13.05.2014

Allgegenwärtig

Die wachsende Zahl der Überempfindlichkeiten verändert den Alltag - auch den von Menschen, die selbst nicht daran leiden. Fünf Szenen aus dem ganz normalen Leben.
Allgegenwärtig
In der Apotheke

Pollenopfern helfen

Der Himmel ist wolkenverhangen, Regen tropft auf den Asphalt - und Brigitte Henrich-Waschulewski freut sich. Darüber, dass ihr heute nicht Augen und Rachen jucken, sie keine verschnupfte Nase hat. Die Inhaberin der Apotheke am Paulinenplatz in Hamburg reagiert selbst allergisch auf Pollen, sie weiß, wie sich viele ihrer Kunden fühlen. "Das sind quälende Momente. Ich würde mir jedes Mal am liebsten die Augen rausnehmen und in Eiswasser legen", beschreibt die 65-Jährige die Symptome.
"Es kommen immer mehr Allergiker zu uns", sagt Henrich-Waschulewski. Den Großteil machen dabei Kunden aus, denen die Pollen zusetzen, gefolgt von Menschen, die allergisch auf Hausstaubmilben reagieren. Woran das liegt, kann die Apothekerin nur vermuten. Vielleicht sind es die "veränderte Umwelt" und die Tatsache, dass Kinder immer seltener ganze Tage im Freien verbringen. "Auf jeden Fall gibt es ein anderes Bewusstsein für Allergien." Früher sei denen längst nicht so viel Bedeutung zugekommen.
Und auch die Medizin hat sich weiterentwickelt, selbst wenn die Medikation grundsätzlich gleich geblieben ist. "Vor Jahren machten die Antihistaminika noch sehr müde", sagt Henrich-Waschulewski. Bei Produkten der zweiten Generation, die es seit etwa 15 Jahren auf dem Markt gibt, sei die schläfrigmachende Wirkung wesentlich geringer. In Tablettenform, als Nasenspray, Augentropfen und Saft liegen die freiverkäuflichen Produkte wie Cetirizin und Lorano im Regal. "In der Kombination von Tabletten und Spray kommt man gut damit hin", sagt Henrich-Waschulewski - zumindest bei unkompliziertem Verlauf. Sind die Symptome jedoch schlimmer, greift beispielsweise die Erkrankung des Nasen-Rachen-Raums auf die Bronchien über, schickt sie ihre Kunden zum Arzt. Denn Asthmasprays und stärkere kortisonhaltige Mittel gibt es nur auf Rezept. Ebenso wie die adrenalinhaltigen Notfallpräparate, die bei einem anaphylaktischen Schock, in erster Linie ausgelöst durch Medikamente, Nahrungsmittel und Insektengifte, gespritzt werden. Auch danach steige die Nachfrage, so Henrich-Waschulewski.
Zuwachs haben außerdem Helfer gegen Lebensmittelunverträglichkeiten, etwa Enzymtabletten bei Laktose-Intoleranz. Ob die aber tatsächlich immer notwendig sind, wagt die Apothekerin zu bezweifeln. Der häufigere Griff zu laktose- oder glutenfreien Lebensmitteln sei wohl gerade auch in Mode, meint sie.
IM KRANKENHAUS
Der Chirurg korrigiert die Position der OP-Leuchte und greift zum Skalpell. "Hat der Patient Allergien?", fragt ein Pfleger. "Keine klinisch bedeutsamen", antwortet der Anästhesist. Erst jetzt setzt der Operateur zum Schnitt an - Alltag in der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit 2009 ist dies die Routine in den meisten deutschen Kliniken. Wenn die OP-Teams unmittelbar vor einem operativen Eingriff anhand einer Checkliste noch einmal die wichtigsten Patientendaten kontrollieren, "ist die Frage nach Allergien dabei ein zentraler Punkt", sagt Gregor Theilmeier, stellvertretender Direktor der Anästhesiologie in Hannover. Denn immer mehr Menschen reagierten allergisch auf verschiedene Medikamente.
Entgegen einer verbreiteten Befürchtung geht seiner Erfahrung nach vom Narkosemittel Propofol, das auf Sojaölbasis hergestellt wird, keine große Gefahr für Soja- oder Erdnussallergiker aus. Die möglichen Allergene wurden aus dem Medikament entfernt. Fischallergiker dagegen könnten auf Protamin reagieren, ein Medikament auf der Basis von Lachssperma, Gegenmittel des Gerinnungshemmers Heparin. Bislang gebe es keinen alternativen Wirkstoff, so Theilmeier. In so einem Fall müsse man vor der OP eine Prophylaxe einleiten, um die allergische Reaktion zu unterdrücken. "Viel gefährlicher sind jedoch Allergien, von denen weder Patient noch Arzt etwas wissen", erklärt Theilmeier. Mehr als 60 Prozent der Allergien, die während der Narkose aufträten, würden durch Medikamente zur Muskelerschlaffung verursacht. Meistens äußere sich dies aber in einfachen Hautrötungen, die Patienten merkten davon nichts.
Anaphylaktische Reaktionen seien selten und in den wenigsten Fällen lebensbedrohlich. Allgemein gehe man bei 10 000 Anästhesien von einer klinisch bedeutsamen Reaktion aus, sagt Theilmeier. Er hält diese Zahlen allerdings für zu niedrig und nimmt mindestens eine schwere Reaktion bei 1000 Anästhesien an. Erst kürzlich habe eine 36-jährige Patientin stark auf ein Muskelrelaxanz reagiert und einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Erst nach einer einstündigen Reanimation und einer Therapie mit Adrenalin und Kortison kam die Frau wieder zu sich - ohne bleibende Schäden erlitten zu haben. Ein Problem sei die Zunahme von Penicillinallergien. Um Infektionen vorzubeugen, sind Antibiotika fester Bestandteil vieler Narkosen, Anästhesisten müssten deshalb oft improvisieren. "Es gibt fast immer Alternativmedikamente", erklärt Theilmeier. In Vorgesprächen wiesen Patienten häufig auf Pflasterallergien oder Lebensmittelunverträglichkeiten hin. Für die Narkose seien aber die wenigsten relevant.
IM KINDERGARTEN
"Wir sind an der Belastungsgrenze, weil wir auf so viele verschiedene Allergien reagieren müssen", sagt Angela van der Zalm, Hauswirtschaftsleiterin der Kindertagesstätte am Rübenkamp 123 in Hamburg. Für über 20 Kinder kocht ihre Küchenmannschaft jeden Mittag spezielles Essen. Und auch die Erzieher spüren, wie sich ihr Alltag durch die steigende Zahl allergischer Kinder wandelt. Noch vor zehn Jahren seien unter 120 Kindern in der Tagesstätte höchstens 2 gewesen, die an einer schweren Allergie litten, und zwar meistens an Neurodermitis. Heute werde das Personal in der Kita am Rübenkamp mit den unterschiedlichsten Allergien konfrontiert, sagt Matthias Schnack, Gesamtleiter der Kita.
Schon in Aufnahmegesprächen mit den Eltern seien allergische Erkrankungen häufig ein Thema. Es geht ums Essen, aber auch um Kontakt- und Atemwegsallergien. Im Verdacht steht oft billiges Spielzeug aus Asien: Belastet mit Rückständen von Insektenschutzmitteln oder Ausdünstungen von Klebstoffen, steht es in Verdacht, Überempfindlichkeiten auszulösen. Kita-Einrichtungen unterliegen deshalb strengen Regelungen. So dürfen Spielzeuge und Möbel keinen dieser Schadstoffe enthalten. In der Kita am Rübenkamp wird vor allem Spielzeug aus Naturprodukten verwendet. "Doch manchmal erlauben wir ihnen, ihr eigenes Spielzeug mit in die Kita zu bringen", sagt Tobias Frank, stellvertretender Leiter der Kita. Die Kuscheltiere und Spielzeugautos, die dann herumgereicht werden, obliegen nicht der Kontrolle der angestellten Pädagogen; es kommt auf die Eltern an.
Die Erzieher der Kita führen für jedes einzelne Kind Karteikarten, auf denen Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten vermerkt sind. Jeder kennt das Notfallprogramm und weiß, wie Medikamente dosiert werden sollen. Alle Gefahren lassen sich aber nicht bannen: Viele Krippenkinder kommen hier zum ersten Mal in Kontakt etwa mit Lebensmitteln, manchmal ahnen die Eltern nicht einmal, dass ihr Kind allergisch reagieren könnte. So erging es vergangenes Jahr einem Dreijährigen, der durch eine Erdnuss einen anaphylaktischen Schock bekam. "Auf solche Vorfälle sind wir gut vorbereitet", sagt Kita-Leiter Schnack. Der Notarzt war nach wenigen Minuten da, der Junge trug keine bleibenden Schäden davon.
IN DER KÜCHE
Vormittags, kurz vor elf Uhr, Jörg-Peter Borower ist im Stress. Bis in einer halben Stunde die ersten Gäste kommen, passiert er zwölf Kilogramm Tomaten, grillt mehrere Dutzend Zanderfilets, rührt vier Liter Sahne in die Spargelcremesuppe. Über 250 hungrige Angestellte des Bezirksamts Hamburg-Eimsbüttel essen täglich in der "Cafeteria 66" zu Mittag. Gemeinsam mit seiner Frau bereitet Chefkoch Borower die vielen Gerichte zu.
Häufig zählen Allergiker zu seinen Kunden. Erdnuss, Soja, Ei, Weizen und Milch - das Küchenteam hat es mit den unterschiedlichsten Problemen zu tun. Zwei Stammgäste leiden an einer Sellerieallergie, ein anderer verträgt kein Gluten, für jeden kocht der Chef ein Sondergericht. "Ich selbst bin Allergiker und weiß, wie man sich in solchen Situationen fühlt", sagt Jörg-Peter Borower. Aber: "Wenn man die Kantinenpreise günstig halten möchte, kann man nicht auf alle Rücksicht nehmen." Kunden mit einer Laktose-Intoleranz müssen deshalb in der "Cafeteria 66" auf Cremesuppen und Sahnesoßen verzichten; Milchprodukte gegen Soja auszutauschen sei in einer Großküche nicht rentabel.
Viele Kantinengäste reagierten zudem allergisch auf künstliche Zusatzstoffe, wie sie in den meisten Fertiggerichten enthalten sind. Ein dramatischer Zwischenfall vor zehn Jahren bewegte ihn dazu, auf Geschmacksverstärker zu verzichten. Eine junge Frau, die stark auf Glutamat reagierte, erlitt einen anaphylaktischen Schock. Sie brach auf dem Kantinenboden zusammen und verlor das Bewusstsein. Der Notarzt traf zum Glück rechtzeitig ein.
Kam die Tagessuppe früher aus der Tüte, verarbeitet der Chefkoch heute mehrere Kilo Gemüse; statt Vorgefertigtes einzukaufen, macht er seine Gerichte selbst. Nach eigenen Angaben verwendet er hauptsächlich naturbelassene Produkte, Obst, Gemüse und Fleisch aus der Region, überwiegend aus biologischem Anbau. Auch Borowers Büroalltag verändert sich durch die steigende Zahl von Allergikern. Bald muss er die gängigen Allergene in der Speisekarte verzeichnen, eine neue EU-Regelung schreibt dies ab Dezember 2014 für Gastronomen vor. Doch er profitiert auch davon: "Seit ich vermehrt für Allergiker koche und auf Naturprodukte umgestellt habe, hat sich der Zuspruch der Gäste um gut ein Drittel erhöht."
Im Bettenladen
Materialreste aus der Produktion wandern im Bettengeschäft Hansa-Engel-Werk nicht einfach in den Müll. Firmenchef Mathias Senft stopft gerade Baum- und Schurwolle, Synthetikfasern und einige Stücke Kaltschaum in einen dicken Briefumschlag; es sind wichtige Proben für einen Kunden aus Würzburg mit einer besonderen Allergie. "Mit seinem Arzt soll er herausfinden, ob er auf einen der Stoffe allergisch reagiert", sagt Senft, der den Familienbetrieb mit seiner Schwester Claudia leitet. Wenn die Testergebnisse vorliegen, weiß er, welche Materialien in der Matratze für den Kunden nicht verwendet werden dürfen.
Die Senfts sind darauf spezialisiert, Matratzen und Betten nach individuellen Bedürfnissen herzustellen. Bis vor wenigen Jahren ging es dabei meist um orthopädisch angepasste Matratzen. Inzwischen kommen häufiger Kunden mit speziellen Allergien zu ihnen - etwa gegen Permethrin, ein Insektenschutzmittel, mit dem ein großer Teil der Stoffe behandelt ist, die lange Transportwege zurücklegen müssen. Für die meisten Menschen sei das Mittel unbedenklich, so das Bundesinstitut für Risikobewertung, aber einzelne reagieren stark allergisch.
Für Leute mit klassischer Hausstaub- oder Tierhaarallergie gibt es schon in der Massenfertigung Lösungen, etwa Matratzen mit speziellen Bezügen. Problematisch sei vor allem, sagt Senft, dass viele Kunden überhaupt nicht wüssten, worauf sie allergisch reagieren. Sind es Farbstoffe oder Pestizide? Oder vielleicht Ausdünstungen von Klebstoffen, die den Allergikern ruhelose Nächte bereiten? "Das muss man im Einzelfall herausfinden", sagt der Hamburger Matratzenhersteller. Durch die aufwendige Untersuchung der Stoffproben dauert es teilweise Monate, bis das fertige Bett ausgeliefert werden kann.
"Der Leidensdruck unserer Kunden ist sehr groß", erzählt Senft. Viele sehnten sich seit Jahren nach einem entspannten Schlaf ohne brennende Augen und Atemnot. Die klassische "Allergikermatratze" hielt nicht, was sie versprach; sie werde standardisiert gefertigt und sei deshalb häufig nicht auf das jeweils spezielle Bedürfnis ausgerichtet. Doch manchmal stoßen auch die Experten bei Hansa Engel an ihre Grenzen - wenn etwa ein Tierhaarallergiker auch keine Synthetikfasern verträgt. Dann hilft vielleicht nur eine Baumwollauflage.
Von Britta Kessing und Lena Ledwa

SPIEGEL WISSEN 2/2014
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