23.08.2016

Das Glück in der Nische

Sehr sensibel? Sehr gebildet? Sehr vermögend? Partnerportale spezialisieren sich auf immer differenziertere Zielgruppen. Und steigern so die Ansprüche.
Auf dem Markt der großen Partnerbörsen wären sie durchs Raster gefallen. Oder würden als schwer vermittelbar gelten. Vorausgesetzt, sie wären ehrlich in ihrer Selbstdarstellung gewesen. Marlies Triepke und Wolfgang Schultze lehnen Alkohol und Zigaretten für sich ab. Sie ist hochsensibel. Er hatte vor Kurzem ein Burn-out-Syndrom. Sie hat sich der Glaubensrichtung der Bahai verschrieben und betet regelmäßig. Er neigt dazu, den "Sozial-Fuzzi", wie er es nennt, zu geben und sich zu sehr für andere aufzuopfern – bis zur Erschöpfung.
Wir sitzen in einem Berliner Café, es fällt auf, wie aufmerksam die beiden miteinander sind. Fast nie fallen sie sich ins Wort. Vor zwei Jahren hat der Computer einer kleinen Partnerbörse sie "gematcht". Kurz darauf wurden die heute 61-Jährige, die in der Reisebranche arbeitet, und der 58-Jährige, Kundenbetreuer in einer Wohnungsverwaltung, ein Paar. Beide hatten längere, offline geschlossene Beziehungen hinter sich, die gescheitert waren. Dann stießen sie auf eine Börse, die ganz konventionell in Printmedien für sich warb: Gleichklang. "Die tun nicht so, als wären da nur tolle, dynamische Menschen unterwegs", sagt Triepke. "Hier finden sich Leute, die zu ihren Schwächen stehen."
Gleichklang, seit zehn Jahren am Markt, ist mit knapp 16 000 Mitgliedern eine Nischenbörse. Wenn die großen Anbieter wie Parship, ElitePartner oder eDarling die Walfische im Meer der Onlineliebe sind, dann ist Gleichklang ein Guppy. Das heißt eben auch: schön bunt. Das Zielpublikum ist ausgesprochen vielfältig: Ökos, Veganer, Alleinerziehende, Hochsensible, Leute mit SM-Neigungen, Menschen mit körperlichen oder psychischen Krankheiten. Die Klientel ist anspruchsvoll, die Erwartungen an die Partnerbörse "sind höher als bei anderen Portalen", so der Gleichklang-Gründer Guido Gebauer. "Die sozial-ökologisch orientierten Mitglieder erwarten, dass sie hier genauso sozial-ökologisch orientierte Partner kennenlernen."
"Bin eine junggebl. symphatische Fischefrau von Usedom, NR, NT, dkl.haarig, hübsch, mutig, selbstständig, warmherzig, natürlich und sehr naturverbunden, umweltbewusst, suche Partner für ein liebevolles respekt- und würdevolles Miteinander." Mit diesem Satz stellte sich Marlies Triepke 2014 auf Gleichklang vor. Wolfgang Schultze aus Berlin war Kandidat Nummer zehn, den der Computer ihr vorschlug. Mit den Nummern eins bis neun hat sie sich gar nicht erst getroffen, sie interessierten sie nicht. Für ihn war Marlies das zweite Date. Vorher hatte er ein Foto von ihr gesehen, wie sie, mit ausgebreiteten Armen, am Strand steht, auf dem Kopf einen Strohhut. Eine Willkommensgeste, so verstand er das Bild.
Von ihrem ersten Treffen auf Usedom im Spätsommer erzählen sie gern: Ein Café an der Strandpromenade, sie saßen zusammen in einem Strandkorb, und die schnelle Nähe hat sie nicht gestört. In der Zwischenzeit kümmerte sich ein Ordnungshüter um das Auto von Wolfgang Schultze, das er, obwohl der große Parkplatz fast leer war, ausgerechnet auf einem Platz für Behinderte abgestellt hatte. Auch Aufregung kann blind machen. Schultze kassierte einen Strafzettel – heute ist das der Stoff für eine schöne Anekdote. Nach ein paar Tagen setzte er sich wieder ins Auto und fuhr nach Usedom. Sie verliebten sich schnell, seitdem pendeln sie zwischen Hauptstadt und Insel.
Triepke und Schultze stilisieren sich nicht als die "besseren Menschen", nur weil sie umweltbewusster denken als andere. Dass sie ihre Mitmenschen auch mal befremden mit ihrem dezidierten Verzicht auf Alkohol, wissen sie und nehmen es gelassen. Nur manchmal nervt es sie, wenn sie sich rechtfertigen sollen, weil sie "anders" sind als andere. Aber sie haben sich gefunden, und dafür sind sie dankbar, auch gegenüber der Partnerbörse, dem elektronischen Kuppler.
Dankbarkeit gegenüber einem Internetportal, das mit Liebe Geld verdient? Ja, warum nicht? Wie groß wäre die Wahrscheinlichkeit gewesen, dass sich Wolfgang und Marlies einfach so über den Weg gelaufen wären? Gleich null – sagen beide. Demnächst wollen sie zusammenziehen und heiraten. "Wir wissen, dass einem in unserem Alter nicht mehr unendlich viel Zeit bleibt", sagt er. Geschichten vom romantischen Kennenlernen bei Vollmond an der Alster oder in einer Tapas-Bar in Barcelona sind schön, man hat etwas zu erzählen, für die Kinder, die Enkel. Aber heute, wo die Liebe 2.0 allgegenwärtig ist, ist es nicht mehr ehrenrührig, wenn man keine solchen Storys zu bieten hat. Man lebt schließlich nicht für die Familienchronik, sondern für das Glück in der Gegenwart.
Schultze und Triepke haben beide zwei große Kinder aus früheren Beziehungen. Auch vor ihnen haben sie nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie sich "aus dem Internet" kennen. Die Partnerbörse ist ein Teilchenbeschleuniger für die Liebe mit festen Mechanismen. Das bedeutet auch, auf den Charme, der dem Zufall innewohnt, ganz bewusst zu verzichten. Planung statt Magie? Ach was, finden beide, das muss sich nicht ausschließen. Es kann doch auch so etwas geben wie ein gesteuertes Glück.
Gleichklang ist eine von vielen Nischenbörsen, die es mittlerweile im Netz gibt und die Menschen zusammenführen. Neben den etablierten Portalen boomt der Markt der Exoten. Es gibt Portale für große Menschen (grosseleute.de), Studenten (unikuscheln.de), gläubige Christen (christ-sucht-christ.de), Vegetarier (veggiecommunity.org), Gruftis (schwarzes-glueck.de). Oder für Menschen mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten (job-singles.de). Ein Markt, der ständig in Bewegung ist, immer wieder tauchen neue Börsen auf, andere verschwinden. Irgendwann – so könnte man weiterspinnen – wird es Börsen für linkshändige Veganer oder für Menschen geben, die sich nur mittwochnachts die Haare schneiden lassen.
Mit der zunehmenden Selbstverständlichkeit, mit der Singles heute online auf Partnerpirsch gehen, sind auch die Ansprüche gestiegen. Lisa Fischbach, Paartherapeutin und Beraterin für ElitePartner (rund vier Millionen Mitglieder), beobachtet bei vielen Singles eine "Mercedes-Mentalität, jeder will nur das Beste im Angebot". Wir sitzen in der ElitePartner-Zentrale in der Hamburger Innenstadt, auch Parship ist hier untergebracht, beide Anbieter gehören zum selben Unternehmen. Auf einem Telefondisplay steht "Working for love". Fischbach spricht schnell, lacht viel und sieht viel natürlicher aus als auf dem geleckten Foto der ElitePartner-Homepage. "Ich erlebe in meiner Praxis, dass der Optimierungswahn, der uns in fast allen Lebensbereichen begleitet, auch vor der Liebe nicht Halt macht. Gerade Frauen sind anspruchsvoller geworden, sie suchen den Alpha-Softie, den durchsetzungsstarken und zugleich einfühlsamen Mann." Viele Frauen, die bei ElitePartner Mitglied sind, geben bei den Suchkriterien die Option "nur Akademiker" an, erzählt Fischbach. Mit steigendem Bildungsniveau wird diese Option immer häufiger gewählt. Der Akademikeranteil bei ElitePartner liegt bei rund 70 Prozent.
Die Onlinepartnerbörsen bedienen die ohnehin gewachsenen Ansprüche der Menschen an den nächsten Partner, vielleicht potenzieren sie diese sogar: Die Multiple-Choice-Abfrage erweckt den Eindruck, als könnte man den Mann, die Frau des Lebens so konfigurieren wie ein Auto. Für Fischbach spiegelt das Internet einerseits nur die gewandelten gesellschaftlichen Entwicklungen wider. Andererseits: "Es kommen Leute zu mir in die Praxis, die von ihrer Persönlichkeit eine sehr konsumorientierte Haltung mitbringen, die sie auch auf die Partnersuche übertragen. Die Onlinebörsen bieten ihnen eine ideale Plattform, ihre Ansprüche an den Partner weiter hochzuschrauben, sie finden die Multioptionalität des Netzangebots attraktiv."
Der Paartherapeut Arnold Retzer ("Lob der Vernunftehe") geht sogar noch einen Schritt weiter: "Viele, die in einer Beziehung leben, arbeiten sich nicht mehr an ihrer Partnerschaft ab, wollen keine Reparaturen durchführen, sondern lieber etwas Neues ausprobieren. Die Partnerbörsen haben diese Entwicklung noch beschleunigt. Das Matching-Verfahren verstärkt die Idee, dass es irgendwo da draußen den einzig Richtigen gibt. Dabei sagt es nichts darüber aus, wie sich das Paar gemeinsam entwickelt, wie sich beide in Streit- und Krisensituationen verhalten." Dass das Matching kein Garant für die ewige Liebe ist, ist den Beteiligten klar. Wenn die Liebe von heute mehr denn je in Lebensabschnitten gedacht wird und die Goldene Hochzeit eine Kategorie von anno dazumal ist, passt das Prinzip Partnerbörse perfekt zum Zeitgeist.
Nina und Frank Karkow haben sich 2012 über ElitePartner kennengelernt, eine andere Plattform kam für sie nicht infrage. Ihr Verhältnis zu den Onlinebörsen ist in erster Linie pragmatisch, ein nützlicher Filter für Neigungen und Abneigungen, finden sie. "Wenn man auf dem freien Markt jemanden trifft, muss man erst mal Schritt für Schritt die Werte und Lebenseinstellungen abklären", sagt er, "genau das wollte ich aber nicht." Mit anderen Worten: ein Effizienzvorteil, ein Wissensvorsprung, den die Partnerbörse bietet, so sieht er es zumindest. Für andere, die die Onlineanbahnung ablehnen, ist gerade das Nichtwissen aufregend, die Entdeckung eines gänzlich unbekannten Wesens.
Nina und Frank Karkow bezeichnen sich als "wertkonservativ" und stehen dazu, einen Partner "mit Niveau" gesucht zu haben. Zum Anspruchsprofil gehören für sie: Bildung, gute Manieren, gepflegtes Äußeres, sicherer Geschmack. Auch sonst hat das Matching funktioniert: Beide sind Hundeliebhaber, spielen Golf und ziehen im Urlaub die teureren Hotels vor. "Die vegetarische Katzenliebhaberin wäre es für mich nicht gewesen. Und RTL II als Lieblingssender auch nicht", sagt der 42-Jährige.
Auf den ersten Blick könnte man sie für das Klischee einer ElitePartner-Verbindung halten, sozusagen das Paar aus dem Werbeprospekt. Sie leben am Stadtrand von Hamburg, vor der Tür stehen zwei Porsche, im Garten plätschert ein Brunnen. Das Haus ist geschmackvoll mit hellen, modernen Möbeln eingerichtet und trägt ihre Handschrift – die 35-Jährige ist Innenarchitektin. Vor Kurzem haben sie geheiratet und im noblen Hotel Louis C. Jacob an der Elbe gefeiert. Eine geschlossene Welt, hermetisch abgeriegelt, so scheint es.
Doch bis ins Letzte passen die Karkows dann doch nicht ins Elite-Raster. Weil das Leben differenzierter und bunter ist als jede Statistik. Karkow, der als Immobilienmakler arbeitet, ist von Haus aus Maurermeister, mit Mitte zwanzig hat er seinen eigenen Betrieb gegründet. "Ich bin stolz darauf, das sind meine Wurzeln", sagt er. Also kein Akademiker – anders als seine Frau und die Mehrzahl der ElitePartner-Mitglieder. "In unserer Beziehung ist Nina das Hirn", sagt er scherzhaft. Im Bekanntenkreis gebe es durchaus auch Handwerker und sogar Hartz-IVler. Dünkel klingt anders.
Die Karkows wirken angenehm unaufgeregt. Er ist eher extrovertiert, sie zurückhaltend – "gute Passung", findet sie. "Wir sind gesund und zufrieden, es hat sich alles gut gefügt." Bevor sie sich kennenlernten, lebten beide eine Zeit lang als Single. Beim ersten Date an der Elbe waren sie zu viert: Jeder hatte seinen Hund dabei, das nahm etwas weg von der Aufregung und dem Erwartungsdruck. Sie wohnte damals im Zentrum von Hamburg, er am Stadtrand. Die Wahrscheinlichkeit, sich kennenzulernen, einfach so, auf der Straße, an der Elbe, hätte in etwa einem Sechser im Lotto mit Zusatzzahl entsprochen, meint er. Nach dem ersten Date ging es sehr schnell: Sie bekochte ihn in der Stadt, er bekochte sie am Stadtrand, bald zog sie bei ihm ein. Eine ganz normale Liebesgeschichte.
Das allererste Date, das sie verabredeten, nachdem der Computer sie zusammengebracht hatte, fiel übrigens ins Wasser. Und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Sie ging vor dem Treffen noch eine Runde Segeln auf der Außenalster, kenterte, kam klitschnass zu spät zum Rendezvous. Da war er, der Pünktlichkeit über alles schätzt, schon wieder weg. Was wäre gewesen, wenn er sich nicht auf ein neues Treffen eingelassen hätte?
Und das ist dann doch eine Geschichte, die man den Enkeln erzählen kann.
Patrick Runte / Spiegel Wissen

FreundschaftsPortale

"Weil's mit Dir einfach schöner ist", lautet der Slogan des Portals "beste-freundin-gesucht". Die in der Nähe von Stuttgart lebende Grafikerin Marie Hagdorn erfand es in der Elternzeit. Kostenlos können Frauen Profile anlegen und durchsuchen oder gleich loschatten.
Ein paar viel beschäftigte Frauen trafen sich in San Francisco regelmäßig zum Plaudern und Wein trinken. Aus "Ladys who Vino" wurde die App "Hey!Vina". Sie funktioniert wie Tinder: Ein Algorithmus schlägt Freundinnen vor, wer nicht gefällt, wird weggewischt.
Franziska Wolffheim, in der Onlinepartnersuche selbst unerfahren, hört in ihrem Umfeld immer mehr Geschichten von Freundinnen, die ihren Liebsten im Internet gefunden haben. Bis jetzt halten sich die Klagen in Grenzen.

Stehst du eigentlich auch zu deinen Schwächen?

Bin hübsch, selbstständig, mutig, natürlich, warmherzig.

Suche Alpha-Softie, stark und einfühlsam.

Bist du eine vegetarische Katzenlieb-haberin?

Von Franziska Wolffheim

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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