23.08.2016

„WhatsApp nimmt uns Liebe“

Kristian Dittmann, Meeresbiologe und Soziologe, nutzt keine Apps, hat keinen Facebook-Account und kein Smartphone. Er sieht sich als Pionier.
Manchmal würde Kristian Dittmann sich am liebsten hinstellen und den Menschen zurufen: Alle mal Kopf hoch! Das Glück ist hier, die Liebe, all das, was das Leben lebenswert macht. Lasst es uns bloß nicht verpassen, während wir auf Bildschirme starren und googeln, chatten, posten!
"Analog ist das neue Bio", heißt ein Buch aus der Hipsterszene von Berlin-Mitte, das 2015 erschien. Der schlaksige Schleswig-Holsteiner aber braucht kein Buch und erst recht keinen Trend, denn Dittmann meint es ernst mit dem analogen Leben. Er besitzt kein Smartphone, kein Tablet, kein Navigationsgerät und keinen Account bei Facebook, Twitter oder WhatsApp. Der 46-Jährige hält das nicht für retro, sondern für Avantgarde.
Auch für den Wind befragt der Lulatsch mit den wachen, vergnügten Augen keine App. Der Blick zu den Fahnen nebenan im Jachthafen von Arnis an der Schlei genügt ihm: deutlich zu nördlich, um Seegras anzutreiben. Seegras ist nämlich Dittmanns "grünes Gold".
Der Mann hat eine Pionierseele. Schon die Kombination seiner Studienfächer war ungewöhnlich: Soziologie und Meeresbiologie. Gearbeitet hat er auf Forschungsschiffen, dann als Segeljournalist. Seit drei Jahren versucht Dittmann, eine natürliche Ressource zu gewinnen, die seit Langem niemand mehr nutzt. Seegras ist ein nachwachsender Rohstoff, er galt bis in die Sechzigerjahre als "Stopfwolle der Küste". Dann verdrängten Industrieschäume und Import-Kokos den Füllstoff. Mit seinem Ein-Mann-Betrieb "Strandmanufaktur" vertreibt Dittmann atmungsaktive Polster, Allergikerkissen und seegrasgefüllte Kuscheltiere. Außerdem beliefert er Gärten mit natürlichem Dünger: Seegras, vermischt mit Algen.
Es ist ein einfaches Leben, das er führt, er lebt, sozusagen, von der Hand in den Mund. Aber es ist selbstbestimmt, und er arbeitet viel mit den Händen. Manuell, sagt Dittmann, mache glücklicher als maschinell und viel glücklicher als digital.
Dabei benutzt er selbst beides – Maschinen und das Internet. Die Kreissäge für seine Holzarbeiten, den Vier-Takt-Außenborder für sein Erntefloß. Und er besitzt einen Laptop. Auf dem betreibt er einen Onlineshop mit den Produkten seiner Manufaktur. Außerdem verfolgt er auf SPIEGEL ONLINE das Weltgeschehen, konsultiert Wikipedia, verschickt Mails an Freunde, Kunden, die Schwester in Hannover.
Analog heißt also nicht abschalten. Für Dittmann ist dies die Antwort auf die Herausforderung Internet: sich dessen Angeboten so weit zu bedienen, wie es sinnvoll ist, und sich zu verweigern, wenn die innere Freiheit in Gefahr gerät. "Das Internet ist eine wunderbare Chance für jeden von uns, sich immer wieder zu fragen: Wie viel möchte ich von meinem eigenen Leben leben?", sagt er, und seine Lachfalten vertiefen sich.
Dann wird Dittmann ernst. Denkt nach, ringt mit den Worten, fängt einen Satz an, streicht ihn, setzt neu an, zu einer Frage: "Warum gelingt es mir nicht mehr, mit den Menschen, die mir lieb sind, länger als eine halbe Stunde zu telefonieren?" Aus seiner tiefen, warmen Stimme klingt Bedauern. "Selbst mit besten Freunden komme ich oft nicht über den Modus des Infoaustauschs hinaus. Ihre Tagestaktung ist einfach zu schnell für ein langes Gespräch. Wer verbringt noch einen ganzen Nachmittag mit derselben Tätigkeit? Alle müssen doch immer noch schnell dies und schnell das machen."
Dittmann telefoniert mit einem Handy, das noch nicht smart ist, ein Nokia-Knochen von 2001. Festnetz hat er nicht, er zieht oft um, seitdem die Mutter seines Sohnes und er sich getrennt haben. Momme ist vier, seine Halbschwestern gehen schon zur Schule. Der Existenzgründer kümmert sich viel um die drei, kocht für sie regelmäßig Mittagessen. Seit Kurzem nimmt er sie zum Müllsammeln mit. Mit einem Freund hat er dafür einen maroden Schleikahn aufgemöbelt. Sie segeln mit ihm bis an die Ufer der Förde, wo sich Tüten, PET-Flaschen und Styropor im Schilf ansammeln. "Die Kinder führen ein Leben, von dem Eltern in der Stadt nur träumen können", sagt er stolz.
Es sind Kinder, die den Vater nie durch das "Ping" einer App abgelenkt erleben. In den Neunzigern hat Dittmann den Streit um Multitasking noch für eine Gaga-Debatte gehalten. "Frauen können nicht einparken, Männer nicht zuhören, und welches Geschlecht kann besser Multitasking? Diese Sau wurde ausgiebig durchs Dorf getrieben." Er bläst Rauch aus der Selbstgedrehten in die salzige Luft. "Jetzt, da der ständige Griff zum Handy die Norm geworden ist, scheinen die Multitasker gewonnen zu haben. Ich habe eine gute Freundin, die stolz darauf ist, dass sie sich mit mir unterhalten und gleichzeitig chatten kann. "Red weiter", sagt sie, während sie tippt. Aber ich kann nicht, wenn ich spüre, dass sie nicht ganz bei mir ist."
Wichtiger als tausend Follower auf Facebook seien ihm vier wirklich nahe Menschen, mit denen er reden, lachen, heulen kann. Diese Nähe sei mehr wert als das permanente Kontakthalten mit zwei Dutzend Bekannten auf WhatsApp, mit kurzen, effizienten, aber letztlich unverbindlichen Mitteilungen. "WhatsApp nimmt uns Liebe."
Er sei einfach zu langsam für das große Rennen, "so sieht's aus", sagt er, "wenn man das erst mal kapiert hat, kann man die Meute ziehen lassen, die Ärmel hochkrempeln und arbeiten und leben". Den Anschluss ans Tempo der Moderne habe er schon 1989 verloren, als er den Fernseher abschaffte. Ins Digitale sei er nie wirklich eingestiegen, "ich mochte nie auf Bildschirme starren, schon als Jugendlicher nicht. Mich ließ es kalt, als sich meine Freunde auf die ersten Commodore stürzten".
Den Einzug des Digitalen hält Dittmann für die zweite industrielle Revolution. Sein Urgroßvater habe aufgeschrieben, wie er vor Schreck in einen Graben sprang, als zum ersten Mal auf einem Feldweg in Nordfriesland ein lautes Ungetüm auf ihn zugerast sei, Staub aufwirbelnd – das erste Auto seines Lebens. Die Indianer hätten es intuitiv richtig gemacht, findet Dittmann: Sie hätten die Eisenbahn, die die Weißen gebaut hatten, zwar benutzt, sich dann aber am Zielbahnhof so lange hingesetzt, bis ihre Seelen nachgekommen seien. "Die Weißen haben sich bepisst vor Lachen, ohne zu kapieren, worum es ging."
Die berühmten Distopien von Aldous Huxley und George Orwell würden sich inzwischen alle beide als hellseherisch erweisen, "1984" und "Schöne Neue Welt". "Heute überwachen uns Behörden wie die NSA – nur tragen wir nicht Trainingsanzüge und leben in grauen Baracken wie die Menschen in Orwells Vision. Wir leben in einer schönen Welt, fröhlich gemainstreamed, fast wie Huxleys Klone, gefangen in der Totalbespaßung." Er zieht tief an der dritten Zigarette. "Wenn ich um mich herum dann wirklich lauter fröhliche, zugewandte Menschen sehen würde, wäre ja alles gut."
Aber solche Menschen sehe er eben eher selten. Stattdessen sieht Dittmann immer wieder, was er "dünne Suppe" nennt. "Ich empfinde sogar einige der Menschen, die ich lange kenne und ob ihres Tiefgangs und ihres Herzens schätze, wie zu dünne Suppe. Das Internet ist das Wasser, was in unseren Bottich gekippt wird, das uns immer weiter verdünnt." Er selbst spüre dagegen, wie er sich verdichte, weil er sich "nicht veräußere", nicht so viele Bilder und Filme von außen bekomme. "Mit 80 bin ich dann vielleicht Suppenextrakt", sagt er und lacht. "Ein oller Brühwürfel."
Sein Kapital sind seine Ideen und Gedanken. Um sie zu entwickeln, brauche er mediale Enthaltsamkeit. Einen ganzen Winter lang habe er einfach dagesessen und nachgedacht, bevor ihm die Konstruktion für sein Seegras-Erntefloß klar gewesen sei. Das Material für das Unikat hat dann nur 3000 Euro gekostet, ein zehn Meter mal vier Meter großer Schwimmkran mit zwei Schlafpritschen. Zusammengebaut hat er ihn allein, jetzt ringt er mit der Frage, ob er ihn "Plastiki" nennen soll, wegen der recycelten Plastiktonnen, die ihm Auftrieb geben, oder "Katamafloß", weil er eine Zwei-Rumpf-Konstruktion ist.
Der Selfmademan ist schon monatelang einhand gesegelt, ohne Motor, ohne Handy, ohne Funkgerät, bis nach Helsinki im Norden, zu den Kanaren im Süden. "Seitdem weiß ich erst, wer ich bin", sagt er. "Ich habe mich quasi in die Welt der Wikinger gekickt, war Wind und Wetter komplett ausgeliefert. Abends, wenn der Wind einschlief, zogen alle anderen Segler unter Motor an mir vorbei in die Häfen. Ich blieb allein zurück. Mitten in der skandinavischen Sommernacht, hell, leuchtend, Himmel und Wasser unendlich weit. Auf einmal war das da, was alle suchen, womit jeder Reiseprospekt wirbt: Freiheit, Sterne, tiefer Frieden."
An seinen Händen hat der Norddeutsche Schwielen. Arbeit ist für ihn Leben. "Letztes Jahr zum Beispiel, im Herbst, es war noch nicht kalt, aber windig. Am Strand lag eine dicke Schicht grünes Seegras. Da war dieses Geräusch, beim Hineinwerfen in die Schubkarre. Wosch, es tropft etwas ab, und gleichzeitig wffffff. Das Seegras macht einen unmelodiösen, stumpfen Sound, wie Heu. Ansonsten Möwengeschrei, tuckernde Fischkutter, Touristen, die neugierig fragen: Was machst du da?"
Er lächelt in der Erinnerung. "Wenn du so arbeiten kannst, verändert sich der Begriff Glück, weg von Sonnenuntergang, Felsen, Mädchen im Arm, hin zu Normalität. Ernte, das heißt: dicker Pulli, Wathose, Handschuhe, Lunchpaket, Thermoskanne. Weite Wege mit vollgepackter Schubkarre. Das ist ein Workout, auch wegen des Balancehaltens. Es nieselt, es riecht nach Muscheln, nach Tang. Und ich bin im Glück." Dittmann strahlt jetzt. "Wie wunderschön muss das Leben gewesen sein vor 200 Jahren, vor den Dampfmaschinen."
Sicher, das sähe nicht jeder so wie er. "Ich finde nicht viele Mitstreiter für meine Art zu sein. Aus meiner Perspektive erstaunlich, weil meine Art zu sein glücklich macht."
Wenn alte Menschen sich in Tablets und Handys vergraben, bedrückt Kristian Dittmann das besonders. Er sieht Rentner, die ihre Tage damit verbringen, als Kleinaktionäre online ihr hart erarbeitetes Vermögen zu vermehren oder zu verlieren. Am liebsten würde er ihnen die Geräte wegnehmen und fragen: "Denk nach, wann warst du zuletzt glücklich, was hat dich glücklich gemacht?" Oder dieser Landwirt, den er kennt, der mitten im Gespräch googeln würde, "Paderborn, warte mal, aha, 145 000 Einwohner". Dittmann schüttelt seine Mähne. "Der liest mir viermal am Tag das Wetter vor, findet er ultracool."
Hoffnung macht ihm die Jugend. "Meine Neffen und Nichten, die brauchen ihr Internet für das Studium, und das war's, die chatten und daddeln schon viel weniger als Leute in meinem Alter." Für die Jungen sei das Internet so normal, dass sie es auch links liegen lassen können.
"Wir haben jetzt das Genom des Menschen entziffert und machen uns daran, es nachzubauen. Die spannende Frage ist: Sind wir wie Plagiatoren, die einen BMW kaufen, auseinanderbauen und dann schon am Zusammenbau scheitern? Sind wir Stümper? Oder rücken wir ans Göttliche heran, können wir wirklich Gott spielen?" Dittmann gruseln beide Vorstellungen, ihn hat das Leben Demut gelehrt.
"Vielleicht", sinniert Kristian Dittmann, "entwickelt sich auch alles ganz anders. Vielleicht gewinnen wir gerade ein neues Bewusstsein für die Liebe."
Als Zeichen für diesen Bewusstseinswandel nennt der Analogpionier das neue Oberhaupt der Katholiken, Franziskus, der jüngst in seinem Traktat "Amoris laetitiae" seinen Schäfchen empfahl, "den Morgen mit einem Kuss" zu beginnen. "Ich hätte nie gedacht", sagt Dittmann und grinst, "dass ich mal einen Papst bewundern würde."
Philipp Reiss / Spiegel Wissen
Annette Bruhns segelt seit ihrer Kindheit. An Nordseetörns im dichten Nebel ohne GPS und Kartenplotter erinnert sie sich mit Schaudern.

"Ich habe mich quasi in die Welt der Wikinger gekickt, war Wind und Wetter komplett ausgeliefert."

"Mit 80 bin ich vielleicht Suppenextrakt", sagt er und lacht. "Ein oller Brühwürfel."

Von Annette Bruhns

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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