23.08.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wie bei Kalb und Kuh“

Der Schweizer Kinderarzt und Buchautor Remo Largo über elterlichen Förderwahn und Vorurteile gegen Computerspiele
SPIEGEL: Herr Largo, Sie haben drei erwachsene Töchter. Ist Ihnen die Erziehung Ihrer Kinder immer leicht gefallen?
Largo: Nein. Obwohl ich als Kinderarzt ja viel Erfahrung mit Kindern hatte. Aber auch bei uns zu Hause gab es Reibereien.
SPIEGEL: Ist das nicht in jeder Familie normal?
Largo: Natürlich. Konflikte zwischen Eltern und Kindern sind unvermeidlich. Auch die kompetentesten Eltern können sie nicht verhindern. Entscheidend ist, ob Eltern und Kinder sich immer wieder finden. Konflikte können letztlich nur mit Vertrauen überwunden werden.
SPIEGEL: Wie erreicht man das?
Largo: Zeit ist ein enorm wichtiger Faktor. Je mehr Zeit ich mit einem Kind verbringe, desto vertrauter bin ich mit ihm, desto glaubwürdiger und überzeugender bin ich für das Kind, gerade auch wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt. Für mich war es immer ein großer Unterschied, ob ich unter der Woche nur abends zu Hause war oder am Wochenende den ganzen Tag mit den Kindern verbrachte. Am Samstag und Sonntag gehorchten mir die Kinder besser.
SPIEGEL: Ist es in den ersten Lebensjahren für ein Kind besonders wichtig, dass die Eltern viel Zeit mit ihm verbringen?
Largo: Ja. Seit den sechziger Jahren wissen wir, dass wir Menschen wie alle Säugetiere ein Bindungsverhalten haben. Genauso wie sich ein Kalb an seine Mutterkuh bindet, bindet sich ein Kind an seine Eltern und andere Bezugspersonen. Ein Kind kann nicht allein sein - damit es ihm psychisch gutgeht, braucht es jederzeit den Zugang zu einer vertrauten Person.
SPIEGEL: Vater und Mutter sollten am besten stets bei ihm sein?
Largo: Nein. Aber eine Vertrauensperson sollte immer verfügbar sein. Ich denke, das ist das Wichtigste überhaupt für Kinder jeden Alters. Leider ist das oft nicht gegeben. Und dabei geht es nicht nur um physische Präsenz, sondern auch um psychische.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Largo: Vater und Mutter vor dem Fernseher oder dem Computer sind wohl physisch anwesend, aber für das Kind sind sie dennoch nicht verfügbar. Es ist, als wären sie gar nicht da.
SPIEGEL: Wenn eine feste Bindung für ein Kind in den ersten Jahren so prägend ist, wie früh dürfen Eltern ein Kind dann in einen Hort, eine Kita oder einen Kindergarten geben?
Largo: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat die Mutter als Bezugsperson keine Sonderstellung. Erst über gemeinsame Erfahrungen werden Mutter und Vater zu Hauptbezugspersonen. Diese Zeit müssen die Eltern sich und dem Kind geben. Ein Kind fühlt sich bei allen Menschen wohl, die seine körperlichen und psychischen Bedürfnisse liebevoll erfüllen und dem Kind vertraut sind. Das Problem vieler Kinderkrippen ist weniger, dass die Mutter nicht da ist, sondern dass dem Kind eine vertraute Person fehlt.
SPIEGEL: In Krippen gibt es aber doch Erzieherinnen und Erzieher.
Largo: Schon, aber sind sie dem einzelnen Kind ausreichend vertraut? In vielen Einrichtungen wechseln die Erzieher zu oft. Idealerweise sollte die Mutter bei der Eingewöhnung so lange dabei sein, bis das Kind mit einer Erzieherin ein enges Verhältnis aufgebaut hat. Und diese Bezugsperson sollte das Kind regelmäßig und langfristig betreuen. Kontinuität ist in der Betreuung enorm wichtig.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Beziehung der Kinder untereinander?
Largo: Die Kinder sollten in möglichst stabilen Gruppen zusammen sein, damit sie sich mit der Zeit wie Geschwister kennen. Auch Kinder schaffen untereinander emotionale Sicherheit.
SPIEGEL: Mütter machen sehr unterschiedliche Erfahrungen, wie leicht oder schwer es ihren Kindern fällt, sich in einer Krippe oder einem Kindergarten einzugewöhnen.
Largo: Natürlich, das Bindungsbedürfnis von Kindern, aber auch Erwachsenen, ist individuell verschieden groß. Wenn ein Kind Mühe hat, in der Krippe zu bleiben, wird häufig die Mutter unberechtigterweise verdächtigt, sie könne das Kind nicht loslassen. Meist liegt es aber am Kind, das eine hohe Bindungsbereitschaft hat.
SPIEGEL: Heutzutage wünschen sich viele Eltern ein nahezu perfektes Kind: Es soll klug und durchsetzungsfähig sein, aber auch sozial und kreativ, sportlich und selbstverständlich auch folgsam. Überfordern die Eltern ihre Kinder und sich selbst mit ihren Hoffnungen?
Largo: Die Erwartungen sind heute eindeutig höher als früher. Der wichtigste Grund dafür ist wohl, dass wir nur noch wenige Kinder haben. Das einzelne Kind bekommt dadurch einen viel höheren Stellenwert. Hinzu kommt, dass heute schätzungsweise 80 Prozent aller Kinder Wunschkinder sind. Überspitzt gesagt: Die Eltern haben sich für ein Kind entschieden, nun muss es auch ein Erfolg werden. Ein durchschnittliches Kind reicht schon nicht mehr, es muss ein besonders begabtes sein. Einen solchen Anspruch an ein Kind zu stellen finde ich ungeheuerlich. Mehr Demut wäre angebracht. Ein Kind kommt nicht auf die Welt, um die elterlichen Erwartungen zu erfüllen, sondern um zu dem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist.
SPIEGEL: Wie wirken sich diese Ansprüche, jeder Kleine soll am besten ein golfspielender Einstein sein, denn auf die Kinder aus?
Largo: Ein Kind erwartet grundsätzlich, dass es bedingungslos angenommen wird, unabhängig von seinen Fähigkeiten. Das ist die besondere Herausforderung an die Eltern: das Kind zu lieben, wie immer es auch ist. Heute besteht die fatale Tendenz, die Zuwendung abhängig zu machen vom Verhalten des Kindes und, wenn es größer ist, von seiner Leistung. Eine solche Haltung beeinträchtigt das Wohlbefinden und Selbstwertgefühl des Kindes.
SPIEGEL: Viele Eltern beginnen früh mit der gezielten Förderung ihrer Kleinen: Babyschwimmen, Geigenunterricht ab drei Jahren, Englisch oder Chinesisch im Kindergarten, Fußball und Hockey in der Vorschule und vieles mehr. Nützen oder schaden solche Angebote der frühkindlichen Entwicklung?
Largo: Was Eltern nicht gern hören: Bei solchen Angeboten delegieren manche die Beschäftigung mit dem Kind an andere. Sie könnten ja auch selbst mit ihm schwimmen gehen oder im Wald spielen. Noch einmal: Zeit ist etwas vom Wichtigsten, das Eltern ihrem Kind geben können.
SPIEGEL: Beim Sport etwa lernen Kinder aber auch soziales Verhalten.
Largo: Das stimmt. Aber bei vielen frühen Förderungsangeboten unterliegen die Eltern dem fatalen Irrtum, je eher das Kind mit etwas beginnt und je intensiver es die Sache betreibt, desto besser wird es darin. Das stimmt aber nicht. Bei den meisten Förderangeboten geht es um die Ängste und Erwartungen der Eltern und weniger um das Wohl des Kindes.
SPIEGEL: Überfordern Mütter und Väter auch sich selbst mit dem Wunsch, ein ideales Kind heranzuziehen?
Largo: Das kann schon sein. Was mich dabei aber vor allem erschüttert, ist die Tatsache, dass viele Eltern das Gefühl haben, das Kind sei für sie da und nicht umgekehrt.
SPIEGEL: Aber Eltern sorgen sich doch logischerweise um die Zukunft ihres Nachwuchses: Wird mein Kind einmal einen guten Beruf erlernen? Wird es genug Geld verdienen, um ein sicheres Leben zu führen? Wird es eine Familie gründen können?
Largo: Die existentiellen Ängste der Eltern haben in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Viele Erwachsene sind tief verunsichert, sie haben das Gefühl, Wirtschaft und Gesellschaft gehen irgendwie den Bach runter und die Chinesen werden immer besser und überholen uns. Solche und ähnliche Gedanken treiben viele Erwachsene um. Also muss das eigene Kind im gesellschaftlichen Wettbewerb so gut wie möglich positioniert werden. Das ist eine durchaus verständliche Strategie. Die Frage ist ja nur, ob sie sinnvoll ist.
SPIEGEL: Wie finde ich als Mutter oder Vater die richtige Art und das passende Maß altersgerechter Förderung für mein Kind?
Largo: In den ersten fünf Lebensjahren soll das Kind erst einmal seine Grundfähigkeiten entwickeln wie Sprache, Motorik und Sozialverhalten - nicht aber sich spezifische Fähigkeiten aneignen wie Ballett oder Tennis. Um sich gut zu entfalten, braucht ein Kind ein geeignetes Umfeld, in dem es die nötigen Erfahrungen machen kann.
SPIEGEL: Was sollte dieses Umfeld bieten?
Largo: Ein entscheidendes Element sind andere Kinder. Im Alter zwischen zwei und fünf Jahren sollte ein Kind möglichst viel Zeit mit anderen Kindern verbringen. Studien belegen, dass fünfjährige Kinder, die eine Kita besucht haben, sprachlich und sozial deutlich weiter sind als Altersgenossen, die ausschließlich in einer Kleinfamilie aufgewachsen sind. Und ihre Fähigkeiten sind nicht nur wegen der größeren Erfahrungsmöglichkeiten, sondern vor allem wegen der anderen Kinder besser. Kinder machen sehr viele Entwicklungsschritte durch andere Kinder, vieles davon können die Erwachsenen gar nicht leisten. Ein Dreijähriger sollte also, anstatt Geige zu üben, lieber mit anderen Kindern spielen - mindestens drei Stunden pro Tag.
SPIEGEL: Sollte er vor allem auch toben? Viele Experten beklagen ja, dass sich Kinder heute zu wenig bewegen.
Largo: Das ist ebenfalls ein ernstes Problem. Den meisten Kindern, die angeblich hyperaktiv sind und mit Medikamenten wie Ritalin behandelt werden, fehlt es schlicht an Bewegung. Bis vor 200 Jahren sind alle Kinder viel mehr im Freien, in der Natur aufgewachsen. Die ganze frühkindliche Entwicklung ist darauf abgestimmt. Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Jetzt stecken wir die Kleinen in ein Zimmer und meinen, die sollen da gefälligst ruhig spielen. Die Kinder halten es aber nicht aus und werden zudem in ihrer Entwicklung beeinträchtigt.
SPIEGEL: Die meisten Familien wohnen heute aber in Städten, einen natürlichen Lebensraum gibt es dort kaum mehr.
Largo: Das stimmt leider. Für mich als Kinderarzt war es immer faszinierend, mit Kindern in den Wald zu gehen. Dort wird es den Kindern niemals langweilig. Vor einiger Zeit war ich mit zwei meiner Enkel auf einem großen Spielplatz. Innerhalb einer Viertelstunde hatten sie alle Spielgeräte abgegrast. Was tun? Glücklicherweise entdeckten sie neben dem Spielplatz einen Bach und waren begeistert. Die meisten Spielplätze sind total öde. Aus der Sicht der Erwachsenen soll ein Spielplatz vor allem ungefährlich sein.
SPIEGEL: Aber haben Eltern nicht von Natur aus Angst um ihre Kinder? In einem Bach kann ein Kind ertrinken.
Largo: Natürlich, aber nur wenn es sich nicht auskennt. Ebenso wenn Kinder auf Bäume steigen: Davor haben viele Eltern Angst. Und das ist tatsächlich riskant - wenn das Kind nicht von klein an auf Bäume geklettert ist. Wenn es aber früh damit anfängt, fällt kein Kind herunter. Wir dürfen die Kinder nicht aus Angst und durch falsche Fürsorge behindern.
SPIEGEL: Wie entwickelt sich denn ein Schulkind gut? Sollen die Eltern es von Anfang an unterstützen, etwa bei den Hausaufgaben?
Largo: Das kommt darauf an, was die Eltern wollen. Wenn es ihnen nur um gute Noten geht, dann kann das helfen. Doch das ist gerade der Irrsinn an unserem Schulsystem: Alles dreht sich nur noch um Noten, immer nur darum, Kinder mit anderen Kindern zu vergleichen. Der Einzelne und sinnvolles Lernen sind nicht unsere Hauptanliegen.
SPIEGEL: Was hat sich zu ändern?
Largo: Der Unterricht sollte sich am einzelnen Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten ausrichten und selbstbestimmtes Lernen gewährleisten. Noten gehören abgeschafft, weil Kinder damit zu stupidem Auswendiglernen gezwungen werden. Ohne Noten müssen sich die Lehrer vermehrt um die Lernmotivation der Kinder bemühen. Auch Hausaufgaben lassen sich in keiner Weise rechtfertigen, das ist nur Outsourcing von Verpflichtungen der Schule hinein in die Familie.
SPIEGEL: Sind Hausaufgaben nicht sinnvoll, weil sich ein Kind dabei selbständig mit einer Sache beschäftigt?
Largo: Dieses Argument höre ich immer wieder. Aber das würde ja heißen, die Kinder arbeiten in der Schule nie selbständig. Hausaufgaben sind Teil der Treibjagd für gute Noten. Schlimm daran ist auch, dass Eltern, die sich intensiv um die Hausaufgaben kümmern oder gar eine Nachhilfe engagieren, ihren Kindern einen schulischen Vorteil verschaffen. Der Werdegang eines Kindes in der Schule darf aber nicht davon abhängen, wie viel die Eltern dazu beitragen.
SPIEGEL: Aber es ist doch verständlich, dass Eltern sich wünschen, dass ihr Kind gut in der Schule ist.
Largo: Natürlich. Aber die Eltern müssen auch akzeptieren, dass Kinder trotz aller Unterstützung unterschiedlich sind. Manche Kinder lernen eben mit fünf lesen, die meisten mit sechs und manche erst mit sieben oder noch später.
SPIEGEL: Lässt sich das Lernen nicht beschleunigen?
Largo: Nein. Ich kenne weltweit keine einzige wissenschaftliche Studie, die das belegen würde. Eltern können durch Üben eine Fähigkeit nicht hervorrufen.
SPIEGEL: Und können nichts tun?
Largo: Die Eltern sollten warten, bis sich das Kind von sich aus für Buchstaben interessiert. Dann aber sollten sie ihm hilfreiches Material, einfache Bücher oder Lesespiele, zur Verfügung stellen.
SPIEGEL: Welche Gefahr besteht, wenn Eltern ihr Kind vorantreiben?
Largo: Wenn sie Druck machen, kann es in seinem Selbstwertgefühl beschädigt werden. Das ist das Schlimmste, was passieren kann! Das Kind erlebt dann, dass es das, was von ihm verlangt wird, nicht zu leisten vermag, und dass seine Eltern unzufrieden mit ihm sind. Eine Demütigung mit langfristigen Folgen.
SPIEGEL: Wie sollten Eltern denn das Lernen ihres Kindes begleiten?
Largo: Sie sollten für sein persönliches Können Verständnis zeigen und es unterstützen, aber es nicht drängeln. Ein Kind ist unglaublich stolz, wenn es sich das Lesen selbst angeeignet hat. Hat es jedoch das Gefühl, ich kann nur dank der Lehrerin und der Eltern lesen, dann fühlt es sich fremdbestimmt und ist in seinem Selbstwertgefühl beeinträchtigt.
SPIEGEL: Wie sollen verunsicherte Eltern reagieren, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn nur schlecht lesen und schreiben kann?
Largo: Ihm ein gutes Selbstbewusstsein vermitteln, nach seinen Stärken schauen und diese fördern. Wir haben die fatale Neigung, auf den Defiziten herumzureiten. Wir müssen uns auf das Entwicklungsniveau des Kindes begeben und ihm ein sinnvolles Angebot machen.
SPIEGEL: Viele Kinder würden aber, wenn man sie selbst entscheiden ließe, am liebsten den ganzen Tag etwa mit Computerspielen verbringen.
Largo: Das ist auch so ein Vorurteil und Missverständnis. Wir Erwachsene finden Computerspiele unnütz, die Kinder - zu Recht - nicht. Sie müssen beim Spielen reagieren, kombinieren, schnell sein, schneller als andere sein - das sind durchaus sinnvolle Lernaufgaben. Jugendliche spielen nicht, weil sie Freude an Gewalt haben, sondern weil sie das Computerspiel herausfordert.
SPIEGEL: Mehrere Stunden pro Tag vor dem Computer, das kann für ein Kind ja nicht gesund sein.
Largo: Meine drei Töchter sind alle durch die Nintendo-Phase gegangen. Die haben gespielt wie blöd - und dann von einem Tag auf den anderen aufgehört. Als sie die Herausforderungen des Spiels gemeistert hatten, war es nicht mehr interessant.
SPIEGEL: Solche Spiele können auch zu einer Sucht werden.
Largo: Computerspiele wären eine echte gesellschaftliche Bedrohung, wenn sie ansteckend wie eine Infektionskrankheit wären. Dem ist aber nicht so.
SPIEGEL: Wie können Eltern reagieren, wenn ihr Kind halbe Tage vor dem Computer oder Fernseher hockt und dabei womöglich noch jede Menge Gewaltdarstellungen konsumiert?
Largo: Die entscheidende Frage ist doch: Was für Alternativen hat das Kind, beispielsweise mit anderen Kindern zu spielen? Wenn die Eltern dem Kind keine Alternativen bieten, dann landet es eben vor dem Bildschirm. In Deutschland sitzen bereits zwei- bis vierjährige Kinder jeden Tag im Durchschnitt ein bis zwei Stunden vor dem Fernseher.
SPIEGEL: Sie ärgern sich über die Eltern?
Largo: Nein, mir tun die Kinder leid. Die Eltern missbrauchen den Fernseher als Babysitter, weil sie mit der Kinderbetreuung überfordert sind und andere Kinder zum Spielen fehlen.
SPIEGEL: Eltern verzweifeln oft daran, dass sie zwei oder drei Kinder gleich erziehen - mit sehr unterschiedlichem Ergebnis: Ein Kind ist fleißig, das andere faul, eines ist hilfsbereit, das andere ein kleiner Tyrann.
Largo: Die meisten Eltern sind sich bewusst, dass Kinder unterschiedlich groß werden oder unterschiedlich sportlich sind. Nur beim Sozialverhalten meinen sie, dass die Kinder gleich sein müssten, weil das Soziale schließlich ein Produkt der Erziehung sei. Soziale Fähigkeiten wie Mimik lesen und darauf adäquat reagieren sind, wie das Lesen und Rechnen auch, unter Kindern sehr unterschiedlich angelegt. Ein dreijähriges Mädchen kann durchaus sozial kompetenter sein als ein siebenjähriger Junge.
SPIEGEL: Was bedeutet das für den Alltag in einer Familie?
Largo: Manche Kinder verstehen schon feine Signale ihrer Eltern, bei anderen müssen Vater und Mutter sehr viel mehr auf das Kind eingehen.
SPIEGEL: Dann ist es also sehr wichtig, dass Eltern ihr Kind gut beobachten.
Largo: Ich liebe den Ausdruck: "Kinder zu lesen". Eltern müssen verstehen, dass ein Kind eigentlich nie böse sein will, sondern es für jedes Verhalten irgendwelche Gründe gibt. Und die sollten die Eltern versuchen herauszufinden und darauf kindgerecht reagieren.
SPIEGEL: Im deutschsprachigen Raum scheint die lange verpönte Tugend Disziplin derzeit eine Renaissance zu erleben. Sollten Kinder wieder strenger erzogen werden?
Largo: Ich sehe diese Sehnsucht nach Autorität in einem größeren Zusammenhang. Seit Jahrtausenden hatten Lebensgemeinschaften eine hierarchische, vor allem auf Männer ausgerichtete Struktur. In den vergangenen ungefähr sechzig Jahren ist die traditionelle Autorität in vielerlei Hinsicht geschwächt worden. So sind die Frauen erfreulicherweise stärker in den Vordergrund getreten - und Frauen haben von jeher ein anderes Sozialverhalten als Männer, es ist weniger durch die Vorstellung von oben und unten geprägt. Dazu kommen einschneidende Veränderungen in der Wirtschaft: In einer Dienstleistungsgesellschaft wird von einem Angestellten nicht mehr Unterwürfigkeit wie in der Industriegesellschaft, sondern soziale und kommunikative Kompetenz erwartet. Auch war es fast in der gesamten Menschheitsgeschichte so, dass mit dem Älterwerden Erfahrung und Wissen eines Menschen und damit sein soziales Ansehen anwuchsen. Diese Altershierarchie ist geradezu auf den Kopf gestellt worden. In Bereichen wie der Computertechnologie sind die Jungen den Alten weit überlegen.
SPIEGEL: Diese Veränderungen beunruhigen viele Menschen so, dass sie wieder die alten Erziehungsrezepte auspacken wollen?
Largo: Die Verunsicherung ist groß. Weder Eltern noch Lehrer können heute zu einem Kind sagen: Du musst mir Kraft meiner Autorität gehorchen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Eltern, die dem Jugendlichen den PC-Konsum einschränken wollen, aber selbst nicht medienkompetent sind, sind für den Jugendlichen unglaubwürdig.
SPIEGEL: Warum soll dann ein Kind überhaupt noch gehorchen?
Largo: Die Kinder haben von jeher gehorcht, weniger weil ihre Eltern als Autoritätspersonen so genial im Grenzensetzen und Bestrafen waren, sondern weil die Kinder emotional von ihnen abhängig sind. Sie wollen die elterliche Zuwendung nicht verlieren. Beziehung kommt vor Erziehung.
SPIEGEL: Was aber tun, wenn das Kind widerspenstig ist?
Largo: Ein Vater, der Mühe hat mit seinem Sohn, soll einige Stunden mit ihm in den Wald gehen - dann hat er ihn nachher im Griff. Noch mal: Das Kind gehorcht aus einer Beziehungsabhängigkeit heraus. Wenn es eine vertrauensvolle Beziehung zu seinen Eltern hat, will es diese nicht aufs Spiel setzen.
SPIEGEL: Die Eltern und Lehrer, die mehr Disziplin fordern, haben demnach eine unzureichende Beziehung zu ihren Kindern?
Largo: Dies trifft wohl vor allem auf die Väter zu. Mütter haben ihre Kinder in der Menschheitsgeschichte schon immer mehr aus einer emotionalen Abhängigkeit heraus geführt.
SPIEGEL: Eltern müssen also nur genug Zuneigung zeigen, und alles wird gut?
Largo: Ohne Regeln und Verbote kommen auch die kompetentesten Eltern nicht aus. Die Gretchenfrage lautet vielmehr: Akzeptiert das Kind eine Regel oder ein Verbot? Wenn es eine gute Beziehung zu seinen Eltern hat, dann gehorcht es letztlich auch - wenn auch gelegentlich murrend.
SPIEGEL: Wie wichtig sind die Eltern als Vorbilder?
Largo: Kinder werden nicht über Regeln und Worte, sondern über Vorbilder sozialisiert. Wenn die Eltern wollen, dass sich das Kind vor dem Essen die Hände wäscht, müssen sie selbst das auch tun. Vor Jahren habe ich ein kleines Kind erlebt, das spontan danke sagte, wenn es etwas bekommen hat. Warum? Weil die Eltern auch immer danke gesagt haben - auch zum Kind. Das machen viele Eltern leider nicht.
SPIEGEL: Ehen und Partnerschaften zerbrechen heute oft. Können getrennte Eltern noch gute Vorbilder sein?
Largo: Eine Trennung erleben viele Eltern als Versagen, so ist es auch mir selbst gegangen. Entscheidend für die Kinder ist dabei aber, wie die Eltern mit dieser Situation umgehen, welche Achtung sie einander anschließend entgegenbringen, wie gut sie den Umgang mit den Kindern und die weitere gemeinsame Erziehung hinbekommen. Eine Scheidung muss kein Trauma sein.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass streitende, unglückliche Paare für Kinder schlimmer sind als eine einvernehmliche Trennung.
Largo: Bestimmt, das belegen auch zahlreiche Studien. Wenn Eltern, die zusammenleben, aber sich nichts mehr zu sagen haben, sich ständig streiten oder gar hassen, dann werden ihre Kinder seelisch traumatisiert.
SPIEGEL: Kinder von getrennten Paaren müssen also nicht zwangsläufig zu benachteiligten Kindern werden?
Largo: Nein, Jugendliche können an einer Trennung sogar reifen, wenn die Eltern respektvoll miteinander umgehen. Entscheidend ist nicht, ob Eltern zusammenleben oder nicht, sondern wie gut die Qualität ihrer Beziehung ist.
SPIEGEL: Fast alle Eltern wünschen sich, dass ihr Kind im Leben glücklich wird. Ist das nicht das wichtigste Erziehungsziel?
Largo: Das kann sich natürlich jeder wünschen, aber wie es schlussendlich wird, das weiß doch niemand. Mich interessiert viel mehr die Frage: Wie können wir Eltern das Kind so begleiten und unterstützen, dass es das wird, was es werden will? Es soll so authentisch wie möglich werden.
SPIEGEL: Das ist leichter gesagt als getan.
Largo: Meine älteste Tochter hat mit zwölf Jahren erklärt, dass sie Gärtnerin werden will. Mit 16 hat sie dann die Schule geschmissen und ist Gärtnerin geworden. Und das passt haargenau zu ihr. Jetzt ist sie 36 Jahre alt, hat ihre eigene Gärtnerei und eine Familie mit zwei Kindern. Sie aufs Gymnasium und zu einem Studium zu zwingen hätte keinen Sinn gemacht, sie wäre unglücklich geworden.
SPIEGEL: Eltern sollten gelassen sein gegenüber dem Lebensweg ihrer Kinder?
Largo: Selbst eine glückliche Kindheit ist keine Garantie für das spätere Leben. Leider. Das Wichtigste ist und bleibt die Grundhaltung und Verfügbarkeit der Eltern, auch wenn das Kind schon älter ist. Und sie sollten ihrem Kind immer das Gefühl geben: Du bist gut so, wie du bist, und wir stehen, was auch immer geschieht, zu dir.
SPIEGEL: Sie sind ja Vater von drei Töchtern. Haben Sie nach all den Jahren ein gutes Verhältnis zu Ihren Kindern?
Largo: Ja, der Kontakt ist sehr eng. Auch meine Enkelkinder sind oft bei uns. Das genießen wir alle sehr.
SPIEGEL: Herr Largo, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

REMO LARGO

Der emeritierte Professor für Kinderheilkunde, geboren 1943 in Winterthur, leitete 30 Jahre lang die Abteilung "Wachstum und Entwicklung" am Kinderspital Zürich. Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten wie auch die populären Bestseller "Babyjahre" und "Kinderjahre"; im September erscheint sein neuestes, mit Monika Czernin verfasstes Buch "Jugendjahre". Largo lebt bei Zürich. Er ist Vater von drei Töchtern und Großvater von vier Enkelkindern.

Liebe

"Ein Kind erwartet grundsätzlich, dass es bedingungslos angenommen wird, unabhängig von seinen Fähigkeiten."

Falsche Fürsorge

"Wir stecken die Kleinen in ein Zimmer und meinen, die sollen da gefälligst ruhig spielen."

Gut und Böse

"Eltern müssen verstehen, dass ein Kind eigentlich nie böse sein will, sondern es für jedes Verhalten irgendwelche Gründe gibt."

Vertrauen

"Ein Kind kann nicht allein sein - damit es ihm psychisch gutgeht, braucht es jederzeit Zugang zu einer vertrauten Person."
Das Gespräch führten die Redakteure Annette Bruhns und Joachim Mohr.
Von Annette Bruhns und Joachim Mohr

SPIEGEL WISSEN 3/2011
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