23.08.2016

Ich bin ein anderer

In der Welt der digitalen Technik kann jeder ein neuer Mensch werden. Vier Erfahrungsberichte.
"Meine gesamte berufliche Existenz fand im Netz statt."
Identität
"Wir hatten Mail-Adressen wie funkymonkey48."
"Ich kann von mir behaupten, ein Cyborg zu sein. "
"Ich gönne mir eine Sommerpause."

Katharina Fichtl

wuchs in Norddeutschland auf. Fichtl, 27, studierte Betriebswirtschaftslehre, gründete mehrere Onlineunternehmen und schrieb nebenher Blogs. Ihr aktueller heißt CHAPTER K.
Das Stück "23 – Nichts ist so, wie es scheint", das wir am Jungen Schauspiel in Hannover auf die Bühne gebracht haben, erzählt von Karl Koch, einem Hacker der ersten Stunde. Er stammte wie ich aus Hannover. Er kooperierte mit dem KGB, verfiel Verschwörungstheorien und wurde 1989 tot aufgefunden – ob er sich selbst umgebracht hat, ist nicht vollständig geklärt. Mich interessiert das Internet als natürliches Biotop für Verschwörungstheorien, mich interessiert das Leben eines Mannes, der sich in einer Sekundärwelt verliert. Mich interessiert aber auch die spielerische Seite des Internets, die der Befreiung. Während der Proben sprachen wir viel über unsere eigenen frühen Erfahrungen im Netz. Für uns alle war das Internet der Neunzigerjahre ein Raum, in dem wir sein konnten, wer wir sein wollten. Ein Raum, in dem wir uns ständig neu erfinden konnten. Wir hatten Mail-Adressen wie funkymonkey48 oder Sahnehäubchen oder flower-chris@web.de – fake identities der ersten Stunde. Avatare, die womöglich näher an dem waren, was wir für unser Ich hielten, als das Ich in der realen Welt. Meine These ist, dass diese Erfahrung in gewisser Weise zu mehr Großzügigkeit geführt hat. Dass der Ich-Begriff weiter geworden ist. Dass man einem Richter beispielsweise nicht mehr übel nimmt, wenn er in seiner Freizeit Pornos kuckt – solange es keine Kinderpornos sind. Ich glaube auch, dass eine Firma es sich nicht mehr leisten kann, jemanden nicht einzustellen, nur weil es Partybilder von ihm im Netz gibt, denn die gibt es mittlerweile ja von jedem. Ich behaupte, die Akzeptanz von multiplen Ich-Facetten hat sich erhöht. Jeder sollte alles sein dürfen, was er sein will, solange er damit nicht die Freiheit des anderen beeinträchtigt – dafür hat das Internet der Neunziger- und frühen Nullerjahre einen entscheidenden Beitrag geleistet, glaube ich. Heute benutze ich das Internet für Amazon, Deutsche Bahn und Ebay: echter Name, echte Kreditkarte, echte Adresse, ich habe keine fake identity mehr, nur die echte, und kommuniziere als der, der ich bin. Aber die frühe Erfahrung war wichtig.
Ich habe den Eindruck, dass es eine Tendenz gibt, das virtuelle mit dem reellen Ich zusammenzubringen. Facebook, Tinder und LinkedIn brauchen meinen reellen Namen oder mein reelles Gesicht, damit sie funktionieren. Zum Teil bedaure ich das, weil es Möglichkeiten, Spielereien, Freiräume raubt. Und dass Klarnamen nicht gegen Hassbotschaften helfen, sieht man ja: Stellen die Menschen ihren Hass eben unter ihrem echten Namen ins Netz.
Protokoll: Barbara Supp
Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ich mir diese Frage stellen würde: Gibt es für mich auch ein Leben ohne alles "Digitale"? Ich bin 27 Jahre alt, und schon mit 17 habe ich meinen ersten eigenen Blog gehabt. Darin ging es um Mode und Lifestyle. Ein paar Jahre später habe ich mit den Erfahrungen aus dem Blog mein erstes Unternehmen gegründet. Ein Onlineunternehmen natürlich: eine Plattform für junge Leute aus der Modebranche, auf der sie ihre Designs verkaufen konnten. Nebenher arbeitete ich an weiteren Projekten aus der digitalen Welt und beriet Unternehmen in Onlinemarketing und Corporate Blogging. Das heißt: Meine gesamte berufliche Existenz fand im Netz statt. Alles, was ich dafür brauchte, waren eine funktionierende Internetverbindung und mein MacBook.
Vor einem halben Jahr habe ich wieder einen Blog gestartet, CHAPTER K, einen Lifestyleblog. Darin geht es vor allem um eines: sich selbst zu finden. Beruflich, privat, im Großen und Kleinen. Ich schreibe über Glück, Erfolg und Überforderung, über Karriere und Persönlichkeit, es ist ein Lebensratgeber für all jene, die noch nicht wissen, wer sie sind oder sein wollen.
Nachdem ich Tag für Tag mehr mit dem Internet verwurzelt war, gönne ich mir nun seit einem Monat eine Sommerpause. Was für eine Ironie, dass ausgerechnet ich mich jetzt mit einem Leben ohne all das "Digitale" beschäftige.
So vielfältig die Möglichkeiten auch sind, so viel Druck erfährt man als Onlineunternehmerin. Es herrscht ein Perfektionismus, dem man gern nacheifern möchte – jeden Tag präsent sein, miterleben, was die Konkurrenz so macht, und vergessen, wie wichtig eine ausgiebige digitale Entschleunigung ist. Denn das habe ich tatsächlich leider lange Zeit vergessen. Einfach mal entspannen und den Weitblick in die ruhige Landschaft des Allgäus üben.
Wenn man mal wie ich hinter die Fassade vieler Blogger und Onlineunternehmer geblickt hat, entdeckt man ein riesengroßes, ziemlich wackeliges Gerüst aus Lügen und Selbsttäuschung. Und irgendwann kracht es zusammen. Was folgt, ist: digitaler Burnout und "Quarterlife Crisis" – die Sinnkrise junger Menschen.
Da kommt mein digitales Abspeckprogramm gerade richtig. "Hallo, wahre Freunde und geliebte Familie, hier bin ich wieder!" In den vergangenen Wochen habe ich meinen geliebten Blog ruhen lassen und den Computer nur noch selten angeschaltet. Facebook, Instagram und Snapchat befülle ich nicht mehr mit neuen Inhalten. Ich beschäftige mich lieber mit meinem individuellen Wohlfühlprogramm und einer beruflichen Entwicklung, die nicht mehr nur digital stattfinden soll.
Ich esse gern ein Eis mehr als sonst, genieße die Sonne, fahre mit dem Fahrrad in die Berge und widme mich endlich Familie und Freunden. Das Leben verliert an Tempo und bleibt an manchen Sekunden stehen, damit ich die frische Sommerluft einatmen kann. Ein Luxus, auf den ich so schnell nicht mehr verzichten möchte. Digitales Leben: Ich mag dich. Aber ohne dich mag ich mich mehr. Protokoll: Moritz Aisslinger
Die Faszination des Programmierens ist die vollkommene Macht über den Computer. Ich schreibe ein Stück Code, und wenn ich dabei keinen Fehler mache, tut die Maschine genau das, was ich von ihr will. Was aber, wenn ein solcher Code in einem Körperteil arbeitet? Ein Stück von mir digital programmiert wurde? Bei mir ist das nämlich der Fall: Ein Cochlea-Implantat ersetzt mein vor Jahren verloren gegangenes Gehör. Äußerlich sieht es wie ein Hörgerät aus. Allerdings verstärkt es keinen Schall, sondern sendet Signale an einen Empfänger unter meiner Kopfhaut. Von dort verläuft ein Kabel wie unter Putz verlegt bis zu meinem Hörnerv und stimuliert diesen elektrisch. Mein Gehör ist also ein Computer, in dem ein von Menschen geschriebener Code läuft. Millionen Instruktionen pro Sekunde bestimmen, wie die Welt für mich klingt. Wie bei anderen Computern auch kann ich entscheiden, welches Programm ich gerade benutzen möchte. Mit einem Tastendruck auf einer Fernbedienung wähle ich zum Musikhören die volle Bandbreite, dämpfe für ein Gespräch laute Umgebungsgeräusche oder schalte das Implantat – und damit mein Gehör – vollständig ab. Ich kann also von mir behaupten, ein Cyborg zu sein, ein kybernetischer Organismus. Doch bin ich deshalb etwas Besonderes? Sicherlich nicht, schließlich tragen die meisten Menschen permanent digitale Sinnesorgane mit sich herum. Das Smartphone ist ein solches Sinnesorgan, mit dem sich das Internet erfahren lässt, eine ansonsten nicht wahrnehmbare Sphäre, die wir über die Welt gelegt haben. Nichts zeigt das so schön wie die allgegenwärtigen Pokémon, die erst mit dem Smartphone sichtbar werden. Permanent sind wir umgeben von einem dichten Gewebe digitaler Systeme, in denen Algorithmen beeinflussen, was wir tun und lassen und wie wir die Welt wahrnehmen. Unsere Gesellschaft ist dicht mit digitaler Technologie verwoben. Eigentlich ist sie als Ganzes längst ein Cyborg.
Erna: Neulich habe ich mich auf einer Geburtstagsparty mit anderen Gästen in unserem Alter unterhalten und gemerkt, dass manche das Internet total ablehnen – wie damals mein Opa, der gegen die Eisenbahn war. Denn Senioren heute wissen oft gar nicht, wozu sie das Netz überhaupt brauchen könnten. Bei uns ist das anders. Ich habe ein Smartphone, bin auf Facebook und recherchiere online.
Willi: Unser YouTube-Kanal ist zufällig entstanden, im Januar 2015 ging das erste Video online. Wir konnten uns beide nicht vorstellen, dass sich irgendjemand so was anschaut. Die wollen doch alle nur Schminktipps, dachten wir. Heute haben wir fast 20 000 Abonnenten für unseren Kanal. Beim Drehen und Schneiden der Videos hilft ein junger Bekannter.
Erna: Weil wir beide früher Lehrer waren, sind wir im Kontakt mit der Lebenswelt der Jüngeren. Dadurch bleiben wir am Ball.
Willi: Die Digitalisierung hat so ein atemberaubendes Tempo, da ist es für Ältere wichtig, dass jemand auch mal die Geduld hat, etwas zu erklären.
Erna: Von wegen geduldig! Du hast fast mal eine Computertastatur zerschlagen!
Willi: Na ja. Das war in den Anfangszeiten des Internets. Damals wollte ich auch mal ein Autorennen auf dem PC spielen und hab zu doll auf die Taste gedrückt, damit das Auto die Kurve kriegt ...
Erna: ... ich spiele nicht, meine wichtigste App ist WhatsApp. Am Anfang habe ich mir meine Smileys selbst gebastelt, mit Doppelpunkt und Bindestrich. Mittlerweile benutze ich die Emoji-Tastatur.
Willi: Mein liebstes Emoji ist das mit der Sonnenbrille. Lässig. So eine Gelassenheit ist auch wichtig für unseren YouTube-Kanal. Die kommt mit dem Alter. Erfreulicherweise stehen auch erstaunlich wenige gehässige Kommentare unter den Videos. Im Ernst: Ich finde es ganz witzig, uns im Netz zu sehen.
Erna: Am Anfang haben wir niemandem gesagt, dass wir das machen, auch nicht unseren Kindern. Das hat sich mittlerweile geändert. Diesen Sommer saßen wir draußen bei einem Italiener, als ein ganz aufgeregter Junge fragte: "Darf ich ein Foto machen? Ich habe euch abonniert." Mit dem haben wir dann ein Selfie gemacht. Viele Nutzer sagen, dass sie gern Großeltern wie uns hätten.
Willi: Zu weit sollen sich die beiden Welten, online und offline, aber nicht vermischen. Auf YouTube spielen wir eine Rolle, wir sind Erna und Willi Hartmann. Das sind Künstlernamen, die echten halten wir geheim.
Erna: Jüngere sind da ja unbedarfter. Ich mag dieses Brüderpaar auf YouTube sehr gern, wie heißen die noch? Hab ich vergessen.
Willi: Da merkt man halt, dass wir Ü 70 sind.
Protokoll: Angela Gruber

Christopher Rüping

ist freier Theaterregisseur. In seiner Heimatstadt Hannover hat Rüping, 31, das Hacker-Stück "23 – Nichts ist so, wie es scheint" inszeniert, das auf einem Film von Hans-Christian Schmidt basiert. Derzeit steht es wieder auf dem Spielplan.
"Der Ich-Begriff ist weiter geworden."
MARKUS HINTZEN / Spiegel Wissen
"Ein Code bestimmt, wie die Welt für mich klingt."

ENNO PARK

beschäftigt sich mit den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Gesellschaft bis hin zur Verschmelzung von Mensch und Maschine. Seit er ein Cochlea-Implantat trägt, bezeichnet Park, 42, sich selbst als Cyborg. 2013 war er einer der Gründer des Cyborgs e. V. in Berlin.
MARKUS HINTZEN / Spiegel Wissen

Erna und Willi Hartmann

sind die Künstlernamen zweier pensionierter Lehrer aus Hannover, die den Kanal "Ü70 – Deutschlands älteste YouTuber" betreiben. Erna, 70, und Willi, 71, sprechen dort über sinnlose Produkte auf Amazon, Sex im Alter – oder denken sich neue Schulfächer aus.
"Du hast fast mal eine Tastatur zerschlagen!"

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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