Jugendsprache Hey, ihr Missgeburten ;-))

Verroht die Jugend verbal? Eva Neuland erforscht die Sprache auf Schulhöfen. Hier verrät sie, was Kinder wirklich meinen, wenn sie "Hey, du Penner" sagen.
Eva Neuland

Eva Neuland

Foto: Friederike von Heyden

SPIEGEL: Frau Neuland, an der Universität Wuppertal gehen Sie der Frage nach, wie rüpelhaft Jugendliche miteinander umgehen. Erleben wir eine verbale Verrohung auf den Schulhöfen?

Neuland: Nein, keineswegs. Manche Lehrkräfte, mit denen wir im Rahmen unserer Studie gesprochen haben, empfinden das zwar so. Allerdings kann das nicht generell wissenschaftlich belegt werden. Ich nehme an, dass negative Einzelbeispiele, aber auch Vorurteile die Wahrnehmung verzerren.

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

Neuland: In den vergangenen zwölf Monaten haben rund 1300 Jugendliche an verschiedenen Schulen in Nordrhein-Westfalen anonymisierte Fragebögen für uns ausgefüllt. Außerdem haben wir den Unterricht beobachtet. Einigen Schülern durften wir sogar ein Mikro umhängen. So haben wir auch einen Eindruck davon bekommen, wie sie außerhalb des Klassenzimmers miteinander umgehen.

SPIEGEL: Soeben ist das Jugendwort des Jahres gekürt worden. Mit dem siegreichen Begriff "fly sein" bezeichnen junge Menschen angeblich Leute, die besonders abgehen. Ist Ihnen dieses Wort bei Ihrer Arbeit untergekommen?

Neuland: So etwas kann die Jugendsprachforschung nicht ernst nehmen. Ich habe Zweifel daran, dass diese Konstruktionen tatsächlich von Jugendlichen stammen. So oder so handelt es sich nur um Augenblicksbildungen. Sie sind für kurze Zeit witzig, bürgern sich aber nicht in den Sprachgebrauch ein. Echte Wortschöpfungen, die sich dauerhaft im Bewusstsein verankern, sind seltener, als viele glauben.

SPIEGEL: Welche fallen Ihnen ein?

Neuland: Zu den bekanntesten gehören wohl "Tussi" oder die Übernahme von "chillen" ins Deutsche. Natürlich entwickelt sich Jugendsprache ständig weiter. Derzeit kommen Entlehnungen aus Migrantensprachen, vor allem dem Türkischen, hinzu. Aber am Ende haben auch Jugendliche nur begrenzte Möglichkeiten, sich einen neuen Sprachgebrauch zuzulegen. So halten sich die meisten Beschimpfungen schon seit vielen Jahren: "Mongo", "Spasti" oder "Hurensohn", also die typischen politisch inkorrekten Ausdrücke. Ansonsten stammt auch viel aus dem Sexual- und Fäkalbereich. Da unterscheiden sich Jugendliche übrigens kaum von Erwachsenen.

SPIEGEL: Das werden viele Ältere wahrscheinlich nicht so gern hören.

Neuland: Das Gerücht, dass früher alles besser war und Jugendliche zu einem vermeintlichen Sprachverfall beitragen, hält sich ja schon sehr lange. Wir haben es eher mit Sprachwandel und Verständigungsproblemen zwischen den Generationen zu tun. Junge Menschen wissen sehr genau, was unter konventioneller Höflichkeit verstanden wird. Nur wenden sie im Gespräch untereinander oft eigene Ausdrucksformen von Höflichkeit und Respekt an.

SPIEGEL: Können Sie das genauer erklären?

Neuland: Junge Leute haben Umgangsformen, zum Beispiel der Anrede und des Begrüßens, die sich für erwachsene Ohren unhöflich anhören, aber gar nicht so gemeint sind. Wenn ein Schüler andere begrüßt mit "Na, ihr Penner, was geht?" oder "Hey, ihr Missgeburten", dann findet das oftmals keiner der Beteiligten anstößig. Doch Lehrkräfte, die das hören, müssen tief Luft holen. Vieles ist einfach freundschaftliche Frotzelei.

SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?

Neuland: In den Fragebögen haben die Schüler beispielsweise immer wieder hinter manche Ausdrücke in Klammern hinzugefügt, dass sie scherzhaft gemeint seien.

SPIEGEL: Was sollen Eltern oder Lehrer tun, wenn sie mitbekommen, dass ein Schüler einen anderen als "Penner" oder "Missgeburt" bezeichnet?

Neuland: Dann würde ich vielleicht einfach mal entspannt weghören. Jedenfalls solange das Ganze nicht für meine Ohren bestimmt war.

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