18.11.2017

Korn essen, nicht trinken

Die falsche Ernährung kann Krebs auslösen – die richtige das Risiko für die Erkrankung senken.
Dass Rauchen Krebs verursacht, weiß wohl fast jeder. Doch auch auf harmlos aussehenden Lebensmitteln müssten Bilder von Geschwüren und Siechtum prangen. Denn falsche Ernährung ist für mehr Krebstote verantwortlich als Rauchen. Im EU-Raum hängen etwa 460000 dieser Todesfälle pro Jahr mit Essen und Trinken zusammen; 16 Mal mehr Menschen sterben an ernährungsbedingtem Krebs als im Straßenverkehr.
"In der Bevölkerung ist kaum Wissen darüber vorhanden, dass Krebs durch falsche Ernährung ausgelöst werden kann", sagt Siegfried Knasmüller vom Institut für Krebsforschung an der Medizinischen Universität Wien. "Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind und an Diabetes leiden, beides Risikofaktoren für Krebs." Knasmüller zählt zu den führenden Forschern in Europa, die sich mit den Einflüssen der Ernährung auf Krebserkrankungen beschäftigt haben.
Die ersten Kanzerogene in Lebensmitteln wurden in den 1930er Jahren isoliert. Heute gilt: Tabakkonsum, Alkohol und Ernährung sind für knapp 70 Prozent aller Krebstode verantwortlich. Dabei ist Alkohol der größte Risikofaktor unter den Substanzen, die man verzehrt; er wird umgewandelt in eine Substanz, die das Erbgut zerstört. Bei 40 Gramm Alkohol pro Tag bei Frauen oder 60 Gramm bei Männern steigt das Risiko messbar. Besonders gefährlich: die Kombination aus Rauchen und Alkohol.
Auch die Zusammenhänge zwischen Fleischkonsum und Dickdarmkrebs sind bestens untersucht: Je weniger Fleisch jemand isst, desto geringer ist das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken. Der Fleischverzehr hat sich in Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg fast verdreifacht; statistisch vertilgt jeder Deutsche rund 60 Kilogramm Fleischwaren pro Jahr. Der World Cancer Research Fund empfiehlt hingegen höchstens 500 Gramm Fleisch pro Woche. Bei manchen religiösen Gruppen, etwa den Siebenten-Tags-Adventisten, die keinen Alkohol trinken und wenig Fleisch essen, ist das Risiko, an Krebs zu erkranken, sehr niedrig. Sie nehmen viele ballaststoffreiche Nahrungsmittel zu sich.
Aber auch Pflanzen enthalten krebsfördernde Substanzen, die etwa durch Schimmelpilze entstehen oder natürlicherweise vorkommen. Viele Forschungsdaten zum Krebsrisiko dieser Lebensmittel stammen allerdings aus Tierexperimenten, und in vielen Studien wurde mit hohen Konzentrationen dieser Stoffe gearbeitet, die niemand über normalen Konsum aufnehmen kann. Das Gleiche gilt für viele krebshemmende Substanzen, etwa wenn es um die Wirkung von grünem Tee geht. "In unseren Breiten trinkt man viel zu wenig davon, um einen Schutzeffekt zu haben", sagt Knasmüller.
Omega-3-Fettsäuren scheinen sich krebshemmend auszuwirken, sie kommen etwa in Fisch oder Leinöl vor. Schaut man Studien an, die den Obst- und Gemüsekonsum beleuchten, sind die Schutzeffekte durchaus eindrucksvoll. Das liegt vor allem daran, dass die positiven Effekte in Organen zu wirken scheinen, die häufig von Krebs betroffen sind. Eine Analyse kommt zu dem Schluss, dass der zusätzliche Konsum von 80 Gramm Obst und Gemüse pro Tag rund 20000 Krebsfälle pro Jahr in den USA verhindert hätte – wer noch mehr Grünzeug isst, hat offenbar aber keine zusätzlichen Vorteile.
Knasmüller empfiehlt vor allem Vollkornnahrung. "Getreide verringert das Risiko, an Übergewicht und Diabetes zu erkranken. Auch sonst sind jede Menge bioaktive Inhaltsstoffe in Vollkornprodukten enthalten", sagt er. Am Ende gilt: Nur wenige Lebensmittel sind in den üblichen Dosen wirklich krebserregend. Der Ernährungsforscher sieht das wahre Problem darin, dass Menschen zu viel "wertfreie" Nahrung zu sich nehmen – Speisen, die nicht vor Krebs schützen, häufig Fertigprodukte. "Es gibt nicht die eine Ernährungsempfehlung. Aber es ist auch nicht richtig, dass jeder Mensch selbst weiß, was gut für ihn ist. Fettleibigkeit ist eine der größten Gefahren. Das muss jedem klar sein."

Die Anti-Krebs-

Schutzeffekte von Obst und

Gemüse sind eindrucksvoll.

Von Martin U. Müller

SPIEGEL WISSEN 99/2017
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