25.02.2014

Wohlige Gefühle

Zwischen Aufklärungsliteratur und allgegenwärtiger Pornografie versuchen Jugendliche, mehr über Sexualität zu erfahren. Eltern haben dabei eine wichtige Rolle.
Als Leah Behrens zum ersten Mal ihre Tage bekam, überlegte sie nicht lange. Sie wusste, mit wem sie nun sprechen wollte: "Ich bin zu Mama gegangen." Leah war damals zwölf. Angst hatte sie keine, sagt sie. Sie wusste, was gerade mit ihrem Körper geschehen war und dass sie sich nicht schämen müsse. Gesprächsbedarf gab es trotzdem, denn in der Schule oder im Fernsehen wurde zwar viel über Sex geredet, aber damit waren nicht alle Fragen beantwortet.
Heute ist Leah 17 und besucht ein Gymnasium in der Nähe von Koblenz. Ein hübsches junges Mädchen mit lockigen blonden Haaren. Mit ihrer Mutter ging es seinerzeit um Tampons, Verhütungsmittel und die Frage, wie es eigentlich beim Frauenarzt sei. "Das Gespräch war mir überhaupt nicht peinlich", sagt Leah. "Bei meiner Mutter fühle ich mich wohl." Über Sex sprachen die beiden nicht das erste Mal. Das Thema kam und kommt immer wieder auf, ganz spontan. Zum Beispiel wenn sich ein Paar im Fernsehen liebkost oder ihre ältere Schwester von ihren Erfahrungen mit Jungs erzählte.
Leah hat vier Geschwister: Lisa, die Älteste, ist 25, ihr jüngster Bruder 13 Jahre alt. Ihre Mutter Marientraud Behrens sagt: "Uns ist wichtig, dass die Kinder Vertrauen zu uns haben." Der Rest ergebe sich meist von selbst, Druck sei eher hinderlich. "Wenn es so weit ist, dann kommen die schon."
Die Pubertät, so sagt man, sei ein schwieriges Alter. Aus Kindern werden Jugendliche, und die müssen nun lauter Premieren meistern: den ersten Kuss, den ersten Samenerguss, die erste Monatsblutung. Liebe, Sex, Beziehung. Selbstbefriedigung. Der Körper wird erwachsen und mit ihm die Gefühle. Plötzlich sind Jungs oder Mädchen keine Spielkameraden, sondern begehrenswerte Wesen, die schon in Gedanken ein wohliges Gefühl auslösen. Nichts ist plötzlich wichtiger, kein Verlangen größer. Und damit beginnen die Fragen: Sehe ich gut aus? Kann ich mit den anderen mithalten? Wer möchte ich eigentlich sein?
Eltern sollten bei alldem erst einmal Ruhe bewahren, sagt Konrad Weller, Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg. "Viele meinen, dass Jugendliche anstrengender seien als Kleinkinder", sagt er, "dabei stimmt das oft gar nicht." Wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind bislang entspannt und vertrauensvoll gewesen sei, ändere sich daran normalerweise nichts. Obwohl er sich scheut, allgemeingültige Empfehlungen zu geben, rät Weller zu einer "reflektierten Zurückhaltung" im Umgang mit pubertären Kindern: nicht zu neugierig sein, aber durch kleine Bemerkungen Offenheit signalisieren. Es gebe keinen Grund, sich übermäßig Sorgen zu machen. "Die meisten Jugendlichen sind heute so planvoll und aufgeklärt wie noch nie in der Geschichte."
Tatsächlich ist die aktuelle Generation der Heranwachsenden vor allem eins: vernünftig. Eine aktuelle Studie, für die Weller Anfang 2013 fast 900 Jugendliche befragte, kam zu dem Ergebnis, dass 85 Prozent von ihnen beim ersten Sex verhütet haben - meistens mit Kondom. In der Erhebung "Jugendsexualität 2010" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) waren es sogar 92 Prozent. Auch die anderen Trends, die beide Studien ausmachen, dürften Eltern beruhigen: So hat die große Mehrheit der Jugendlichen den ersten Sex bewusst innerhalb einer Beziehung, ist relativ umfassend aufgeklärt und wünscht sich langfristig zwar Kinder, würde eine Teenie-Schwangerschaft jedoch "als Katastrophe" empfinden, wie die BZgA schreibt. All diese Angaben sind seit den Neunzigern auf Höchstwerte gestiegen.
Auch das Vorurteil, Jugendliche hätten immer früher Sex, ist falsch: Nach Befragungen der BZgA ist der Anteil von 14-jährigen Mädchen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, zwischen 2005 und 2009 von zwölf auf sieben Prozent gesunken. Bei den Jungen ging er sogar von zehn auf vier Prozent zurück. Dabei weist der Trend der biologischen Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Ihre erste Regelblutung bekommen Mädchen, laut Robert Koch Institut, so früh wie noch nie: mit durchschnittlich 12,8 Jahren.
Eigentlich könnten Eltern also trotz ständig wachsender medialer Verführungen beruhigt auf die Einsicht ihrer Kinder vertrauen. Dennoch weckt die erwachende Sexualität oftmals ein Gefühl der Unsicherheit, begleitet von Fragen und Sorgen: Onaniert mein Sohn nicht etwas zu oft? Darf der Freund meiner Tochter bei uns übernachten? Ist es jetzt Zeit, über Verhütung zu sprechen?
Nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern wollen ihrer neuen Rolle gerecht werden. Dabei geht es darum, eine gesunde Balance zwischen Regeln und Freiraum zu finden, damit aus Jugendlichen reife Erwachsene werden können.
Eltern müssten es aushalten, dass ihre Kinder Fehler machen, meint Bernhard Huf, Leiter der Erziehungsberatungsstelle der Caritas in Berlin-Mitte. Sie könnten ihre Töchter zum Beispiel nicht davor schützen, enttäuscht zu werden, etwa weil sich der sportliche Klassen-Casanova als ungeschickter Wüstling entpuppt oder der erste Sex noch regelmäßig vor einem Orgasmus endet. Zurückhaltung sei meist besser als ein gutgemeinter, aber übertriebener Schutzreflex, sagt Huf.
Kinder müssen eigenständig Erfahrungen sammeln, Risiken eingehen, um ihre Grenzen auszuloten. Das gilt beim Toben ebenso wie bei der ersten Beziehung. Andererseits sind sie eben noch keine Erwachsenen und kommen trotz der Allgegenwärtigkeit von Informationen über Sex noch nicht mit jeder Situation allein klar.
So erscheinen in der Sprechstunde von Berater Huf immer wieder Eltern, deren Kinder mit pornografisch anmutenden Handyvideos erpresst werden, die vermeintliche Freunde oder gar ihr erster Liebespartner von ihnen gedreht haben. Huf: "Solche Erfahrungen können traumatisch sein." Eltern sollten ihre Teenager vorbereiten, dass manche Leute derart fiese Spielchen treiben. Ist die Gemeinheit passiert, sei im Einzelfall therapeutische Hilfe sinnvoll.
Auch Homosexualität ist immer noch ein Thema, mit dem Pubertierende nicht auf Anhieb allein zurechtkommen. Ein Ehepaar kam zu Berater Huf, nachdem der Sohn mehr und mehr kiffte und seine Noten in der Schule immer schlechter wurden. Sie erreichten ihn nicht mehr, verstanden nicht, was mit ihm los war. Der Junge war schwul - was auf vielen Schulhöfen ein Schimpfwort ist. Wegen seiner Homosexualität schämte er sich so sehr, dass er sich in seinem Zimmer vergrub und alles andere vernachlässigte. "Er hatte das Gefühl, dass er mit niemandem darüber sprechen könne", sagt Huf. Dabei seien seine Eltern vorurteilsfrei gewesen. Nachdem der Schweigeknoten gelöst war, konnten sie ihn bestärken, sich nicht zu verstecken.
Sexualität ist etwas sehr Intimes, sie macht verletzlich. Manche Dinge wollen Jugendliche lieber für sich behalten oder allenfalls mit Freunden, Gleichaltrigen darüber sprechen. Selbstbefriedigung zum Beispiel. Die Zeiten, in denen man deswegen Schuldgefühle hatte, sind zwar Geschichte, doch gibt es noch immer einen deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Im Alter von 14 Jahren haben sich 88 Prozent der Jungen, aber nur 21 Prozent der Mädchen schon einmal selbst befriedigt.
"Gerade pubertierende Jungs masturbieren regelmäßig", sagt Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das sei ganz normal und keinesfalls eine neue Entwicklung. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie mit 160 Jugendlichen detaillierte Interviews geführt, unter anderem, um ihre Meinung zu den Themen Masturbation und Pornografie zu erfahren.
Beide Themen gehören heute zusammen. Im Internet führt eine einfache Google-Suche zu einer schier unendlichen Auswahl: von harmlosen Softpornos bis zu harten Sadomaso-Filmen. Kostenlos und in gut sichtbarer Qualität. Als Jugendschutz muss, wenn überhaupt, eine einfache Ja/Nein-Frage nach der Volljährigkeit genügen.
Verständlich, dass viele Eltern fürchten, ihre Kinder könnten verrohen oder das Gesehene für gängige Praxis halten. Doch Silja Matthiesen beruhigt: "Die große Mehrheit der Jugendlichen kann gut zwischen Porno und Realität unterscheiden." Wissenschaftler streiten sich zwar noch, ob ein heftiger Konsum in der Jugend schädlich sein könnte; in der Hamburger Studie ließen sich solche Effekte jedoch nicht festmachen. In den Interviews taten sich vor allem die Jungs als Sexfilm-Profis hervor. Mehr als jeder Zweite der Befragten im Alter von 16 bis 19 Jahren hatte im Vormonat Pornos gesehen. Sie wüssten zumeist genau, was sie mögen und woher sie es bekommen, sagt Matthiesen. Die Filme gelten als coole Tauschware in der Clique. Mädchen hingegen gehen ein soziales Risiko im Kreis ihrer Freundinnen ein, wenn sie Pornos schauen. "Sie tolerieren Pornografie, finden sie selbst aber eher peinlich", sagt Matthiesen.
Auch bei den Behrenss waren Pornos schon Thema. Mutter Marientraud sagt, sie habe Jonathan, ihren Jüngsten, noch nie dabei erwischt, ihm aber vorsorglich deutlich gemacht, dass sie von dem oftmals devoten Frauenbild der Filme wenig halte. Ansonsten versucht sie sich rauszuhalten: "Ich vertraue darauf, dass er schlau genug ist, sich nicht die harten Sachen anzuschauen." Tochter Leah erzählt, dass die Jungs in ihrer Schule oft mit besonders harten Videos prahlten, um die Mädchen zu schocken. Sie und ihre Freundinnen schauten selbst keine Pornos, das interessiere sie nicht.
Fachleute wie Matthiesen oder Huf betonen, dass es bei dem Thema ein deutliches Kompetenzgefälle gebe. Die meisten Mütter und Väter kennen sich im Internet nicht so gut aus wie ihre Kinder. "Eltern sind deshalb in ihrer Kritik unglaubwürdig", sagt Matthiesen, "sie wissen oft nicht, wovon sie eigentlich sprechen." So habe eine Ermahnung wenig Gewicht.
Die oft aufgeregt geführte öffentliche Diskussion um Pornografie, Sex und Gewalt verstellt den Blick darauf, dass es in einer Gesellschaft, in der scheinbar jeder alles über Sex weiß, noch immer offene Fragen gibt. Weder in Liebesfilmen noch in der Schule oder in Aufklärungsheftchen wird das Wichtigste beantwortet: Wie hat man eigentlich guten Sex?
Die Autorinnen Tine Bremer-Olszewski und Ann-Marlene Henning wollen Jugendlichen mit ihrem Aufklärungsbuch "Make Love" (Rogner & Bernhard) hierauf eine Antwort geben. Sex sei zwar überall sichtbar, sagt Bremer-Olszewski, aber über Körper, Berührung, Stimulanz und Wirkung wüssten viele erschreckend wenig.
Das Buch hat sich bereits über 100 000- mal verkauft. Es ist mit sinnlichen Fotos illustriert, die echte Paare bei echtem Sex zeigen. "Make Love" könne die Lücke füllen, die Schule und Eltern hinterlassen, sagt Autorin Bremer-Olszewski. Kaum ein Jugendlicher wolle schließlich "von seiner Mutter hören, wie man richtig bläst; oder mit dem Vater diskutieren, wie realistisch eine konkrete Pornoszene ist". Die Autorinnen möchten bei allen Sorgen, Ängsten oder Peinlichkeiten vor allem eine Wahrheit über Liebe und Sex betonen, die leicht in Vergessenheit gerät: Beides kann sehr schön sein. Das sollte auch in Gesprächen zwischen Eltern und Kindern deutlich werden.
Die Basis dafür ist da: In "Make Love" findet sich eine Statistik. Es geht um die Frage: Mit wem reden Jugendliche über Sex? Die Antworten zeigen, dass die Mehrheit der Pubertierenden in Deutschland abgesehen von den engsten Freunden dabei vor allem zwei Personen vertraut: den eigenen Eltern. ■
Von Philipp Alvares de Souza Soares

SPIEGEL WISSEN 1/2014
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