23.08.2016

Mathestunde via Skype

In der „Web-Individualschule“ werden Mobbingopfer und Jungschauspieler mit Terminproblemen unterrichtet.
Als Kind wollte Katharina Rinio immer so sein wie Heidi. Nicht, weil die in den Bergen wohnte oder ein schönes Kleid trug – Katharina beneidete das Alpenmädchen vor allem, weil es zusammen mit seiner Freundin Klara zu Hause unterrichtet wurde. Das wollte Katharina auch. Sie hasste das Gewimmel und die Lautstärke in der Schule. Am erträglichsten waren schriftliche Tests: "Da war es immer so schön still."
Katharina leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Bei den Mitschülern galt sie deshalb als Außenseiterin. Dabei sieht man ihr die Krankheit nicht an: Sie lächelt oft, manchmal fällt ihr dabei eine dunkle Locke ins Gesicht, die sie dann mit einer schnellen Bewegung hinters Ohr klemmt. Fragen beantwortet sie meist mit Ja oder Nein, Small Talk kommt mit ihr nicht zustande. Auf die Frage, ob sie in der Schule Freunde hatte, sagt Katharina: "Nein." Dann lächelt sie.
Vor zwei Jahren ging Katharinas Traum vom Unterricht zu Hause in Erfüllung. Anders als bei Heidi kommt ihre Lehrerin aber nicht zu ihr nach Hause – sie erscheint jeden Morgen um 8.30 Uhr auf dem Monitor von Katharinas Computer. Die 16-Jährige lernt an der "Web-Individualschule", wo Schüler über Videotelefonie, Telefon oder E-Mail unterrichtet werden. Die Lehrer sitzen in ihren Büros in Bochum, die Schüler sind in der ganzen Welt verteilt.
"Für uns gab es keine Alternative", sagt Barbara Rinio, Katharinas Mutter. Sie las vor zwei Jahren in der Zeitung über die Onlineschule, kurz nachdem sich Katharina morgens weinend auf den Schulhof geworfen hatte, weil sie nicht in den Unterricht wollte. Ihr Psychiater schrieb sie daraufhin dauerhaft krank, ein halbes Jahr später fing sie an der Web-Schule an. "Jetzt geht's mir richtig gut", sagt sie.
Ein Drittel der 150 Schüler der Web-Individualschule sind wie Katharina Asperger-Autisten. Daneben werden körperlich und psychisch kranke Kinder und Jugendliche unterrichtet, aber auch Mobbingopfer, Sporttalente, Schauspieler und Musiker, die keine Regelschule besuchen können. Für alle gilt: Um am Onlineunterricht teilzunehmen, müssen sie per Gutachten von der Schulpflicht befreit oder dauerhaft krankgeschrieben sein.
Rund 790 Euro sind für die Skype-Schule monatlich fällig. Die Kosten trage in 80 Prozent der Fälle das Jugendamt, sagt Schulleiterin Sarah Lichtenberger. Sie wirbt mit Eins-zu-eins-Unterricht, bei dem "die Lehrer den Schülern an der Nasenspitze ansehen, wie sie gerade drauf sind". Das sei wichtig, weil viele Schüler erst wieder ans Lernen herangeführt werden müssten. "Wenn sie keine Lust haben und einfach den Laptop zuklappen, haben wir keine Chance. Sie müssen das Lernen selbst in die Hand nehmen."
Feste Unterrichtszeiten gibt es an der Web-Schule nicht. In der Regel wird von 8 bis 15 Uhr unterrichtet, in Ausnahmefällen auch davor oder danach. Und die gibt es genug: etwa wenn ein Schüler mit chronischem Erschöpfungssyndrom erst abends genug Energie für den Unterricht hat oder wenn ein Schauspieler bis zum Nachmittag dreht. Wann Ferien gemacht werden, stimmt die Schule mit jeder Familie individuell ab. Die Lehrer bekommen 30 Tage Urlaub im Jahr statt 13 Wochen Ferien.
"People are relaxing on the beach. There are only a few clouds in the sky", liest Katharina Rinio laut vor. Sie sitzt an einem massiven Holzschreibtisch in ihrem Zimmer. Es ist ihr Bunker, der sie vor dem Lärm von draußen schützt. Bis auf das Klicken der Maus und Blätterrauschen vom Baum vor ihrem Fenster ist es still. Die kugelrunde Kamera, die an ihrem Monitor klemmt, ist auf sie gerichtet. "Well done, Katharina", antwortet eine Frau aus dem Computer. Es ist Anne Gebbers-Fritsche. Sie unterrichtet Katharina über Skype in den Fächern Deutsch, Mathe, Bio, Erdkunde, Geschichte und Englisch.
Fritsche sitzt in ihrem Büro, etwa 50 Kilometer von ihrer Schülerin entfernt. Während die 63-Jährige mit Katharina skypt, öffnet sich auf ihrem Bildschirm eine Nachricht von Tobias, den sie zeitgleich in Mathe unterrichtet. "Ich brauch noch mehr Aufgaben", schreibt er. Sie klickt auf mehrere Ordner und schickt ihm schließlich eine Aufgabe in Prozentrechnung. "Versuch's mal hiermit", schreibt sie dazu. Katharina, die mit ihrer Englischaufgabe beschäftigt ist, bekommt davon nichts mit.
"In diesem Job muss man flexibel sein", sagt Gebbers-Fritsche, stellvertretende Schulleiterin der Web-Individualschule. "Nicht nur, was die Fächer betrifft." Einer ihrer Schüler sei traumatisiert und könne deshalb nicht am Computer arbeiten. Sie unterrichtet ihn am Telefon. Bei einem anderen dürfe sie bestimmte Tiere wie Schlangen und Spinnen nicht erwähnen. "Einige Schüler haben in ihrem jungen Leben bereits Unglaubliches erlebt. Das ist schon hart." Alle vier Wochen kommt ein Psychologe in die Schule, der die 16 Lehrer berät und ihnen in besonders schwierigen Fällen Rat gibt.
Vor allem eine Schülergruppe macht Schulleiterin Sarah Lichtenberger Sorgen. "Die Zahl der Mobbingopfer hat stark zugenommen", sagt sie. Derzeit gibt es 23 Schüler, die von Mitschülern und Lehrern so sehr schikaniert wurden, dass sie am normalen Unterricht nicht mehr teilnehmen können. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt.
Die 14-jährige Fee(*) ist eine von ihnen. Weil sie an Händen und Beinen körperlich beeinträchtigt ist, wurde sie schon in der zweiten Klasse gehänselt. "Ich habe mich wie Freiwild gefühlt. Die Lehrer haben mich zum Abschuss freigegeben." Mehr möchte sie über den Psychoterror nicht sagen. Erst kürzlich hatte sie einen Nervenzusammenbruch, die seelischen Verletzungen sind noch frisch.
(*) Name geändert
Sie verließ das Gymnasium und bekam vor einigen Monaten einen Platz an der Web-Schule. "Ich bin total froh, dass es geklappt hat", sagt sie. "Ich wache jetzt nicht mehr mit Tränen in den Augen auf." An ihrer neuen Schule gibt es keine Klassenfahrten, keinen Pausenhof und keine Mitschüler, die sie jeden Tag trifft. Macht das nicht einsam? "Überhaupt nicht. Ich habe sogar wieder mehr Kontakt zu Leuten in meinem Alter." Nachmittags betreut Fee jetzt einen Pflegehund, den sie manchmal mit einer Freundin Gassi führt – vor einem Jahr noch undenkbar.
Fees Ziel ist der Realschulabschluss in zwei Jahren. Die Prüfung muss sie in einer Kooperationsschule ablegen, denn die Web-Schule ist nicht staatlich anerkannt. Die Lehrer dürfen keine Zeugnisse ausstellen, stattdessen gibt es alle sechs Monate einen Lernstandsbericht. Noten gibt es nur in der Theorie, wenn der Schüler wissen will, wo er steht.
Bisher haben alle Schüler ihre Abschlussprüfungen bestanden. Zum Dank haben viele von ihnen Briefe und Postkarten geschickt, sie hängen im Lehrerzimmer. Auf einer ist ein Mädchen zu sehen, das den Kopf verzweifelt an eine Tafel mit Matheformeln lehnt, darunter der Schriftzug: "Scheiß drauf, ich werd Stripperin!" Die Absenderin hatte ihrem Freund einst Nacktbilder von sich geschickt – als die Fotos sich in der ganzen Schule verbreiteten, wurde das Mädchen gemobbt. Es wechselte auf die Web-Schule, schaffte den Abschluss und schickte seinen Lehrern die Karte. Auf die Rückseite schrieb das Mädchen: "Danke, dass ich keine Stripperin werden muss."
Max Brunnert / Spiegel Wissen

Wer am Onlineunterricht teilnehmen will, muss von der Schulpflicht befreit sein.

"Ich wache jetzt nicht mehr mit Tränen in den Augen auf."

FOTOS MAX BRUNNERT
Von Anja Tiedge

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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