13.12.2016

Per Du mit der Welt

Nach Finnland kam Fadumo Dayib als Flüchtling. Nun will sie in ihrem Herkunftsland Somalia Präsidentin werden.
STEPHANIE MITCHELL / HARVARD UNIVERSITY
"Seit 26 Jahren bin ich schon in Finnland, aber ich weiß bis heute nicht, was es bedeutet, wirklich finnisch zu sein. Ist es finnisch, wenn man zur finnischen Armee geht oder die Nationalhymne mitsingt? Muss die ganze Verwandtschaft aus Finnland stammen? Oder reicht es aus, wenn man Wurst in der Sauna isst? Kann auch ich finnisch sein?"
Fadumo Dayib sitzt in einem Café in Helsinki. Sie ist finnische und somalische Staatsbürgerin, 44 Jahre alt, eine leise, kluge, selbstbewusste Frau, die gern Fragen stellt. Man könnte glauben, sie wäre zwischen mehreren Kulturen hin und her gerissen. Aber so fühlt sie nicht. In der Welt, in der sie zu Hause ist, geht es um mehr als um die Frage, welches Land sie als Heimat empfindet. Es geht um Vertrautheit. Und diese Vertrautheit ist nicht an einen Ort gebunden. Es sind angenehme Gerüche in der Nase, Musik, die man kennt und mag. Dayib spürt keinen Drang, "finnisch" oder "somalisch" zu sein. Sie weiß, woher sie kommt, und ist stolz darauf, aber sie selbst empfindet sich als Mischung mehrerer Kulturen.
"Als ich in Kenia war, war Kenia mein Zuhause. Als ich in Ghana war, war Ghana mein Zuhause. Jedes Mal, wenn ich reise und etwas Bekanntes und Angenehmes sehe, bin ich per Du mit dem Ort. Ich habe viele Heimatländer", sagt sie. "Je mehr Flüchtlinge kommen, desto mehr Menschen wird es geben wie mich." Menschen auch, die an herkömmliche Grenzziehungen nicht mehr glauben – Fadumo Dayib etwa hat beschlossen, dass sie Präsidentin von Somalia werden will, so unwahrscheinlich das auch erscheinen mag.
Als Kind somalischer Eltern wurde sie in Kenia geboren. Ihr Vater verdiente sein Geld als Lastwagenfahrer. Erst mit 14 Jahren lernte Dayib richtig lesen und schreiben. "Meine Mutter hat meinen Vater gezwungen, seinen einzigen Tanklaster zu verkaufen, um meinen Unterricht zu bezahlen." Dayib ist das zwölfte Kind ihrer Mutter. Und das erste, das überlebt hat. 1989 wurde die Familie gezwungen, Kenia zu verlassen und nach Somalia zu gehen. Sie erhielten eine kleine weiße Karte mit dem Befehl "Go home". Eine Ausweisung. Sie hatten keine Wahl. Und doch war das der Moment, in dem sie ihre Verbundenheit mit Somalia spürte. "Dort kann mir niemand sagen, du gehörst nicht hierher, geh weg." Ein Jahr später brach dort der Bürgerkrieg aus. Viele mussten flüchten, Tausende erhielten Asyl in Finnland. Dayib war 17, als sie mit ihren zwei jüngeren Geschwistern im Oktober 1990 nach Finnland kam. In einer Pension in Helsinki bekam sie ein Zimmer, das sie mit ihrer Schwester teilte. Ein tolles weiches Bett. Unglaublich fand sie das. Es wurde ihr klar, dies ist ein neuer Start. Von Helsinki ging es weiter in Richtung Norden, in die Region Savo.
Dort in der Flüchtlingsunterkunft lernte sie ihren späteren Mann kennen. Sie haben vier Kinder. Dayib ist eine charismatische Frau. Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Sie spricht wunderbares Finnisch. "Finnisch habe ich am besten in der Kneipe bei Karaokeabenden gelernt", erzählt sie. "Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich in Savo gelebt habe." Savo ist eine Region in Finnland, in der die Leute als redselig und aufgeschlossen gelten. "Sie reden mit dir, als wärest du Finne – egal ob du es verstehst oder nicht."
Dayib ist zunächst Krankenschwester geworden und hat später Gesundheitswissenschaften studiert. Inzwischen besitzt sie drei Abschlüsse, einen davon aus Harvard, wo sie 2015 ein Masterprogramm in öffentlicher Verwaltung absolvierte. Viele Jahre hat sie für die Uno in Afrika gearbeitet, zum Beispiel Geburtskliniken mitaufgebaut. "Trotzdem spüre ich, dass es nicht reicht", sagt sie. Deshalb hat sie das Ziel, eines Tages an der Spitze des Landes zu stehen, aus dem ihre Eltern gekommen sind.
Träume zu verwirklichen, das hat Dayib von ihrer Mutter gelernt, die erst mit knapp 60 Jahren lesen lernte. "Sie wollte es allen zeigen." Zusammen haben Mutter und Tochter oft Ausflüge gemacht. Sie begannen mit der Frage: "Was willst du werden, Fadumo?" Als sie an der Universität in Kuopio vorbeiliefen, fragte die Mutter: "Möchtest du dort studieren?" Sie antwortete: "Wie soll das gehen? Ich kann nicht mal richtig Finnisch." Aber ihre Mutter hat an sie geglaubt. Bisher sind fast alle Träume in Erfüllung gegangen.
Heute greift man in Finnland gern auf die Expertise von Fadumo Dayib zurück, wenn es um die Integration von Flüchtlingen geht. Vor Kurzem hat sie ein weltweit einmaliges Expresskonzept mitentwickelt: Flüchtlinge werden direkt aus der Unterkunft ins Arbeitsleben gesteckt. Nicht in der Schule, sondern direkt am Arbeitsplatz sollen sie Finnischunterricht erhalten. "Eine Sprache kann man nicht klinisch in einer klinischen Umgebung lernen."
Es ist vor allem ihr Leben, das Fadumo Dayib zur Expertin gemacht hat. Sie kennt sich aus in Finnland und in Somalia. Somalia braucht eine große gesellschaftliche Veränderung. Und sie sei die richtige Person, um Veränderungen anzustoßen. "Liberia hat eine weibliche Präsidentin. Warum soll das in Somalia nicht möglich sein?", fragt sie. Im Oktober ist sie ohne Familie nach Mogadischu gezogen, um ihre Kampagne vorzubereiten. Eine echte Chance darauf, Präsidentin zu werden, hat sie in dem von patriarchalen Clans beherrschten Land nicht – jedenfalls nicht bei der nächsten Wahl. Aber sie will ein Zeichen setzen, will als Kandidatin bekannt werden für die Zukunft. Fadumo Dayib denkt langfristig.
Laut einer "World Economics"-Studie 2016 ist Dayib vom stabilsten Land der Welt ins instabilste gewechselt – mit allen Risiken. Aber sie hat keine Angst. Die Organisation "African Achievers Awards" hat Fadumo Dayib zur Afrikanerin des Jahres 2016 gewählt. Zurzeit bekommt sie viele Einladungen. In London stehen demnächst zahlreiche Interviews an. Deshalb will sie noch einkaufen gehen. Ein Kleid des finnischen Designhauses Marimekko. "Ich möchte in London etwas Finnisches tragen."
Für Liisa Niveri ist Heimat der Duft von Schnee und selbstgemachtem Beerensaft.
Von Liisa Niveri

SPIEGEL WISSEN 6/2016
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