17.10.2017

„Tauben werden unterschätzt“

Der Bochumer Biopsychologe Onur Güntürkün über die Lernstrategien von Vögeln und Menschen
DENKEN
SPIEGEL: Herr Professor Güntürkün, Sie haben sich in Ihrer Forschung intensiv mit dem Denken von Tauben beschäftigt. Wissen Sie, was denen durch den Kopf geht, wenn sie im Käfig auf der Stange hocken?
Güntürkün: Ich habe keine Ahnung, was eine Taube dann denkt. Das ist, glaube ich, nicht nur eine ehrliche, sondern auch eine kluge Antwort. Denn alles andere würde dazu einladen, etwas in das Tier hineinzuinterpretieren. Ich kann aber nichts darüber sagen, wie es mir ginge, wenn ich eine Taube wäre. Weil ich keine bin. Uns Menschen fällt die Vorstellung schwer, dass andere Tiere wirklich ganz anders sind als wir selbst.
SPIEGEL: Inwiefern sind denn Tauben anders?
Güntürkün: Vögel sind ein alternatives Modell zum Säugetier. Wir sind ja groß geworden mit dem Mythos, dass Säugetiere einzigartig sind in ihren denkerischen Fähigkeiten. Die Evolution des Denkens, so lautet die Legende, hängt mit der Hirnrinde, dem Cortex, zusammen und mit deren Verschaltungsprinzipien. Nur ist diese Theorie eben falsch. Die Natur hat uns eine zweite Gruppe von Lebewesen gegeben. Vögel, deren Gehirne radikal anders aufgebaut sind. Und doch bringen Vögel die gleichen kognitiven Leistungen hervor wie Säugetiere, überflügeln sie teilweise sogar. Es ist ein Geschenk der Natur, dass wir damit zwei alternative Modelle kennen, deren Anatomie so unterschiedlich wie ihre Funktionalität ähnlich ist.
SPIEGEL: Tauben sind also vielleicht genauso gewitzt wie Ratten? Oder Hunde?
Güntürkün: Sie werden auf jeden Fall unterschätzt. Doch das Tolle an Tauben ist nicht, dass sie besonders schlau sind. Sondern, dass sie ein ungeheures Lernvermögen besitzen. Und das hängt mit ihrer enormen Frustrationstoleranz zusammen. Darin sind sie geradezu beamtenhaft.
SPIEGEL: Diese Eigenschaft macht sie zu geduldigen Versuchstieren. Sie mussten bei einem Ihrer Experimente Hunderte Wörter lernen und später falsche identifizieren. Wie haben die Tauben das geschafft?
Güntürkün: Tauben lernen die statistischen Wahrscheinlichkeiten zu erkennen, mit denen bestimmte Buchstabenkombinationen auftreten. Denn innerhalb einer Sprache gibt es bestimmte Anordnungen von Buchstaben, die sehr wahrscheinlich, und andere, die sehr unwahrscheinlich sind. Wir Menschen glauben, dass der Orthografie ein Regelwerk zugrunde liegt. Doch das stimmt so nicht.
SPIEGEL: Wir wissen allerdings, was Grammatik ist.
Güntürkün: Sie kennen doch Diskussionen darüber, wie ein Wort geschrieben wird. Können Sie da die orthografische Regel benennen, um Ihre Argumente zu begründen? Wahrscheinlich nicht. Doch Sie haben ein Bauchgefühl, was richtig ist und was falsch. Dahinter steht eine statistische Wahrscheinlichkeit. Auf dieser Ebene sind wir wie die Tauben. Wir erwerben Sprache nicht nach komplizierten Regeln. Sondern nach Wahrscheinlichkeiten. Vieles von dem, was wir tun, ist sehr simpel. Wir sind uns dessen nur nicht bewusst.
SPIEGEL: Liegt es an der ähnlichen Funktionalität, dass Tauben sogar eine Sprache lernen können?
Güntürkün: Sie können sich zumindest orthografische Regeln aneignen. Das haben wir in einer Studie belegt. Die Tauben in diesem Experiment sollten lernen, Wörter und Nichtwörter auseinanderzuhalten. Im Lernprozess haben sie die gleichen Strategien genutzt wie zum Beispiel Grundschulkinder.
SPIEGEL: Noch ein Beleg dafür, dass Tauben schlau sind.
Güntürkün: Nein, noch ein Beleg für eine Überhöhung. In welcher Weise sind sie schlau? Sie lernen zwar englische Vokabeln, aber es ist ihnen völlig egal, was der Nachbartaube passiert. Sie lernen noch nicht einmal aus dem, was der Nachbartaube passiert. Weil es ihnen wurscht ist. Sie interessieren sich nicht für ihre Artgenossen. Das würde Ihnen und mir nicht passieren.
SPIEGEL: Weil wir Menschen sind?
Güntürkün: Ich bin Naturwissenschaftler. Deshalb bestehe ich darauf, dass auch wir Menschen Tiere sind. Jedoch solche, deren gedankliche Differenzierung unendlich größer ist als alles das, was wir im Tierreich sonst finden.
Interview: Andrea Mertes

SPIEGEL WISSEN 5/2017
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