23.08.2016

E-Pfeile im Urwald

Die brasilianischen Ashaninka jagen und fischen wie ihre Vorfahren. Doch ihre beste Waffe ist digital. Das Internet sichert ihr Überleben – und das der Umwelt.
Waldschützer
Ein surrealer Sound gellt durch die Luft, wie von einem Synthesizer: "Khuuu-iith". Im Dorf Apiwtxa hört man ihn oft, es ist der Ruf eines schwarz-gelben Vogels namens Japó. Er und der Kolibri sind den Bewohnern heilig, Boten ihres Sonnengottes Paua. "Der Kolibri ist unser Telefon", sagt Valdecir und kichert. Der Japó sei noch mächtiger. "Er verbindet uns mit allen und allem. Er ist quasi das Internet."
Bei dem Vergleich prustet der junge Mann los. Ihm ist klar, dass die Mythologie seines Volks nur schwer zu vermitteln ist. Die Ashaninka lachen viel. Selbst wenn sie Ringe um die Augen haben vor Erschöpfung, so wie Valdecir. Der 25-Jährige hat einen tagelangen Fußmarsch durch den Dschungel hinter sich. Unterwegs hatten Sturzregenfälle die Abhänge in Schlammrutschen verwandelt, jagten sich Blitz und Donner, lauerten Jaguare, Krokodile und Schlangen. Dieser Flecken Erde ist nichts für Schwache.
Auf dem Rücken des jungen Jägers baumeln ein Bogen, Pfeile und ein Gewehr. Eigentlich fürchtet er die Raubtiere nicht, im Gegenteil, er sorgt sich um ihre Zukunft. Wenn der Urwald gerodet wird, wenn in der Folge steigender Temperaturen Brände ausbrechen, wird es keine Tiere mehr geben. Indianer allerdings auch nicht mehr. "Ohne den Wald kann unser Volk nicht existieren", sagt Valdecir. "Die Rodung des Dschungels ist aber nicht nur eine Bedrohung für uns, sondern für die Menschheit." Man muss kein Experte sein wie Valdecir, der eine Ausbildung zum Indigenen Forsttechniker absolviert hat, um das zu wissen.
Valdecirs Expedition war Teil einer Strategie, dieses Unheil abzuwenden. Unter seinem Poncho trägt er die wichtigste Waffe für seine Mission: ein wasserfestes Smartphone. Bei seinem Überlebenskampf setzt das Urwaldvolk auf die Kommunikationsmittel der Moderne.
Wie ihre Vorfahren leben die Ashaninka von der Jagd auf Affen, Pakas, Wildschweine; sie fischen und bauen Maniok an. Sie wohnen in Palmenhütten auf Stelzen, ohne Wände, ohne Elektrizität, ohne Wasseranschluss. In der 800-Seelen-Gemeinschaft sind die meisten verwandt und heißen, wie Valdecir, Piyãko Ashaninka(*) mit Nachnamen. Cousin und Cousine dürfen sogar "über Kreuz" heiraten – also wenn der Vater des Bräutigams und die Mutter der Braut Geschwister sind. Sind aber die Väter von Cousin und Cousine Brüder oder die Mütter Schwestern, dann ist ihnen die Ehe untersagt. Vom Industriezeitalter kündet hier nur das Tuckern der Außenborder auf dem Fluss.
Unsichtbar, über elektromagnetische Wellen, ist das Dorf jedoch schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit der Moderne verbunden. Der Anschluss ans Internet war ein letzter Versuch, gewaltlos die drohende Vernichtung aufzuhalten. Diebe aus Peru drangen damals in das Gebiet der Ashaninka ein und fällten Mahagonibäume. Manche schmuggelten sogar Kokain durch ihr Land. Die Ashaninka zeigten die Übergriffe bei den Behörden an – ohne Erfolg. Die Verbrecher wurden immer dreister, platzten in Feste der Indianer, bedrohten die Männer, begrapschten die Frauen. Verzweifelt riefen immer mehr Ashaninka zu Selbstjustiz auf.
Valdecirs berühmter Halbbruder Benki dagegen setzte aufs Internet; heute wird der Ashaninka-Anführer für seine Verdienste um den Regenwald und dessen Völker sogar bei Wikipedia gelistet. Sein Dorf Apiwtxa, befand der damals 29-Jährige, solle sich dem "Netz der Urwaldvölker" ("Rede dos Povos da Floresta") anschließen. Dieses Netz geht auf eine Initiative aus Rio de Janeiro zurück, dem Center for Digital Inclusion. Am 20. April 2003 stellten Techniker im Dorf Solarpaneele für den Strom auf, schlossen Satellitenschüssel, Computer und Modem an. Noch am selben Tag setzte Häuptlingssohn Benki eine Brandmail nach Brasilia ab: "Wir Ashaninka ziehen in den Krieg, um die Oberhoheit über das brasilianische Staatsgebiet gegen die Invasion von holzfällenden Drogenschmugglern aus Peru zu verteidigen."
Benki erhielt umgehend Antwort; sein Volk solle auf keinen Fall zu den Waffen greifen. Der Indigene staunt heute noch über die Wirkung seines digitalen Pfeils: "Wir haben eine kleine Botschaft über das Internet verschickt, und am Ende wollte der Präsident höchstpersönlich wissen, was los war."
Es dauerte dann allerdings, bis Polizei und Armee tätig wurden. Immer wieder sandten die Ashaninka verzweifelte Mails in alle Welt, an Regenwaldaktivisten, an Fernsehjournalisten. Erst nach einem TV-Beitrag des Senders Rede Globo begannen die Behörden zu handeln. Bis zum Sommer 2005 verhafteten brasilianische Grenzschützer 65 Männer, zerstörten 22 illegale Lager und konfiszierten 6000 Kubikmeter Edelholz sowie Tierhäute und Schildkrötenpanzer.
Das Gebiet der "Terra Indígena Kampa do Rio Amônia", wie das Land der Ashaninka-Gemeinschaft offiziell heißt, liegt im Nordwestzipfel Brasiliens, im Distrikt Marechal Thaumaturgo. Wie ein Keil ragt es in peruanisches Staatsgebiet hinein. Die Grenzen hier mäanderten oft, erst seit 1904 gehört das Land zu Brasilien. Die meisten der rund 99 000 Ashaninka-Indianer Südamerikas leben in Peru. Früher bewirtschafteten sie den Urwald nomadisch. Wenn das Wild erlegt und der Boden ausgelaugt war, zogen die Familien weiter.
Jedes Jahr feiern die Ashaninka den Tag, an dem sie sesshaft wurden. Am 24. Juni 1992 bekamen sie offiziell ihr eigenes Land. Hier dürfen Nicht-Indigene nicht siedeln, nicht jagen, keine Bäume fällen. Das Land ist ihr wichtigster Sieg im Kampf gegen die jahrhundertelangen Übergriffe, gegen die tödlichen Krankheiten, die die Kolonisten einschleppten, gegen Versklavung und Ausbeutung. Die alten Völker Brasiliens stehen erst seit 1967 unter staatlichem Schutz durch die dem Justizministerium untergeordnete Fundação Nacional do Indio (Funai). Die Indio-Behörde hat sich heute auch dem Umweltschutz verschrieben. Die Indigenen spielen eine zentrale Rolle bei der Bewahrung und der Wiederaufforstung des Regenwalds. Rund 42 Milliarden Bäume sind in den letzten 40 Jahren vernichtet worden – auf einer Fläche von umgerechnet 184 Millionen Fußballfeldern.
Auf ihrem Gebiet haben die Ashaninka das einstige Farmland weißer Siedler längst wieder in Wald verwandelt, eine mühsame Arbeit des Pflanzens und Hegens, in der sie Meister sind. Sie leben heute nur an einem einzigen Ort, in Apiwtxa. Die Konzentration des Volks folgt einem Masterplan: Sie ist ein Schutz gegen Eindringlinge, dient der Organisation der Gemeinschaft und schont die Umwelt. Flora und Fauna können außerhalb des Dorfes ungestört gedeihen, teilweise herrscht völliges Jagdverbot. Es gibt Angelvorschriften zum Erhalt des Fischreichtums, Jagdhunde sind verboten, niemand darf Beute wegwerfen. Das, was die Familie eines Jägers nicht selbst verbrauchen oder in Salz konservieren kann, muss sie weiterverteilen – im Tausch gegen Handarbeiten oder Feldfrüchte.
Der Plan war weise. Seit 1992 hat sich die Gemeinschaft vervierfacht, von damals 200 auf heute etwa 800 Menschen, darunter zugewanderte Indigene. Auch wenn das Waldgebiet mit 872 Quadratkilometern fast so groß ist wie der Stadtstaat Berlin, ist es am Rande seiner Kapazität. Jeder weitere Esser bedrohe das fragile ökologische Gleichgewicht, sagen die Anführer. Sie spüren hier, wie sich das Klima ändert: Der Fluss trocknet im Sommer fast aus, der Erntekalender gilt nicht mehr, die Arbeit wird in der brutalen Hitze härter.
Deshalb suchen sie nach Einnahmequellen, um die auf Selbstversorgung beruhende Wirtschaft zu erweitern, und setzen dabei auf das Internet. Die Kooperative "Ayôpari", die handgewebte Umhänge, Perlenarmbänder und Ketten verkauft, profitiert davon, dass via Mail Bestellungen aus Rio oder São Paulo eingehen. Auf einem Hügel am Fluss zimmern Handwerker an der ersten Herberge für Ethno- und Öko-Touristen, die über eine Website vermarktet werden soll.
Auch für den Tourismus ist die Überwachung des Territoriums wichtig – die angereisten Großstädter möchten Wildnis erleben und überleben. Neben Wilderern und Holzfällern sind bewaffnete Schmuggler ein wachsendes Problem. Peru macht Kolumbien den Platz als größter Kokainhersteller der Welt streitig; Brasilien ist Absatzmarkt sowie Umschlagplatz für das Rauschmittel.
Valdecirs Expedition diente der Erprobung einer neuen Technik. Der Indigene tippt auf das Display seines Handys. Eine App leuchtet auf mit Piktogrammen illegaler Aktivitäten: ein Fischer, ein Jäger, ein Holzfäller. Das Bild von einem Drogenkurier fehlt – damit entdeckt zu werden, wäre zu riskant. Die Schmuggler schrecken nicht vor Mord zurück, wenn jemand ihr Geschäft bedroht.
Valdecir berührt den Holzfäller. Fünf neue Bilder erscheinen. Eine Hand am Ohr bedeutet: Ich habe das Geräusch von Sägen gehört. Als alternative Indizien kann der Nutzer auf gefällte Bäume, im Fluss treibende Stämme oder mit Holz beladene Boote klicken. Eine Ebene tiefer richtet sich ein Gewehr auf einen Indianer. "Falls ich bedroht worden bin", erklärt Valdecir. "Dann markiere ich das." Er wischt die Szene weg, automatisch öffnet sich die Linse des Handys für ein Beweisfoto. Klick. Danach sagt eine Männerstimme etwas auf Ashaninka. "Er fragt, ob ich alles sichern will."
Diesmal hat Valdecir nur GPS-Daten und Fotos mitgebracht. Es sind die Koordinaten von neuen Kontrollpunkten, die die Ashaninka an strategischen Punkten in ihrem Territorium aufbauen. "Wenn die Kontrollstellen ans Internet angeschlossen werden, kann man schon vor Ort die App auslesen", sagt Valdecir. Bisher können die Männer und Frauen, die die Handys mit auf ihre Streifzüge nehmen, ihre Daten erst herunterladen, wenn sie zurück im Dorf sind.
Die App wurde vom Forscherkollektiv "Extreme Citizen Science" des University College London entwickelt und ist derzeit in der Testphase. Eine brasilianische Ethnologin, die dort promoviert, hat sie nach Apiwtxa mitgebracht. Wie eine Indianerin sitzt die Mittdreißigern im Schneidersitz auf dem Fußboden der Hütte, in der sie zu Gast ist. Sie kaut auf einer Mischung aus Rinde und Kokablättern, spuckt aus und betupft die Reste im Mund mit gemahlenem Kalk. "Das ist nur eine Süßigkeit", beteuert Carol Comandulli. "Halluzinogen wirkt hier einzig und allein das Ayahuasca." Das Lianengebräu wird nachts bei religiösen Zeremonien getrunken. Dann singen die Ashaninka stundenlang und erhalten in ihren Träumen Botschaften vom Japó und vom Kolibri.
Ursprünglich, erzählt Carol, sei die App für ein Pygmäenvolk im Kongo entwickelt worden, das damit die Abholzung heiliger Bäume überwacht. Das Besondere: Auch Analphabeten können sie bedienen. Die Ethnologin hat von den Ashaninka gemalte Bilder für die Icons eingescannt. Zwar hat das Dorf eine Schule, in der mit eigenem Unterrichtsmaterial Lesen und Schreiben unterrichtet wird. Viele hier haben trotzdem Mühe mit Buchstaben. Sogar die Landessprache Portugiesisch beherrscht nicht jeder.
Die Ethnologin checkt Valdecirs Handy und nickt. Die Daten sind gut. Jetzt müssen er und die anderen Kontrolleure noch das Auslesen der App am Computer üben sowie das Anhängen der Dateien an Mails. Die Handys sind nicht mit dem WLAN-Netz verbunden. Die Anführer wollen jede E-Mail kontrollieren, bevor sie gesendet wird, auch die Nutzung des Internets steht nicht allen frei.
Apiwtxas Digitalteam besteht aus drei Männern und einer Frau, Erishi, 20. Wie die meisten ihres Alters ist sie längst Oberhaupt einer eigenen Familie. Im Internet liest Erishi nicht nur die Mails an die Gemeinschaft, sondern betreibt auch einen eigenen Facebook-Account. Öfters als einmal in der Woche geht sie aber nicht ins Computerhaus, das als einziges hier über Wände, Tische und Stühle verfügt. Elektronik ist im tropischen Klima anfällig, manchmal ist das Dorf offline, weil die Feuchtigkeit das Modem lahmgelegt hat.
Erishis Onkel Bebito findet die zurückhaltende Digitalstrategie genau richtig. Der 38-jährige Lehrer gehört selbst zum Webteam. Das Internet, sagt er, sei für sein Volk extrem wichtig. Aber, da denkt er nicht anders als besorgte deutsche Eltern, es könne auch einen schlechten Einfluss ausüben. Seine Haltung: "Nur diejenigen sollen Zugang haben, die in unserer Kultur gefestigt sind."
Heute findet kein Unterricht statt. Es ist Mittwoch, der Tag, an dem die Kinder von den Eltern lernen, mit ihnen pflanzen, angeln, weben. Vor Bebitos Hütte arbeiten drei kleine Mädchen. Mit ellenbogenlangen Messern schälen und schneiden sie Maniokwurzeln. Später werden die drei das harte weiße Fleisch verkochen, stampfen und dann die gesamte Masse einmal durchkauen. Es fermentiert dann zu "Piarentse", einem Bier, das die Ashaninka am Wochenende trinken. "So lange es Piarentse gibt, so lange tanzen wir", erklärt Bebito, "ohne Maniokbier kein Fest." Er schiebt nach: "Das brächte Unglück."
Es gibt viele VorschrifteN, die das Zusammenleben der Ashaninka regeln. In ihren monatlichen Versammlungen beraten sie darüber gemeinsam. Auch über die Frage, wie viel Moderne ihre Lebensweise verträgt. Die Motoren für ihre Kanus halten sie für notwendig, um schnell voranzukommen. Das Gewehr ist das Mittel der Wahl, wenn ein Jaguar zum Sprung ansetzt, die kunstfertig selbst fabrizierten Pfeile sind auf der Jagd aber überlegen, weil ihr leises Surren das Wild nicht warnt.
Elektrizität und Fernsehen wollen sie dagegen nicht mehr. Anfang 2000 wurde Apiwtxa ans Stromnetz angeschlossen. Auf einmal war die Nacht taghell, tauchte der Nachwuchs vor flimmernden Mattscheiben ab, hörten sich Jung und Alt nicht mehr zu. "Da haben wir den Strom lieber wieder abbestellt", erzählt Bebito.
Heute besitzen drei Familien einen Generator. Mittwochabends schaut das ganze Dorf Dokus anderer Indio-Völker, danach läuft Fußball. Bebito gehört zu den Filmemachern der indigenen Initiative "Video in den Dörfern". Sein wichtigster Film ist auf YouTube, er heißt "A gente luta, mais come fruta" – "Wir kämpfen, aber essen Früchte".
Mit seinen gut geschnittenen Gesichtszügen könnte der Ashaninka auch als Schauspieler Karriere machen. Er ist das Produkt eines in jeder Hinsicht gelungenen Experiments seines Großvaters Samuel. Der 1985 verstorbene Stammesvater empfahl seinem Volk, weiße Frauen zu heiraten. Damals hatten die Ashaninka kein eigenes Land, wussten nichts von Recht und Gesetz. Schriftkundige Ehefrauen würden, so Samuels Kalkül, die Überlebenschancen erhöhen.
Sohn Antônio folgte als Einziger dem Rat des Vaters. Francisca, Antônios weiße Frau, ist heute 69. "Dona Piti", wie alle sie respektvoll nennen, bewohnt mit ihrem Mann die größte Hütte des Dorfes, zentral am Fußballplatz, auf den Jungen wie Mädchen johlend laufen, wenn es regnet. Der Ball spritzt dann so schön. Francisca und Antônio überblicken das Treiben von ihrem luftigen Heim aus.
Die Hände des alten Häuptlings ruhen nie. Antônio knüpft Netze, bastelt Federhüte, rührt Schminke an. Viele Ashaninka bemalen ihre Gesichter mit den roten und schwarzen Farben aus Urucumsamen. Seine Frau ist ungeschminkt. Dona Piti schaukelt in der Hängematte mit einem der Urenkel. "Die Enkel haben wir nie gezählt." Sie grinst verschmitzt. "Nur unsere sieben Kinder."
Mit Piti hielt nicht nur das Portugiesische Einzug. Sie pochte auf Bildung und Kultur. Auch auf die der Ashaninka. "Früher haben sie zu jedem Fest selbst musiziert. Heute werfen sie den Generator an und werfen CDs an." Sie guckt missbilligend. Ihre Kinder, erzählt sie dann stolz, könnten alle trommeln, flöten und singen.
1967, als jung Vermählte, klärte Piti ihre neuen Verwandten als Erstes darüber auf, was deren Waren wert waren in der Welt der Weißen. "Die tauschten einen Mahagonistamm gegen einen Sack Salz!" Sie schnalzt mit der Zunge. Bei den Weißen galt Piti als Verräterin. "Ich habe mich jahrelang nicht getraut, den Stamm zu verlassen."
Alle ihre Kinder hat sie hier geboren. Die indigenen Frauen halfen ihr, sie sind berühmt für ihre selbstgebrauten Schmerzmittel. "Piripiri" nennen die Ashaninka ihre Medikamente, deren Rezepturen Geheimwissen sind, "selbst mir verraten sie sie nicht", beschwert sich Piti.
Gegen die blutigen Durchfälle, die derzeit viele im Stamm quälen, richten die Piripiri allerdings wenig aus. "Früher gab es diese Plage nicht", sagt Piti bekümmert, "ob das vom Klima kommt?" Wenn der Fluss im Sommerhalbjahr zum Rinnsal schrumpft, werden die hygienischen Verhältnisse unerträglich. Die Anführer schmieden Pläne für neue Brunnen.
Sechs von Pitis Kindern gehören zur Leitungsgruppe, sie bekleiden die wichtigsten Ämter im Stamm. Vater Antônio schaut von seine Handarbeit auf. "Wir sind immer dageblieben, auch als andere flohen", sagt der alte Häuptling, "wir haben das Volk verteidigt. Unsere Kinder leben für die Gemeinschaft."
Jeder der sechs erfüllt dabei eine eigene Aufgabe: Moisés ist der gewählte Anführer im Dorf, Francisco bestimmt die Außenpolitik, Isaac leitet die Schule, Dora die Kooperative, Bebito dreht Filme. Benki, der Extrovertierte, vertritt die Ashaninka nach außen. Er war schon in New York bei der Uno und in Paris bei Klimaberatungen. Derzeit lebt der gelernte Forsttechniker vier Stunden vom Stamm entfernt mit einer Art eigenem Volk, einem Dutzend junger weißer Leute aus der Kleinstadt Marechal Thaumaturgo – einem Ort, an dem Arbeitslosigkeit der Normalfall ist. Seit Jahren lehrt Benki seine Anhänger, verödetes Farmland in fruchtbares Waldgebiet zu verwandeln. Seine Truppe nennt sich "Junge Krieger des Waldes auf der Suche nach einer besseren Zukunft" ("Jovens guerreiros da floresta em busca de um futuro melhor").
Benki und Francisco sind die Einzigen, die dauerhaft außerhalb von Apiwtxa wohnen. "Keiner hier geht gern weg", sagt Mutter Piti, "manchen fällt es schon schwer, für Fortbildungen ein paar Monate auszuziehen." Ihre auswärtigen Söhne halten per Mail Kontakt. "Die Telefonzelle funktioniert sowieso nie", sagt Piti, "sie ist gerade wieder seit vier Monaten kaputt. Und per Funk zu reden ist zu gefährlich." Die Funkfrequenzen würden von Unbefugten abgehört, fügt sie leise hinzu. Von Feinden.
Das Internet hat hier sozusagen nahtlos die Buschtrommeln ersetzt. Eliane Fernandes Ferreira, Dozentin an der Universität Bremen, erforscht seit zehn Jahren die Folgen der digitalen Vernetzung. Die Vorstellung, dass Urvölker ihre Identität besser bewahren, wenn sie sich abschotten, hält sie für grundfalsch. "Nur Kulturen, die sich verändern, bleiben stark", sagt die Ethnologin, "ohne Wandel und Anpassung gehen sie schneller unter." Für viele Völker gelte sogar, dass das Internet ihre Identität schärfe, "etwa durch die Filme, die sie von sich auf YouTube einstellen". Die Ashaninka seien immer wieder erstaunt über die bewundernden Kommentare, die junge Leute in den Großstädten unter ihre Filme posten. Echte Indianer gelten in São Paulo als cool.
Eine Tagesreise mit dem Kanu von Apiwtxa entfernt, in Cruzeiro do Sul, der zweitgrößten Stadt des Bundesstaats Acre, unterhalten die Ashaninka in einem kleinen schattigen Haus eine Art Botschaft. Chef ist hier Pitis Ältester, Francisco, 48. Er hat lange bei der obersten Indianerbehörde in Brasília gearbeitet, offline wie online ist er gut vernetzt. Er betreibt den Blogspot Apiwtxa – und gewinnt stets neue finanzkräftige Kooperationspartner für immer neue Projekte.
Vergangenes Jahr ist Francisco ein Coup gelungen. Den Ashaninka wurden als erstem indigenen Volk Fördergelder vom brasilianischen Amazonienfonds bewilligt – umgerechnet 1,8 Millionen Euro, eine riesige Summe für die Region. Der "Fundo Amazônia" ist weltweit der erste Akteur von "Redd", kurz für "Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern". Redd ist ein hochkomplexes Uno-Klimafinanzierungsinstrument. Der Fonds erhält viel Geld aus Norwegen sowie Zuschüsse aus Deutschland und von Brasiliens Ölkonzern Petrobras. Mit der Bewilligung des Projekts "Alto Juruá" hat Franciscos Team einen bürokratischen Kraftakt gestemmt. Und nicht nur das: Die Ashaninka sind damit die ersten Indigenen Brasiliens, die in ihre weiße Umwelt investieren.
Ziel des Projektes ist es nämlich, nicht nur indigene Waldflächen zu schützen, sondern den Entwaldungsprozess in der gesamten Region aufzuhalten und sogar umzukehren. Der Distrikt umfasst zusätzlich zum Land der Ashaninka noch achtmal soviel Fläche, etwa 90 Prozent seiner Bevölkerung ist nicht-indigen. Die Indianer wollen im Grunde die Weißen ihr Know-how lehren. "Ursprünglich lebten sie ja selbst vom Wald", erzählt Francisco, "ihre Vorfahren kamen einst her, um Kautschuk zu zapfen. Gummi war in unserer Region die Haupteinkommensquelle, bis Asien Brasilien dieses Monopol abjagte." Hier, in Acre, wurde 1988 Chico Mendes ermordet, der berühmte Kautschuk-Gewerkschafter, der sich gegen die Abholzung des Urwalds durch Viehzüchter aus dem Süden einsetzte.
Viele der verarmten Nachkommen der Gummizapfer haben selbst ihr Glück als Farmer versucht. "Sie brennen Wald ab, pflanzen Gras, und am Ende reichen die Erträge nicht", sagt Francisco. "Gleichzeitig erodieren die Böden und die Flussufer dramatisch."
Die Ashaninka helfen den Weißen nicht aus Nächstenliebe. "Wenn unsere Nachbarn keine Perspektive haben", stellt Francisco nüchtern fest, "wildern sie bei uns."
Es gibt auch andere Gründe, weswegen es gut ist, wenn die Menschen eine stabile Lebensgrundlage haben in der instabilen Grenzregion, in der das schnelle Geld lockt. Vor zwei Jahren wurden vier peruanische Ashaninka-Anführer ermordet, Freunde des Piyãko-Clans. Die Killer waren "Narco-Madereiros", "Drogen-Holzdiebe". Ihre Reiseroute hatten die vier per Funk abgestimmt. Drogenkuriere hörten offenbar die Frequenz ab, lauerten den Häuptlingen auf und richteten sie hin, mitten im Dschungel. Zum Verhängnis wurde den Opfern dabei, dass sie für ein eigenes, kontrolliertes Gebiet gekämpft hatten.
Die brasilianischen Verwandten sind seitdem noch vorsichtiger. Mails oder Facebook-Nachrichten gelten als einzige sichere Kommunikationsmittel. Der bekannteste Ashaninka, Benki, hat Morddrohungen erhalten, er ist dreimal überfallen worden, zweimal auf offener Straße. Die Indianer stören die trüben Geschäfte.
An einer Ausfallstraße von Cruzeiro do Sul ist das 61. Bataillon der Infanterie des Regenwalds stationiert. Vor dem Hauptgebäude steht ein Käfig mit einem Affen, Soldaten haben dem Tier eine Hängematte spendiert. Oberstleutnant Fábio El-Amme Paranhos bittet höflich in sein Reich. Der Comandante berichtet dann überraschend offen über seine Arbeit. Seit 2011 hat seine Truppe neue Aufgaben: Sie soll, gemeinsam mit der Bundespolizei, jetzt auch die Landesgrenzen schützen und gegen Umweltkriminalität vorgehen. Die Grenze, an der El-Ammes Leute patrouillieren, verläuft mitten durch den Dschungel. "Das ist eigentlich unmöglich", sagt der Militär und lächelt ergeben. "Wir sind 680 Infanteristen für 500 Kilometer grüne Grenze." Fluggeräte zur Überwachung aus der Luft hat El-Amme nicht.
Der Militär hält den Kokainschmuggel für das größte Problem der Region. Typischerweise transportierten je sechs Mann 300 Kilo pro Trip von Peru nach Cruzeiro, "mal über die Flüsse, mal durch den Wald, wie die Ameisen". Wenn die Armee Razzien mache, "legen die sich einfach in den Busch und warten, bis wir wieder weg sind".
Die Ashaninka von Apiwtxa hat der Oberstleutnant erst vor Kurzem besucht; ihr Fluss Amônia ist einer von zwei Hauptverkehrswegen für den Drogentransport. El-Amme schwärmt von den Leistungen des kleinen Volks, nächstes Jahr will er bei ihnen Rekruten anwerben. Dann sagt er etwas Überraschendes: "Diese App aus London, die sie zur Überwachung ihres Gebiets testen, die wäre auch für uns interessant."
App-Tester Valdecir nimmt am Tag nach seiner Expedition wieder seine Tätigkeit im Stamm auf. Er arbeitet an einem ehrgeizigen Projekt. "Wir versuchen, an einem Fleck die größtmögliche Artenvielfalt anzupflanzen." Das Waldstück, angelegt auf einstigem Farmland, wirkt verwunschen. Zwischen jungen Mahagonibäumen, Zedern oder Bacabapalmen wachsen flaschengrüne Bananenstauden, rankt Vanille, blüht Safran. Ein Fruchtbaum, den die Ashaninka "Prakobinja" nennen, sieht aus wie ein monumentaler Ficus. "Wir haben vor, seine Beeren für eine neue Eissorte zu vermarkten."
Bisher schuftet Valdecir fast entgeltlos. "Wir haben Zuschüsse von Kosmetikkonzernen für die Aufforstung bekommen. Das Geld hat aber fast nur für die Arbeit des Pflanzenzählens gereicht." Der Projektpartner heißt "Pur Projet", auf seiner Website zählt der Pariser Verein neue Bäume in aller Welt. Der Count steht bei knapp vier Millionen. Ob ein Setzling überlebt, wisse man im Regenwald erst nach drei Jahren. "Manchmal fehlt Licht, manchmal fressen ihn Nager." Zum Schutz pflanzt er die leckeren Setzlinge neben weniger schmackhafte. "Hilft aber nicht immer."
"Khuuu-iith." Der Ruf des Japó tönt von oben, den Vogel sieht man nicht. Seine Größe? Valdecir wägt den Kopf. "Etwa ein halbes Kilo." Dann lacht er. "Nein, den essen wir nicht, der ist heilig." Überhaupt dürfe auf diesem Waldstück kein Tier getötet werden. Nachts kämen sie nämlich alle her, um zu schmausen, die Tapire, Pakas, Agutis. Und das finden die Ashaninka sogar gut.
"Eines Tages, wenn bei uns die Nahrungsmittel knapp werden", erzählt Valdecir fröhlich, "dann könnten wir einen riesigen Käfig über dieses Gelände bauen." Dann könnten sie hier sogar die Tiere nachzüchten.
Victor Dragonetti / Agentur Focus / Spiegel Wissen
(*)  Alle im Artikel zitierten Ashaninka
haben diese Nachnamen.
Victor Dragonetti / Agentur Focus / Spiegel Wissen
Victor Dragonetti / Agentur Focus / Spiegel Wissen
Annette Bruhns war im Urwald tagelang ohne Empfang. Irgendwann wurde ihr dort sogar die Uhr lästig: Tageslicht und Dunkelheit reichten völlig zur Einteilung der Zeit.
Dieser Artikel entstand mit dem Einverständnis und der Mitarbeit des indigenen Volks Ashaninka sowie der Fundação Nacional do Índio (Funai).
Victor Dragonetti / Agentur Focus / Spiegel Wissen

"Khuuu-iith"

Die Anführer wollen jede E-Mail kontrollieren.

"Per Funk zu reden ist zu gefährlich", sagt Piti.

Die Indigenen lehren heute Weiße ihr Know-how.

Von Annette Bruhns

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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