23.08.2016

Frau Burmester hat einen Termin

... beim Digitalrelaunch
Sein digitales Profil checken zu lassen ist wie eine Zahnreinigung: Ein Profi sieht genau, wo man geschlampt hat. Zum Glück ist die Digitaldentistin meine Freundin. Sie nennt sich "Profilagentin" und berät Firmen und Selbstständige in puncto: Wie ist mein Auftritt im Netz? Werde ich leicht gefunden? Welches Image bringe ich rüber? Als Selbstständige muss man in diesen Dingen auf zack sein, sonst wird das nix mit dem Dasein und mit der Zukunft schon gar nicht. Leider bin ich da mehr so auf lahm. Entsprechend viele überraschende Dinge haben sich in meinen Digitalzwischenräumen versteckt. Zunächst mal, dass ich mich durch meine Signatur "unter Wert" verkaufe. "Journalistin" steht da. Da ich aber viel mehr als "nur" Journalistin sei, müsse das raus, sagt die Profilagentin. Sowieso sei es besser reinzuschreiben, was ich gern sein möchte, und nicht das, was ich heute tue. Ich bin dagegen. "Imperiumsleiterin" könnte verstörend wirken.
Die Digitalreinigerin greift zum Kratzaufsatz: "AOL als Mailprovider wirkt in der professionellen Welt billig", sagt sie. Genau wie Gmail, Freemail, GMX & Co. "Der Profi hat eine E-Mail-Adresse auf einer Domain mit seinem eigenen Namen." Oh. "Aber die hast du ja!", flötet sie, klickt auf eine Seite, die ich für meine mögliche Homepage reserviert habe und auf der eine solche Adresse notiert ist. Tatsächlich erinnere ich mich daran, vor vielen Jahren diese schicke, profimäßige Adresse angelegt zu haben. Wo denn die Mails landen, die man an die Kennung schickt, möchte sie wissen. Ich auch.
Als Nächstes fördert sie all jene Berufsportale zutage, die total wichtig sind, aber komplett inaktuelle Darstellungen meiner Person aufweisen. Und fragt gleich, warum ich auf der und der Plattform keinen Eintrag habe? Das Argument, dass kein Eintrag besser sei als ein inaktueller, will sie nicht gelten lassen. Ich lege eine To-do-Liste an.
Sehr zufrieden ist sie mit meiner Internetpräsenz im Allgemeinen. Ich hätte viele autonome Links, in denen ich über die Inhalte bestimme. Ich kenne zwar nur autonome Linke, bin aber auch sehr zufrieden. Sie verrät mir, wie ich Fotos benennen muss, damit sie oben ranken, und wie ich die blöden nach unten rutschen lasse. Noch viel mehr gäbe es zu sagen, wenn ich auch Facebook für meinen Erfolg nutzen würde, LinkedIn oder Xing, aber als Internet-Neander war mir das nicht wichtig. Irgendwie bin ich ja auch so an meine Aufträge gekommen.
Und scheinbar auch ins Filmbusiness. "Du hast mal einen Film gemacht?!", fragt sie und fühlt sich als gute Freundin um einen elementaren Teil ihres Amüsements betrogen. "Du wirst in der International Movie Data Base als Schauspielerin geführt!" Und tatsächlich. Ich lese, dass ich bei dem Film "Violence" mitgewirkt habe. Das finde ich lustig. Führt aber zu der Frage, woher der Eintrag kommt. Zumal beim Film "Gewalt". Ich denke an die Maskulinisten, die Männerrechtler, die mich als "feministische Hasspredigerin" ausgemacht haben und immer mal wieder mit Beleidigungen überziehen. Die Überlegung passt. Mehrmals, das war der Agentin bei der Analyse der Metadaten meines Wikipedia-Eintrags aufgefallen, wurde "Vandalismus" verzeichnet. Der Versuch, Diskreditierendes abzusondern. Sie schlägt vor, den Eintrag in der Filmdatenbank zu löschen. Ich will das nicht. Ich weiß jetzt, wo ich nachbessern muss, um noch präsenter im Netz zu sein. Ein Eintrag als Schauspielerin kann da nicht schaden. Man muss sich breit aufstellen heutzutage.

Silke BURMESTER

stöbert in den Ecken und Nischen des deutschen Alltags. Hier schreibt sie regelmäßig über ihre interessantesten Entdeckungen.

SPIEGEL WISSEN 4/2016
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