17.10.2017

Grimm auf Meister Isegrimm

In Deutschland leben wieder Wölfe – ein großer Erfolg für den Naturschutz. Doch Anwohner, Bauern und Schäfer fürchten das Raubtier. Zu Recht?
Grimm auf Meister Isegrim
Dieser Wolf ist nicht gefährlich. Trotzdem steht er in einem gläsernen Käfig. Denn hier, im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover, stellen ihm die Menschen nach.
"Erst hatten wir den Wolf nur mit einer roten Kordel geschützt", erzählt Christiane Schilling, Kuratorin für den Bereich Naturkunde. "Aber es kamen immer wieder Eltern, die ihre Kinder fürs Foto auf seinen Rücken setzen wollten." Die Rede ist von Niedersachsens einstigem "Problemwolf", der hier seit Mai zu besichtigen ist: ausgestopft und mit bernsteinfarbenen Glasaugen.
Das Exponat soll lange halten. Es ist das Herzstück einer Wanderausstellung über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. Von Hannover wird sie weiterziehen durch Niedersachsens Wolfsgebiete, nach Lüneburg, ins Emsland und dann nach Cuxhaven. "So können wir noch etwas Gutes daraus machen, dass das Tier getötet werden musste", sagt Biologin Schilling.
Denn dies ist der erste in staatlichem Auftrag erschossene Wolf, seitdem die Raubtiere vor knapp 20 Jahren begonnen haben, sich wieder breitzumachen in einem Land, in dem Jäger und Viehhalter schon einmal nicht eher ruhten, bis das letzte Exemplar erlegt war. "MT6" nannten ihn die Forscher, die ihm ein Senderhalsband umgeschnallt hatten. "Kurti" heißt er unter Tierschützern, die sein Ende noch heute beklagen.
Die Auseinandersetzung um MT6 ist ein Lehrstück für das Ringen um den richtigen Umgang mit dem Rückkehrer Wolf. Was als Siegeszug des Naturschutzes begann, das zeigt sich an ihm, droht zur Zerreißprobe für ebendiesen zu werden. Am Umgang mit dem Wolf wird sich weisen, ob die Deutschen bereit sind für einen pragmatischen Artenschutz.
MT6 war jung und neugierig. Immer wieder streifte er durch die Dörfer rund um seine Heimat, den Truppenübungsplatz Munster, er soll einer Mutter mit Kinderwagen nachgelaufen sein und einen angeleinten Retriever-Mischling vor den Augen von dessen Besitzern in den Hintern gebissen haben.
Die niedersächsischen Wolfsverantwortlichen gaben sich alle Mühe mit der Umerziehung des kecken Rüden. Aus Schweden ließen sie Jens Karlsson anreisen. Mit Gebrüll und Gummigeschossen sollte der Fachmann für sogenannte Vergrämung das Tier die Furcht vor Menschen lehren.
Karlsson indes fand den Wolf gar nicht so zutraulich – nie kam der Schwede nah genug heran, um ihm eine Gummikugel in den Pelz zu jagen.
Nach der Begegnung mit dem Retriever-Mischling ordnete der grüne Umweltminister Stefan Wenzel für MT6 dennoch die "letale Entnahme" an. Zu groß war die Sorge in der Bevölkerung, zu groß die Angst der Politiker: Wenzel wollte zwar nicht der erste Minister sein, der einen wilden Wolf erschießen lässt – noch weniger aber wollte er verantwortlich sein für die erste Wolfsattacke auf einen Menschen.
Jetzt soll MT6 dafür sorgen, dass sich sein Schicksal nicht wiederholt: Die kleine Ausstellung rund ums Präparat informiert über die Lebensweise der Wölfe – auch spielerisch, wenn sich Besucher etwa auf alle viere begeben und versuchen, auf den auf den Boden geklebten Trittspuren selbst zu schnüren wie ein Wolf, oder wenn sie in eine nachgebaute Wurfhöhle kriechen. Vor allem aber soll die Schau den Menschen klarmachen, dass es jeder Einzelne in der Hand hat, ob die Wölfe hierzulande ihre zweite Chance bekommen.
So gibt es Erklärtafeln zum richtigen Verhalten bei einer Begegnung mit dem Wildtier. Nicht verfolgen, nicht füttern – der Wolf muss seine Scheu vor den Zweibeinern behalten. Mensch = Futter ist eine Gleichung, die fatal sein kann für beide Seiten. Ob MT6 als Welpe gefüttert wurde, ob jene Menschen ihm Nahrung zuwarfen, die später aus ihren Autos heraus Handyvideos von ihm drehten und in sozialen Medien verbreiteten – nachweisen lässt sich das nicht. Wolfsschützern indes gilt es als mögliche Erklärung für sein Verhalten.
Auf einem Monitor können Museumsbesucher ihr Wolfswissen testen. Welches Bild zeigt einen Wolf, welches einen Vertreter einer wolfsähnlichen Hunderasse? Wer das weiß, verbucht womöglich nicht jeden Schäferhund als Wolf, der sich gefährlich nahe an Ortschaften herumdrückt. "Je mehr Informationen sie haben, desto beruhigter sind die Leute", hat Kuratorin Schilling bei ihren Führungen festgestellt.
Schilling hat ohnehin ein Händchen für Problemwölfe – sie wacht noch über einen zweiten toten Wolf. Auch der "Würger vom Lichtenmoor" hat seinen Stammplatz im Landesmuseum, gerade ist er allerdings ausgeliehen ans Heimatmuseum Rodewald.
Von dem Wolfsrüden, der in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts im Heidekreis für Angst und Schrecken sorgte, ist zwar nur der Kopf erhalten. Dafür erinnert noch heute ein Gedenkstein an den Landwirt Hermann Gaatz aus Rodewald, der das Tier 1948 zur Strecke brachte. Mehr als 100 Schafe und 65 Rinder sollen dem Untier bis dahin zum Opfer gefallen sein.
Weder der Würger noch MT6 haben je einen Menschen angegriffen. Beim Würger ist nicht einmal klar, wie viele Tiere er tatsächlich auf dem Gewissen hat. Vor 70 Jahren gab es noch keine Rissgutachten mit DNA-Analyse, und in der Not der Nachkriegszeit könnte das eine oder andere Schaf auch bei einer illegalen Schlachtung sein Leben gelassen haben.
Und doch sind die beiden Graupelze auch Symbole für den Triumph des Menschen über einen alten Feind. Seht her, kann sich der Mensch versichern, wir sind stärker als die Bestie.
Seit je ist der Wolf Mythos und Märchenbösewicht, wird er gleichermaßen verehrt, gefürchtet und gehasst. In der römischen Mythologie nährte eine Wölfin die Stadtgründer Romulus und Remus, im "Dschungelbuch" wuchs Menschenjunge Mowgli im Schutz eines Rudels auf. Je ein "böser Wolf" hingegen verschlang Rotkäppchen und die sieben Geißlein, der Coup jeweils eingefädelt auf hinterlistigste Weise.
Auch an derlei Volksgut mag es liegen, dass der Wolf kaum jemandem egal ist. Spätestens seit leibhaftige Wölfe in Deutschland nicht mehr nur in Zoos und Wildparks zu sehen sind, stehen sich die Lager der Wolfsliebhaber und Wolfshasser unversöhnlich gegenüber – sowohl landauf, landab bei zahllosen Diskussionsveranstaltungen zum Thema Wolf als auch in diversen Facebook-Gruppen. "Schützt die Wölfe" (6000 Mitglieder) heißt es da zum Beispiel gegen "Wolf nein danke" (11 000 Abonnenten). Auf dem Land laden immer mehr Landwirte zu "Mahnfeuern gegen den Wolf" – weil er ihnen die Tiere von den Weiden wegfrisst.
Rein wirtschaftlich hat Deutschland kein Wolfsproblem: Ja, es stimmt, Wölfe reißen Nutztiere. Im wölfischen Speiseplan ist deren Anteil jedoch verschwindend gering. Und verschwindend gering ist der Anteil auch gemessen an der Zahl jener Schafe und Lämmer, die aus anderen Gründen auf den Weiden sterben, unter der Geburt, an Hitzschlag oder Infektionen. Etwa 10 000 Tiere sind das pro Jahr allein in Niedersachsen – dem gegenüber stehen 175 eindeutig von Wölfen getötete Nutztiere.
Angriffe von Wölfen auf Menschen sind ebenfalls extrem selten, auch in Ländern, wo die Graupelze nie ausgerottet waren. Durch Hunde, Kühe oder Zecken kommen in Deutschland Jahr für Jahr Menschen zu Schaden, durch wölfisches Verschulden nicht.
Die Kosten, die der Rückkehrer bislang vor allem durch Ausgleichszahlungen an Tierhalter nach Rissen verursacht hat, erscheinen geradezu niedlich angesichts dessen, was andere Wildtiere anrichten. So wurden seit der ersten Wolfssichtung bislang 500 000 Euro für Wolfsschäden ausgegeben. Marder dagegen verursachen alljährlich rund 63 Millionen Euro Schaden an Autos; durch Verkehrsunfälle mit Wildtieren fällt noch einmal rund das Zehnfache an.
Viele Menschen empfinden den Wolf offenbar dennoch als größte Bedrohung, die die freie Natur zu bieten hat: Im dicht besiedelten Agrarland Niedersachsen, wo inzwischen nach den ostdeutschen Bundesländern die meisten Wölfe leben, wurde so der Wolf zum Thema eines Wahlkampfs, den es ohne ihn gar nicht gegeben hätte: Unter anderem wegen der allzu toleranten Haltung ihrer Partei zum Thema Wolf lief die grüne Landtagsabgeordnete Elke Twesten zur CDU-Fraktion über. Das kostete die Regierungskoalition ihre hauchdünne Mehrheit. Die Folge: Neuwahlen.
Wölfe polarisieren wie kein anderes Wildtier. Hass und Angst gehen so weit, dass immer wieder Wölfe illegal getötet werden – in Deutschland rund 20 Prozent der tot aufgefundenen Exemplare. Die meisten werden geschossen, einer wurde mit einem Auto gehetzt und mutwillig überfahren.
So wie die einen den Wolf verteufeln, so innig verehren ihn Wolfsfans. Im Fall MT6 wurde deren Wutgeheul selbst den Wildnisfreunden vom Nabu zu viel. Der Verband untersagte seinen Wolfsbotschaftern, Petitionen zur Rettung des Tieres zu zeichnen, und "Kurti", so hieß es in einem Schreiben an die Emissäre, möge man ihn doch bitte auch nicht nennen.
Dabei hat es so gut angefangen mit der Rückkehr der Wölfe. Auch davon zeugen heute Gedenksteine; viel jüngeren Datums als der für den "Würger vom Lichtenmoor". "Jahr 2000 – Wölfe in Deutschland" steht zum Beispiel auf einem Stein nahe dem sächsischen Bad Muskau, "Rückkehr der Wölfe in die Rochauer Heide 2007" auf einem Denkmal in Brandenburg .
Dass sich nach rund 150 nahezu wolfsfreien Jahren – der Würger etwa gehörte wohl zu den wenigen Wölfen, die Deutschland von Osten her durchquerten und dabei meist ihr Leben ließen – wieder Wölfe in Deutschland ansiedeln, Nachwuchs zeugen und nun Revier um Revier besetzen, ist ein Triumph für den Naturschutz. Einst durch gnadenlose Jagd vertrieben und ausgerottet, genießen Wölfe den höchsten Schutzstatus, den das europäische Naturschutzrecht hergibt. Wer einen Wolf abschießt, dem drohen schwere Strafen.
Unter diesem Schutz bezieht um 1998 ein polnisches Wolfspaar Quartier in der Oberlausitz. Im früheren Braunkohlegebiet gibt es viel Natur und wenige Menschen – und es gibt Truppenübungsplätze mit noch weniger Menschen. Hier, in der Muskauer Heide, werden im Jahr 2000 Deutschlands erste Wolfswelpen in Freiheit geboren.
Er ist wieder da. Was dann geschieht, ist ein Glücksfall für die Wildbiologie. Der Siegeszug von Canis lupus zeigt, wie sich eine einst vertriebene Gattung Lebensräume zurückholt – und wie unterschiedlich die Gegebenheiten sein dürfen, die dafür nötig sind.
Wölfe in freier Natur beobachten – dieser Traum so mancher Biologen geht mitten in Deutschland in Erfüllung. Von Anfang an begleiten Ilka Reinhard und Gesa Kluth vom Lausitzer Wolfsbüro den Siegeszug der grauen Räuber, sie vermessen Fußspuren und sammeln Kotproben. Der Nabu startet sein "Willkommen Wolf"-Programm und schult mehr als 400 ehrenamtliche Wolfsbotschafter. Jene Länder, an deren Grenzen sich Wölfe zeigten, sind jetzt "Wolfserwartungsland".
Ein Wolfsrudel ist das Ideal jener Großfamilie, die es bei den Menschen kaum noch gibt. Wenn im späten Frühjahr die Welpen im Schummerlicht der Wurfhöhle zur Welt kommen, leben auch deren ältere Geschwister, die sogenannten Jährlinge, meist noch bei den Eltern. Die Halbwüchsigen wachen bei den Babys, wenn Fähe und Rüde auf die Jagd gehen. In wildem Spiel untereinander und mit den großen Brüdern und Schwestern lernen die Welpen dann alles, was ein Wolf fürs Leben braucht.
Mit etwa anderthalb Jahren verlässt ein Jungwolf sein Rudel und geht auf Partnersuche. Wird er fündig, braucht er ein eigenes Revier. Auf ihrer Suche wandern Wölfe etwa 70 Kilometer pro Tag – das haben Forscher herausgefunden, indem sie Tiere wie MT6 mit Sendern ausgestattet haben. Auch ein solches Telemetriehalsband liegt im Landesmuseum. Erstaunlich derb und schwer ist es, aber "Wölfe haben einen kräftigen Hals", sagt Biologin Schilling.
Am Senckenberg-Forschungsinstitut im hessischen Gelnhausen hat die Biologin Verena Harms eine Methode mitentwickelt, um den genetischen Fingerabdruck eines Wolfs zu bestimmen – etwa aus Kot- oder Speichelproben, die sich am Kadaver angefressener Tiere finden. Die Forscher wissen nun, ob es sich um Spuren eines Wolfs handelt und aus welchem Rudel er stammt.
Die meisten unserer Wölfe kommen aus Polen, finden sie so heraus – und sie breiten sich schneller aus, als mancher Experte gedacht hat. Sie brauchen auch nicht die Ruhe und Abgeschiedenheit der Truppenübungsplätze. Deutschlands wildreiche Wälder bieten fast überall Nahrung satt, und je mehr Wild vorhanden ist, desto kleiner kann das Wolfsrevier sein.
Auf seinen Wanderungen nimmt ein Wolf stets den direkten Weg – da stört es nicht, wenn der durch eine Ortschaft führt. Videos von auf Dorfstraßen flanierenden Wölfen fluten das Netz und lassen viele Menschen glauben, die modernen Wölfe seien besonders fixiert auf menschliche Siedlungen. Der Eindruck mag täuschen: Als vor knapp 20 Jahren die Menschen in der Lausitz ihre ersten Wölfe sahen, gab es noch keine Smartphones. Fest steht aber: 17 Jahre nach dem ersten Wolfswurf gibt es in Deutschland laut Nabu-Statistik rund 70 Rudel, Tendenz steigend.
Mit den Wölfen kam auch Biologin Harms nach Niedersachsen. 2015 wechselte sie ans neu gegründete Wolfsbüro, seit Juli dieses Jahres ist sie dessen Leiterin – und erlebt jetzt, wie die Stimmung kippt. "Das Thema wird immer heißer", sagt Harms.
Drei Biologinnen und zwei Tierärzte erledigen im Auftrag des Umweltministeriums das sogenannte Wolfsmanagement; zudem wurde ein Agrarwissenschaftler eingestellt, der sich ausschließlich um den Herdenschutz kümmern soll.
Wolfsmanagement – das heißt: täglich Dutzende Anrufer aufklären, beruhigen, informieren. Mit Menschen reden, die wissen wollen, ob ihre Kinder im Waldkindergarten noch sicher sind und sie selbst beim Pilzesuchen. Es heißt auch Ausflüge in die Umgebung, wenn ein Bürger einen Wolf gesehen hat. Solche "Nahbegegnungen" stellen Harms und ihre Kollegen dann nach (wie nah war der Wolf tatsächlich?), sie suchen nach Trittspuren und Tierhaaren (war es ein Wolf?). "Meist war der Wolf weiter weg, als die Leute dachten", sagt Harms. Und nicht selten war es gar keiner – den Biologinnen wurden schon Füchse, Waschbären und natürlich Hunde als Wolfsbegegnung gemeldet. "Wenn die Menschen etwas im Kopf haben", sagt Harms, "dann sehen sie das auch."
Vor allem aber müssen Harms und ihre Wolfsberater ausrücken, wenn ein Wolf im Schutz der Nacht in einer Schafherde gewütet hat. Von blutigen Kadavern nehmen sie Speichelproben – Ausgleichszahlungen für die Schäfer gibt es nur, wenn genügend dafürspricht, dass wirklich ein Wolf in der Herde war und nicht ein wildernder Hund.
Harms trifft dann auf Menschen wie Kay Krogmann. Anfang August, morgens um acht, kommt ein Fischer auf Krogmanns Hof bei Cuxhaven. Er wollte nach seinen Reusen schauen, da sah er ein totes Schaf auf dem Deich liegen. Krogmann fährt hinaus zur Weide – und weiß gleich, dass es schon wieder passiert ist.
Krogmann hält 870 Mutterschafe, etwa 1800 Schafe stehen auf den Weideflächen auf der Hauptdeichlinie. Dahinter kommt die Nordsee. Durch ihren Tritt verdichten die Tiere den Boden – ohne Deichschäferei kein Hochwasserschutz.
Der Schäfer fühlt sich alleingelassen mit dem Raubtier. "Der Wolf darf hier machen, was er will", klagt er. Diesmal findet Krogmann vier Lämmer, tot, die Schädel zertrümmert. "Von einem waren nur noch Hals und Kopf übrig", sagt er, "der Rest war einfach weg, auch die Wirbelsäule." Ein Schaf mit Kehlbiss lebt noch, es stirbt nach einer Woche. Der Rest der Herde: in Panik. "Seitdem werden die Tiere unruhig, wenn sie nur einen Hund von Weitem sehen", sagt der Schäfer.
Es ist seit 2012 das achte Mal, dass Krogmann Tiere an den Wolf verliert. In sechs Fällen wurde der Graupelz als Verursacher nachgewiesen, einmal reichten die Spuren nicht aus, der jüngste Vorfall ist noch nicht ausgewertet. Besonders schlimm war es, erinnert sich Krogmann, als "Tussi" starb, das Lieblingsschaf seiner Frau. "Da habe ich mich kaum nach Hause getraut, um ihr das zu sagen."
Krogmann schützt seine Herde. Er hat Elektrozäune und die Esel Claus und Klaus. Esel sollen sich Wölfen unerschrocken in den Weg stellen und sie durch Geschrei vertreiben. Aber das klappt vielleicht bei einem einzelnen Wolf, glaubt Krogmann, nicht bei einem Rudel. Er fürchtet jetzt auch um Claus und Klaus. Schutzhunde kann er nicht auf die Weiden stellen wegen der vielen Touristen: Seine Herden grasen am Elbradwanderweg. Weil die Ausflügler zwischen den Schafen hindurchradeln, kann er seine Weiden auch nicht durchgängig wolfssicher einzäunen. Ein paar Nächte hat er sogar schon im Auto gewacht, um die grauen Räuber selbst zu vertreiben.
Auch ohne Raubtier ist es nicht leicht, von der Schäferei zu leben. Vielen Schäfern wäre es daher ganz recht, wenn es keine Wölfe gäbe in Deutschland. Aber sie wissen, dass keine Regierung die Ausrottung einer Tierart beschließen wird.
Gleichwohl wächst nun, knapp zwei Jahrzehnte nach der ersten Euphorie, das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann. Ende Juli forderte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt eine Abschussquote, der Wolf dürfe nicht "pauschal unantastbar" bleiben.
Ende August einigten sich Naturschutzverbände, Jäger und Schäfer in Berlin erstmals auf eine gemeinsame Strategie zum Umgang mit dem Raubtier. Der Abschuss einzelner Tiere soll ausdrücklich möglich sein. "Einzelne Tiere dürfen nicht die Akzeptanz für die ganze Art gefährden", erklärt Moritz Klose, Wildtierexperte beim World Wide Fund For Nature (WWF).
Wird das reichen? Oder wird es einst neue Gedenksteine geben für den letzten Wolf von Niedersachsen?
Im Landesmuseum bestaunt eine Dame mit ihrem Enkel den ausgestopften MT6. Sie kommt aus Bergen, auch dort lebt längst ein Rudel. "Ich habe schon Angst, dass die durch unseren Ort laufen", sagt sie. "Wo gehen die denn hin, wenn ein Rudel voll ist?" Biologin Schilling schenkt dem Enkel ein Pixibuch und erklärt.
"Die Tiere gehen den Menschen aus dem Weg", sagt sie am Ende. Die Besucher sind zufrieden. "Eigentlich", sagt die Großmutter dann, "ist es ja auch gut, dass der Wolf wieder da ist."
ANDREAS PEIN / LAIF
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Andreas Beerlage Wolfsfährten. Alles über die Rückkehr der grauen Jäger. Gütersloher Verlagshaus; 240 Seiten; 19,90 Euro.
Von Julia Koch

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