22.08.2017

Der Kinderforscher

Den IQ erfand ein Deutscher: der jüdische Psychologe Wilhelm Stern.
"Das Schreien am ersten Tage ließ ganz deutlich hören ein ,ähä', der ä-Laut etwas zum a hinneigend, namentlich der zweite. Das h unverkennbar deutlich. Fast alles Schreien hatte diese Form." Am 7. April des Jahres 1900 wird der Psychologe Wilhelm Stern zum ersten Mal Vater – um zwei Uhr nachts bringt seine Ehefrau Clara das Töchterchen Hilde zur Welt. Sofort beginnen die jungen Eltern, Hildes Verhalten minutiös zu protokollieren.
Im Laufe von zwei Jahrzehnten füllen Wilhelm und Clara Stern 4963 Seiten in 25 Folianten über Hilde und ihre jüngeren Geschwister Günther (geboren 1902) und Eva (1904). Die Notizen enthalten Hinweise auf ihre geistige Entwicklung, ihre Fantasien und ihre Vorstellung von Gut und Böse. "Niemals zuvor und nie seither", so der Stern-Biograf Martin Tschechne, "hat ein Elternpaar die psychische und geistige Entwicklung seiner Nachkommen so ausdauernd und verlässlich dokumentiert."
Stern, Jahrgang 1871, nutzt das Material für seine Forschung. Am Lehrstuhl für Pädagogik in Breslau beschäftigt er sich mit der Weiterentwicklung der Kinderpsychologie – vor allem mit der Frage, wie sich kindliche Intelligenz entwickelt und wie sie sich fördern lässt. 1912 veröffentlicht der gebürtige Berliner das Buch "Die psychologischen Methoden der Intelligenzprüfung und deren Anwendung an Schulkindern". Darin definiert Stern Intelligenz als "die allgemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Denken bewusst auf neue Forderungen einzustellen" und als "allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens".
Der Kinderpsychologe, der aus einer liberalen jüdischen Familie stammt, bemüht sich, möglichst objektive Kriterien für die Intelligenzmessung zu schaffen. 1912 entwickelt er den Intelligenzquotienten. Dabei geht er vom "Intelligenzalter" aus, einem Konzept, das die Franzosen Alfred Binet und Théodore Simon, die Erfinder des ersten Intelligenztests, 1905 entwickelt hatten. Das Intelligenzalter bezeichnet das Alter, in dem eine bestimmte messbare geistige Leistungsfähigkeit im Durchschnitt zu erwarten ist.
Der Binet-Simon-Test aber berücksichtigt nicht genügend, dass ein Rückstand des genormten Intelligenzalters gegenüber dem Lebensalter umso dramatischer ist, je jünger die Kinder sind: Wenn eine 5-Jährige geistig auf dem Niveau einer 3-Jährigen steht, ist das ein viel größerer Anlass zur Sorge, als wenn ein 13-Jähriger nur die Leistungsfähigkeit von 11-Jährigen zeigt. Diese Schwäche will Stern überwinden. Um die Intelligenzleistung bei Kindern altersunabhängig angeben zu können, schlägt er ein neues Verfahren vor: Er teilt das Intelligenzalter durch das Lebensalter. Um ganzzahlige Werte zu erhalten, multipliziert er das Ergebnis mit 100. Damit hat er den "Intelligenzquotienten", bald zu IQ abgekürzt, erfunden – ein Durchbruch für die Forschung und die Pädagogik.
Zwar wird der IQ heute anders bestimmt, doch wenn sich Psychologen mit Spracherwerb, Gerichtsgutachten, Begabtenförderung oder Lehrerfortbildung beschäftigen, stützen sie sich noch immer in vielem auf Forschungen von Stern. Gegen den patriarchalischen Zeitgeist ist er schon in den Zwanzigerjahren überzeugt, "dass gerade in der frühen Kindheit die Mädchen den Knaben etwas voraus" und "die 5- bis 6-jährigen Mädchen den gleichaltrigen Knaben in den meisten Hinsichten überlegen" seien. Die Beobachtung seiner aufgeweckten Töchter trägt wohl zu diesem Urteil bei.
Die liberale Atmosphäre Hamburgs ist zu dieser Zeit ein geeigneter Ort für moderne Psychologie und Sozialforschung. Stern bezieht 1929 Räume für das Psychologische Institut der Universität Hamburg. Doch vier Jahre später wird er wegen "nicht arischer Abstammung" von der Universität suspendiert. Sein Sohn, der später unter dem Namen Günther Anders als Philosoph ("Hiroshima ist überall") weltbekannt werden soll, rät nach der Lektüre von "Mein Kampf" seinem Vater dringend zur Emigration.
Noch 1933 wandert das Ehepaar Stern in die Niederlande, einige Jahre später in die USA aus. Dort erhält Stern, der sich nun William nennt, an der Duke University in North Carolina eine Professur – er stirbt 1938 mit 66 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Töchter entschließen sich unterdessen zum Widerstand gegen die Nazis.
Dass ihr Vater sie als Forschungsobjekte nutzte, haben zumindest Eva und Hilde Stern ihm nicht übel genommen. "Es war selbstverständlich, dass die Familie sich zu den Mahlzeiten zusammenfand", schrieb Eva 1991, "die Vater oft dazu benutzte, Fragen an uns Kinder zu stellen, ohne dass wir ahnten, dass unsere Antworten wissenschaftlich ausgewertet würden."
Uwe Klußmann bedauert, dass der Erfinder des Intelligenzquotienten nicht verhindern konnte, dass in Deutschland Leute mit hohem Kriminalitätsquotienten an die Macht kamen und seine Arbeit beendeten.
Von Uwe Klußmann

SPIEGEL WISSEN 4/2017
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