23.08.2016

„Steve Jobs würde sich im Grab umdrehen“

Machen Tablets dumm? Oder führt E-Learning zur Chancengleichheit? Ein Streitgespräch zwischen dem Bildungsexperten Jörg Dräger und dem Psychiater Manfred Spitzer.
SPIEGEL: Herr Dräger, Herr Spitzer, Grundschullehrer empfehlen die "Antolin"-Website, um Kinder zum Lesen zu motivieren. Dort beantworten Schüler Quizfragen zu Buchinhalten und bekommen dafür Punkte. Ist das der Einstieg in die Droge Computer?
Dräger: Nein, auch mein Sohn hat so Lesen gelernt. Wir hatten ihm immer viel vorgelesen, er mochte Hörspiele, aber hatte keine Lust, selbst ein Buch in die Hand zu nehmen. Mit "Antolin" erwachte in ihm der Ehrgeiz. Ein Jahr später las er in einem Sommer die sieben Bände von "Harry Potter" durch. Er ist durch "Antolin" eher zum Buchjunkie als zum Computerjunkie geworden.
Spitzer: Digitale Techniken haben genau wie Medikamente Risiken und Nebenwirkungen. Das Risiko ist ihr Suchtpotenzial. Natürlich wird nicht jeder abhängig, vielleicht auch nicht Ihr Sohn, Herr Dräger. Aber nehmen Sie Südkorea, da ist ein Viertel der 10- bis 19-Jährigen smartphonesüchtig. Die Regierung hat deshalb 2015 verfügt, dass jedes an Kinder und Jugendliche verkaufte Smartphone eine App haben muss, die keinen Zugriff auf Pornoseiten zulässt und den Eltern Einblick in die Nutzungsdauer ermöglicht. Die neueste Studie in Deutschland hat gezeigt, dass acht Prozent aller Kinder an der Grenze zur Sucht sind.
SPIEGEL: Herr Dräger, wie lange darf denn Ihr Sohn vor dem Computer sitzen?
Dräger: 20 Minuten am Tag in der Grundschule. So ähnlich machen das übrigens auch die Steve-Jobs-Schulen in den Niederlanden. Dort ist der Unterricht zwar iPad-basiert, deren Einsatz aber auf ein sinnvolles Maß begrenzt. Da gibt es dann ein Biologieprogramm, bei dem man einen Dinosaurier dreidimensional sieht. Oder es gibt Mathe-Lernspiele fürs Addieren und Subtrahieren. Die Kinder lernen dort auch, dass es Regeln für digitale Nutzungszeiten gibt.
Spitzer: Aus meiner Sicht sind es verschwendete 20 Minuten, wenn ein fünfjähriges Kind jeden Tag 20 Minuten vor dem Bildschirm sitzt. Ich bezweifele, dass ein Kind durch eine Animation mehr lernt als durch ein Bild. Außerdem entwickelt sich bei Fünfjährigen noch die Sensomotorik, und da ist es nicht förderlich, wenn ein Kind dauernd über eine fast eigenschaftslose Glasoberfläche wischt, anstatt sich in dieser Zeit mit verschiedensten Materialien zu beschäftigen.
Dräger: Wofür ja auch Zeit bleibt. Klar begrenzte Nutzung ist das Gegenteil von dauernd.
Spitzer: Es sind 20 Minuten in 12 Stunden Wachzeit. Aber es bleibt nicht bei diesen 20 Minuten, wenn die Kinder angefixt sind. Der durchschnittliche Medienkonsum insgesamt liegt bei deutschen Neuntklässlern bei 7,5 Stunden am Tag.
Dräger: Das ist viel zu viel! Ist es deshalb nicht gerade richtig, dass Kinder in der Schule den Umgang mit digitalen Medien lernen?
Spitzer: Da sind wir schon bei einem Grunddissens. Nein, das ist es nicht. Nehmen wir zum Beispiel Mathematik: Zahlen kommen über die Finger ins Gehirn, und je mehr ein Kind Fingerspiele macht, je mehr es die Finger differenziert benutzt, desto differenzierter kann es mit Zahlen umgehen. Das Wischen auf dem Tablet bespielt die sensomotorischen Areale im Gehirn nur mit den simpelsten Mustern, und so gibt es keinen relevanten Input für die Denkzentren, die für Abstraktionsleistungen zuständig sind. Die sind aber abhängig vom Input, sie haben nämlich nur über die Sensomotorik eine Verbindung nach außen. In den USA gibt es Toilettenstühle für Kleinkinder, die mit einem iPad ausgestattet sind, weil die Eltern leider glauben, die Kinder könnten dann noch nebenbei etwas lernen.
Dräger: Es gibt Eltern, die den Zugang ihrer Kinder zu digitalen Medien vernünftig regulieren. Und es gibt leider Eltern, die ihren Kindern ein Tablet in die Hand drücken, so wie Kinder vor dem Fernseher abgeladen werden. Ich finde, es ist eine Frage der Chancengerechtigkeit, dass die Schule allen Kindern die Möglichkeit gibt, einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu lernen.
Spitzer: Die Studien, die ich dazu kenne, sagen genau das Gegenteil. Londoner Wirtschaftswissenschaftler haben die Wirkung eines Smartphone-Verbots an einer Schule untersucht. Was kam dabei heraus? Dass die schwachen Schüler deutlich besser wurden und die Leistung der starken Schüler konstant blieb.
Dräger: Wenn Smartphones oder Laptops nicht pädagogisch in den Unterricht eingebettet sind, kann es zu einer sozialen Spaltung kommen. Da haben Schüler aus Elternhäusern, in denen es einen bewussten Umgang mit digitalen Medien gibt, einen Vorteil.
Spitzer: Und das wissen wir alle schon seit Jahren, aus den Studien zum Fernsehkonsum. Fernsehen macht dick, dumm und asozial, das ist definitiv so. Die längste Langzeitstudie umfasst mittlerweise 40 Jahre und zeigt: Wenn Fünfjährige maximal eine Stunde pro Tag fernsehen, liegt die Wahrscheinlichkeit eines Hochschulabschlusses bei 40 Prozent. Schauen sie mehr als drei Stunden pro Tag fern, liegt die Quote bei unter 20 Prozent. Das belegt doch eindeutig, wie gefährlich zwei Stunden Medienkonsum pro Tag sind.
Dräger: Es gibt eine dritte Variable, die beides beeinflusst: sozialer Status.
Spitzer: Nein, diese Variable wurde in den Studien herausgerechnet. Auch Kinder aus gebildeten Haushalten zeigen bei starkem Fernsehkonsum schlechte Schulleistungen, vor allem beim Lesen.
Dräger: Aber Kinder aus Familien mit einem vergleichsweise niedrigen sozialen Status schauen mehr fern. Genau das ist mein Punkt: Alle Kinder müssen die Chance bekommen, den angemessenen Umgang mit Medien und digitalen Werkzeugen zu lernen, die sie später im Leben benötigen.
Spitzer: Steve Jobs hat der "New York Times" ein paar Monate nach der Einführung des iPads gesagt, seine eigenen Kinder hätten das Gerät noch nicht benutzt, weil er den Medienkonsum zu Hause begrenze. Er würde sich im Grab umdrehen, wenn er von den Steve-Jobs-Schulen wüsste. Viele hochrangige Angestellte von Technikfirmen im Silicon Valley schicken ihre Kinder in Waldorfschulen. Da gibt es Computer für Schüler erst ab der siebten Klasse. Das muss man sich mal vor Augen führen.
Dräger: Andererseits gibt es in den USA Schulen, die mit digitalen Lernmedien wirklich erstaunliche Erfolge erzielt haben. Bei einer extrem schwierigen sozialen Ausgangslage lernen diese Schüler durch einen spielerischen und personalisierten Unterricht weit mehr als der US-Durchschnitt.
Spitzer: Ist das wirklich so? Wer eine Vorlesung mit der Hand mitschreibt, merkt sich mehr als derjenige, der sie mittippt. Gegoogelte Fakten bleiben schlechter im Gedächtnis als Fakten, die in einem Buch vermittelt werden.
Dräger: Ein E-Book ist genauso effizient wie ein gedrucktes Buch.
Spitzer: Aber nur dann, wenn die Inhalte nicht "enhanced" sind, also mit Animationen oder Soundfiles aufgemotzt. Dann wird aus dem Lesen nämlich Daddeln.
Dräger: Wenn ich ein Kind vor ein leeres Blatt Papier setze und sage: "Du sollst jetzt rechnen lernen", dann wird es vermutlich gar nichts lernen. Wenn aber ein guter Lehrer mit einem guten Lehrbuch oder eben einem guten Lernspiel Unterricht macht, dann lernt es auch rechnen. Das Problem ist doch nicht das Medium, sondern seine Nutzung.
Spitzer: Ich warte immer noch auf die Studie, die nachweist, dass Steve-Jobs-Schulen in den Niederlanden cleverere Schüler hervorbringen als die anderen Schulen.
Dräger: Dann nehme ich Sie gern mit an die von mir erwähnte David A. Boody Schule in New York. Bevor dort digitales, individualisiertes Lernen Einzug hielt, lag die Leistung der Sechstklässler in Mathematik knapp unter dem Durchschnitt vergleichbarer Schulen. Heute lernen die Schüler in dem Programm New Classrooms 50 Prozent mehr als Schüler im nationalen Mittel.
Spitzer: Es gibt auch computerfreie Schulen mit überdurchschnittlichen Schülerleistungen. So ein Einzelfall ist kein Argument.
Dräger: New Classrooms ist heute ein ganzes Schulsystem. Es versorgt jede Nacht 10 000 Schüler mit einem individuellen Curriculum. Hier steht das einzelne Kind im Mittelpunkt.
Spitzer: Kommen wir doch mal weg vom Einzelfall! 2015 wurden in einer OECD-Studie Pisa-Daten ausgewertet. Ergebnis: Die Investitionen in digitale Medien pro Schüler pro Land korrelieren null mit dem Lernerfolg der Schüler. Wie peinlich ist das denn!
Dräger: Einspruch. Solche Studien stellen fest, dass digitale Medien keine Lernerfolge bringen, wenn sie nicht in ein pädagogisches Konzept eingebettet sind. Das sage ich doch schon die ganze Zeit.
Spitzer: Moment mal! Unterstellen Sie sämtlichen Lehrern, dass sie unfähig sind, weil sie nicht versucht haben, die Computer sinnvoll in den Unterricht zu integrieren?
Dräger: Sie sind nicht unfähig, sondern dafür nicht geschult. Gucken Sie doch auf Deutschland: In keinem anderen Vergleichsland bilden die Lehrer sich so selten in digitalen Unterrichtsformen fort wie bei uns.
Spitzer: Das erklärt nicht, weshalb es auch in den anderen 59 Ländern der Studie keine Korrelation zwischen Unterricht mit digitalen Medien und Lernerfolgen gibt.
Dräger: Es gibt erfolglose Projekte. Und es gibt hervorragende pädagogische Konzepte für den digitalen Unterricht. Von denen sollten wir lernen! Sie haben doch selbst in einer Untersuchung festgestellt, dass bestimmte Software das Lernen von Mathematik verbessert, wenn sie in traditionellen Unterricht eingebettet ist. Sehen Sie die Chancen nicht?
Spitzer: Ich sehe vor allem Hypes. Nehmen Sie mal die Moocs.
SPIEGEL: Mooc steht für Massive Open Online Course – also für Kurse auf Uni-Niveau, die jeder mit Internetanschluss kostenlos besuchen kann. Der Abschluss kostet dann aber etwas.
Spitzer: Amerikanische Unis haben viel Geld in Moocs investiert und dann die Aktivitäten eingestellt. Warum? Weil 90 Prozent der Leute abbrechen. Abgeschlossen werden die Moocs von Leuten wie Ihnen und mir.
SPIEGEL: Haben wirklich alle Unis die Moocs aufgegeben?
Dräger: Nein, natürlich nicht.
Spitzer: Aber die meisten!
Dräger: Den ersten Mooc "Künstliche Intelligenz" von Sebastian Thrun an der Stanford Universität haben 160 000 Menschen angefangen und 23 000 abgeschlossen. Da sagen Sie bestimmt, das sei eine katastrophale Quote.
Spitzer: Richtig.
Dräger: Aber dieser Mooc hat 23 000 Menschen eine Chance gegeben, die sie vorher nicht hatten. Und unter den Absolventen waren 412, die besser waren als der beste Stanford-Student.
Spitzer: Und genau dieser einmalige Erfolg war der Grund für die Millioneninvestitionen in die nächsten Moocs, die von den Universitäten heute als Fehlinvestitionen betrachtet werden.
Dräger: Das stimmt so nicht. Ich habe kürzlich die Arizona State Universität in Phoenix besucht, die mehr Menschen aus bildungsfernen Schichten für ein Studium gewinnen möchte. Die haben rund 70 000 Studenten auf dem Campus und 20 000 weitere, die online studieren. Diese Onlinestudenten sind im Durchschnitt zehn Jahre älter, sie erziehen gleichzeitig Kinder, arbeiten parallel, pflegen die Eltern, haben das Studium schon einmal abgebrochen. Die haben gar keine Chance, auf dem Campus zu studieren.
SPIEGEL: Und wie ist der Studienerfolg der Onlinestudenten?
Dräger: Die Abschlussquote ist die gleiche wie die der Campusstudenten. Jetzt geht die Uni noch weiter, und jeder darf ein Jahr lang kostenlos online studieren. Die Besten bekommen die Chance, auf dem Campus weiterzustudieren. Es haben sich mehr als 100 000 Menschen aus aller Welt eingeschrieben.
Spitzer: Und wie viele werden bis zum Ende durchhalten?
Dräger: Vielleicht nur 1000? Aber auch die hätten sonst nie die Chance bekommen. Sie können sagen, die Abschlussquote von 1 zu 100 ist vernichtend. Ich sage: 99 000 Leute haben immerhin etwas versucht. Campusstudenten werden ja nicht ins Internet gezwungen. Sondern digitale Bildung gibt Menschen in Indien oder Bangladesch genauso wie der alleinerziehenden Mutter aus Phoenix Zugang zu einem elitären Produkt, das bisher reserviert war für Menschen, die im jungen Alter ihre ganze Zeit an einer Universität investieren können, um dort eine höhere Bildung zu erwerben.
Spitzer: Sie sehen die paar Hochbegabten, die vom digitalen Unterricht profitieren. Und sie ignorieren die Millionen nicht so begabter Menschen, denen die digitalen Medien schaden. Eine Mannheimer Studie mit 500 Kindern zwischen 8 und 14 Jahren hat ergeben: Die Hälfte fühlt sich vom Smartphone bei den Hausaufgaben gestört, ein Viertel ist genervt von den Nachrichten, und ein Fünftel ist der Meinung, das Smartphone sei der Grund für sinkende Schulleistungen. Das Jugendwort des Jahres 2015 heißt Smombie: Smartphone-induzierter Zombie. Diese Jugendlichen haben begriffen, dass das Smartphone ihnen ihr Leben stiehlt.
Dräger: Das ist Schwarz-Weiß-Denken, ich würde gern über die Grauzone dazwischen sprechen.
Spitzer: Nein, ich male nicht schwarz-weiß, und ich bin auch kein Kulturpessimist. Aber ich ärgere mich über die Lobby einer extrem reichen Branche, die die Köpfe unserer Kinder vermüllen will.
Dräger: Digitale Medien sind und bleiben Teil unseres Alltags. Im Beruf wie im Privatleben. Deshalb müssen wir alle – Erwachsene, Jugendliche, Kinder – lernen, richtig mit ihnen umzugehen. Als das Auto erfunden wurde, musste man für den Führerschein noch wissen, wie man Keilriemen flickt und Motoren ankurbelt. Heute muss man die Verkehrsregeln beherrschen.
Spitzer: Das Auto ist eine sehr gute Analogie. Mit wie viel Jahren dürfen wir Auto fahren? Mit 18. Warum? Weil wir einen gesellschaftlichen Konsens darüber haben, dass ein Gehirn erst dann die Reife hat, um 100 PS zu beherrschen. Das Gehirn eines Jugendlichen ist nicht geeignet für den größten Rotlichtbezirk, also das Internet.
Dräger: Erst fahren Kinder Fahrrad, mit 15 Jahren Mofa, mit 16 Motorroller und mit 18 Jahren Auto. Es ist ein Weg des Lernens, und das gilt ebenso für die Entwicklung von Medienkompetenz. Unter Anleitung sollen Kinder auch das kreative Potenzial der Geräte erforschen: Man kann mit Smartphones und Tablets schließlich selbst Filme herstellen, statt nur welche zu gucken. Für mich gehört außerdem ein Grundverständnis in einer Programmiersprache zum notwendigen Können heute. Und spätestens ab 14 Jahren sollten sie wissen, wie man im Netz verlässliche Informationen findet.
Spitzer: Ich möchte gern das Stichwort "Medienkompetenz" aufgreifen. Es heißt oft, man brauche Medienkompetenz, um googeln zu können. Das stimmt nicht, man braucht Vorwissen, um die besten Google-Ergebnisse zu bekommen. Wer kann die Diagnosen aus gegoogelten Krankheitssymptomen am besten einordnen? Ein Arzt natürlich, der Laie ist völlig überfordert. Der gibt Kopfschmerz ein und landet beim Hirntumor. Wenn wir möchten, dass Kinder und Jugendliche lernen, sinnvolle Treffer bei Google zu erhalten, dann dürfen sie eines nicht: googeln. Sie sollten stattdessen Bücher lesen. Und wir sollten dafür sorgen, dass sie keine PowerPoint-Referate halten, die mit Copy and Paste aus Wikipedia zusammengestoppelt wurden.
SPIEGEL: Plädieren Sie dafür, PowerPoint in der Schule zu verbieten?
Spitzer: Ja. Am besten wäre es, wenn die Schüler beim Referat frei reden.
Dräger: Ich würde PowerPoint nicht verbieten. Natürlich lernt man durch Copy and Paste nichts, da stimme ich Ihnen zu. Erkenntnis entsteht nur durch selber Denken. Ich stimme Ihnen aber nicht zu, dass man sich Wissen am besten mit Büchern verschafft. Das geht einfacher und billiger mithilfe digitaler Medien, jedenfalls, wenn man vorher gelernt hat, welchen Informationen man im Netz vertrauen kann.
SPIEGEL: Brauchen wir Medienkompetenz als eigenes Schulfach?
Dräger: Nein, Medienkompetenz sollte in verschiedenen Fächern in den Unterricht integriert werden. Wer im Internet für ein Referat recherchiert, sollte gelernt haben, wie man Quellen einordnet.
Spitzer: Was wir vor allem brauchen, ist guter Schulunterricht. Wer Graphen verstehen soll, der muss sie mal gezeichnet haben. Wer etwas über den Wald lernt, der sollte mal in einem gewesen sein. Wissen eignen Kinder sich über die Auseinandersetzung mit der realen Welt an.
Dräger: Natürlich möchte ich auch, dass Kinder in den Wald gehen oder Fußball spielen, und natürlich brauchen wir guten Unterricht an den Schulen. Gut heißt aber: für jedes Kind passend. Lehrer sind aber mit zunehmend diversen Klassen konfrontiert. Es gibt enorme Leistungsunterschiede, bei 15-jährigen Gymnasiasten divergieren die Leistungen um mehr als zwei Jahre! Wie sollen sie mit konventionellem Unterricht den sehr unterschiedlichen 30 Schülern in ihrer Klasse gerecht werden? Die Digitalisierung kann zu einem personalisierten Unterricht beitragen. Ich bin überzeugt, in Fächern wie Mathematik ist ein Rechner mit auf den einzelnen Schüler zugeschnittenen Aufgaben besser als ein Lehrer, der vor einer Großgruppe steht. Das gibt den Lehrern außerdem Zeit, sich um einzelne Kinder zu kümmern.
Spitzer: Die Heterogenität ist ein riesiges Problem, das sehe ich wie Sie. Ich fürchte nur, dass ein digitaler Unterricht die Situation verschlechtert: Die Reichen schicken ihre Kinder auf Privatschulen, wo es nur zehn Schüler pro Klasse gibt. Und die anderen, also 95 Prozent eines Jahrgangs, verdösen ihre Schulzeit vor dem Computer. Die übliche Kritik am Frontalunterricht lautet: Der Lehrer redet, die Schüler schweigen. Beim digitalen Unterricht sitzen die Schüler vor dem Computer und schweigen. Ein guter Lehrer reißt die Schüler mit und begeistert sie für ein Thema. Das kann ein Computer nicht.
Dräger: Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder besser Mathematik lernen, wenn sie eine Lernsoftware haben, die sich auf ihr Können einstellt, als wenn sie konventionellen Schulunterricht haben.
Spitzer: Wenn ein Rechner dem Lehrer Routinearbeit abnimmt, ist das in Ordnung. Vorausgesetzt, er arbeitet ansonsten mit Tafel und Kreide.
Dräger: Ein Smartboard täte es auch. Aber klar, die Mischung macht's. Digital und traditionell. Personalisierter Unterricht mit den richtigen pädagogischen Konzepten trägt zu Chancengerechtigkeit bei. Daran mangelt es noch bei uns. Deutsche Eltern geben jährlich rund eine Milliarde Euro für Nachhilfeunterricht aus. Und zwar im Wesentlichen für Kinder, die zwischen den Noten Zwei und Drei stehen. Die bürgerliche Mittelschicht ermöglicht ihren Kindern Nachhilfe, damit sie in der Schule noch besser sind. In den USA und in Deutschland bietet die Khan-Academy kostenlos Erklärvideos zum Unterrichtsstoff an, damit auch Kinder Nachhilfe bekommen, deren Eltern sich den Privatlehrer nicht leisten können.
Spitzer: Es gibt natürlich Möglichkeiten, digitale Lehrmittel hier und da sinnvoll einzusetzen, jedenfalls ab der Oberstufe. Deutlich besser wäre aber ein besserer Schulunterricht. Es macht mich zornig, dass Kultusministerien den Einsatz digitaler Medien im Unterricht propagieren, dass Spielen auf einer Playstation für die unter Medienkompetenz fällt. Es gibt iPad-Kindergärten, und 7000 Kitas sind mit dem Microsoft-Programm "Schlaumäuse" ausgestattet. Politik sollte das verhindern und nicht fördern, denn sie fördert so den Einstieg in die Sucht.
Dräger: Die Politik soll dafür sorgen, dass digitale Medien eine pädagogisch gesteuerte und regulierte Selbstverständlichkeit in Schule, Hochschule und beim lebenslangen Lernen werden. Dazu gehören auch Lernspiele. Und ja: Wahrscheinlich wäre ein fantastischer Lehrer mit großen Entertainerqualitäten noch mitreißender, aber von denen gibt es leider nicht genügend.
Spitzer: Aber Lernspiele sind so wenig mitreißend, dass kaum ein Kind sie spielt. Kinder merken nämlich, wenn man ihnen mit irgendwelchem Schnickschnack etwas unterjubeln will.
Dräger: Manchmal wirkt auch Einfaches. Ich möchte da zum Anfang unseres Gesprächs zurückkehren: Fast 200 Millionen Fragen zu Büchern haben Schüler in den vergangenen 15 Jahren bei "Antolin" gelöst. Das ist eine eindrucksvolle Zahl. Es funktioniert also nicht nur für meinen Sohn: Der spielerische Wettbewerbscharakter von "Antolin" hat über den Weg des digitalen Mediums Schüler zum Lesen von Büchern gebracht.
Spitzer: Ich bin erst überzeugt, wenn eine empirische Untersuchung nachweist, dass "Antolin" tatsächlich die Lesefähigkeit steigert. Bis dahin halte ich es für besser, wenn Eltern und Lehrer mit den Kindern Bücher lesen und über die Bücher sprechen.
SPIEGEL: Herr Dräger, Herr Spitzer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Kees van de Veen / Hollandse Hoogte / Laif
Kees van de Veen / Hollandse Hoogte / Laif

"Wenn Bücher mit Animationen aufgemotzt sind, wird aus Lesen Daddeln."

Manfred Spitzer

"Digitale Bildung gibt Menschen in Indien Zugang zu einem elitären Produkt."

Jörg Dräger

"Ich ärgere mich über eine Branche, die die Köpfe unserer Kinder vermüllen will."

Manfred Spitzer

"Natürlich brauchen wir guten Unterricht. Gut heißt aber: für jedes Kind passend."

Jörg Dräger

Von Marianne Wellershoff

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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