27.06.2017

ForschungsfrageWarum altern wir?

Es ist eine der großen offenen Fragen der Wissenschaft: Wieso bleibt der Mensch nicht so frisch, fit und kraftvoll wie in der Blüte seiner Jahre?
Mehr als 300 Theorien darüber, warum Lebewesen eigentlich altern, sind in der Welt – Einigkeit gibt es unter Forschern bisher nicht. Was ein bisschen verwundert, weil Altern so weitverbreitet ist. Es gibt fast keine Tiere, die vom Verfall verschont bleiben. Zwar leben offenbar einige Tiefseeschwämme sehr lange, über 10 000 Jahre. Einige Muscheln können immerhin mehr als 500 Jahre erreichen. Und der Süßwasserpolyp Hydra altert überhaupt nicht nachweisbar.
Die meisten anderen trifft es früher. Zwei Hypothesen zur Alterung liegen in den Diskussionen der Forscher derzeit weit vorn. Bei der einen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass von Geburt an ständig zufällig Schäden am Erbgut und an den Zellen entstehen. Weil das Ausbügeln und Flicken der Schäden aber viele Ressourcen fordert, hält der Körper diese Reparaturprozesse nur so lange aufrecht, bis die Fortpflanzung abgeschlossen ist, die Gene also in die nächste Generation weitergegeben wurden. Danach hat der Körper seinen Zweck rein biologisch gesehen erfüllt, die Garantiezeit ist abgelaufen: Die körpereigene Ausbesserungsmaschine wird vernachlässigt und schwächelt – die Schäden sammeln sich an und verstärken sich gegenseitig.
Die mit der Zeit zunehmenden Fehler erklären etliche Veränderungen im Alter: Die Zellen reagieren immer schlechter auf Botenstoffe, zum Beispiel durch Hormone; die Zellteilung läuft nicht mehr reibungslos, Proteine werden falsch gefaltet, der Energiestoffwechsel der Zellen wird weniger effizient, der Organismus altert. Falten oder Muskelabbau sind ebenso die Folgen wie ein steigendes Krebs- und Diabetes-Risiko. Träfe diese Theorie zu, müsste man die Schäden, die der Körper selbst nicht mehr beseitigt, quasi von außen reparieren, um das Altern aufzuhalten oder zu verlangsamen.
Doch vielleicht ist das Altern gar nicht so zufällig, vermuten andere Forscher. Sie glauben, dass die Signalwege, die von der Sekunde der Befruchtung an dafür sorgen, dass sich Zellen teilen, der Organismus entwickelt, wächst, fortpflanzungsfähig wird, einfach immer weiter laufen, auch nachdem der Körper längst ausgewachsen ist. Weil die Prozesse aber irgendwann ins Leere laufen, werden die Zellen überstimuliert, reagieren mit der Zeit weniger gut auf Botenstoffe – und zeigen ebenfalls die typischen Alterungserscheinungen. Lägen die Anhänger dieser Theorie richtig, müsste man versuchen, die Signalwege, die in den ersten 20 Jahren des Lebens unverzichtbar sind, irgendwann zu stoppen oder zumindest ihre Überfunktion zu regulieren.
Es ist somit keine rein akademische Frage, wer am Ende recht hat, sondern entscheidend für die Frage, wie man den Alterungsprozess beeinflusst. Doch wird es wohl noch eine Weile dauern, bis das Rätsel gelöst ist.

SPIEGEL WISSEN 3/2017
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