23.08.2016

„Ignorieren, blocken“

Die Bloggerin Eve Massacre über Hasskommentare, die gefährliche Intransparenz von Facebook und über Feminismus
SPIEGEL: Eve Massacre, wie lange bloggen Sie schon, und mit welchen Erwartungen haben Sie damals angefangen?
Massacre: Ich blogge seit Mitte der Nullerjahre und nutze den Blog als meine Schnittstelle im Netz: Onlinetagebuch, lautes Denken, meine Musik, Links zu anderen Blogs. Passion, Information, Diskussion. Mit losen Gedankenenden, die jemand anders aufnehmen kann.
SPIEGEL: Welche Bedeutung hat das Bloggen heute für Sie?
Massacre: Bloggen ist für mich immer noch die beste Art, meine Gedanken zu fokussieren und mit anderen zu teilen. Leider hat sich vieles, vor allem die dezentrale Vernetzung, zu Facebook verlagert.
SPIEGEL: Wie hat sich Ihr Leben durch Ihre Präsenz im Netz verändert?
Massacre: Sie hat meinen Horizont und sogar meine Identität erweitert. Sich mit Fremden aufgrund ähnlicher Interessen oder ähnlichen Humors lose zu vernetzen, den Blick auf die Welt in Form von Fotos oder getippter Gedanken schnell teilen zu können, Freundschaften zu pflegen, der "granulare", differenzierte Blick auf die Gesellschaft – das hat eine ganz neue Art zu denken mit sich gebracht. Ich fühle mich nicht mehr auf den geografischen Ort und das Umfeld beschränkt, an und in dem ich lebe.
SPIEGEL: Viele Menschen unterscheiden zwischen ihrem "echten" Leben einerseits und ihren Onlineaktivitäten andererseits. Halten Sie das für sinnvoll?
Massacre: Ich halte das für ein grundlegend falsches Verständnis, das bis heute für viele Probleme sorgt. Online und offline sind in Wirklichkeit zutiefst ineinander verwoben, bis in unser Denken hinein. Das jahrzehntelange Reden vom Cyberspace hat aber in vielen Köpfen ein Bild vom Internet als virtuellem Raum gefestigt, an dem man sich der Realität angeblich entziehen kann. Von dieser Vorstellung profitieren heute noch die meisten großen Digitalplattformen, von Facebook bis Uber, die sich so an geltendem Arbeitsrecht oder am Konsens dessen, was sagbar ist, vorbeimogeln.
SPIEGEL: Plattformen wie Facebook und Twitter wurden mal bejubelt als Foren, in denen alle in gleichem Maße Gehör finden können. Wo sehen Sie die Chancen, wo die Risiken?
Massacre: Die positiven und negativen Möglichkeiten liegen oft in denselben Mechanismen: Facebook bietet großartige Möglichkeiten, sich in privaten Gruppen zu organisieren. Das kann für schnelle, unbürokratische Flüchtlingshilfe genauso nützlich sein wie für den Hassmob, der sich vor einem Flüchtlingsheim verabredet. Facebook bietet Medien einerseits die Möglichkeit, Journalismus gezielter an die Menschen zu bringen, gräbt denselben Medien aber gleichzeitig die Existenzgrundlage ab. Twitter-Hashtags ermöglichen die Sichtbarmachung eines Randgruppenproblems, aber sie machen es auch Rassisten und Sexisten leichter, ihre Opfer zu finden.
SPIEGEL: Facebook versteht sich eben als neutral.
Massacre: Und genau das ist Facebook nicht! Eine Plattform wie Facebook strukturiert unsere Art zu kommunizieren und zu denken. Der amerikanische Soziologe Nathan Jurgenson hat dafür, wie Technologien uns prägen, ein schönes Beispiel: Eine Fotografin sieht auch dann, wenn sie keine Kamera dabei hat, in ihrer Umgebung mögliche Bildausschnitte und hat einen geschärften Blick für Lichteinfall. Alle Technologien, die wir stark nutzen, prägen uns. Facebook fördert durch seine spielerischen "Likes" und dadurch, dass es emotionalisierende Postings mit mehr Sichtbarkeit in Timelines belohnt, eine bestimmte Art von Kommunikation. Dazu kommt eine nach intransparenten Gesichtspunkten gefilterte Timeline. Wir müssen dringend darüber diskutieren, ob wir uns diese Intransparenz gefallen lassen – zumal Facebook eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Facebook ist inzwischen gesellschaftlich so relevant, dass es viele sich sogar beruflich nicht mehr erlauben können, dort nicht präsent zu sein.
SPIEGEL: Durch das Internet fallen zunehmend die klassischen "Gatekeeper" weg, also vor allem Chefredakteure oder Herausgeber, die traditionell den Zugang zu Informationen und Meinungen reguliert haben ...
Massacre: ... das ist kein Entweder-oder. Das Schrumpfen der Macht klassischer Herausgeber ist gut, da es eine größere Vielfalt an Stimmen gefördert hat. Ohne Blogs und Social Media hätten wir in den herkömmlichen Medien noch nicht mal das – immer noch magere – Niveau an Diversität, das wir heute haben. Dank der neuen Medien ist heute die Pluralität unserer Gesellschaft viel sichtbarer. Deren Sichtbarkeit erschüttert aber gleichzeitig die konservativ-enge, sicher scheinende Weltsicht vieler Menschen. Hier wird zum Problem, dass Facebook – als die prägende soziale Plattform hierzulande – keine konsensformende Diskussionskultur begünstigt, sondern eher zur Fragmentierung beiträgt. Es wird oft verkannt, dass wir in Facebook einen größeren Gatekeeper denn je haben – und zwar mitnichten einen neutralen. Ein Beispiel: Was in der Timeline zu sehen ist, wird nicht nur unter Interessensgesichtspunkten gefiltert. Wer Geld hat, kann dafür zahlen, dass Postings in der Timeline anderer zu sehen sind.
SPIEGEL: Das Internet ist also kein freier Raum, in dem sich alle frei äußern können.
Massacre: Es ist nicht mal ein Raum. Es ist eine Technologie, in die alle Vorurteile und Weltbilder derjenigen, die sie bauen, miteinfließen. Da so gut wie alle Plattformen im Internet von Protagonisten mächtiger Gruppen in unserer Gesellschaft geschaffen wurden, haben diejenigen, die nicht dazugehören, unter deren Versäumnissen zu leiden. Versäumt wurde beispielsweise, gute Möglichkeiten zu schaffen, sich gegen Hasskommentare zu wehren. Wo immer möglichst große Reichweite und Werbefinanzierung zum Businessmodell gehört, gibt es keine gute Regulierung von Hasskommentaren. Weder Facebook oder Twitter noch die Kommentarsektionen von Newsportalen wollen in die Moderation von Kommentaren viel investieren. Warum? Weil sie von der Masse der Zugriffe profitieren. Hohe Klickraten führen zu hohen Werbeeinnahmen.
SPIEGEL: Verlockt die Anonymität des Internets zu einer Enthemmung in Sachen Frauenhass oder Rassismus?
Massacre: Nicht die Anonymität. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass gerade die, die sich besonders stark mit ihrer Haltung identifizieren, Hasskommentare unter ihrem echten Namen posten. Umgekehrt ermöglicht die Verwendung von Fake-Namen es auch Menschen, sich öffentlich zu äußern, die sonst Angst haben müssten, weil sie sexistische oder rassistische Übergriffe fürchten. Mich erinnert die Anonymitätsdiskussion immer etwas an den Innenministerspruch: "Wer nichts zu verbergen hat, braucht Überwachung nicht zu fürchten." Jeder Mensch hat etwas zu befürchten, und je weiter ich vom Mainstream entfernt bin, "anders" bin, desto angreifbarer bin ich. Nicht umsonst sind es Netzwerke ohne Realnamenpflicht wie Twitter und Tumblr, auf denen Randgruppen sich lange Zeit am stärksten vernetzt haben.
SPIEGEL: Aber Shitstorms sind doch ein Phänomen des Digitalzeitalters.
Massacre: Eine Wurzel des enthemmten Hasses im Netz sehe ich in genau dieser absurden Vorstellung, von der wir schon sprachen: Alles, was online gepostet wird, sei nur "virtuell". Das rächt sich nun bitter. Es besteht eine Kluft zwischen dem, was man öffentlich sagen darf, und dem, was man online öffentlich schreiben darf. Meinungsfreiheit wird pervertiert als Recht auf Hetze gegen Schwächere. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Diskriminierung im Alltag. Sie wird nur anders wahrgenommen: Die Hasskommentare im Netz kommen uns so geballt vor, weil sie dort, etwa unter einem Hashtag, sammelbar sind. Verbale Hasskommentare in unserem Alltag erleben wir dagegen fragmentiert in Tausende kleine Einzelerfahrungen, die keine Öffentlichkeit finden.
SPIEGEL: Frauen im Netz wird oft geraten, die sie beleidigenden oder bedrohenden Trolle nicht zu "füttern" – halten Sie das für die richtige Strategie?
Massacre: Ja, schon allein, weil du niemandem die Zeit und Mühe schuldest. Ignorieren, blocken, keine Zeit schenken. Das ist die Taktik, mit der ich am besten fahre. Das heißt wohlgemerkt nicht, sich gar nicht auf Diskussionen mit Andersdenkenden einzulassen. Aber mit der Zeit entwickelst du ein Feingefühl dafür, wo die Diskussion lohnt und wo nur die immergleichen Strategien angewandt werden, um dich fertigzumachen.
SPIEGEL: Das Silicon Valley wird dafür kritisiert, dass die Unternehmen vorzugsweise junge, weiße Männer beschäftigen. Warum drängen Frauen nicht viel stärker in diese Zukunftsbereiche?
Massacre: Weil diese Bereiche genau wegen dieser Voraussetzungen oft nicht sehr einladend sind und Frauen dank struktureller Sexismen oft doppelt so hart kämpfen müssen, um sich durchzusetzen. Dazu kommt, wie in jedem männlich dominierten Bereich: Je weniger Vorbilder es gibt, desto weniger Frauen kommen überhaupt darauf, diesen Weg einzuschlagen.
SPIEGEL: Was ist für Sie persönlich der größte Fortschritt, den die Digitalisierung unserer Welt bewirkt hat?
Massacre: Die Erweiterung unserer Kommunikationsmöglichkeiten auf so viele Ebenen und die Dezentralisierung unseres Wissens. Dass viel mehr Menschen dank digitaler Möglichkeiten voneinander wissen und sich austauschen. Dieses großartige Hin und Her zwischen eigener Identitätssuche und der unendlichen Neugier von Menschen aufeinander!
JON ENOCH / INTERTOPICS
Florian Generotzky / Spiegel Wissen

"Großartiges Hin und Her zwischen eigener Identitätssuche und Neugier aufeinander."

Von Susanne Weingarten

SPIEGEL WISSEN 4/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL WISSEN 4/2016
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL WISSEN lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: Der Feind im meinem Körper
  • Wir drehen eine Runde - Kia Stonic: Koreanische Kakophonie
  • Webvideos: Achtung, Gletscher kalbt!
  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"