18.10.2016

„Mein Herz gehört Dir“

Briefe berühmter Liebender aus fünf Jahrhunderten
Petersburg, März 1774
Liebling,
ich glaube, Du hast Dir wirklich eingebildet, ich würde Dir heute nicht schreiben. Ich bin um fünf Uhr morgens aufgewacht, und jetzt ist es sieben Uhr. Ich werde Dir schreiben ... Ich habe meinem ganzen Körper bis zum kleinsten Härchen den feierlichen Befehl erteilt, Dir auch nicht durch das kleinste Zeichen zu verstehen zu geben, dass er Dich liebt. Ich habe meine Liebe unter zehnfachem Verschluss in meinem Herzen eingesperrt; sie erstickt dort, denn es ist nicht bequem, und ich habe das Gefühl, sie könne explodieren. Überleg Dir das einmal, Du vernünftiger Mann, kann man so viel Torheit in wenigen Zeilen zum Ausdruck bringen? Ein wahrer Strom widersinniger Worte fließt aus meinem Kopf. Ich verstehe nicht, wie Du eine Frau mit so zusammenhanglosen Gedanken ertragen kannst. Oh, Herr Potemkin, was für ein Wunder hast Du vollbracht, indem Du jemandem den Kopf so sehr verdrehtest, einen Kopf, der bisher in der Welt als einer der besten Europas berühmt war.
Welch eine Schande! Welche Sünde! Katharina II., ein Opfer dieser verrückten Leidenschaft ... ein weiterer Beweis Deiner uneingeschränkten Macht über mich. Genug! Genug! Ich habe schon eine so sentimentale Philosophie zu Papier gebracht, die Dich nur zum Lachen bringen wird. Nun gut, verrückter Brief, flattere zu jenen glücklichen Räumen, wo mein Held zu Hause ist ... Lebe wohl, Giaur, Moskowiter, Kosak ...
Genf, den 8. Juni 1848
Mi muy muy siempre querido Louis,
ich habe heute Deinen lieben Brief bekommen und das geküsst, wohin Du mit Deiner lieben Hand geschrieben hast ...
Wie kannst Du fragen, ob ich mit Dir besar will? Du weißt, dass ich Dir ganz ergeben bin, dass ich Dich mehr und mehr für alles liebe, was Du für mich geopfert hast. Natürlich will ich, und es gefällt mir, wenn ich daran denke, dass mein geliebter Ludwig mit seiner Lolitta schlafen will. Ich liebe Dich mehr denn je, und jetzt bin ich auch wieder vollkommen gesund, viel mehr als in München. Ich habe für Dich zwei hübsche Zimmer auf demselben Stockwerk wie die meinen, die mit meinen verbunden sind. Schau auf das Bild vom Haus, das ich Dir geschickt habe. Deine Zimmer sind hinter den zwei Fenstern im ersten Stock, nahe der Türe und zwischen Deinen und meinen Räumen sind die drei Fenster vom Salon, und die letzten beiden sind die meinen. Mi querido Louis, ich bitte Dich, mir treu zu sein, bis Du kommst, und dann kannst Du mit mir mit großem Gusto und Vergnügen schlafen. Mein Herz gehört Dir, auch mein cuno, alles.
Auch wenn die sündige Welt alles getan hat, uns zu trennen. Aber Du bist mein Luis, wirst mein Luis sein bis in den Tod und der letzte Gedanke.
3. Juli 1935
Ein gewisser Brief, den ich zufällig sah, in einer gewissen Jacke eines gewissen Herrn, von einem gewissen Dämchen aus dem fernen, verfluchten Deutschland – ich denke, dass es jene Dame sein muss, die hierherzuschicken Willi Valentiner so freundlich war, damit sie sich mit "wissenschaftlichen", "künstlerischen" und "archäologischen" Absichten die Zeit vertreibt –, dieser Brief machte mich sehr wütend und, um die Wahrheit zu sagen, eifersüchtig.
Warum begreife ich in meiner dämlichen Beschränktheit nicht, dass die Briefe, die Weibergeschichten, die ...Englischlehrerinnen, die Zigeunermodelle, die "hilfsbereiten" Assistentinnen, die an der "Kunst der Malerei" interessierten Schülerinnen und die wichtigen Botschafterinnen von weither lediglich ein Zeitvertreib sind und dass Du und ich uns im Grunde genommen von Herzen lieben? Dass wir uns noch immer lieben, nachdem wir zahllose Abenteuer überstanden, gegen Türen gehämmert, uns rüde beschimpft und über Ländergrenzen hinweg Forderungen gestellt haben? Es ist wohl so, dass ich ein bisschen unvernünftig und ein ziemlicher Blödhammel bin, denn in den sieben Jahren unseres Zusammenlebens sind all diese Dinge immer wieder vorgekommen, aber meine ganze Raserei hat einzig und allein bewirkt, dass ich einsehe, dass ich Dich mehr liebe als meine eigene Haut. Und auch wenn Du mich nicht mehr so liebst wie zuvor, so liebst Du mich doch noch ein wenig, nicht wahr? Wenn dem nicht so ist, wird mir immer noch die Hoffnung bleiben, dass es so sein könnte, und das genügt mir ...
Liebe mich ein kleines bisschen. Ich bete Dich an.
Frida
November 1837 Prag, Sonntag d. 12. abends
Lieber Robert,
Dein Brief hat mir eine unaussprechliche Freude gemacht, ich bekam das Zittern im ganzen Körper vor Freude, als mir ihn die Nanny einhändigte. Doch nun erlaube mir, erst ein wenig zu zanken und Dir zu sagen, daß Du ein ungenügsamer Mensch bist. Erst wolltest Du in 8 Wochen einen Brief haben, dann in 4 Wochen, und nun schreib ich Dir in 3 Wochen und Du beklagst Dich! – Ich glaub fast, Du willst mich schon ein wenig im Voraus die Herrschaft des Mannes fühlen lassen – schon gut, ich denk, wir werden uns vertragen. – Aber was schreibst Du da von Hoffnungen sinken? Hast Du den Sinn aus meinen Briefen gezogen? Ach Robert, das schmerzt! Leb ich ja doch nur in einer Hoffnung, nur ein Gedanke begeistert mich in meinem Tun und Treiben, und Du kannst so etwas sagen, nein – schreiben? – Lass das nicht weitergehen! – Und nun, was das Verheiraten betrifft, das ist allerdings bedenklich. Wenn nun so ein Diamant käme, der mich so blendete, das ich Eusebius, Florestan und wie sie sonst noch heißen, vergäße und Du läsest am Ende in Zeitungen "Verlobung des Fräulein Clara Wieck mit dem Herrn von Perlenschnur oder Diamantenkrone" – Im Ernst aber, bin ich ein kleines Kind, das sich zu dem Altar führen lässt wie zur Schule? Nein, Robert! Wenn Du mich Kind nennst, das klingt so lieb, aber, aber wenn Du mich Kind denkst, dann tret ich auf und sage: "Du irrst!" Vertraue mir vollkommen. Hab ich Dir nicht einmal geschrieben "Die Not bricht Eisen"; hilft nichts mehr, so such ich Ruhe in liebenden Armen. Nun noch – was wollt ich doch gleich? Ich meine den Ring. Also Du wolltest mir ihn wiedergeben? Hm, das wäre halt zu schauen, will mal überlegen! – Du lächelst? Ich auch – eben schaut der Mond herein "schönen Gruß" – nun, nicht wahr, lieber Robert, wir lassen es beim Alten, und Du nennst mich fortan
Deine treue Clara, nie anders.
Paris, Hotel Ritz Juli 1939 Nach Deiner Abreise
Mein Jeannot,
habe ich geträumt? Ich habe gerade die zwei schönsten Tage meines Lebens hinter mir. Wie gut der Himmel es mit uns meint, und wie sehr er uns liebt! Niemals war ich so einsam, niemals ohne Dich – und plötzlich wird mir bewusst, dass diese innere Gewissheit eine Weissagung war. Neulich in Versailles sagte Fenosa zu mir: "Man sagt immer wieder: Da bin ich glücklich gewesen. Man müsste sagen können: Da werde ich glücklich sein." Und wir sahen auf das Hotel Vatel. Stell Dir vor, wenn ich das Zimmer Nr. 15 hätte sehen und diese wenigen Stunden mit der Entstehungszeit von Die Schreibmaschine hätte vergleichen können. Damals glaubte ich glücklich zu sein, ich fand mich glücklich. Ich hoffte nicht auf ein noch größeres Glück.
Mein Jeannot, wie kann ich Dir für diese Wunder danken? Für einen Stern, unter dem Du wandelst, und der ein richtiger Stern ist neben meinem nur geschriebenen. Vielleicht ist mein Stern ein Zeichen für Deinen, und diese beiden formen unseren gemeinsamen Stern. Vor Cocos [Coco Chanel] Haustür war ich dumm, erstarrt, unfähig zu einer Reaktion. Ich dachte: Jeannot geht um die Straßenecke und wird auf der anderen Seite wieder auftauchen. Du gingst, aber Du ließest mir Sonne und Kraft für viele Wochen. Ich werde nicht mehr wagen, wegzugehen, mich von einem Ort zu entfernen, an den das Glück Dich in nur zwei Stunden führen könnte. Lass mich dieses Glück versuchen, lass mich auf Dich warten und auf unser Schicksal. Noch ein Besuch, und ich werde wahre Wunder vollbringen. Ich werde mich einschließen. Ich werde schreiben. Ich werde Dein Stück schreiben. Voller Liebe werde ich Dich in meinen Armen halten. Wird dieser Brief ankommen? Von ganzer Seele werfe ich ihn Dir zu.
London, um 1527
Mein süßes Herzchen!
Dieser Brief soll Euch Kenntnis von der Qual geben, die ich seit Eurer Abreise erduldet habe; ich versichere Euch, die Zeit ist mir seit Eurer Abreise länger vorgekommen, als es sonst mit vierzehn Tagen der Fall ist. Ich denke, Eure Güte und die Glut meiner Leidenschaft sind schuld daran, denn sonst würde ich es nicht für möglich halten, dass eine so kurze Abwesenheit mich so ungeduldig machen könnte. Aber jetzt, da ich im Begriff stehe, Euch wiederzusehen, scheint es mir, als ob meine Pein zur Hälfte verschwunden sei ... Ich schreibe Euch heut nur einen kurzen Brief; ich möchte mich heut Abend in den Armen meines kleinen Schätzchens befinden, dessen hübsche Früchtchen [Brüste] ich bald zu küssen hoffe. Geschrieben von der Hand dessen, der ganz aus freiem Willensantrieb der Eure gewesen ist, ist und sein wird.
H. Rex.

AUS DEM BUCH

Petra Müller, Rainer Wieland (Hrsg.): "Schreiben Sie mir, oder ich sterbe". Piper Verlag, München; 296 Seiten; 39 Euro.

"Die Liebe fürs Leben war schon immer ein sehr seltenes Gut."

SPIEGEL WISSEN 5/2016
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