30.10.2012

Zur Hölle mit dem Tod

Ein Zwischenruf von Joachim Mohr
ICH GANZ PERSÖNLICH will nicht sterben - zumindest nicht, solange ich mich nicht selbst dafür entschieden habe. Klar, es wird mir schwerfallen, diesen Plan umzusetzen. Aber soll ich den finalen Hieb des Schicksals unterwürfig bejahen, nur weil er unumstößlich ist?
Der Tod ist für mich eine unfassbare Frechheit, eine Teufelei ohnegleichen, das alles überdeckende Übel.
Jeder Mensch wird mit einem äußerst regen Überlebenstrieb geboren. Ohne diesen Willen würden es die meisten Säuglinge schon gar nicht in diese Welt schaffen. Hunger, Krankheiten, Naturkatastrophen, Kriege - selbst unter widrigsten Umständen versuchen Menschen zu überleben. Kaum vorstellbare Schmerzen, tiefe Verzweiflung, schweres Leid - das Verlangen, den nächsten Morgen zu erreichen, ist unbändig. Ich als Schwerbehinderter mit einem kranken Herzen habe da meine Erfahrungen.
Und doch ist das menschliche Dasein mit einem Verfallsdatum versehen. Welch ein Widersinn! Natürlich weiß ich: Das ganze Universum ist geprägt davon, dass ständig etwas entsteht und anderes verschwindet, sekündlich wird geboren und gestorben. Nicht nur Menschen kommen und gehen, auch Bakterien, ja ganze Sterne.
Doch fühle ich, als einzelner Mensch, mich wohl als Element dieses fulminanten Kreislaufs? Dummerweise nicht im Geringsten. Spendet es mir Trost, dass vor mir schon Abermillionen Menschen wieder zu Erde oder Asche wurden und es allen Zukünftigen genauso gehen wird? Absolut nicht. Kann ich in meinem Tod irgendeinen natürlichen, philosophischen oder göttlichen Sinn erkennen? Leider nein.
Ich bin als Mensch von Natur aus mit einem Bewusstsein ausgestattet und damit gezwungen, mich selbst und die Zeit zu erkennen. Für jeden Menschen gibt es in seiner Wahrnehmung eine Vergangenheit, eine Gegenwart, eine Zukunft.
Doch vom ersten Moment der geistigen Selbsterkenntnis an wartet man darauf, dass das eigene kleine Lichtlein wieder ausgeht. Wir kommen auf die Welt, ohne dass uns jemand fragt, ob es uns gerade passt, und dann dürfen wir nicht einmal über unseren Abgang mitbestimmen. Das ist der (aller)letzte Sadismus des Lebens.
Manche Leute wollen sich und uns trösten mit Argumenten wie "Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn erfinden" oder "Ewiges Leben wäre zum Sterben langweilig". Welch dummes Zeug! Mir würde schon genug Interessantes für ein paar Jahrhunderte mehr einfallen.
Im Mittelalter, als die durchschnittliche Lebenserwartung bei nicht mal 40 Jahren lag, hätten sich die Menschen sicher kaum vorstellen können, 80 Jahre alt zu werden. Was sollte man nur die ganze Zeit tun? Heute wissen wir: Der Mensch ist anpassungsfähig, er hat sich exzellent an die doppelte Lebenszeit gewöhnt. Wenn schon nicht das ewige Leben - aber so ein halbes oder ein viertel mehr, das würde mir gefallen.
WO KOMMT UNSER LEBEN HER? Ist eine Existenz nach dem Tod denkbar? Oder ist unser Dasein nur ein kleines biochemisches Experiment, nicht mehr als eine ziemlich flüchtige Verbindung von Atomen im unendlichen Raum? Welche Antworten auch immer jemand findet - ich würde einfach gern weiterleben, egal nach welchem Plan.
Sie glauben an "Gott oder wer immer da rumhängt", wie die HipHop-Freunde von den Fantastischen Vier so nett getextet haben? An das ewige Leben inklusive Paradies? Oder halten Sie es eher mit dem hinduistischen Karma, der buddhistischen Wiedergeburt, der wankelmütigen römischen Schicksalsgöttin Fortuna?
Wer an das ewige Leben glaubt, der stirbt leichter. Angeblich zumindest. Für den Rest der Menschheit und mich gilt der Satz des britischen Biologen Richard Dawkins: "Das Universum schuldet uns weder Mitgefühl noch Trost, es schuldet uns kein schönes warmes Gefühl in unserem Inneren." Nicht einmal am Ende des Lebens.
Der einzige Sinn des Todes kann in der Erlösung von nicht aushaltbarem Schrecken und Schmerz liegen. Dafür gibt es die Möglichkeit, "Hand an sich zu legen", wie es der österreichische Schriftsteller Jean Améry genannt hat. Der Gedanke Amérys, dass "der Freitod ein Privileg des Humanen ist", war für mich stets tröstlich. Améry selbst, in der Nazi-Zeit verfolgt und in mehreren KZ interniert und gefoltert, setzte seinem Leben 1978 mit Schlaftabletten ein Ende.
Ich bewundere Leute, die mit Gelassenheit, im Reinen mit sich und der Welt ihr Sterben ertragen. Ob mir das gelingt? Ich bezweifle es, und ich fühle mich dabei in allerbester Gesellschaft. Auch Goethe war, schenkt man dem Tagebuch seines Arztes Glauben, in seinen letzten Tagen "von fürchterlichster Angst und Unruhe beherrscht".
Auch ich mit meinen 50 Jahren bin statistisch schon auf dem Rückflug, das letzte Kofferpacken rückt ungefragt näher. Der Regisseur und Schauspieler Woody Allen, 76 Jährchen auf dem Buckel, hat einmal - ganz in meinem Sinne - gesagt: "Meine Einstellung zum Tod hat sich nie geändert: Ich bin vehement dagegen."
Mir fällt nur eine Strategie ein, mit Freund Hein umzugehen: Solange ich seinen Atem noch nicht im Nacken spüre, verschwende ich so wenig wie möglich Gedanken an ihn. Wenn ich den Tod schon nicht vertreiben kann, will ich ihn wenigstens verleugnen. Gefragt ist die große Kunst des Verdrängens. So fühle ich mich, immerhin ab und zu, unsterblich.
Bleib mir vom Leib, Sensenmann!
MIT FÜNFZIG BIN ICH STATISTISCH SCHON AUF DEM RÜCKFLUG.
SPIEGEL-Redakteur Joachim Mohr ist Autor des Buches "Das Loch in meinem Herzen", in dem er über seine chronische Herzerkrankung schreibt.
Von Joachim Mohr

SPIEGEL WISSEN 4/2012
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