23.08.2016

Mama ruft per App zu Tisch

Mit ihrem Smartphone surfen viele Jugendliche ständig im Netz. Dagegen kommen Eltern am besten an, indem sie ihre eigenen Gewohnheiten ändern.
Internetsucht und Wasserknappheit sind zwei globale Geißeln. Was liegt näher, als beide auf einmal zu bekämpfen? Das dachten sich jedenfalls die PR-Strategen des Uno-Kinderhilfswerks und boten eine ziemlich abstruse Spendenkampagne an.
Das im Frühjahr abgeschlossene "Unicef Tap Project" funktionierte so: Wer denkt, dass er zu viel an seinem Smartphone herumfummelt, der kann sich von der Projektseite eine App herunterladen. Die überwacht den Zugriff und löst nach ein paar Minuten Enthaltsamkeit eine Spende von Sponsoren wie Armani an Projekte zur Aufbereitung von Trinkwasser aus.
Die Kampagne richtete sich an Jugendliche, sie sollten die abgesparten Minuten verwenden, um sich als Fundraiser zu betätigen. "Millionen Kinder rund um den Erdball haben kein sauberes Trinkwasser", heißt es auf der Unicef-Website. Dieser Mangel sei "nicht nur unbequem, sondern tödlich".
Ihr beklagt euch über eine fehlende WLAN-Verbindung, und anderswo verdursten Kinder: In ihrem moralisierenden Subtext zwischen Technikskepsis und Technikglauben repräsentiert die Kampagne gut die Debatte um die zunehmende Onlinepräsenz von Kindern und Jugendlichen.
Da sind einerseits die Mahner und Warner. Für sie ist das Internet ein Ort, an dem Gewalt und Pornografie lauern. Vom Computerspielen führt ihrer Ansicht nach der Weg direkt in die Sucht, zum Schulversagen und dann gar zum Amoklauf.
Auf der anderen Seite stehen die Apologeten der Spiele- und Softwareindustrie. Sie loben Smartphones und Tablets als Instrumente, um die Welt zu verbessern. Eine Laptop-Klasse ist für sie moderne Pädagogik. Alles neu und alles easy, wer nicht mitzieht, der ist von gestern.
Und die Eltern? Sie sind verunsichert. Sie ärgern sie sich über den maulfaulen Nachwuchs zu Hause, der nicht mehr vom Bildschirm wegkommt, und sie befürchten, dass die Kinder ihr Leben nicht in den Griff bekommen werden. Gleichzeitig denken sie, dass ihre Kinder sich heute mit digitaler Technik auskennen müssen. Außerdem sind Eltern selbst fasziniert von einer neuen App oder der Tiefenschärfe der Handykamera.
Und die Kinder und Jugendlichen selbst? Für die meisten von ihnen ist das Smartphone der wichtigste Gegenstand in ihrem Alltag. Sie halten Kontakt mit ihren Freunden, tauschen Fotos und Nachrichten aus, organisieren Termine, schauen Filme.
84 Prozent der 12- bis 13-Jährigen besaßen 2014 laut dem IT-Branchenverband Bitkom ein Computerhandy, bei den 10- und 11-Jährigen waren es 50 Prozent.
"Die zentrale Entwicklung der vergangenen Jahre war die Entwicklung des Mobiltelefons zu einem internetfähigen Gerät", sagt Thomas Rathgeb, Leiter der Abteilung Medienkompetenz bei der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg. "Dadurch existieren im Alltag kaum noch Zugangshürden für Jugendliche ins Internet."
Die Landesanstalt veröffentlicht jedes Jahr die sogenannte Jim-Studie (Jugend, Information, Multimedia). Demnach bewegen sich Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren täglich rund dreieinhalb Stunden im Internet. Je älter die Jugendlichen sind, desto mehr Zeit verbringen sie im Netz.
Doch was heißt das im Einzelfall, und wo liegt die gesunde Grenze? Wie wirken digitale Medien sich auf den Familienalltag aus? Die Forscherinnen Karin Knop und Dorothée Hefner haben eine Studie mit dem Titel "Mediatisierung mobil. Handy- und mobile Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen" vorgelegt. Sie gibt einen tiefen Einblick in das ganz reale Leben. Denn sie fußt unter anderem auf 20 protokollierten Interviews mit Kindern und deren Eltern.
Da ist Beispielsweise der elfjährige Junge mit drei Brüdern, zwei älter, einer jünger. Sein Vater arbeitet die Woche über viel außerhalb des Wohnorts, die Mutter ringt damit, den Medienkonsum ihrer Kinder einzugrenzen, während sie gleichzeitig selbst das iPad zur zentralen Schaltstelle ihres Lebens gemacht hat. Sie erledigt nach eigener Auskunft ihre gesamte Kommunikation über das Tablet. Sie nimmt das Gerät überall hin mit. Wenn sie es beim Kochen liegen lässt, ist es manchmal weg, weil eines der Kinder es sich geholt hat
Der zweitjüngste Sohn, elf Jahre alt, berichtet im Interview, dass er ein eigenes Smartphone besitze, genau wie sein jüngerer Bruder, zudem habe er Zugang zu Laptop und Tablet. Schon vor der Schule checke er auf dem Smartphone seine WhatsApp-Nachrichten, dann im Laufe des Tages "immer mal kurz".
Er antworte immer sofort, wenn er eine Nachricht erhalte, erzählt der 11-Jährige. Er sagt selbst: "Manchmal denke ich schon, dass ich ein bisschen zu viel an meinem Handy bin. Was soll man machen?" Es sei ein Reflex geworden.
Er hat zehn verschiedene Spiele auf das Handy geladen, mit denen er sich die lange Busfahrt vom Wohnort zur Schule vertreibt. "Also ich reagiere da sehr wütend, wenn mir das Handy weggenommen wird." Manchmal greift der Vater zu solchen Radikalmaßnahmen.
Mit seinen Klassenkameraden schaut der Junge gern Videos. "Wenn wir zusammen irgendwo sitzen und einer hat ein lustiges YouTube-Video, wird das Handy halt hingestellt und alle gucken zu."
Will er von seiner Mutter etwas erfragen, dann schickt er eine WhatsApp. Über seine Familie sagt er: "Manchmal verschwindet jeder so an seinem Handy."
Der älteste Sohn begeistert sich besonders für Kampfspiele. Die Mutter sagt: "Er ist natürlich ein Waffennarr." Der andere Sohn beginne sich gerade für das andere Geschlecht zu interessieren, auch online.
Die Mutter leidet unter die Situation, sie selbst hält ihre beiden älteren Söhne sogar für suchtgefährdet. Deren Leistungen in der Schule litten, weil "dann einfach nicht mehr so die Konzentration da ist, weil man ständig durch alles Mögliche abgelenkt ist".
Ein ständiger Kampf sei das, besonders ums Computerspielen, erzählt die Mutter: "Weil die Kinder sich diese Spielzeiten erkämpfen wollen. Die sind dann in irgendwelchen Levels, und ich hab dann auch schon Fehler gemacht und gesagt: ,Ich mach das Ding jetzt aus', und dann war nichts gespeichert. Da hab ich hier Drama gehabt. Das Kind ist dann gar nicht mehr ansprechbar."
Die Mutter war schon bei Medienberatungen, sie gibt aber auch zu: "Wir haben noch keinen Jugendschutzfilter, das müssen wir dringend machen." Unangenehm ist ihr auch, dass die Kinder daddeln, wenn sie irgendwo zu Besuch oder Gäste im Haus sind. "Es ist halt auch immer bei älteren Verwandten eine bisschen blöde Situation."
Dass Jungen den Computer vor allem zum Spielen benutzen, bestätigt auch die Jim-Studie: "Jungs haben eine Affinität zu Onlinespielen, Mädchen verbringen online mehr Zeit mit Kommunikation", so Rathgeb. Beide Geschlechter nutzen gern mehrere Endgeräte parallel, zum Beispiel, indem die Jugendlichen mit dem Handy in der Hand eine Fernsehsendung ansehen und dabei Nachrichten versenden.
Die allermeiste Kommunikation bezieht sich auf den Alltag im Freundeskreis, ist daher überwiegend harmlos – zumindest im Sinne der Gefahren, die besorgte Eltern vermuten. Probleme entstehen eher im nahen Umfeld, etwa durch Ausgrenzung oder Mobbing. "Die völlig fremde Internetbekanntschaft ist die Ausnahme", sagt Rathgeb. Auch Sexting, das Verbreiten intimer Bilder oder Inhalte, begegne Jugendlichen eher selten. Ein Viertel der Jugendlichen hat allerdings davon gehört, dass solche Fotos oder Videos im Bekanntenkreis verschickt werden.
Laut einer Befragung von 500 Kindern und Jugendlichen, die Teil der Studien von Karin Knops Team ist, haben lediglich vier Prozent der Jugendlichen schon einmal intime Bilder von sich verschickt. Jeder fünfte hat auf einem Mobiltelefon schon mal Bilder von Gewalt oder Pornografie gesehen.
Laut der Studie fühlen sich Jugendliche eher durch etwas anderes gestresst: davon, dass sie das Smartphone viel benutzen.
Die Hälfte der Befragten führt an, ihr Mobiltelefon lenke sie ab, etwa von den Hausaufgaben, fast ebenso viele machen sich Sorgen, ob sie persönliche Daten preisgegeben haben. Rund ein Fünftel der Jugendlichen hat eine starke emotionale Bindung zu dem Gerät. Diese Gruppe kann nicht einmal zeitweise aufs Handy verzichten.
Dabei sei die Angst, etwas zu verpassen, "der stärkste Erklärungsfaktor für unkontrollierte, exzessive und risikobetonte Nutzung", heißt es in der Studie. Weitverbreitet sei "die Parallelkommunikation mit Abwesenden im Beisein anderer". Der Großteil der Jugendlichen praktiziere dies, "obwohl sie es gleichzeitig häufig als unhöflich bewertet". Viele Jugendliche können also kaum von ihrem Smartphone lassen, obwohl sie genervt sind von fordernden Pings und übergriffigen Emoticons.
Ob dieses Verhalten als schädliche Internetsucht zu werten ist, darüber streiten die Wissenschaftler. Den Begriff der "internet addiction" soll ein US-Psychiater schon 1995 geprägt haben, damals luden die Websites im Zeitlupentempo, und bis zur Verbreitung von Smartphones sollte noch mehr als ein Jahrzehnt vergehen.
Viele Experten nehmen die Suchtgefahren, die vom Internet für Kinder und Jugendliche ausgehen, durchaus ernst. Die renommierte American Psychiatric Association hat neun Indizien zumindest für Internetspielsucht zusammengestellt. Wer sich im Internet verliert, der droht andere Aspekte seines Alltags zu vernachlässigen: Jugendliche beispielsweise die Schule oder die Hausaufgaben, Sport, Freunde. Viele versuchen, ihre exzessive Internetnutzung zu vertuschen.
Im gerade veröffentlichen Bericht eines Ausschusses des Bundestags zu "neuen elektronischen Medien und Suchtverhalten" heißt es, heute würden Kinder "in eine mediatisierte Welt hineingeboren und somit von Anbeginn mit digitalen Medien konfrontiert". Jedoch gebe es "keine gesellschaftliche Werteklarheit", welche Art und welches Ausmaß des Medienkonsums sinnvoll seien.
Der Bericht warnt vor negativen Folgen bei exzessivem Gebrauch elektronischer Medien durch Kleinkinder für deren Entwicklung, etwa in Form von Gedächtnis- oder Schlafproblemen. Weiter heißt es für ältere Kinder: "Darüber hinaus werden in Bezug auf die Adoleszenz auch die Gefahr vermehrter impulsiver und aggressiver Handlungen sowie risikoreiches Verhaltens diskutiert." Ärzte und Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz formulieren es in ihrem Buch "Neue elektronische Medien und Suchtverhalten" so: "Es existieren vielfache Hinweise auf negative Auswirkungen eines exzessiven Internet- und Computerspielnutzungsverhaltens auf die psychosoziale Entwicklung im Jugendalter."
Eine DAK-Befragung aus dem vergangenen Herbst legt nahe, dass fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen das Internet in einem krankhaften Ausmaß nutzen. Elf Prozent haben demnach erfolglos versucht, sich selbst zu beschränken.
In vielen Familien sorgt der Umgang mit dem Handy immer wieder für "Reibungspunkte", wie die Forscherinnen um Karin Knop konstatieren. Die Frage ist: Wie gehen Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Kinder um? Und was ist überhaupt der richtige Umgang?
Die Forscherinnen unterscheiden vier Elterntypen. Es gibt die "Laisser-faire"-Eltern, wie die Mutter der vier Jungen, die sie in ihrer Studie vorstellen. Außerdem gibt es die "ängstlich-bewahrenden Reglementierer", die "freundschaftlich Liberalen" und die "kindzentrierten Aktiven".
Die Typen-Bezeichnung macht schon deutlich, welchen Erziehungsstil die Mannheimer Forscher bevorzugen: Mütter und Väter sollen sich demnach bemühen, aktiv auf das Medienverhalten ihrer Kinder Einfluss zu nehmen – ohne dabei sinnlose Verbote zu erlassen.
Die Forscher nehmen also die Eltern selbst in der Pflicht: "Neben expliziten Handyerziehungsmaßnahmen hat insbesondere das Vorbildverhalten der Eltern und ihre Beziehungsqualität zum Kind Einfluss auf den Umgang mit dem Handy."
Will heißen: Hängt die Mutter ständig am iPad, schreibt der Vater beim Essen SMS, wimmeln beide die Kinder ab, weil sie lieber ihr Facebook-Profil pflegen wollen, dann werden sich die Kinder diese Priorisierung abschauen und sich künftig aufmerksam den kleinen Bildschirmen widmen.
"Es gibt Familien, da ruft die Mutter die Kinder per WhatsApp zum Essen, obwohl sich diese im Haus aufhalten", erzählt Knop. "Nur so kann sie sicher sein, dass sie ihre Kinder auch erreicht."
Knop sieht solche Praktiken mit Skepsis, sie stünden für einen "unreflektierten Umgang" mit dem Handy. In einer Familie sei es wichtig, dass sich Familienmitglieder gelegentlich eine handyfreie Zeit verordnen. Knop spricht von einem "buddhistischen Moment": sich im Augenblick mit seiner Umwelt zu beschäftigten ohne Ablenkung, sozusagen ganz im Hier und Jetzt.
Den verhindert das Smartphone noch stärker als andere Kommunikations- oder Unterhaltungselektronik, als der Fernseher etwa oder die Spielekonsole. Denn das Handy ist laut der Forschung ein "individuelles Gerät": Jeder beugt sich über seines.
Entsprechend restriktiv sind die Regeln in einem anderen Lebensbereich, in dem das Kollektiv funktionieren muss: in der Schule. Die allermeisten Schulen verfolgen die Politik, dass die Geräte zumindest während des Unterrichts ausgeschaltet und weggepackt sein müssen. Für die Pausen oder unterrichtsfreie Zeiten auf dem Schulgelände variieren die Vorgaben.
Im gestrengen Bayern ist eine entsprechende Klausel sogar im Schulgesetz verankert: "Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten."
Wie analog Regeln für zu Hause aussehen könnten, hat der Bochumer Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Richterich mit der Direktorenkonferenz seiner Stadt formuliert. Darin heißt es: "Nicht nachts, nicht während der Mahlzeiten, nicht während der Hausaufgaben, nicht im Unterricht, nicht bei Krankheit, wenn die Schule nicht besucht werden kann." Ein Smartphone sollten Kinder frühestens zum 12. Geburtstag geschenkt bekommen, fordert Richterich.
Andererseits lässt sich auch kaum eine Brandmauer um die Smartphones und damit ums Internet ziehen. Wenn die Klassenkameraden in der fünften Klasse alle eines haben und per Klassen-WhatsApp-Gruppe kommunizieren, dann gilt: Wem seine Eltern verbieten, in der Klassen-WhatsApp-Gruppe dabei zu sein, der ist dann eben draußen, mit all den negativen Folgen für seinen Status in der Gruppe und das eigene Selbstbewusstsein.
Komplette Abstinenz fordern auch Pädagogen nicht, im Gegenteil. In Baden-Württemberg gehört Mediennutzung zum festen Programm in den weiterführenden Schulen. In einem aktuellen Strategiepapier der Landesregierung heißt es sogar: "Medienbildung und ein kompetenter Umgang mit Medien ist heute als vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben und Rechnen zu verstehen."
Bei Sascha Lutz vom Beratungs- und Behandlungszentrums für Suchterkrankungen in Stuttgart landen jene Eltern, denen die Mediennutzung ihrer Kinder über den Kopf wächst. Lutz gibt den Eltern dann zumeist unbequeme Tipps mit auf den Weg: Wichtig sei, "wieder Zugang zu den Jugendlichen zu finden". Rezepte dazu: "Sorge ausdrücken, Gespräche anbieten, Vertragsabsprachen treffen, Interesse am Leben des Kindes zeigen, auch Interesse am Leben des Kindes im Netz zeigen." Lutz Sammelbegriff: Es gehe um "Teilhabe".
Von diesem Begriff ist es nicht mehr weit bis zur Pädagogik des dänischen Therapeuten Jesper Juul, der als Advokat einer liebevollen Führung durch die Eltern gilt. Im Schweizer Elternmagazin "Fritz und Fränzi" hat der Erziehungsberater einen bemerkenswerten Aufsatz veröffentlicht. Juul schreibt: "Ich nenne die elektronischen Geräte ,Familienmitglieder', weil sie extrem viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Kultur von Familien auf eine Art und Weise verändern, welche für die auf Liebe basierenden Beziehungen zwischen Erwachsenen, Geschwistern, Eltern und Kindern ungesund ist."
Kinder fühlten sich verletzt, führt Juul aus, wenn sie merken, dass die Eltern für sie nicht ansprechbar sind. Irgendwann "fangen die Kinder an, die Verhaltensweise der Erwachsenen zu kopieren und fokussieren sich auf ihre eigenen Bildschirme". Mobiltelefone seien "wertvolle Arbeitsinstrumente", aber für menschliche Beziehungen "ein schlechter Ersatz".
Damit Vertrauen und Austausch wüchsen, so Juul, brauche es pro Tag zwei bis drei Stunden, die man einander widmet, zum Essen, Sprechen, Spielen. Diese Zeiten nennt Juul "Inseln des Zusammenseins". Sie funktionierten, "vorausgesetzt, dass wir unsere Smartphones nicht auf die Insel mitbringen".
Wem das zu pädagogisch und kompliziert ist, der kann, um seine Handynutzung zu begrenzen, ausgerechnet zu Onlinetools greifen: Apps.
Eine hat den Namen "Forest", sie wurde entwickelt von Tüftlern in Taiwan. Durch die App wächst auf dem Bildschirm innerhalb einer festgelegten Zeit einer schöner, grüner Baum.
Der Baum wächst aber nur, wenn das Smartphone in dieser Zeit unangetastet bleibt. jan.friedmann@spiegel.de
FOTOS Heather Perry
Jan Friedmann spielt mit den eigenen Kindern lieber Fußball, Tennis oder Karten als an einer Wii.
schwerpunkt ERZIEHUNG

"Die Kinder wollen sich diese Spielzeiten erkämpfen", erzählt die Mutter.

Digitale Medien sind für menschliche Beziehungen "ein schlechter Ersatz".

Tipps für Eltern

Mit digitalen Medien gut umzugehen lernen Kinder am leichtesten in der Familie. Mit digitalen Medien gut umzugehen lernen Kinder am leichtesten in der Familie.
‣ Als Eltern sind Sie erziehungsberechtigt. Nutzen Sie diese Berechtigung auch für digitale Medien: Sie entscheiden, welche Geräte und Digitalangebote Ihre Kinder in welchem Alter und in welchem Umfang nutzen dürfen.
‣ Seien Sie Vorbild! Unterhalten Sie sich beim Essen mit Ihrer Familie, anstatt Ihre E-Mails zu checken oder mit Menschen zu kommunizieren, die gar nicht am Tisch sitzen.
‣ Mit der Erziehungsberechtigung kommt die Verantwortung: Informieren Sie sich gründlich über die digitale Welt, in der sich Ihre Kinder bewegen. Dazu gibt es entsprechende Ratgeber (siehe S. 44); mindestens ebenso sinnvoll ist es aber, immer wieder direkt mit Ihren Kindern darüber zu sprechen, welche sozialen Netzwerke, Apps, Spiele oder Geräte in deren Umfeld gerade populär sind.
‣ Finden Sie klare Regeln für die Nutzung (etwa "Nintendo nur am Wochenende", "kein Smartphone während der Hausaufgaben"), die für Ihre Kinder verständlich und nachvollziehbar sind. Und dann bleiben Sie dabei – viel Glück!
‣ Setzen Sie die digitalen Medien in Ihrem Sinne ein: Das Smartphone kann auch ein Organisationstool sein, das den Alltag Ihrer Kinder begleitet und sie etwa an Termine oder Aufgaben erinnert. Didaktisch gut gemachte Apps oder Videospiele können neue Lernfelder erschließen und erleichtern.
‣ Machen Sie sich mit den Sicherheitseinstellungen von Geräten und Anbietern vertraut: Eine konsequente Regulierung des Zugangs sorgt dafür, dass Ihr Kind auf bestimmte Inhalte (beispielsweise Pornografie im Internet) oder Kostenquellen (wie In-App-Käufe) gar nicht erst trifft.
‣ Vertrauen oder Kontrolle: Wie sehr Sie die digitale Nutzung Ihrer Kinder überwachen (etwa indem Sie Zugang zu ihren Passwörtern fordern), sollte zu Ihrem allgemeinen Erziehungsstil passen. Erklären Sie Ihren Kindern, wie und warum Sie bestimmte Arten der Kontrolle ausüben.
‣ Klären Sie Ihre Kinder altersgerecht über Gefahren im Netz auf (beispielsweise Phishing, Cybermobbing), auch über Risiken ihres eigenen Verhaltens (wie Sexting bei Teenagern).
‣ Klären Sie Ihr eigenes Verhältnis zu ethischen Fragen wie Privatsphäre (etwa Kinderfotos auf Ihrer Facebook-Seite) und Sicherheit im Netz (beispielsweise beim Surfen). Wenn Sie selbst eine klare Position haben, können Sie diese überzeugender Ihren Kindern vermitteln.
‣ Bauen Sie rein analoge Zeit in Ihren Alltag ein. Gerade abends erschwert die Strahlung von Bildschirmen das Einschlafen – und Ihr Kind braucht Schlaf!
‣ Lernen Sie von Ihren Kindern. Denn die kennen sich als "digitale Eingeborene" im Zweifel wesentlich besser aus als Sie. Lassen Sie sich zeigen und erklären, womit Ihre Kinder auf ihren Smartphones oder Tablets daddeln; spielen Sie Videogames mit ihnen, um die Faszination nachvollziehen zu können. Sie werden viel über Ihre Kinder dabei erfahren, vermutlich auch eigene Ängste oder Vorurteile verlieren.
Die begleitenden Bilder zu diesem Text dokumentieren den Alltag von Kindern im US-Bundesstaat Maine: Die Fotografin Heather Perry macht für ihr Projekt "kidsinthehood" zehn Jahre lang jeden Tag ein Bild von ihrem Sohn und dessen Freunden.
Von Jan Friedmann

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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