18.10.2016

Wenn die Hühner im Herzen tanzen

Eine arrangierte Ehe? Für Deutsche fast undenkbar. Für afghanische Einwanderer normal. Wie lebt es sich zwischen Tradition und Liebe?
Drei Afghanen und die Liebe. Das ist kompliziert. Denn was in Europa eine Explosion der Emotionen ist, das ist am Hindukusch Tabu. Und was im Westen die neue Instantliebe per Tinder ist, gilt 6000 Kilometer entfernt als Grund zur Steinigung.
Wer heiratet wen und warum? Bis heute kennen viele Gesellschaften keine freie Partnerwahl, es gilt weiterhin in vielen Kulturen: Verstand vor Verwirrung der Gefühle. Hochzeiten werden von den Familien arrangiert. Und die romantische Liebe? Sie ist ein Los in der Lotterie. Eine Erfindung der Moderne. Eine Empfindung ohne Fundament.
Selbst in Europa hat sich die Liebesheirat erst im 18. Jahrhundert langsam durchgesetzt. Sie ist ein Produkt der Aufklärung, aber endgültig geklärt sind die Verhältnisse auch 200 Jahre später noch nicht. In Zeiten von Datingportalen spielen Status, Einkommen und Religion weiterhin eine wichtige Rolle – in welchem Maße, entscheiden allerdings Frauen und Männer in Eigenregie. In der Regel ist Liebe bei der Partnerwahl die Zuckerhaube der Vernunft. Und ganz auf die Schmetterlinge im Bauch verzichten? Das entspricht nicht mehr dem Wunschbild einer westlichen Ehe.
Sozan, Ehsan und Soraya flüchteten in den Achtzigerjahren aus Afghanistan nach Deutschland. In der Hand nur einen leichten Koffer, aber im Kopf das schwere Gepäck jahrhundertealter regionaler Traditionen, dazu die Lehren des Koran.
Und weil nicht falsch sein konnte, was für die Mutter, Großmutter, Urgroßmutter und die Frauen davor so war, heiratete Sozan Azad, Tochter der Zweitfrau eines wohlhabenden Kaufmanns, Ali, den jüngeren Bruder des Mannes ihrer Tante.
Obwohl sie ihn nicht kannte. Obwohl er bei der Trauung nicht dabei war. Obwohl er in Europa lebte.
Sozan Azad, 49, 2016
Es ist wieder mal Juli in Berlin. Fast 33 Jahre sind vergangen, seit Sozan Azad im rosa Plisseekleidchen in einem fremden Land in einer fremden Stadt auf ihren fremden Ehemann wartete. Heute sitzt sie in ihrem Büro in Berlin-Neukölln. Es ist warm, wieder 25 Grad, fast wie damals. Nur, dass sie nicht mehr zittert. Nicht vor Kälte, nicht vor Anspannung. Sie ist nicht mehr das ängstliche Mädchen, das sie mal war.
Weiße Bluse, beigefarbener Hosenanzug, das Haar festgesteckt. Sozan leitet die Konfliktberatung "Streit entknoten". Stadt und Verbände rufen an, wenn es Probleme in Flüchtlingsunterkünften gibt. Und Probleme gibt es zurzeit viele.
Auf dem Tisch stehen Trauben, Nektarinen, Kekse. "Möchten Sie einen Kaffee?" Eine perfekte Gastgeberin. So hat sie es von der ersten Frau ihres Vaters gelernt. Und alles andere, um eine gute Partie zu werden: den Haushalt führen, sich hübsch kleiden, höflich antworten, die Beine nicht übereinander schlagen, nicht widersprechen. Und selbstverständlich: die Ehre bewahren. In einem behüteten Zuhause. So behütet, dass sie ihre Brüder und selbst den Vater nur selten sah.
Kindheitserinnerungen, die in diesem Büro – viel Glas, viel Beton – ein bisschen wie aus einem Land aus Tausendundeiner Nacht klingen. Einer Welt ohne Männer, nur mit Müttern, Tanten und Cousinen. Sie haben zusammen gekichert, romantische Geschichten erzählt: von Heirat, Kindern und von der Liebe. Genau in der Reihenfolge.
Verlobt, verheiratet, verliebt. Wer mit westlichen Augen darauf schaut, verwechselt schnell eine arrangierte Ehe mit einer Zwangsehe. Tatsächlich sind die Übergänge oft fließend. Zwar dürfen in Marokko, Algerien, Syrien, Jordanien oder dem Irak Frauen nicht mehr gegen ihren Willen verheiratet werden, allerdings erlauben die Gesetze Ausnahmen: In Marokko braucht die Braut für die Eheschließung einen Vormund. In Saudi-Arabien sind Kontakte zwischen Mann und Frau nur unter Aufsicht erlaubt. Und in ländlich-konservativen Gebieten der Türkei müssen Braut oder Bräutigam bei ihrer eigenen Hochzeit gar nicht anwesend sein.
Mit solchen Konventionen bekam es Sozan zu tun, als sie zum ersten Mal verliebt war. Er war ein Cousin. Sie war 16 Jahre alt und total verknallt. Tiefe Augenaufschläge, verstohlene Blicke. Er hat seine Schwester geschickt. Die hat gesagt: "Mein Bruder findet dich hübsch." Sozan ist rot geworden, denn das bedeutet: "Ich liebe dich." Seine Mutter begrüßte sie: "Die Sonne strahlt, denn ich sehe meine Schwiegertochter." Ein Heiratsantrag. Sozan dachte, sie müsste vor Glück zerspringen. Doch die Familie hat anders entschieden.
Warum? Das hat Sozan nie gefragt. Weil ein Kind Entscheidungen von Älteren nicht hinterfragt. Vielleicht, weil Krieg war. Nachts gab es Ausgangssperren, Bomben fielen. Und ihre Tante suchte eine Braut für den Schwager, der in Deutschland studierte. Sozan hat Tee und Plätzchen serviert und freundlich gelächelt. Auch beim zweiten und dritten Besuch.
Mandeln, Zucker, Süßigkeiten. Das bedeutet nach klassischer Meinung: "Ja". Weil konservative Gelehrte davon ausgehen, dass eine Jungfrau zu schüchtern ist, etwas zu sagen. Bei der Hochzeit hat der Schwager den Bräutigam vertreten. Ein Imam besiegelte den Ehevertrag. 300 Gäste haben ausgelassen gefeiert. Männer und Frauen getrennt. Für Sozan war das alles ganz normal.
Stille. Über Berlin geht die Sonne unter. Es ist nicht gut gegangen. Er hat ihre Wangen geküsst, dann haben sie nicht gewusst, was sie sagen sollen. Sozan und Ali, ein Ehepaar und doch zwei Fremde, die schon bei der ersten Berührung wussten: "Der Funke springt nie über." Zumindest in diesem Punkt sind sie sich einig gewesen.
Nach zehn Jahren hat Sozan ein Taxi bestellt. Der Chauffeur fragte: "Wohin?" Sie zog in eine WG in Moabit. Ali ging zurück nach Afghanistan. Das Ende einer arrangierten Ehe, die erst am Ende eine moderne wurde: Ali und Sozan sind geschieden.
Eltern, die ihre Tochter einem Fremden geben? Die britische Frauenrechtsorganisation "Womankind" schätzt, dass weltweit 60 Prozent aller Ehen arrangiert werden. In modernen Familien dürfen sich die Paare vorher zumindest sehen, in Indien, Pakistan und Bangladesch ist eine Ehe aus Liebe bis heute nicht üblich. Selbst dann nicht, wenn eine Frau Akademikerin ist oder sogar einen Doktortitel hat.
Sozan Azad sieht das kritisch, mag es aber nicht offen kritisieren. Sie sagt: "Die Ehe war mein Ticket in die Freiheit." Sie hat in Deutschland ihr Abitur gemacht, Sozialpädagogik studiert, sich ein eigenes Leben aufgebaut. Und ist überzeugt: Es hätte auch gut gehen können. Wie bei ihrer Schwester, die ihren Mann "Azizam" nennt – "Liebster".
Welche Ehe gelingt? Welche scheitert? Und welche Rolle spielt dabei die Liebe? Robert Epstein, Psychologe am Kalifornischen Institut für Verhaltensforschung, fragte in einer Studie 50 indische Paare, was sie nach Jahren der Ehe füreinander empfinden. Das Ergebnis überraschte. Verkuppelt oder Liebe: Am Ende gibt es auf der Skala der Gefühle offensichtlich kaum Unterschiede. Allerdings: Während arrangierte Paare erklärten, die Liebe sei mit dem Alltag gekommen, sagten viele Liebespaare, dass der Alltag ihre Gefühle erstickt habe.
Doch was bedeutet schon Glück, wenn es um die Wahrung wirtschaftlicher und politischer Familieninteressen geht? Macht heiratet Macht. Geld heiratet Geld. Land heiratet Land. So war es über Jahrhunderte auch in Europa üblich. Besonders die Habsburger waren Könige im Schachspiel der Gefühle. Schon 1496 sicherte sich Maximilian I. gute Beziehungen zu Spanien, indem er seinen Sohn Philipp den Schönen mit Johanna der Wahnsinnigen vermählte.
Ende des 19. Jahrhunderts klagte Kaiserin Elisabeth: "Als 15-Jährige wird man verkauft. Tut einen Schwur, den man nicht versteht und 30 Jahre oder länger bereut." Noch 1894 zeichnete Theodor Fontane in seinem Roman "Effi Briest" das Bild einer Gesellschaft, die unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge ihre Töchter verheiratet und verstößt, wenn die nicht parieren.
Zurück ins Deutschland des 21. Jahrhunderts, zu Ehsan Ahmadi, 35, der als Fünfjähriger nach Hamburg kam und heimlich Liebesbriefe verschickte.
Imke Lass / Spiegel Wissen
Ehsan Ahmadi, 2016
Fünf Wörter: "Willst du mit mir gehen?" Darunter drei Kästchen: "Kreuze an – "Ja", "Nein", "Vielleicht" Dann ging der Papierfetzen auf Reisen, bis in die letzte Reihe, zu den Mädchen. Die haben gekichert. Und Ehsan ist nervös auf seinem Stuhl herumgerutscht, weil es in seinem Magen kribbelte. Manchmal kam ein Herzchen zurück. Den Eltern hat er nichts erzählt. Er wollte nicht, dass sie das spannende Spiel verbieten.
Dabei lässt sich die Unruhe, die Aufregung medizinisch erklären: Wenn es klick macht, schüttet das Gehirn Hormone aus. Die lassen dann "die Hühner im Herzen tanzen". So heißt ein Sprichwort in Afghanistan.
Klick. 15 Jahre später hat Ehsan im Internet das Foto von Belquis entdeckt, dem lachenden Mädchen auf der Harley. Klick. Klick. Doch diesmal konnte Ehsan nicht einfach Zettelchen verschicken. Ein afghanisches Mädchen fragt man nicht einfach: "Willst du mit mir gehen?" Für viele junge Muslime der zweiten und dritten Generation ist das Internet die Lösung, wie sie sich kennenlernen können, ohne sich zu nahezukommen. Also schickte Ehsan eine Freundschaftsanfrage über Facebook. Es kam kein Herzchen zurück. Belquis hat ihn geblockt. Das war vor acht Jahren. Heute heißt Belquis, 32, auch Ahmadi und serviert Apfelstrudel. Sie wohnen in Hamburg. Er arbeitet als Ingenieur bei der Deutschen Bahn. Parkett, moderne Couch, Hochglanzküche. Ehsan verrät, dass der Kuchen von Aldi kommt. Er hat gerade Elternzeit und war einkaufen. Sohn Ibrahim Malik ist acht Monate alt. Er kitzelt das Baby, es lacht. Stolzer Familienvater. Ein Wunder, wenn man bedenkt, wie lange sie gebraucht haben, um einen Weg zu finden. Einen Weg, der die Traditionen nicht verletzt, aber trotzdem Liebe zulässt. Und wenn man bedenkt, wie oft Belquis ihn abblitzen ließ.
Beim ersten Mal war Ehsan noch Student, hockte über einer Hausarbeit. Neben ihm chattete eine Kommilitonin mit ihrer afghanischen Cousine, eben Belquis aus Paris. Er hat das Foto gesehen, ihr den Laptop aus der Hand gerissen und irgendetwas hineingetippt. Belquis dachte: Idiot. Aussortiert.
Doch Ehsan konnte ihr Lächeln nicht vergessen. Deshalb hat er so lange gebettelt, bis die Cousine die E-Mail-Adresse rausgerückt hat. Doch wieder wartete er vergeblich auf eine Antwort. Belquis studierte Internationales Handelsrecht, machte gerade ein Praktikum in Katar. Also überlegte Ehsan eine andere Taktik: Dann gehe ich eben auch nach Katar. Wieder eine Mail: "Ich bin in den Semesterferien zufällig in der Nähe." Ohne Erfolg. So ging es weiter: Er suchte Gelegenheiten. Sie stellte sich taub und stumm.
So hatte sie es ihrer Mutter versprochen. Die Verwandten redeten schon: "Ein junges Mädchen allein im Ausland ..." Das war schon genug Skandal. Also hatte sie versichert: "Ihr könnt mir vertrauen." Jetzt sitzt sie auf dem Sofa, stillt das Baby und sagt verschmitzt: "Ein Mann muss eben um eine Frau kämpfen." Ehsan lacht.
Zwei Jahre später haben sie sich dann doch getroffen. Sie war zur Beerdigung einer Tante nach Hamburg geflogen. Er hat es von ihrer Cousine erfahren und sie überredet, dass sie Belquis überredet: auf eine Tasse Kaffee. Nur er und sie, im Alstercafé.
Der große Tag. Ehsan hatte alles bis ins kleinste Detail geplant: den Zeitpunkt, das Outfit. Jetzt wartete er mit dem Jaguar seines Bruders am Bahnhof. Eindruck schinden. Würde sie kommen? Ein letzter Blick in den Innenspiegel, Frisur checken, und dann sah er sie – im Schlepptau hatte sie drei Cousinen.
Fünf Stück Torte, neun Kaffee. Kein persönliches Wort. Die Cousinen haben viel gefragt. Was er studiere? Was seine Brüder machten? Der Beruf des Vaters? Ob er gläubig sei? Dann war Belquis wieder weg. 50 Euro. Ein Test. Zum Glück hatte er genug Geld im Portemonnaie. "Der Mann bezahlt", sagt Belquis. Am nächsten Tag haben sie sich über Facebook geschrieben.
Auf der Kommode im Flur stehen zwei Fotos, aufgenommen auf der Flucht in den Achtzigern. Belquis' Mutter trägt Kopftuch. Ungewöhnlich, wahrscheinlich war es in Pakistan. Das andere Bild zeigt Ehsans Familie: Die Mutter, sieben Jungs, der Vater steht steif in der hinteren Reihe. Er war bei der Armee, hat gegen die Kommunisten gekämpft. Belquis' Vater war Vorarbeiter in einer großen Fabrik, musste fliehen, als die Kommunisten kamen. Gemeinsamkeiten: Im Westen haben sie die Familien irgendwie durchgebracht. Ihr Vater als Maler, seiner als Koch.
Was bei ihren Eltern in Afghanistan noch die Großeltern verhandelt hatten, klopften in Deutschland jetzt die Enkel ab. Heimlich, wie einst bei dem Spiel in der dritten Klasse. Die E-Mails flogen hin und her. Ehsan wollte kein Heimchen am Herd. Belquis wollte einen weltoffenen und gläubigen Muslim. Beide wünschten sich ein Haus mit Garten und drei Kinder.
Drei Wochen später hat er per Mail gefragt: "Sind wir jetzt eigentlich zusammen?" Sie antwortete: "Ja." Alles klar. Sie würden heiraten. Aber natürlich nur, wenn ihre Familien einverstanden waren.
Nicht gerade eine Romanze, wie sie Dichtern wie Novalis, Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff vorschwebte, wenn sie Gedichte und Balladen über die Sehnsucht, das Verlangen und die Liebe schrieben. Über die Lust, die alle Zwänge und Traditionen besiegt. Zu Zeiten der bürgerlichen Revolutionen protestierten die Romantiker damit gegen eine Gesellschaft der Vernunft und plädierten für die "innere Stimme des Herzens". So entstand ein verklärtes Bild von Partnerschaft, das Psychologen heute für das Scheitern vieler Ehen verantwortlich machen. Weil die Realität eben nicht nur aus Poesie besteht.
Bei Belquis und Ehsan sorgte ausgerechnet die Tradition für ein Happy End: Denn Eltern und Brüder stimmten zu. Der Vater hat seinen Sohn vorgestellt. Die Mutter hat um die Hand ihrer Schwiegertochter angehalten. Die Familie der Braut hat Zuckerplätzchen serviert. Anschließend haben die Mütter gemeinsam die Verlobung vorbereitet. Ehsan hat Belquis einen Ring geschenkt. Die Männer haben mit Schüsseln voller Süßigkeiten getanzt. Zur Hochzeit kamen 350 Gäste. Das Standesamt war nicht wichtig, Zärtlichkeiten auch nicht. Bis zur Trauung hat sich das Paar dreimal gesehen. Aber Ehsan verrät: Einmal haben sie Händchen gehalten.
"Nach welchen Kriterien suchen Sie sich einen Partner aus?" Das fragten Wissenschaftler der Universität Bremen muslimische Migranten in Deutschland. Vor Nationalität, Beruf und Alter kam fast immer die Religion. Liebe spielte hingegen keine Rolle. Eine Umfrage der Deutschen Islam Konferenz ergab, dass 80 Prozent aller muslimischer Eltern zwar eine Andersgläubige als Schwiegertochter akzeptieren würden, aber weitaus weniger einen Christen für ihre Töchter. Doch das Recht auf Selbstbestimmung scheinen viele junge Muslima in Deutschland immer noch nicht einzufordern.
In Berlin oder Hamburg werden nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte jedes Jahr mehrere Hundert arrangierte Ehen dokumentiert, schätzungsweise 60 Prozent mit einem Unbekannten. Verlässliche Zahlen gebe es nicht, aber es wird vermutet, dass die Zahl tatsächlich deutlich höher liegt. Der Trend geht zurück zum Konservativen. Männer und Frauen der dritten Generation entscheiden sich nicht für die westliche Freiheit, sondern beugen sich alten Traditionen. Für Mädchen, die sich dagegen entscheiden, hat das mitunter harte Konsequenzen.
Soraya Nuri, 40, 2016
Was würde ihr Vater sagen? Als Ehsan Ahmadi als Erster seiner Familie Abitur machte, kämpfte Soraya Nuri, in Frankfurt mit ihrem schlechten Gewissen. Sie musste es endlich sagen. Doch durfte man jemanden treten, der schon am Boden lag? Der Bürgerkrieg, die vielen Toten, die Flucht. Ihre Eltern hatten alles verloren und auch in Deutschland noch keine neue Heimat gefunden. Durfte sie ihnen den Respekt verwehren? Durfte sie sagen: "Ich liebe Frederik"?
20 Jahre später steht Nuri in ihrem Kosmetiksalon in einer Kleinstadt in Hessen und erinnert sich, wie ihre Stimme zitterte, als sie erklärte: "Ich bin jetzt Deutsche. Ich darf selbst bestimmen. Ich werde keinen Muslim heiraten." Die Sätze hatte sie tausendmal geübt: "Ich will nicht riskieren, dass ein Mann mir vorschreibt, was ich anziehen, essen, trinken darf." Sie kennt Familien, in denen das Grundgesetz weniger gilt als Vers 34 aus der Sure 4 aus dem 7. Jahrhundert. Danach schuldet eine Frau ihrem Ehemann Gehorsam und darf gezüchtigt werden, falls sie "widerspenstig" ist. Längst nicht alle Muslime sehen den Koranvers als bindend. Doch er existiert. Wäre es hart auf hart gekommen, wäre sie hart geblieben und gegangen.
Aber es kam anders. Denn ihr Vater hat gesagt: "Ich will, dass du glücklich bist." Heute leben alle zusammen in einem Haus: Frederik, sie, ihre zwei Töchter und die Großeltern. Nach dem Ramadan feiern sie das Zuckerfest, zu Weihnachten geht Nuri mit ihrer Familie in die Kirche. Christ oder Muslim? Das sollen die Kinder später selber entscheiden. Auch die Verwandten haben ihre Ehe inzwischen akzeptiert. Neulich hat eine jüngere Cousine sogar zu Soraya gesagt: "Danke, dass du für uns so stark warst."
Imke Lass / Spiegel Wissen
Für Silvia Dahlkamp ist Liebe ein Geschenk, das viel Geduld und Pflege braucht.

Was bedeutet schon Glück, wenn es um die Wahrung von Familieninteressen geht?

Von Silvia Dahlkamp

SPIEGEL WISSEN 5/2016
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