23.08.2016

„Spiel ,Pearl Jam'!“

Amazons Alexa ist eine stimmgesteuerte persönliche Assistentin. Wir haben sie auf Probe beschäftigt.
"Ich bin froh, diesen kleinen Spion aus dem Haus zu haben", sagt meine Freundin und lacht, als sie mir den schwarzen Zylinder übergibt. Sie hat sich "Amazon Echo" vor einigen Monaten aus Neugier besorgt und schimpft seitdem über "Alexa", wie dessen Software heißt. Klar: Neue Gadgets der ersten Generation machen ihre Benutzer oft zu Versuchskaninchen. Daher leihe ich mir Echo zum Selbsttest, bevor ich 180 Dollar investiere.
Beim Set-up begrüßt Alexa mich mit der ersten Fehlermeldung: "Ich kann mich nicht mit deinem WLAN verbinden." Ohne WLAN funktioniert die persönliche Assistentin nicht, die in dem etwa 25 Zentimeter hohen Lautsprecher lebt. Über das Alexa-Portal im Web erfahre ich, wie ich das Smart-Home-Gerät mit dem Internet verbinde, was mir binnen Minuten gelingt. Der nächste Schritt: die dazugehörige Mobile-App installieren. Alexa kann mich auf Basis meines Amazon-Profils zuordnen.
Meinen ersten Befehl meistert Alexa mit Bravour. "Alexa, spiel Pearl Jam!", bitte ich und höre wenige Sekunden später mein Lieblingslied – als könnte meine neue Assistentin meine Gedanken lesen. Mit meinem zweiten Kommando will ich meinen Arbeitstag starten: "Lies mir die Tech-Nachrichten vor." Freundlich weist mich Alexa auf die Funktion "Flash Briefing" hin, bei der ein Kurznachrichtenüberblick vorgelesen wird. In der App lässt mich Amazons Servicedame auswählen, an welchen Medien und Themen ich interessiert bin. Dann spielt Alexa die Nachrichten des US-Radiosenders National Public Radio ab. Auf News aus der Tech-Welt warte ich vergebens. Immerhin: Die Software hat meine Intention erkannt.
Neben den Interessen kann man bei Echo viele weitere individuelle Einstellungen vornehmen. Gebe ich meinen Standort ein, liest Alexa den passenden Wetterbericht vor. Würde ich den Zugriff auf mein Google-Konto gewähren, würde sie mich auf die nächsten Termine in meinem Kalender aufmerksam machen. So nahe stehe ich meiner Assistentin allerdings noch nicht. Dafür verbinde ich mein Spotify-Profil, um nicht nur auf Amazons beschränkte Prime-Music-Datenbank vertrauen zu müssen. Wir missverstehen uns mehrmals bei der Auswahl der Songs. Die Kommunikationsschwäche gleicht Echo mit sauberer Klangqualität aus.
Noch an ihrem ersten Arbeitstag lügt Alexa mich an. Gramm ließen sich nicht in amerikanische Cups konvertieren, behauptet sie fest. Google kennt zum Glück die Antwort und rettet mein Mittagessen.
Meine Nachbarn müssen glauben, dass ich eine neue Mitbewohnerin habe, so oft fällt der Name Alexa bei mir – in unterschiedlichsten Stimmlagen, von liebevoll bis stark genervt. Das Wort ist das Signal zum Aktivieren der Software. Die schwarze Box kapiert in der Regel meine englischsprachigen Kommandos. Sie weiß allerdings oft nicht, wie sie diese verarbeiten soll. Nach dem fünften Mal frustriert das stets gleich freundliche "Hmmm, darauf habe ich keine Antwort". Wann die Beatles sich getrennt haben, weiß Alexa dagegen sofort. Als ich sie bitte, mir den SPIEGEL vorzulesen, höre ich plötzlich Stephen Kings "It" aus Amazons Audiobuchsparte Audible. Hmmh.
Die Begeisterung über die virtuelle Assistentin, die endlich meine Wünsche versteht, verfliegt bald. Der Funktionsumfang ist noch nicht überzeugend. Wecker, Wetter- und Terminabfrage kann ich auch mit dem Smartphone erledigen, eine Bestellliste für Amazon lässt sich am Bildschirm bequemer erstellen. Die Stärke von Echo liegt in der Vernetzung mit anderen Geräten. So könnte das smarte Haustürschloss "August" mit der virtuellen Assistentin gesteuert werden. Entwickler können außerdem "Skills" – besondere Fähigkeiten für Alexa – programmieren. Der Fahrdienst Uber bietet zum Beispiel einen solchen Skill, um das Bestellen eines Chauffeurs zu erleichtern. Dennoch mangelt es derzeit an ausgeklügelten Zusatzfunktionen: Echo steckt noch in den Kinderschuhen. Alexa lernt mehr von ihren ersten Nutzern als ihre Nutzer von ihr.
In gewisser Weise hat die rechtmäßige Besitzerin der schwarzen Dose recht: Amazon Echo ist eine Spyware im Wohnzimmer, eine Software, die uns und unsere Wünsche ausspäht. Und es werden noch einige folgen, denn Google und Apple arbeiten an ähnlichen Technologien.
Bis diese Systeme ausgereift sind, werden noch viele Smart-Home-Fans mit ihrer Mitbewohnerin Alexa streiten. Man kann sie übrigens auch anbrüllen – sie bleibt selbst dann gelassen.
Elisabeth Oberndorfer genießt als ehemalige Silicon-Valley-Korrespondentin den Innovationsgeist und unternehmerischen Spirit in San Francisco – und die Lebensqualität und Gemütlichkeit in Wien.
Von Elisabeth Oberndorfer

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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