stets die ausgefeilte Arzneitherapie mit Zigtausenden von Rezeptvorschriften. Der Glaube an die Einwirkungen von Dämonen und Ahnen auf die Gesundheit ist ja bis heute ebenfalls weitverbreitet. Es gab auch immer wieder Modeströmungen, wie zum Beispiel im 18. Jahrhundert, als ein bestimmter Käfer als Wundermittel gepriesen wurde.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte die Akupunktur?
Unschuld: Zumeist eine marginale. Lediglich im 13. und 14. Jahrhundert gab es einen gewissen Akupunktur-Boom. Schriftgelehrte, die keine Stellen mehr fanden, wurden zunehmend Ärzte. Das Gedankengut der Akupunktur stand ihnen als Konfuzianern am nächsten. Dann nahm das Interesse wieder ab. 1822 wurde die Akupunktur am Kaiserhof sogar verboten.
SPIEGEL: Warum dominiert sie dann im Westen das Bild von der chinesischen Medizin?
Unschuld: Neben dem Artikel in der "New York Times" über die Akupunktur hat das sicherlich auch damit zu tun, dass vor allem in den USA strikte Arzneimittelvorschriften das Verordnen traditioneller chinesischer Wirkstoffe von Anfang an sehr schwierig machten.
SPIEGEL: Was halten die Chinesen davon, dass ihre Medizintradition im Westen so verfremdet wird?
Unschuld: Das ist für die chinesische Seite nicht unproblematisch. Es besteht durchaus die Befürchtung, dass die westliche Begeisterung für das Gedankengut der TCM als Alternative zur wissenschaftlich legitimierten Medizin nach China zurückschwappen könnte. Wer an all die Konzepte von Harmonie und Energieausgleich aus dem Westen glaubt, der ist für das moderne China verloren, fürchtet die Regierung. Daher hat sie etwa 2007 die Wissenschafts- und Gesundheitsminister zahlreicher Staaten eingeladen. Diesen wichtigen Leuten wollten sie klar machen: Die Zukunft der TCM liegt in der Molekularbiologie. Eine absurdere Aussage kann es aus Sicht eines westlichen TCM-Verfechters kaum geben.
Interview: Veronika Hackenbroch
Von Veronika Hackenbroch

SPIEGEL WISSEN 4/2013
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