17.10.2017

Bürger im Tierreich

Ob Hund, Elefant, Affe oder Pferd: Viele Kreaturen zeigen Fähigkeiten, die wir lange nur dem Menschen zugetraut haben. Was heißt das für unseren Umgang mit den tierischen Nachbarn? TEXT Andrea Mertes FOTOS Lêmrich
Bürger im Tierreich
Ein kurzes Zaudern genügt, und schon hat Svetlana ein Autoritätsproblem. Auf mehrere Meter Entfernung sieht ihr Angestellter Gueet der jungen Frau an, dass er sich vor dem Job drücken kann, den Svetlana für ihn vorgesehen hat. Da mögen seine Kollegen Lotte und Benny brav den Kopf senken, der Wallach denkt gar nicht daran. Stattdessen behält Gueet das Haupt oben und spitzt die schwarz behaarten Ohren aufmerksam nach vorn. Den Job kann ihm Svetlana jetzt nicht aufhalsen. Um ihm einen Plastikreif umzuhängen – darin bestand die Aufgabe –, ist das hoch aufgerichtete Friesenpferd viel zu groß.
Was nun? Svetlana hält inne. Hier in der Reithalle von Gerhard Krebs soll die Assistentin der Geschäftsführung lernen, wie man Mitarbeiter führt, in diesem Fall ein Pferd. Soll sie Druck machen? Die Konfrontation suchen? Die 33-Jährige wählt eine dritte Strategie. Zuerst streichelt sie Benny sanft den Nasenrücken. Dann schaut sie geduldig zu Gueet hinüber. Nimm dir Zeit, sagt der Blick. Ich gebe sie dir. Der mächtige Friese scheint darüber nachzudenken. Schließlich senkt er den Kopf. Und lässt sich den Plastikring doch noch überstreifen.
Für Svetlana ist das das Aha-Erlebnis des pferdegestützten Seminartags: "In meinem Beruf muss ich mir vor den Männern häufig Respekt verschaffen. Hier habe ich gelernt, dass ich dafür nicht auf die Kacke hauen muss."
Wer führen will, braucht beides: Durchsetzungskraft und Kooperationsfähigkeit. Mit Unterstützung von Pferden bringen Persönlichkeitstrainer wie Gerhard Krebs ihren Kunden genau diese Führungsqualitäten bei. Gueet, Benny oder Lotte folgen nur, wem sie vertrauen. Diese Gewissheit beziehen sie jedoch nicht aus Überredung. Sondern aus Beobachtung und Einschätzung ihres Gegenübers. Sie sind komplexe soziale Wesen: Als Herdentiere besitzen sie die natürliche Bereitschaft, Nähe aufzubauen. Als Fluchttiere reagieren sie auf die kleinste Bedrohung mit Distanz. In ihrer sozialen Gemeinschaft kämpfen sie um einen Platz in der Hierarchie. Freiwillig ordnen sie sich nur demjenigen unter, dem sie Führung zutrauen. "Sie sind deshalb ein idealer Spiegel für unser Verhalten", sagt Krebs.
Eine wachsende Zahl von Menschen sucht in tiergestützten Trainings diesen Spiegel. Und macht sich so das gemeinsame Erbe der Evolution zunutze.
Dass Mensch und Tier weniger trennt, als sie verbindet, war für den Naturforscher Charles Darwin eine klare Sache. Die Grundzüge ihrer gemeinsamen Ahnenreihe hat der Stammvater der Evolutionslehre vor über 150 Jahren in seinem Werk "Über die Entstehung der Arten" beschrieben. Wenn der Mensch ein Produkt der Evolution ist, schlussfolgerte Darwin, dann hat er in der Natur keine Sonderstellung mehr. Er muss als Tier unter Tieren gelten.
Heute öffnet sich der Wissenschaft daraus ein riesiges Forschungsgebiet. Von der Evolutionsbiologie und kognitiven Ethologie über die Psychologie, Anthropologie oder Philosophie bis hin zu den Kulturwissenschaften beschäftigt sich die Wissenschaft damit, wie viel Tier noch im Homo sapiens steckt – der ja zur Familie der Primaten gehört. Laufend entdecken Wissenschaftler dabei neue Gemeinsamkeiten zwischen dem Menschen und seinen tierischen Verwandten – sei es Rabe, Elefant, Haushund oder Huhn.
In den vergangenen Jahren haben Forscher immer mehr erstaunliche Erkenntnisse gewonnen: Hunde verstehen Symbolsprache. Buschhäher planen ihre Zukunft. Buckelwale bringen Artgenossen Jagdtechniken bei. Auch steigt die Zahl der Belege dafür, dass Tiere über kognitive Leistungen hinaus ein großes Repertoire an moralischen Verhaltensweisen besitzen.
Raben beispielsweise haben einen ausgeprägten Sinn für Fairness. Das konnten Kognitionsbiologen um Jorg Massen von der Universität Wien nachweisen. In ihrem Versuch boten sie den Vögeln ein Tauschgeschäft an, dem diese nicht widerstehen konnten: Gibst du mir das Stück Brot, bekommst du von mir deinen heiß geliebten Käse. Ein verlockender Deal, aus Rabensicht. Allerdings mussten die Schwarzgefiederten bald lernen, dass sie einigen Menschen nicht über den Weg trauen können: Statt den Käsehappen im Tausch auszuhändigen, steckten sich die menschlichen Versuchsteilnehmer den Leckerbissen selbst in den Mund. Für die Raben offenbar eine echte Gemeinheit, aus der sie lernten: Noch Wochen später mieden sieben der neun getesteten Raben bei weiteren Versuchen die unredlichen Tauschpartner.
Für Marc Bekoff sind solche Erkenntnisse nichts Ungewöhnliches. Seit 40 Jahren treibt den amerikanischen Verhaltensbiologen die Frage an, wie Tiere die Welt erleben und was sie dabei empfinden. Er beschreibt Ratten, die sich weigern, einen Futterhebel zu betätigen, wenn sie sehen, dass eine andere Ratte dadurch einen Stromschlag erhält. Und Elefanten, die in aufwendigen Ritualen um ihre Verwandtschaft trauern. In seinem Buch "Sind Tiere die besseren Menschen?" listet er zahlreiche Fälle von Kooperation oder Gerechtigkeit im Tierreich auf.
Für ihn steht fest, dass Tiere nicht nur über die Fähigkeit zur Fairness, sondern auch über eine regelrechte Moral verfügen. Eine Eigenschaft, so meint Bekoff, die sich im Lauf der Evolution kontinuierlich entwickelt hat und in ihrer ganzen Komplexität beim Menschen auftritt. Aber eben nicht nur bei ihm. Weshalb wir Tiere als verwandte Wesen begreifen sollten: "Wir sind nicht die einzigen moralischen Lebewesen. Menschen sollten stolz sein, dass sie Bürger im Tierreich sind."
Kein Bürger dieses Reichs steht uns dabei näher als unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen. Heute weiß man, dass Mensch und Schimpanse genetisch fast identisch sind und sich nur um gut ein Prozent ihres Erbguts unterscheiden. Allerdings hat der Mensch auch 70 Prozent seiner Gene mit dem kleinen krummen Eichelwurm gemeinsam, der am Meeresboden lebt. Genetik ist eben nicht alles.
Was Mensch und Affe verbindet und was sie unterscheidet, das erforscht das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Und weil sich manches Rätsel unserer gemeinsamen Stammesgeschichte nur interdisziplinär lösen lässt, tauschen hier fünf Abteilungen ihr Wissen aus. Die Entdeckungen der Leipziger Forscher sorgen seit Jahren für Aufsehen: Unter anderem konnten sie nachweisen, dass Affen uns extrem ähnlich sind, wenn sie auf sich allein gestellt bestimmte Probleme lösen sollen. Sie können beispielsweise sehr gut mit Werkzeug umgehen und sich damit auch für die Zukunft rüsten, wie Studien mit Orang-Utans und Bonobos zeigten.
Und ihre Lösungsansätze sind bisweilen auffällig kreativ, wie Daniel Hanus und seine Kollegen aus der Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie überrascht feststellten. Die Biologen stellten Orang-Utans eine Denksportaufgabe: Wie kommt man ohne Werkzeug an eine Erdnuss, die in einer Plexiglasröhre liegt? Die Röhre war an den Außenseiten der Käfige montiert, die begehrte Nuss mit den Fingern nicht zu fassen. Sie schwamm unerreichbar tief auf einer kleinen Menge Wasser.
Die Lösung der Affen war so verblüffend wie einfach: Sie liefen zu einem nahen Wasserspender, saugten sich den Mund voll und spuckten das Wasser anschließend ins Röhrchen. Nach wenigen Wiederholungen war die Nuss in Griffweite. Ziemlich clever, wie ein Vergleich mit 72 Kindern im Alter von vier, sechs und acht Jahren zeigte. Längst nicht alle von ihnen kamen auf dieselbe Idee wie ihre rothaarigen Verwandten. Von 24 Kindern im Alter von vier Jahren schafften es gerade mal zwei. Neben der genetischen Ähnlichkeit sind solche Fähigkeiten der Grund, warum immer mehr Tierethiker wie auch Biologen fordern, den vier Großen Menschenaffen auch Menschenrechte einzuräumen.
Auch wenn solche Grundrechte noch Zukunftsmusik sind – die vermutete Kluft zwischen Mensch und Tier schrumpft. Die nächsten Fragen der Wissenschaft richten sich darauf, ob Tiere Absichten haben und eine Form von Ich-Bewusstsein. Welche Schlüsse können wir daraus ziehen, wenn ein Schimpanse sich selbst im Spiegel erkennt? Eine Antwort darauf ist in nächster Zeit nicht zu erwarten. Dafür weiß der Mensch zu wenig über die Tiere, die er beobachtet. Und über sich selbst.
Klar scheint nur dies: Obwohl der Unterschied zwischen Tier und Mensch in Einzelaspekten graduell ist, ist der Mensch in der Gesamtheit seiner Eigenschaften so fortgeschritten, dass er etwas vollkommen Eigenes ist. Seine Fähigkeiten markieren einen Qualitätssprung in der Natur.
Svetlana kommt am Ende des Tages zu demselben Schluss. Insgeheim hatte sich die Management-Assistentin nicht nur zum Seminar angemeldet, um ihre Führungskompetenz zu stärken. Auch ihre Scheu vor Pferden wollte sie in der Reithalle von Gerhard Krebs überwinden. Und dann steht ihr der riesige Ostfriese Gueet gegenüber, der sich schließlich willig am Halfter führen lässt. Pferde reagieren auf klare und einfache Botschaften. "Es war leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen", resümiert Svetlana. "Wir Menschen sind da viel komplizierter."
Der Verhaltensforscher Günter Tembrock brachte die Sache so auf den Punkt: "Es steckt das ganze Tier im Menschen, aber nicht der gesamte Mensch im Tier."
Andrea Mertes ist erstaunt, wie schlau ihr Retriever ist: Er bemerkt, wenn in einem Telefonat über ihn gesprochen wird.

Elefanten trauern um ihre Verwandten.

SPIEGEL WISSEN 5/2017
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