23.08.2016

Den virtuellen Alltag gestalten

"Geheimnis aus dem Off"
Sprecherin Heike Hagen, 46, hat der deutschen Version von Siri, dem Sprachassistenten für iPhone und iPad, ihre Stimme geliehen.
SPIEGEL: Um Siri gab es einen ziemlichen Hype – was ist an Ihrer Stimme besonders?
Hagen: Bisher waren Stimmen für technische Geräte oder im virtuellen Raum eher nüchtern oder servil. Meine Stimme ist eher klangvoll, angenehm, stark. Ich bekomme auch oft die Rückmeldung, dass sie sehr gut wiederzuerkennen ist.
SPIEGEL: Die meisten technischen Stimmen sind mittlerweile weiblich. Warum?
Hagen: Weibliche Stimmen können eher Mysteriöses, Unbestimmtes transportieren. Sie eignen sich besser, um das Geheimnis aus dem Off zum Klingen zu bringen. Seit einigen Jahren sind auch bei Action-Computerspielen weibliche Stimmen mit Charakter gefragt. Ich arbeite öfter für solche Produktionen.
SPIEGEL: Es gibt Filme, in denen sich Menschen in Computerstimmen verlieben. Verstehen Sie das?
Hagen: Was mir einleuchtet: Stimmen regen Imagination, Träume, Wünsche an. Ob wir jemanden mögen oder nicht, liegt zu mehr als 30 Prozent am Klang der Stimme. Und wenn wir eine Maschinenstimme mögen, kann das schon faszinierend sein.
SPIEGEL: Wenn Sie privat unterwegs sind, erkennen Menschen Ihre Stimme?
Hagen: Im Job spiele ich ja Rollen. Privat klinge ich deshalb etwas anders. Aber es kommt vor, dass mich in einer Dönerbude alle mit großen Augen angucken, wenn ich etwas bestelle, weil ihnen meine Stimme bekannt vorkommt.

Gerade machen!

Das Starren aufs Handy macht bucklig – und traurig.
Zwei bis vier Stunden. So lange schauen wir heute im Schnitt täglich aufs Smartphone. Und das meist gebeugt, Hals und Kopf nach vorn in Richtung Handy gereckt. Dass diese Körperhaltung zu Schäden der Halswirbelsäule führen kann, hat US-Chirurg Kenneth Hansraj im Medizinjournal "Surgery Technology International" dargelegt. Seine Argumentation: Wenn der Kopf permanent im Neigungswinkel von 15 Grad gehalten wird, verdoppelt sich die Kraft, die auf die Halswirbel wirkt. Der Kopf – der etwa sechs Kilogramm wiegt – zieht dann bereits mit zwölf Kilo an den Wirbeln. Und auch wenn es nicht zu bleibenden Schäden kommt: Eine buckelige Haltung dämpft laut psychologischer Studien sofort die Stimmung. Man fühlt sich schlapp, deprimiert. Erste Empfehlung für Wirbelsäule und Wohlbefinden ist übrigens nicht Handyabstinenz. Es reicht, sich am Smartphone bewusst eine aufrechte Haltung zuzulegen. Der aufrechte Gang hat noch nie geschadet.

Mehr Anstand!

Der Knigge fürs digitale Leben
Mehr als zwei Hashtags beleidigen das Auge. Wer am Rechner sitzt und angesprochen wird, wende bitte den Kopf in Richtung Stimme. Bevor man Todes- oder Weltnachrichten teilt und postet, sollte man kurz gucken, wie viele andere es schon getan haben.
Mit solchen prägnanten und witzigen Tipps bestückt der Autor und Journalist Max Scharnigg sein "Handbuch für gute Manieren im Netz". In kurzen Kapiteln widmet er sich verschiedenen Bereichen unseres virtuellen Treibens von Twitter bis Tinder. Dass seine Empfehlungen noch durch Zitate des berühmten Freiherrn von Knigge ergänzt werden, passt gut. Sie klingen erstaunlich aktuell. Beispiel: "Rede nicht von Dingen, die außer dir jemand schwerlich interessieren können." Vielleicht sollte man das mal posten?
Max Scharnigg: Herrn Knigge gefällt das! Das Handbuch für gute Manieren im Netz. Atlantik Verlag; 176 Seiten; 15 Euro.
PER HAND
Eine Internetseite erklärt weibliche Lust – mit einer virtuellen Vulva.
In ihrer Studentenclique wurde gern darüber gesprochen, wie man beim Sex berührt und stimuliert werden möchte. Diesen expliziten Austausch fanden die Fotografin Lydia Daniller und Webentwickler Rob Perkins damals hilfreich. Inspiriert von dieser Erfahrung, gründeten die beiden Kalifornier 2015 OMGYes – ein Portal, das nicht nur theoretisch viel Neues über weibliche Lust verrät. Via Touchscreen kann man an einer virtuellen Vagina die Stimulationstechniken ausprobieren und erhält gestöhnte Rückmeldung. Das von der Indiana University School of Public Health wissenschaftlich begleitete Angebot wird erstaunlicherweise vor allem von älteren Menschen genutzt. Diese hätten eher Interesse, noch mehr über Lust zu lernen, ihr Repertoire zu erweitern, erklärt Gründer Perkins. Jüngere Leute seien da anders. Sie hätten meistens das Gefühl, schon alles über Sex zu wissen.
Mitgliedschaft im Netz einmalig 29 Euro, omgyes.com

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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