17.10.2017

Beste Freunde

Sechs Tierhalter über ihre ungewöhnlichen Gefährten

"Sie haben für Verwirrung gesorgt."

Rico Kirsche, 43, züchtet seit zwölf Jahren in seinem Garten im thüringischen Waltersdorf Kängurus.
Meine Frau und ich wollten nach Australien auswandern. Die Kängurus in unserem Garten sind das, was von den Plänen übrig geblieben ist. Aber nicht die Australienliebe allein war der Auslöser, warum wir uns die Tiere angeschafft haben. Eigentlich sollten sie das große Grundstück meines Schwiegervaters abgrasen. In England sind Kängurus deswegen sehr beliebt. Vor zwölf Jahren habe ich die ersten Wallabys gekauft. Wallabys, genauer: Redneck-Bennett-Wallabys, das sind die kleinen Verwandten der Kängurus, die winterhart sind und dadurch hierzulande gehalten werden können. Damals war es noch gar nicht so einfach, einen Züchter in Deutschland zu finden. Heute gibt es relativ viele – ich selbst züchte sie als Hobby. Ich habe sechs Weibchen und einen Bock.
Im Dorf haben sich mittlerweile alle an den Anblick der Tiere gewöhnt. Als ich sie neu hatte, war das natürlich das Gesprächsthema. Die Kängurus haben nicht nur unter den Nachbarn für Verwirrung gesorgt. Auch die Schafe von nebenan standen erst einmal stundenlang am Zaun, ohne sich zu bewegen. Als die Postfrau vorbeikam, staunte sie nicht schlecht und wollte wissen, was ich denn da für riesige Hasen im Garten stehen hätte. Und im Kindergarten wollte niemand meinem Sohn glauben, dass er Kängurus zu Hause hat.
Eine ganz besondere Verbindung habe ich zu Oscar, dem Bock. Drei Jahre ist er alt. Er sucht immer meine Nähe, will Streicheleinheiten, am liebsten unterm Kopf. Auch untereinander sind Kängurus sehr sozial. Als Oscars Vorgänger gestorben ist, haben sich die anderen um ihn herum mit gesenktem Kopf versammelt. Es sah ganz so aus, als würden sie trauern. Besonders spannend finde ich die einzigartige Geburt des Nachwuchses. Wenn die Kleinen irgendwann aus dem Beutel rausschauen und zum ersten Mal versuchen herauszuspringen, ist das herrlich. Vor allem, als eines meiner Känguruweibchen einmal Zwillinge hatte. Die beiden haben sich gern gegenseitig aus dem Beutel geschubst. Es fällt mir nicht leicht, die jungen Wallabys abzugeben, wenn sie alt genug sind.
Als nächstes großes Projekt will ich das Gehege etwas "australischer" gestalten. Mir schwebt ein selbst gebauter Ayers Rock vor – der bekannte rote Felsen im Outback.
Protokoll: Antonia Roch
Nikita Teryoshin / Spiegel Wissen

"Die Tiere hören auf meine Kommandos."

Achim Rensch, 60, arbeitet seit fast 30 Jahren mit seinen Kaltblütern und Maultieren in den Wäldern Brandenburgs und Berlins. Mit seiner Frau betreibt er einen Reiterhof in Lychen.
Jedes Jahr im Herbst, wenn die Tourismussaison vorbei ist, arbeite ich mit meinen Tieren im Wald. Ich habe drei Rheinisch-Deutsche Kaltblüter und vier Maultiere ausgebildet, die mit mir Holz rücken, pflügen und die Pflanzung neuer Bäume vorbereiten. Das mag für manche etwas altmodisch klingen, aber die Arbeit mit sogenannten Rückepferden ist in Deutschland bis heute relativ weit verbreitet. Nicht ohne Grund: Sie ist bodenschonender und klimaneutraler als mit dem Traktor. Außerdem sind Tiere viel wendiger und können einiges ziehen. So ein Kaltblut wiegt um die 800 Kilogramm, das hat schon Kraft.
Aber man sollte sich nicht von der Masse der Pferde täuschen lassen. Die Mulis machen die gleiche Arbeit und vertragen dabei die Dauerbelastung viel besser. Ich werde manchmal dafür belächelt, dass ich mit ihnen arbeite. Die meisten glauben, dass Maultiere störrisch sind. Klar, sie haben ein bisschen mehr Eigenwillen als Pferde und als Traktoren sowieso. Wenn ihre Leistungsgrenze erreicht ist, machen sie eben eine Pause, und das wird fälschlicherweise als stur bezeichnet. Danach arbeiten sie auch problemlos weiter. Wenn die Kutschfahrten und Ausritte weniger werden, beginnt die Arbeit im Wald. Nachdem sich die Tiere wieder daran gewöhnt haben, arbeiten sie willig und hören auf meine Kommandos. Ich bin dankbar dafür, dass sie diese Arbeit mit mir zusammen erledigen. Allein könnte ich die schweren Stämme nicht ziehen.
Der Deal ist einfach: Sie erhalten eine gute Ausbildung und gutes Futter, und ich bekomme kräftige Kollegen – auf die ich mich verlassen kann. Meine Beziehung zu den Pferden und auch zu den Mulis ist stark von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Bisher wurde ich darin nicht enttäuscht.
Protokoll: Antonia Roch

"Manchmal hat er einen schlechten Tag."

Hannah Reinhardt, 17, rettete einen Ochsen vor dem Schlachthof. Jetzt bezahlt sie von ihrem Taschengeld seinen Stall und geht mit ihm spazieren.
Tiere sind mir wichtig. Das war schon immer so. Zu Hause habe ich einen Hund und zwei Kaninchen. Und nun auch noch einen Ochsen.
Unsere Beziehung fing vor drei Jahren an, einen Tag nach seiner Geburt. Ich hatte auf dem Bauernhof meiner Großtante mitgeholfen, als sie sagte, ich könne mich um das Kälbchen kümmern. Das Kälbchen war Oskar. Jeden Abend nach der Schule bin ich zum Hof gelaufen, habe die Flasche mit Milch von Oskars Mutter aufgefüllt und Oskar damit gefüttert. Das war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens.
Relativ schnell war klar, dass er verkauft, gemästet und geschlachtet werden soll. Wenn du ein Kälbchen mit der Flasche großziehst, kannst du das nicht zulassen. Deswegen habe ich ihn für 300 Euro von meinem Konfirmandengeld selbst gekauft. Da hatte ich also einen Ochsen – aber noch keinen Platz für ihn. Mit dem Paulinenhof, nur fünf Minuten von meinem Zuhause entfernt, hatte ich Glück. Es ist eine Einrichtung für Behinderte, die eine eigene Kuhherde hat und sich ganz lieb um Oskar kümmert. Zu Anfang hatte es Oskar in der neuen Herde nicht leicht. Er wurde oft von den älteren Kühen herumgeschubst und erzogen, aber bald lebte er sich gut ein.
Einmal in der Woche besuche ich ihn. Dann gehe ich mit ihm raus, füttere ihn mit Äpfeln, und alle paar Monate wasche und bürste ich ihn, weil er immer so schmutzig ist. Oskar gehört zur Familie. Wenn er mich sieht, kommt er von der Weide angerannt und muht ganz laut. Ich habe ihm ein Pferdehalfter gekauft, mit dem wir einmal in der Woche spazieren gehen. Aber unsere Interessen gehen oft sehr auseinander. Ich will am liebsten mit ihm laufen und über Hürden springen. Aber Oskar will lieber auf der Wiese herumstehen und fressen. Manchmal hat er einen schlechten Tag, dann ist er unfassbar störrisch. Manche Leute finden es verrückt, wenn ich mit ihm durchs Dorf spaziere. Aber ich finde es toll. Einen Ochsen vor dem Schlachthof gerettet zu haben hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Es hat mich Durchhaltevermögen gekostet. Ich würde es jederzeit wieder machen.
Protokoll: Dunja Smaoui

"Viele lieben es, die Schlangen anzufassen."

Seit zwölf Jahren hält Sarah Weber, 28, Kornnattern. Für ihre Schlangen Peira und Skinto hat sich die Ärztin ein Terrarium anfertigen lassen. Es steht in ihrem Wohnzimmer in Frankfurt.
Werden meine Kornnattern in ihrem Terrarium aktiver, kommen sie aus ihrem Versteck, dann weiß ich, dass sie Hunger haben. Je nach Jahreszeit muss ich sie alle ein bis drei Wochen füttern. Ich gebe ihnen Mäuse, in der Regel tiefgefrorene. Die lasse ich in einem heißen Wasserbad ziehen, bevor die Schlangen sie bekommen. Einmal habe ich sie in der Mikrowelle aufgewärmt. Keine gute Idee, noch eine Woche später hat unsere Küche gestunken.
In seltenen Ausnahmefällen muss ich auch mal lebende Mäuse verwenden. Das fällt mir schwer, denn ich bin Vegetarierin. Trotzdem überwinde ich mich, denn ich finde, das ist etwas Natürliches. Außerdem hat die Schlange die Maus in weniger als einer Sekunde erwürgt.
Ich war 16, als ich die Kornnattern bekommen habe. Meine Mutter wollte sie zuerst auf keinen Fall im Haus haben. Das Argument, dass die Tiere pflegeleicht sind, und das Versprechen, ein Schloss vor das Terrarium zu hängen, haben sie am Ende überzeugt. Mittlerweile findet meine Mutter die Schlangen genial. Sie liebt es, die Tiere anzufassen. Das geht den meisten Menschen so – wenn sie sich einmal getraut haben, die Schlangen zu berühren. Sie sind nicht glitschig, nass und ekelig, wie viele denken, sondern eher trocken und kühl, ein wenig wie weiches Leder.
Meine Schlangen sind handzahm. Viele sind so begeistert, dass sie sich mit den Schlangen um den Hals fotografieren lassen. Für mich allein hole ich sie gar nicht so häufig heraus. Es ist für mich eher faszinierend, sie zu beobachten.
Kornnattern können über 20 Jahren alt werden. Eine lange Zeit, in der man sich kümmern muss. Außerdem brauchen sie viel Platz, denn sie wachsen ihr Leben lang. Sahen meine Kornnattern am Anfang aus wie große Regenwürmer, ist das Männchen heute über 1,50 Meter groß. Mein Terrarium ist eine Spezialanfertigung, da es in der Größe kaum noch welche zu kaufen gibt.
Die Schlangen brauchen kein Entertainment, und eine enge persönliche Beziehung haben sie auch nicht zu mir. Aber ich finde es gut, dass die Schlangen verhältnismäßig unkompliziert sind und ich nicht abends noch mit ihnen Gassi gehen muss.
Protokoll: Rike Uhlenkamp
Nikita Teryoshin / Spiegel Wissen

"Er macht die Menschen glücklich."

Claudia Otto, 45, lebt mit ihrem Mann und Hund Bradley in Siegen. Vor zehn Jahren wurde der Mischling auf Puerto Rico aus einer Müllhalde gefischt. Heute geht er mit Otto als Helferhund ins Hospiz.
Als ich ihn vor vier Jahren das erste Mal gesehen habe, war ich fasziniert von der Ruhe, die er ausstrahlte. Ich konnte es nicht glauben, bei einem Hund, der so viel erlebt hat. Zwei Freunde von mir hatten Bradley an einem Strand auf Puerto Rico auf einer Müllkippe gefunden. Er war beschnitten, abgemagert und völlig verwahrlost. Man hatte ihn mit einer Machete verletzt und versucht, ihn anzuzünden. Hätten meine Freunde Bradley nicht mitgenommen, er hätte die Nacht nicht überlebt.
Sie haben ihn aufgepäppelt und zum Servicehund ausgebildet. Als sie dann vor vier Jahren vor meiner Tür standen und ihn in meine Obhut übergeben wollten, war ich unsicher, ob ich mir das zutraue. Als Kind habe ich manchmal den Dackel der Nachbarin ausgeführt. Einige Jahre habe ich alte Hunde bei mir zu Hause als letzte Pflegestation aufgenommen. Aber mit solch großen und dazu noch verstörten Hunden wie Bradley hatte ich vorher nichts zu tun. Er ist ein Labrador-Rottweiler-Mischling. Und das tollste Tier, das ich je kennengelernt habe.
In Bradley sehe ich mehr eine Aufgabe als nur ein Haustier. Er musste vieles erst lernen: Vertrauen aufzubauen, keine Angst vor Berührungen zu haben, an der Leine spazieren zu gehen. Vor der Arbeitskleidung meines Mannes hatte er Angst. Aber mit der Zeit legte sich alles.
Nach einer Weile nahm ich ihn mit in eine soziale Einrichtung für behinderte Kinder. Dann ins Altenheim. Dann ins Hospiz. Er strahlt eine Ruhe aus und macht die Menschen glücklich. Bradley öffnet die Menschen in seinem Umfeld, im Hospiz freuen sie sich auf ihn und fangen an, über Dinge zu sprechen, die lange Zeit verschüttet waren. Es ist, als hätte er einen sechsten Sinn. Das schönste Erlebnis hatten wir mit einem Mann, der an Parkinson litt. Immer wenn er Bradley streichelte, hörte sein Zittern auf.
Mein Hund war lange Zeit Opfer. Jetzt ist er zu einem Seelentröster geworden.
Protokoll: Dunja Smaoui

"Jede Maus frisst uns aus der Hand."

Silke Hadler, 49, ist Erzieherin in der Kita "Unser Lieben Frauen" in Bremen. In ihrer Gruppe hält sie Wüstenrennmäuse.
Einigen Kindern fällt es am Anfang schwer, sich an die Kita zu gewöhnen. Sie sind traurig, wenn die Eltern weggehen. Da sind die Mäuse eine gute Ablenkung. Wir gehen gemeinsam zum Käfig und schauen, was die Tiere machen. Auch sonst geht der Blick morgens zuerst zu den Mäusen. Sind sie schon wach? Oder schlafen sie noch?
Wir haben Wüstenrennmäuse, denn die darf man im Kindergarten halten, andere Arten dagegen nicht, da sie Bakterien übertragen können. Die Mäuse sind sehr pflegeleicht. Die Kinder können sie mitbetreuen, beim Füttern oder Saubermachen helfen. So lernen sie Respekt vor einem anderen Lebewesen. Wie man mit den Mäusen umgeht, zeigen die Älteren den Jüngeren in der Gruppe. Die Erfahrungen werden so von Generation zu Generation weitergegeben.
Eine Zeit lang haben wir versucht, die Mäuse so zahm zu bekommen, dass wir sie auf die Hand nehmen und streicheln können. Aber das ist mit 20 Kindern schwierig. Ein Kind kreischt plötzlich, die Mäuse erschrecken. Also haben sie einen riesigen Käfig. Durch ein Gitter können die Kinder mit ihnen spielen. Einige Mäuse verkrümeln sich eher, andere sind neugieriger. Eigentlich bekommen wir aber jede Maus so weit, dass sie uns zumindest aus der Hand frisst.
Bis heute haben zwölf Mäuse bei uns in der Gruppe gelebt. Wir halten sie immer zu zweit, wenn möglich mit gleichem Geschlecht. Aktuell haben wir aber nur eine Maus, die andere ist gestorben. Nach ihrem Tod habe ich sie in eine kleine Kiste gelegt, und wer wollte, durfte sie noch einmal streicheln. Viele Kinder haben das gemacht. Es war berührend, wie die Kinder sich verabschiedeten. Es ist traurig, aber es ist auch eine gute Gelegenheit, über Tod und Abschied zu sprechen, auf einer kindgerechten Ebene. Die Mäuse kommen dann in den Mäusehimmel, so nennen es die Kinder. Die Mäuse werden bei uns meist drei Jahre alt. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass jedes Kind den Tod einer Maus miterlebt. Das finde ich gut, weil sie so sehen, es endet etwas, und dafür kommt etwas Neues.
Protokoll: Rike Uhlenkamp
Nikita Teryoshin / Spiegel Wissen
Von Nikita Teryoshin

SPIEGEL WISSEN 5/2017
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