23.08.2016

Hallo Nachbar!

Soziale Netzwerke wie Nebenan.de und Wirnachbarn.com machen Menschen miteinander bekannt, die im selben Viertel wohnen.
Der Unternehmensberater Gottfried, 63, sucht jemanden, der mit ihm Doppelkopf spielt an jenen Abenden, an denen er mal nicht im Hotel übernachtet. Er ist beruflich oft unterwegs, mehr als 200-mal im Jahr.
Die Rentnerin Hanna, 79, sucht einen jungen Mann, der kleinere Reparaturen im Haushalt für sie erledigt, "einen Handyman", sagt sie. "Auf die Leiter zu steigen ist nicht mehr mein Ding."
Die Heilpraktikerin Nadine, 37, sucht Kunden, die sich auf Hypnosetherapie einlassen, um sich das Rauchen abzugewöhnen oder sich einen bislang unerfüllten Kinderwunsch zu erfüllen. Sie hat seit Mai eine eigene Praxis.
Gottfried, Hanna und Nadine wohnen in Eppendorf-Nord, einem Hamburger Wohnviertel, das etwa ein Dutzend Straßen umfasst, geprägt von vier- bis fünfstöckigen Jugendstilbauten und einzelnen Stadtvillen, einem kleinen Park und einem großen Teich, in dem die Alster-Schwäne alljährlich ihr Winterquartier beziehen. Es ist das Viertel, in dem auch ich wohne, ein beschauliches und doch anonymes Großstadtviertel. Gottfried, Hanna und Nadine kannte ich nicht, nicht mal vom Sehen. Warum auch?
Gute Nachbarschaft, das hielt ich bislang für ein Konzept aus jener Zeit, in der Eltern und Geschwister noch nicht permanent erreichbar waren, per Mobiltelefon oder Mail, einer Zeit, in der man noch nicht binnen zwei Stunden aus Hamburg zu Freunden in Berlin oder München reisen konnte, per ICE oder Billigflieger, einer Zeit auch, in der Menschen beruflich noch nicht so mobil waren wie heute und viel länger an ein und demselben Ort wohnen blieben. Sie mussten sich mit den Nachbarn vernetzen, die zufällig in ihrer Nähe wohnten, ob sie es wollten oder nicht. Ein Konzept von gestern.
Gottfried, Hanna und Nadine sehen das anders. Sie haben sich bei Nebenan.de angemeldet: einem sozialen Netzwerk, vergleichbar Facebook oder LinkedIn, nur dass auf Nebenan.de nicht Freunde oder Geschäftspartner miteinander verbunden sind, sondern Nachbarn. "Ich habe mich sehr über die neue Möglichkeit gefreut", sagt Gottfried, "ich habe in Hamburg gar keine Freunde." Er sei vor einigen Jahren für die Liebe hergezogen, die Liebe endete. "Unsere Freunde waren ihre Freunde."
Wer sich auf Nebenan.de für eine bestimmte Nachbarschaft anmelden möchte, muss nachweisen, dass er dort wohnt, etwa indem er sich per Post einen Zugangscode nach Hause schicken lässt. Die Postings bilden einen Stream von Beiträgen, den außerhalb der Nachbarschaft niemand mitlesen kann; alle Inhalte sind vor dem Zugriff von Suchmaschinen wie Google geschützt.
Im Netzwerk meines Viertels Eppendorf-Nord sind außer Gottfried, Hanna und Nadine etwa 90 weitere Nachbarn eingetragen. Werdende Eltern, die eine "zuverlässige und kompetente" Putzhilfe suchen. Ein berufstätiges Paar, beide selbstständig, das Ausschau hält nach kinderfreundlichen Nachbarn – für den Katastrophenfall, wenn die engagierte Nanny mal krank ist, "und das auch noch sehr kurzfristig". Ein Nachbar, der ein altes Babybett zu verschenken hat, ein anderer, der gebrauchte Kinderklamotten der Größen 86 bis 92 anbietet.
Im Bootshaus des Viertels, so lerne ich, liegt ein Kanu, das mitnutzen kann, wer sich an den Liegeplatzgebühren beteiligt. Ein Kaschmirpullover wurde gefunden, auch ein "wuchtiger Herrenring". Im Kulturhaus Eppendorf spielt ein Nachbar Theater, "Kunst" von Yasmina Reza, und ein anderer macht darauf aufmerksam, dass auf Arte ein Filmdrama laufe, für das einige Szenen im benachbarten Park gedreht worden seien. Je mehr ich lese, desto mehr entfaltet sich ein Sozialporträt meines Viertels. Es ist wie Lokalzeitung lesen.
Hinter Nebenan.de steht ein Start-up aus Berlin. Die erste Nachbarschaft ging im August 2015 online, inzwischen ist das Netzwerk einer der Gewinner des Wettbewerbs "Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen", initiiert von Bundesregierung und Bundesverband der Deutschen Industrie. Das liegt sicher auch daran, dass Nebenan.de von der Erfahrung des Mitgründers Christian Vollmann profitiert, der jahrelang für Rocket Internet gearbeitet hat, das börsennotierte Internetunternehmen der Samwer-Brüder, bekannt dafür, Geschäftsmodelle ausländischer Firmen zu kopieren und die Klone später zu verkaufen. Vollmann baute das Datingportal eDarling und den YouTube-Klon MyVideo auf, zu Nebenan.de inspirierte ihn das US-Unternehmen Nextdoor.
Zurzeit wird Nebenan.de von sogenannten Business Angels und Investoren finanziert, eigene Einnahmen generiert die Seite noch nicht. "In der fernen Zukunft", so heißt es, sei daran gedacht, Werbeflächen für lokale Geschäfte und Dienstleister anzubieten. Die moderne Variante der Hauswurfsendung im Briefkasten.
Zu Vollmanns Mitgründern zählen zwei Personen mit Erfahrungen in Non-Profit-Organisationen: Till Behnke, der das Spendenportal Betterplace aufgebaut hat, sowie Ina Brunk, Mitgründerin des Vereins jungehelden, der für Organspenden wirbt. Was passiert, wenn Nextdoor, das inzwischen auch in den Niederlanden präsent ist, nach Deutschland expandiert? "Das ist ein mögliches Szenario", sagt Brunk, "aber ich schließe aus, dass wir Nebenan.de dann an Nextdoor verkaufen. Wir wollen unser Geschäft nachhaltig aufziehen, wir wollen zwar Geld verdienen, aber unser Ziel ist nicht Profitmaximierung. Wir sind ein Sozialunternehmen."
Einen sozialen Mehrwert sieht Brunk zum Beispiel darin, dass ältere Menschen länger in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, wenn die Nachbarschaft intakt ist, Stichwort demografischer Wandel. Oder darin, dass Geräte wie Bohrmaschinen oder Rasenmäher effizient und damit nachhaltig eingesetzt werden, Stichwort Sharing Economy. Sollte gute Nachbarschaft etwa doch ein Konzept von heute sein?
Die allermeisten der bisherigen Nutzer leben in Großstädten, sind im Schnitt knapp 40 Jahre alt und eher weiblich als männlich. Ähnlich sieht die Statistik bei der Konkurrenzplattform Wirnachbarn.com aus, die 2014 gegründet wurde. Das Nachbarschaftsnetzwerk sei "kein Phänomen der Digital Natives, sondern spricht Menschen in der Mitte des Lebens an", sagt Kristian Koch, Geschäftsführer und Mitgesellschafter von Wirnachbarn.com. Weibliche Nutzer seien aktiver, "da sie oft stärker im direkten sozialen Umfeld engagiert sind".
Koch denkt an junge Mütter oder Rentnerinnen, vielleicht sollte er auch an all die Landflüchtlinge denken, die dem Großstadttrend der vergangenen Jahre gefolgt sind. So wie meine Nachbarin Vera, 30, die auf einem Bauernhof im Schwarzwald aufgewachsen ist und nun in Hamburg als Journalistin arbeitet. "Auf dem Dorf grüßt man sich", sagt sie sehnsüchtig. "Ich fände es schön, wenn das hier auch so wäre, wenn ich wüsste, wo ich klingeln kann, um mir mal Salz auszuleihen. Oder wenn ich jemanden hätte, der die Blumen gießt, wenn ich im Urlaub bin." Sie hat sich bei Nebenan.de angemeldet.
Damit sich die Sehnsüchte, die Vera mit der Plattform verbindet, auch erfüllen, hat Mitgründerin Brunk einen Tipp: "Treffen Sie sich. Nebenan.de ist ein Onlinenetzwerk, aber letztlich lebt eine Nachbarschaft auch von dem, was offline passiert."
Vera hat sich vorgenommen, bald mal zu einer Kneipenrunde einzuladen. Ich habe mir vorgenommen, vorbeizuschauen und mit ihr anzustoßen. Auf gute Nachbarschaft.
stadtleben
Tobias Becker wünscht sich für sein Viertel eine analoge Eckkneipe statt ein digitales Nachbarschaftsnetzwerk.

"Je mehr ich lese, desto mehr entfaltet sich ein Sozialporträt meines Viertels."

Von Tobias Becker

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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