04.05.2010

Unterleiber auf dem Pult

Heranwachsende wissen heute nicht mehr über ihren Körper als früher und schämen sich im Sexualkundeunterricht wie die Generationen vor ihnen. Nur Sprache und Gehabe sind rauer in einer Umwelt, in der schon Grundschüler Pornovideos kennen.
Die Frage kommt aus der letzten Reihe. Dort hängen vier Jungs auf ihren Stühlen, Kapuzenpullover, Gel im Haar, und versuchen, lässig zu wirken. Es ist erst kurz nach acht und ein schwieriger Morgen. Sie sind in der siebten Klasse, zwölf oder dreizehn also, sie haben in der ersten Stunde Bio und gerade dieses neue Thema angefangen.
"Wo is'n der G-Punkt?", ruft einer der Jungs.
Es ist nicht ganz klar, ob es wirklich eine Frage ist oder eher ein Test für Frau Fürst, die vorn eine Karte aufgehängt hat. Auf der Karte sind Frauenunterleiber abgebildet, von vorn und von der Seite, jeweils in der Mitte aufgeschnitten und gezeichnet wie in einem Lexikon. Das neue Thema im Biounterricht ist Sex.
"Später", antwortet Frau Fürst. Sie bittet darum, zügig die Arbeitsblätter auszufüllen, die sie verteilt hat. Heidi Fürst unterrichtet seit vielen Jahren Biologie an der Thomas-Mann-Oberschule, einer Gesamtschule im Norden von Berlin, eine kleine Frau, hochgeschlossene Bluse, feste Stimme. Von einem G-Punkt lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen.
Jeder soll sich mal von innen beschauen, sagt Frau Fürst. Auch auf den Arbeitsblättern sind Unterleiber, von Männern und Frauen. Auf dem Pult liegen Unterleiber aus Plastik, zu dem der Frau gehört ein Neugeborenes, Originalgröße, das man in die Gebärmutter stecken kann. Es ist ein sonniger Morgen, der Biologiefachraum 223 liegt in gleißendem Licht, das alles noch medizinischer wirken lässt.
Den Schuhkarton mit den Holzpenissen und dem Päckchen Kondomen hat Frau Fürst allerdings an diesem Morgen noch nicht mit aus dem Lehrerzimmer herübergebracht. Kondome werden sie in einer späteren Unterrichtseinheit aufziehen. Es ist noch Zeit, zwölf Stunden Sexualkunde sind im Plan vorgesehen. In den ersten Stunden haben sie einen Film übers Erwachsenwerden gesehen, nun geht es um die für die Fortpflanzung notwendigen Organe.
Vermutlich haben einige der Jungs hinten längst mehr gesehen, als ihre Lehrerin auf dem Pult ausgebreitet hat. Viel mehr. Unterleiber von lebendigen Frauen und Männern, von vorn, von der Seite, von hinten, auf alle möglichen Arten miteinander verbunden. In kleinen Videos oder auf Bildern, im Internet oder auf dem Handy. Jedes dritte 11- bis 12-jährige Kind habe schon mal "pornografische Bilder oder Filme" gesehen, stand im vergangenen Jahr in der "Dr.-Sommer-Studie" der "Bravo". Von den 13- bis 17-Jährigen waren es sogar schon drei Viertel.
"G-Punkt, hä?", fragt ein Mädchen aus der zweiten Reihe. Auf ihrem Arbeitsblatt kommt kein solcher Punkt vor, das Mädchen kichert, ein erster kleiner Erfolg für die Jungs. Auf den Blättern der Mädchen sind Frauenkörper, auf denen der Jungen Männerkörper, außerdem Begriffe, die Körperteilen zuzuordnen sind, Vorhaut und Schwellkörper, Kitzler und Eileitertrichter.
In der Biostunde von Frau Fürst sitzen sieben Mädchen und acht Jungen, an der Schule werden die Klassen für den Fachunterricht aufgeteilt. Keiner aus der Gruppe kann oder will nach vorn kommen und die inneren und äußeren Geschlechtsorgane auf der Karte zeigen. Also macht Frau Fürst das selbst. "Was ist eigentlich ein Hoden?", will ein Junge wissen. Seine Kumpels bringen die Mädchen dazu, auch mal nach dem G-Punkt zu fragen. Es ist das Wort der Stunde. Eine kleine Stelle im Inneren der Frau, so etwas sagt die Lehrerin irgendwann.
"Und wofür is'n das?"
"Damit man es schön findet."
Ein Kollege von Frau Fürst, der auch schon lange Biologie an der Thomas-Mann-Schule unterrichtet, sagt, dass jeder Lehrer erst mal eine Klamauk-stunde durchstehen muss, wenn es um Sex geht. Das sei schon immer so gewesen. Nur die Worte, mit denen die Schüler sich und den Lehrer ausprobieren, seien jetzt mitunter krasser. Die Kinder seien schon früh sehr sexualisiert.
Die Schule liegt im Märkischen Viertel, einem Neubaugebiet, aber viele Schüler kommen auch aus anderen Stadtteilen. Es ist eine Schule, an der es viele Einwandererkinder gibt, an der man den mittleren Schulabschluss machen kann und auch das Abitur, keine Problemschule, kein Elitegymnasium. Die Lehrer haben es mit ganz normalen Großstadtjugendlichen zu tun.
"Die Aufgabe der Lehrer ist es", sagt Svea Rosenbusch, die den Biologie-Fachbereich leitet, "einen respektvollen Umgang zu etablieren. Und dafür zu sorgen, dass die Schüler über ihren Körper Bescheid wissen."
Obwohl die Kinder viele Bilder gesehen und viele Worte aufgeschnappt haben, schämen sie sich immer noch genauso wie vor Jahren, wenn sie über ihre Körper reden sollen. Und sie wissen eigentlich auch nicht mehr darüber als früher, sagen die Lehrer.
In der nächsten Biostunde, ein paar Tage später, teilt Frau Fürst ihre Gruppe. Sie wird an diesem Morgen nur die Jungen unterrichten, in einem anderen Raum. Die Mädchen sollen sich um einen der breiten Experimentiertische im Fachraum setzen, zu einer Ärztin. Als alle da sind, stellt sie sich vor und fragt: "Und, was meint ihr, warum ich gerade in der siebten Klasse hier sitze?"
"Weil da die Pubertät beginnt?", fragt eine Schülerin zurück.
Heike Eversheim ist Gynäkologin und arbeitet für die Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau, ÄGGF, eine Organisation, die seit Jahrzehnten Ärztinnen in ganz Deutschland in die Schulen schickt, vor allem zu den Mädchen. Seit sieben Jahren kommt Heike Eversheim in die Thomas-Mann-Oberschule.
Die Schülerinnen sitzen erst mal mit harten Gesichtern um den Tisch. Zwei kauen Kaugummi und basteln sich Ringe aus dem Silberpapier, eine lässt die Ohrstöpsel ihres MP3-Players drin. Es gibt viele Möglichkeiten, auf Abstand zu gehen, allein schon zu diesem Wort: Frauenärztin.
Es wird alles noch schlimmer, als Heike Eversheim auf die Anatomie des weiblichen Unterleibs zu sprechen kommt, und auf einen kleinen Spiegel. Mit so einem Spiegel könne man sich auch mal selbst angucken.
"Iiiiih. Äääääh".
Heike Eversheim lässt die Mädchen Kaugummi kauen und kreischen, und sie fragt und fragt, mit leiser Stimme. Woran merkt ihr, dass ihr in der Pubertät seid? Was verändert sich an euch? Was glaubt ihr, wie viele Mädchen mit 14 schon Geschlechtsverkehr gehabt haben? Wie viele sind es wohl mit 18?
"100 Prozent", sagt ein Mädchen. Nun, sagt Eversheim, mit 14 hätten 10, vielleicht 15 Prozent der Mädchen schon mal mit einem Jungen geschlafen. Und mit 18 auch erst zwei Drittel.
Als sie dann noch versichert, dass beim ersten Frauenarztbesuch eines Mädchens nicht viel mehr passiert, als beim Kinderarzt, Blut abnehmen, Ultraschall vielleicht und Ärzte eine Schweigepflicht haben, auch sie selbst in diesem Moment, wird es ruhig im Raum.
Die Mädchen fragen nun auch viel. Es geht um Geschlechtskrankheiten, die Pille danach, die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Die Schülerinnen wirken wie kleine, ernste Frauen, auch das geht mit 12 oder 13, wenn die Jungs nicht im Raum sind.
Die meisten Fragen haben sich nicht verändert, sagt auch Heike Eversheim. Sie erklärt immer noch den Zyklus und wie ein Kondom richtig aufgesetzt wird. Aber sie ist sich auch sicher, dass etwas grundlegend anders geworden ist. Die Kinder wachsen in einer Welt auf, in der Sex sichtbarer geworden ist. Das erzeuge Druck, selbst Sex zu haben.
Sie sei auch an Grundschulen inzwischen von Kindern schon auf Sexfilme angesprochen worden, sagt sie, selbst von Kindern, von denen sie das nie erwartet hätte. Von 11-jährigen Mädchen aus muslimischen Familien etwa. Manche harte Szene werde von Schülerhan-dy zu Schülerhandy geschickt, die Kinder wollen dann wissen, ob das, was sie da sehen, überhaupt so gehe. "Das ist Film", sagt Eversheim ihnen. Filme sind nicht das echte Leben, weder Actionfilme, noch Pornos. Filme sind Phantasiewelten.
Aber es gibt noch ein Thema, mit dem die Frauenärztin bei ihren Schulbesuchen immer mehr Zeit verbringen muss, weil die Mädchen alles darüber wissen wollen. Nicht nur die muslimischen Mädchen, sondern auch alle anderen.
Es geht um ein kleines Teil des weiblichen Unterleibs, das übrigens auch nicht auf den Arbeitsblättern der Siebtklässlerinnen eingezeichnet war. Das Jungfernhäutchen.

HETERO, HOMO, TRANS UND BI
Sexualkunde gehört in deutschen Schulen zum Grundlehrstoff - was nicht heißt, dass alle Bundesländer das Gleiche darunter verstehen.
In der Grundschule wird zum ersten Mal über Sex geredet, ab der siebten Klasse ausführlicher - so sehen es die Lehrpläne in Deutschland vor. Wann und was genau im Unterricht besprochen wird, ist in jedem Bundesland etwas anders. Drei Beispiele:
Wenn Kinder in Berlin nach sechs Jahren aus der Grundschule kommen, dann sollen sie im Fach Naturwissenschaften über die Pubertät gesprochen haben und über "Fragen zur menschlichen Sexualität". Im Rahmenlernplan steht, dass es schon in der Grundschule um "hetero-, homo-, trans-, bisexuelle Lebensformen" gehen soll, um Verhütungsmittel und Aids. In der siebten oder achten Klasse sind die Pflichtthemen "Pubertät - ich verändere mich" und "Sexualität und sexuelle Orientierung" in Biologie dran. Die Liste der möglichen Themen ist lang, selbst über Pornografie oder Viagra kann geredet werden. In der neunten oder zehnten Klasse geht es ausführlich um Schwangerschaft.
Hamburger Gymnasiasten etwa sollen am Ende der sechsten Klasse auch wissen, was sich in der Pubertät an ihnen verändern wird und wie Babys gezeugt und geboren werden. In der siebten Klasse wird über Sex gesprochen, der Rahmenplan schlägt Selbstbefriedigung, Petting, aber auch Enthaltsamkeit als mögliche Themen vor. Über Homosexualität soll geredet werden, und zwar so, dass Vorurteile dabei verschwinden. Vorschlag für ein Schülerexperiment: Kondome auf ein Penismodell ziehen. In der zehnten Klasse geht es am Gymnasium ausführlich um Sexualhormone und den Zyklus.
Naturnahe Übungen, wie das Kondomtraining, absolvieren bayerische Schüler bereits in Klasse vier - wenn auch an der Banane. Beim Tamponversuch stellen Neunjährige fest, dass so ein Wattestöpsel eine beachtliche Menge Flüssigkeit aufsaugen kann. Ob die Sexualkunde, die im Rahmen des Heimat- und Sachkundeunterrichts stattfindet, für diese Jahrgangsstufe anschaulich oder eher trocken ausfällt, liegt an der einzelnen Lehrkraft. In den "Richtlinien für die Familien- und Sexualerziehung in den bayerischen Schulen", gültig seit 2002, ist nicht einmal von Petting, geschweige denn von Selbstbefriedigung oder alternati-ven Lebensformen die Rede. Dafür häufig von Ehe und Familie.
Um die Rollenverteilung in der Familie soll es danach in der Grundschule gehen, dann um das "Verhalten von Mädchen und Buben", ab Klasse 7 um die "Problematik früher Sexualbetätigung", Sittlichkeit und den Schutz des ungeborenen Lebens. "Stimulation wie auch Verängstigung" der Schüler im Unterricht sind zu unterlassen. Unverkrampfte Lehrer informieren mit Hilfe von Leporellos und Comics über alles von Anmache bis Oralverkehr, und sie führen jene Synonyme für den Beischlaf in den Unterricht ein, denen ihre Schüler auf dem Schulhof ansonsten hilflos ausgesetzt wären.
In Berlin, Hamburg und Bayern sollen Kinder früh lernen, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. In allen drei Ländern ist das Grundschullehrstoff.
Sexualkunde in der Schule
PENISMODELLE
Jeder Lehrer muss erst mal eine Klamaukstunde durchstehen, wenn es um Sex geht.
GESCHLECHTSKUNST
"Part of mine", kurz Paomi, nennt die Künstlerin Doris Kupfer ihre Aufklärungskissen in Organform.

ACTION PRESS (L.); PAUL GRAVES (R.)
ILLUSTRATIONEN: PAUL GRAVES
Von WIEBKE HOLLERSEN

SPIEGEL WISSEN 2/2010
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