30.10.2012

Rosen für Onkel Kadir

Was passiert, wenn ein Muslim in Deutschland stirbt? Eine Geschichte über die Frage, wo Heimat ist. | Von Özlem Gezer
MEIN ONKEL WAR ERST wenige Stunden tot, als wir im Wohnzimmer meiner Tante Birgit saßen und darüber sprachen, wo für uns denn jetzt eigentlich "zu Hause" ist. Hamburg oder doch Istanbul? 40 Jahre nachdem mein Onkel Kadir Gezer als türkischer Gastarbeiter in die Hansestadt gekommen war, hatte es die deutsche Integrationsdebatte auch in unser Wohnzimmer geschafft.
Ich hatte meinen Onkel nie gefragt, ob Hamburg in all den Jahren für ihn das geworden war, was man Heimat nennt, ob er sich hier wohler fühlte als in seiner Geburtsstadt am Bosporus. Waren wir jetzt eigentlich Deutsche oder immer noch Türken? Diese Fragen stellten uns immer nur andere. Für sie waren die Älteren in meiner Familie die Dauer-Gastarbeiter, wir, die Jüngeren, die Migrantenkinder. Durch seinen Tod beschäftigte sich meine Familie das erste Mal ernsthaft mit der Frage, wo wir wirklich hingehörten.
Es war eine kalte Dienstagnacht im Dezember 2010, in Hamburg lag Schnee. Mein Onkel war mit seinen Freunden in einer türkischen Teestube in der Nähe der Reeperbahn gewesen. Sie hatten Fisch gegessen und türkische Fußball-Liga geguckt. Auf dem Heimweg, kurz vor seiner Haustür in Hummelsbüttel, erlitt er einen Herzinfarkt. Eine Frau aus der Nachbarschaft fand seinen leblosen Körper auf dem Gehweg und rief den Krankenwagen. Die Notärzte schnitten ihm den Wollpullover auf, versuchten ihn wiederzubeleben. Vergebens.
Wir konnten uns nicht von ihm verabschieden, wir konnten ihn auch nicht mehr fragen, wo und wie er sich seine Beerdigung gewünscht hätte. Islamisch, umhüllt nur von einem weißen Leichentuch, das Gesicht gen Mekka, vielleicht sogar in Istanbul? Oder doch im Sarg, auf einem christlichen Friedhof an der Elbe?
Polizeibeamte überbrachten Tante Birgit die Nachricht samt Faltbroschüre für Angehörige. Da mein Onkel auf offener Straße gestorben war, wurde die Gerichtsmedizin eingeschaltet, dort lag er nun in der Universitätsklinik Eppendorf, auch seine Schuhe.
Ich ahnte nicht, dass das ein Problem werden würde, als meine Tante aus Istanbul anrief. Sie ist die Älteste der drei Geschwister, mein Vater der Jüngste. Auch sie hatte lange in Deutschland gelebt, in Augsburg, war aber Ende der siebziger Jahre nach Istanbul zurückgekehrt. Wann schickt ihr Kadir nach Hause?, fragte sie, neben dem Grab des Großvaters sei noch Platz. Ich erzählte ihr vom islamischen Friedhof in Ohlsdorf, sie wollte es gar nicht hören: Mein Onkel sollte nicht unter die deutsche Erde, nicht auf einen Friedhof, wo Kreuze stehen und Christen ruhen. Und dann sagte sie, dass ich dringend seine Schuhe vor die Haustür stellen sollte, damit seine Seele wegfliegen könnte.
ICH HATTE VON DEM BRAUCH noch nie gehört. Außerdem: Wie sollte ich das der deutschen Staatsanwaltschaft erklären? Enttäuscht legte meine Tante auf, ich fühlte mich überfordert. Wie sollten wir ihn nun bestatten?
Für uns Jüngere war schnell klar: Hamburg, Friedhof Ohlsdorf, wenige Kilometer entfernt von Tante Birgit und der gemeinsamen Wohnung. Birgit war sich sicher, dass mein Onkel das so gewollt hätte. Nur mein Vater zweifelte noch: vielleicht doch Istanbul?
Onkel Kadir war 61 Jahre alt, als er starb, knapp 40 Jahre seines Lebens hatte er in Hamburg verbracht. Er kannte jede Ecke auf der Reeperbahn. Istanbul besuchte er nur noch selten. 2009 hatte er seine Wohnung dort verkauft, er hasste den Verkehr, und bei seinem letzten Besuch fand er noch nicht einmal mehr allein den Weg in die Innenstadt. Istanbul hat heute etwa 16 Millionen Einwohner, als mein Onkel 1972 ging, waren es nicht einmal 3 Millionen.
Nachdem er die Schule in der 7. Klasse abgebrochen hatte, arbeitete er mit meinem Vater in einer Textilfabrik, 15 Stunden am Tag. Abends trugen sie die maßgeschneiderten Hemden zu Fuß in die wohlhabenden Viertel am Bosporus. Sie wollten auch ins reiche Almanya, wohin mein Opa schon 1963 als erster Gastarbeiter der Familie Gezer gegangen war. Mit Tagelöhnern aus Anatolien stellten sich die Brüder in die Schlange bei der Gesundheitskontrolle in Istanbul.
Sie ließen sich Zähne, Urin und die Leber untersuchen, Gastarbeiter sollten gesund sein und keine Probleme machen. So kamen sie nach Hamburg, wo sie sich in einem Arbeiterheim ein zehn Quadratmeter großes Zimmer mit Opa teilten.
Früh um fünf Uhr begann ihre Schicht im Hafen. Sie arbeiteten hart, sie beschwerten sich nicht. Sie waren gekommen, um zu gehen, die Taschen gefüllt mit Deutscher Mark. Doch bereits nach wenigen Monaten wollten sie zurück, sie hatten keine Lust mehr, wie eine Kuh zu muhen, wenn sie Milch kaufen wollten, oder wie ein Huhn zu gackern, wenn sie Appetit auf Fleisch hatten. Es nervte sie, auf die Hand zu spucken und mit der Faust draufzuhauen, um eine Briefmarke zu bekommen für eine Postkarte in die Heimat. Sie hatten sich Deutschland irgendwie anders vorgestellt.
Aber Opa verbot es ihnen, also schweißte mein Onkel weiter Schiffe in der Howaldtswerke-Deutsche Werft. Er verdiente 900 Mark im Monat, träumte von einem deutschen Wagen, den er in Istanbul vorführen würde, er machte Überstunden, arbeitete auch am Wochenende.
Nachts tanzte er im Club 88 auf der Reeperbahn zu James Brown und trank Gin Cola. Hier traf er Birgit, sie wurden ein Paar. Monatelang versteckte Birgit meinen Onkel vor ihrem Vater, denn sie hatte Türkenverbot - ihr Vater war sich sicher, ein Gastarbeiter werde bald wieder gehen und dann seine Tochter mitnehmen, auf eine anatolische Kuhweide, ihr ein Kopftuch überziehen und Schweinefleisch verbieten.
Doch Birgit und Kadir blieben zusammen, bekamen zwei Kinder, und zum Entsetzen meiner Großeltern heirateten sie nie. Mein Onkel wurde befördert und in den Betriebsrat gewählt, er gab dem "Hamburger Abendblatt" jetzt Interviews und kämpfte für die Rechte der Gastarbeiter.
Istanbul war weit weg, er kaufte sich einen blauen VW-Porsche, dann einen gelben Mercedes, Hamburg gefiel ihm. Ende der siebziger Jahre gründete er den ersten türkischen Fußballverein in Hamburg, in den Achtzigern eröffnete er eine türkische Teestube in Altona, bald ein beliebter Gastarbeitertreffpunkt, auch "Türkenkeller" genannt. In seiner Freizeit sprach mein Onkel weiter nur Türkisch, er liebte türkisches Essen, er hatte einen türkischen Friseur, zuletzt managte er einen türkischen Fußballverein.
Das einzige Deutsche in seinem Leben waren Birgit und ihre Kinder. Die sprachen kein Türkisch, mein Onkel kaum Deutsch. Aber es funktionierte. Mein Onkel aß kein Schweinefleisch, er schaute nie "Tatort". Kadir Gezer blieb ein Türke, ein Türke in Hamburg, wie so viele seiner Generation.
Birgit war sich sicher, dass mein Onkel eine islamische Bestattung gewollt hätte. Die Menschen in meiner Familie sind typische Traditionsmuslime. Sie fasten im Ramadan, küssen an Bayram den Älteren die Hände, ein Zeichen für Respekt. Sie glauben an Gott, gehen aber nur an Feiertagen in die Moschee, niemand trägt ein Kopftuch, alle trinken Alkohol. Die Toten werden trotzdem stets islamisch bestattet.
DA ONKEL KADIR DER ERSTE in seiner Gastarbeiterclique war, der starb, konnten wir niemanden um Rat fragen. Also googelte ich nach einem islamischen Bestattungsinstitut in Hamburg und fand "Uludag Cenaze": Arabische Schrift flimmerte auf der goldunterlegten Startseite, ich verstand kein Wort, ein lilafarbener Halbmond und ein Stern standen offenbar für die türkische Flagge. Mir kam das fremd vor, zwielichtig, ich merkte, wie deutsch ich dachte, und wollte, dass alles seine Ordnung hat und nach deutscher Norm erledigt würde. Immerhin: Die angegebene Handy-Nummer war 24 Stunden erreichbar, das gefiel mir.
Kurz darauf saßen wir bei Uludag Cenaze auf einer Ledercouch und tranken Tee, der Raum erinnerte an ein türkisches Wohnzimmer. Im Erdgeschoss lief gerade eine Trauerfeier, Frauen in Kopftuch eilten durch das Gebäude, Koransuren erklangen aus den Lautsprecherboxen, Wehklagen stiegen die Treppen hinauf. Wir sind doch gar nicht so religiös, was machen wir hier eigentlich?, fragte ich mich. Eine Bestattung nur im Leichentuch, ohne Sarg, fand ich schon immer makaber.
Das Handy klingelte, meine Tante aus Istanbul erinnerte uns an die islamische Regel, so schnell wie möglich zu bestatten. Im Koran gibt es zwar keine genaue Zeitangabe, aber in der islamischen Gemeinde hat sich etabliert, dass es spätestens binnen 24 Stunden geschieht, aber nie in der Dunkelheit. Meine Oma in Istanbul war acht Stunden nachdem sie gestorben war, unter der Erde, Opa nach 15. Dass in Deutschland in der Regel mindestens 48 Stunden bis zur Beerdigung vergehen müssen, wollte meine Familie nicht verstehen. Deutsches Recht gegen islamische Bestattungsriten.
Für Vildane Uludag, die tüchtige Chefin des Bestattungsinstituts, war das tägliche Routine. Sie hatte sofort den richtigen Mann in der Rechtsmedizin an der Strippe, beim Friedhof Ohlsdorf organisierte sie eine Grabstelle und setzte hinzu: "Es muss schnell gehen, Sie wissen ja." Heute weiß ich, dass wir auf eine wirkliche Expertin der islamischen Express-Bestattung gestoßen waren. Ihr Vater hatte das Institut Mitte der neunziger Jahre gegründet. Als Pathologe sah er immer wieder die Verzweiflung seiner Landsleute, wenn sie ihre Angehörigen abholten. Wohin mit ihnen? Wie die Überführung in die Heimat organisieren? Seine Tochter studierte Betriebswirtschaft und expandierte. Sie überführt verstorbene Gastarbeiter in die Türkei, Konsuln nach Ägypten, Asylbewerber nach Pakistan.
Wenn Personal knapp ist, fährt sie auch schon mal selbst den Leichenwagen, manchmal bis in die Südtürkei in ein kurdisches Dorf. Ihr Mann, ein Algerier, ist Steinmetz und stellt die Grabsteine her. Vor kurzem hat er den Flugschein gemacht, Vildane Uludag träumt von einer kleinen Cessna mit der Aufschrift Uludag Cenaze. Dann könnten sie ihre Leichen sogar selbst ausfliegen.
In 48 Stunden war alles erledigt, die Sterbeurkunde, der Leichenschein, der Besuch beim Standesamt und dem türkischen Konsulat. Am Donnerstagabend holte sie meinen Onkel in der Gerichtsmedizin ab, am Freitagmorgen trafen wir uns wieder bei Uludag Cenaze - zur Leichenwaschung.
Mein Onkel lag bereits im Waschraum. Ein Familienmitglied sollte bei der rituellen Waschung helfen, die letze Ehre, die dem Toten erwiesen wird. Mein Vater konnte den Anblick nicht ertragen, Frauen durften nicht hinein, so übernahm ein Freund.
Der Imam sprach Gebete, während er den Körper meines Onkels mit Wasser reinigte. Dann folgte die rituelle Waschung, erst die rechte Hand, dann der Arm, dann die linke Seite. Er spülte den Mund aus, die Nase und die Ohren, alles wurde dreimal wiederholt, es ist wie die Waschung, die jeder Muslim vor dem Gebet verrichten muss. Mein Onkel bekam ein Totenhemd, dann wickelten sie seinen Körper in ein Leichentuch, den Kefen, dreilagig, importiert aus Istanbul.
UM SEINE FÜßE UND HÜFTE wurde ein Knoten gebunden, zum Transport legten sie ihn in einen Holzsarg. Im Trauerraum durften wir ein letztes Mal sein Gesicht sehen und Abschied nehmen. Aus den Boxen erklangen jetzt wieder Koransuren, wir Frauen trugen Kopftücher. Dann wurde der Kefen komplett geschlossen und der dritte Knoten gebunden, um seinen Kopf. Es war Zeit für das Totengebet, wir fuhren zur Moschee. Mein Bruder hatte am Abend zuvor Flugblätter mit einem Bild meines Onkels, Zeit und Ort der Beerdigung in den Teestuben, türkischen Gemüseläden und Friseursalons in Altona ausgelegt. Es kamen knapp 250 Leute zum Totengebet, Freunde, Fußballer, die bei meinem Onkel gekickt hatten, Ladenbesitzer aus dem Viertel und türkische Medienleute.
Nach dem Freitagsgebet wurde der Holzsarg im Innenhof der Moschee aufgestellt, ein grünes Tuch darübergelegt, "Jede Seele wird den Tod kosten", stand darauf in arabischen Schriftzügen. Die Männer standen vorn, die Frauen hinten, es waren auch Personen da, die meinen Onkel gar nicht kannten, die zufällig vom Freitagsgebet in der Moschee kamen. Muslime verabschieden sich nicht leise, nicht anonym. Es ist Pflicht und Ehre, das Totengebet mitzubeten, den Sarg zu tragen, dem Toten auf seiner letzten Reise noch zu begleiten.
Der Sohn meines Onkels stand jetzt in der ersten Reihe, er kannte keinen einzigen Koranvers, er verstand kein Wort, auch er hob die Hände. Dann fuhren wir im Konvoi zum Friedhof, es erinnerte ein wenig an einen Hochzeitstross, nur ohne Hupen und Warnblinklichter. Der Leichenwagen, ein Mercedes Vito mit Gardine, fuhr vor zu Kapelle 13, wo der islamische Teil des Friedhofs Ohlsdorf liegt.
Beerdigung nur im Familienkreis, stilles Gedenken? So etwas gibt es bei Muslimen nicht. 200 Menschen standen am Grab. Wieder musste ein Freund helfen, um den Kopf meines Onkels gen Mekka auszurichten, keiner aus der Familie konnte das.
Der Imam erklärte uns, dass islamische Gräber eher schlicht seien. Normalerweise. Auf dem Grab meines Onkels stapelten sich weiße Rosen. Meine Mutter hatte rote Friedhofskerzen dabei. Dass sie im Christentum für das Blut Jesu stehen, wusste sie nicht. Sie fand sie einfach nur schön, außerdem sei es dann nicht so dunkel für meinen Onkel, sagte sie.
Wir waren schon auf dem Heimweg, als meine Tante aus Istanbul wieder anrief und fragte, was jetzt mit den Schuhen sei? Eine Nachbarin erklärte mir die Absicht hinter diesem Brauch: Die Schuhe des Toten solle jemand mitnehmen, der bedürftig sei, als letzte gute Tat des Verstorbenen quasi. Ich wollte die Nachbarn meiner Eltern aber nicht mit den Lederschuhen meines Onkels über die Reeperbahn laufen sehen. Frau Uludag hatte mir nach der Beerdigung einen blauen Müllsack überreicht, in dem ich auch die Schuhe fand. Ich habe sie zur Altkleidersammlung gebracht, seinen zerschnittenen Pullover habe ich behalten, es war sein Lieblingspulli.
Zu Hause in meinem alten Kinderzimmer saßen nun sieben Abende lang Frauen aus der Nachbarschaft und lasen aus dem Koran, für die Seele meines Onkels. In den nächsten Tagen kamen noch viele fremde Türken in die Wohnung meiner Eltern, sie brachten Essen und Süßigkeiten. Sie redeten darüber, was für ein toller Kerl mein Onkel doch gewesen sei. Sie erinnerten sich an seine langen Haare, die er früher hatte, sein Lieblingsauto und seinen schnellen Gang. Sie lachten, einige weinten. Vor allem aber lenkten sie uns ab. Erst im Morgengrauen gingen sie. Am Ende waren wir uns einig: Es war vielleicht fremd, und doch war alles richtig. Diese islamischen Bräuche waren irgendwie sinnvoll.
Vor einigen Wochen wurde der Grabstein meines Onkels fertig. "Geboren in der Türkei, gestorben Deutschland" steht in weißer Schrift auf schwarzem Marmor, darunter der Name einer Sure aus dem Koran, El Fatiha, das Gebet für die Seele der Verstorbenen. Und auf Deutsch: "In unserem Herzen lebst du weiter". Wir haben auch ein Bild in den Grabstein einsetzen lassen, islamisch gesehen eher problematisch. Gottes Schöpfung darf nicht nachgeahmt werden. Darüber haben wir aber nie gesprochen.
Noch immer stehen auf seinem Grab Friedhofskerzen mit kleinen Kreuzchen zwischen den Heidepflanzen. Ein Handy-Bild davon haben wir nach Istanbul geschickt, seine alte Heimat. Denn Kadir Gezer war ein Hamburger.
Von Özlem Gezer

SPIEGEL WISSEN 4/2012
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