23.08.2016

Was wäre die Welt OHNE ...

Löschtaste?
Libe Leser ... – Mist, ein Fehler, schnell noch mal von vorn.
Liebe Leser ... – so, gut, jetzt stimmt's.
Welch Gnade stellt die Erfindung der Löschtaste dar – einfach kurz drücken, und der kleine Lapsus ist verschwunden. Flink die Korrektur eingeben, und der Text ist perfekt. Ja, der Computer macht es möglich.
Unsere Vorfahren hatten es da nicht so leicht. Die Sumerer in Mesopotamien verwendeten, lange vor Christi Geburt, Tontafeln zum Schreiben, die alten Ägypter dichteten auf Stein oder Papyrus, die Chinesen des Altertums auf mit Wachs überzogenen Holztafeln. Vielerorts wurde auch Pergament verwendet, da und dort Baumrinde oder dünne Platten aus Silber.
Um das Jahr 100 herum erfand ein chinesischer Beamter das Papier, das im 12. Jahrhundert nach Europa kam und alle anderen Schreibmaterialien ablöste. Doch eine Krux blieb: Wer einen Schreibfehler machte, konnte nur die Unterlage wegwerfen und von vorn beginnen oder musste versuchen, seinen Patzer kunstvoll zu kaschieren. Nie konnte ein Fehler einfach ungeschehen gemacht werden.
Dann kamen die Schreibmaschine und kleine Blättchen mit dem Lösungsmittel 1,1,1-Trichlorethan, 1959 unter dem Namen Tipp-Ex zum Patent angemeldet. Man platzierte ein Blättchen über einem falschen Buchstaben und knallte das Zeichen noch einmal auf die selbe Stelle – und schwupp, er war verschwunden. Zumindest fast, denn kleine Reste blieben oft.
Heute gibt es dafür die Delete-Taste und ihre Freundin, die Backspace-Taste. Die heiligen Druckschalter des Löschens, Tilgens, Eliminierens – Göttinnen des digitalen Vergessens. Wir tippen, mailen, simsen, whatsappen, wir googeln, twittern und verlinken. Und all das können wir – mir nichts, dir nichts – auch wieder ungeschehen machen. So glauben wir zumindest.
Doch der Rausch des Löschens hat seine Gefahren: Erstens verbleiben viele Informationen im Computer, auch wenn sie vom Bildschirm verschwinden. Und wilde Geschichten aus sozialen Netzwerken zu entfernen erweist sich häufig als ziemlich schwierig oder gar unmöglich.
Viele Jünger des digitalen Zeitalters verfallen zudem dem Irrglauben, auch im realen Leben könnte alles so einfach gelöscht werden wie in der Welt von Bits und Bytes. Nicht nur falsche Buchstaben, irrtümliche Links oder missliebige Programme – nein, gelöscht werden soll die letzte Nacht samt Wein, Wodka und Polizeikontrolle, die Erinnerung an den ehemaligen Partner samt Scheidung, die unglücklichen Jahre am Ende der Schulzeit oder gar das ganze Leben bis gestern.
Doch diese gottgleiche Delete-Taste existiert nicht. Zudem ist die Delete-Taste nicht die Reset-Taste, will heißen: Löschen bedeutet noch lange nicht Neustart.
Das Leben ist eben kein Computerprogramm. Unser Gehirn zeichnet alles Wichtige auf – Gutes wie Schlechtes, Schönes wie Hässliches. "Factum fieri infectum non potest" ("Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden") hat schon Terenz, einer der berühmtesten Komödiendichter der römischen Antike, im 2. Jahrhundert vor Christus erkannt.
Oliver Schwarzwald / Spiegel Wissen
Von Joachim Mohr

SPIEGEL WISSEN 4/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL WISSEN 4/2016
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL WISSEN lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Ex-Boeing-Manager über den Flugzeugbauer: "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"
  • Klimaschutzplan der EU-Kommission: Von der Leyens Vision vom grünen Europa
  • Frust vor Großbritannien-Wahl: "Keiner von denen sagt die Wahrheit"
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"