AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2017

Elbphilharmonie im Soundcheck "Weil es Glückshormone freisetzt"

Sein Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie machte Furore. Hier erklärt Stardirigent Ingo Metzmacher, welche Schwingungen er an einem solchen Konzertabend spürt, und warum der Klang der Musik auch vom Alter des Raums abhängt: "Das hängt in den Wänden drin."

Michael Zapf/Elbphilharmonie

Ein Interview von und


Vor 20 Jahren kam Metzmacher als Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Staatsoper nach Hamburg, es wurde für die Stadt wie für den Musiker eine prägende Zeit. Metzmacher, 59, der wie kaum ein anderer Dirigent für die Musik des 20. Jahrhunderts steht, überraschte sein Publikum mit mutigen Produktionen und Konzertreihen. Doch seine Zeit in der Hansestadt endete 2005 mit einem Misston, es fehlte, aus Metzmachers Sicht, an finanzieller Unterstützung. So zog er weiter und etablierte sich international als einer der besten Dirigenten seiner Generation. Seit 2016 ist er Intendant der Kunstfestspiele Herrenhausen in Hannover. Im Januar, kurz nach der Eröffnung der Elbphilharmonie, kehrte Metzmacher für einen Auftritt mit den Wiener Philharmonikern nach Hamburg zurück - und wurde vom Publikum in Hamburgs neuem Konzerthaus euphorisch empfangen. Metzmacher lebt in Berlin.

SPIEGEL: Herr Metzmacher, als Sie Ende Januar zum ersten Mal in der Elbphilharmonie auftraten, zusammen mit den Wiener Philharmonikern, hatten wir den Eindruck, dass da zwischen Publikum und Orchester etwas Außergewöhnliches passierte - der Raum schien zu fliegen. Was war da los?

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Heft 25/2017
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

Metzmacher: Schon als ich den Saal betrat, war da eine besondere Atmosphäre, die sich auf alle übertrug. Mir war das fast zu viel. Es war eine solche Spannung, das Orchester war gespannt auf den Klang, viele im Publikum waren sicher zum ersten Mal dort, auch sie waren gespannt, und ich war es natürlich auch. Ich bin ja lange Generalmusikdirektor an der Staatsoper in Hamburg gewesen, und schon in den frühen Zweitausenderjahren lag der Gedanke an einen neuen Konzertsaal in der Luft. 2005 ging ich weg, ab da habe ich alles aus der Ferne verfolgt, auch die vielen Schwierigkeiten, die es mit dem Bau der Elbphilharmonie gab. Deshalb war ich natürlich sehr neugierig auf den fertigen Konzertsaal.

SPIEGEL: Wie wirkt der Raum auf Sie?

Metzmacher: Ich mag ihn. Die Musiker sind mitten im Publikum drin, sie sind nicht so gegenübergestellt wie in anderen Sälen.

SPIEGEL: Seit der Eröffnung der Elbphilharmonie wird ja leidenschaftlich darüber gestritten, wie gut oder schlecht die Akustik nun sei. Wie ist Ihr Eindruck?

Metzmacher: Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich bin nicht so empfindlich, was die Akustik betrifft. Diese Diskussion finde ich übertrieben. Es geht doch in erster Linie darum, gute Musik zu machen. Der Raum hat eine große Klarheit, eine große Brillanz, aber ich habe ihn an jenem Abend auch als sehr warm empfunden. Musik ist ja letztlich nichts anderes als Schwingung - und ein Orchester klingt vor allem dann gut, wenn die Schwingungen zwischen den Musikern und dem Dirigenten funktionieren. Das ist eine Frage des Vertrauens.

SPIEGEL: Und die Akustik spielt dabei wirklich keine Rolle? Dann hätte man sich den ganzen Aufwand in der Elbphilharmonie ja sparen können!

Metzmacher: Ich glaube, die Akustik per se gibt es nicht. Es gibt akustische Bedingungen, und dann geht es darum, wie man damit umgeht. Akustik hat auch mit Resonanz zu tun, damit, wie etwas zurückkommt. Da hat auch das Publikum einen Anteil.

SPIEGEL: Der Klang eines Konzertprogramms hängt also auch vom Publikum ab?

Metzmacher: Unbedingt. Ich glaube, etwas Besonderes kann nur gelingen, wenn das Publikum auch dazu bereit ist. Ich will jetzt nicht zu spirituell klingen, weil ich das gar nicht bin, aber bei einem Konzert entsteht ja etwas, was mehr ist als nur die physikalischen Maße. Es gibt diese spezielle Atmosphäre, die ein Konzertsaal mit der Zeit ausstrahlt, in älteren Räumen spürt man das. Die Elbphilharmonie ist noch so jung, die wird das noch entwickeln.

SPIEGEL: Das haben wir oft gehört: Der Raum werde sich entwickeln. Was heißt das eigentlich?

Metzmacher: Wenn Sie in eine neue Wohnung ziehen, sagt man ja auch, die muss man erst einmal einwohnen. Ich glaube, in einem Konzertsaal muss einfach viel geklungen haben, dann hängt das in den Wänden drin, und so entsteht Geschichte.

Dirigent Metzmacher
Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

Dirigent Metzmacher

SPIEGEL: Kann es sein, dass bestimmte Orchester besser zu einem Raum passen als andere? Dass ein Raum Stärken und Schwächen zum Vorschein bringt?

Metzmacher: Also, was ich an Orchestern schätze, ist Flexibilität. Nehmen Sie die Wiener Philharmoniker: Weil die keinen Chefdirigenten haben, müssen sie immer neu auf unterschiedliche Vorgaben und Anregungen reagieren. Das macht sie so beweglich. Ich glaube, die Anpassung an einen Raum ist ein Vorgang, der gar nicht so bewusst stattfindet. Das hat mehr mit der Aufmerksamkeit des Ohres zu tun. Gute Musik können Sie nur machen, wenn Sie selber etwas tun und zugleich hören können, was um Sie herum passiert. Das ist gar nicht so leicht, wie man denkt.

SPIEGEL: Wenn ein Orchester auf einen bestimmten Dirigenten ausgerichtet ist, entwickeln sie gemeinsam mit der Zeit einen eigenen Ton. Was kann ein neuer Dirigent tun, um diesen Ton zu verändern?

Metzmacher: Man weiß nicht wirklich, wie so etwas passiert. Es gibt diese Anekdote über die Berliner Philharmoniker: Vor langer, langer Zeit spielten sie in einer Probe, und schlagartig klangen sie ganz anders, obwohl immer noch derselbe Dirigent vorn am Pult stand. Aber hinten im Saal, so erzählt man sich, war der Chefdirigent, Wilhelm Furtwängler, aufgetaucht.

SPIEGEL: Musikkritiker charakterisieren Orchester, sie analysieren Dirigenten und ihren Stil. Wie charakterisieren denn Sie wiederum das Hamburger Publikum?

Metzmacher: Die Norddeutschen warten erst mal ab, die kann man nicht einfach überwältigen mit einem Auftritt. Als Dirigent muss man sich über eine gewisse Zeit bewähren. Aber wenn der Knoten geplatzt ist, sind die Hamburger ein sehr treues, aufmerksames und neugieriges Publikum. An jenem Abend im Januar gab es schon am Anfang eine andere Art von Applaus, als ich das von anderen Orten gewohnt bin. Das kann ein Konzert sofort sehr positiv beeinflussen, weil es ... wie heißt dieses "Glückshormon"?

SPIEGEL: Endorphine.

Metzmacher: Weil es Endorphine freisetzt.

SPIEGEL: Hamburg galt bislang wahrlich nicht als die Musikstadt Deutschlands, aber neuerdings behaupten Hamburger, ihre Stadt werde zu einer. Kann ein neues Konzerthaus so eine Veränderung längerfristig bewirken?

Metzmacher: Die Elbphilharmonie ist inzwischen ein weltweit bekanntes Gebäude und für sehr viele Menschen ein Grund, nach Hamburg zu fahren. Das ist zunächst einmal ein großer wirtschaftlicher Faktor. Künstlerisch finde ich neue Orte interessant, weil sie die Möglichkeit geben, auch den Gegenstand, mit dem man sich dort beschäftigt, also die Musik, neu zu betrachten und ein umfangreicheres Repertoire zu spielen. Ich glaube, dass jetzt viele Menschen ins Konzert gehen, die vorher nicht hingegangen sind. Und ich bin ganz sicher, das ist mehr als nur ein Strohfeuer.

SPIEGEL: Die Hamburger haben vor zwölf Jahren bedauert, dass Sie Ihren Vertrag als Generalmusikdirektor nicht verlängert haben. Ihnen fehlte die gewünschte finanzielle Unterstützung für die Staatsoper. Die Elbphilharmonie war damals erst eine Idee. Jetzt, da dieser strahlende Bau steht: Bereuen Sie, dass Sie weggegangen sind?

Metzmacher: Die acht Jahre in Hamburg waren die glücklichste Zeit meines Lebens, künstlerisch gesehen. Aber acht Jahre sind auch eine gute Zeit, da müssen dann mal wieder andere ran. Und ich komme ja immer gerne wieder zu Besuch.

SPIEGEL: Die Elbphilharmonie wurde teurer und teurer, in Hamburg wurde dermaßen auf sie geschimpft - jetzt wird fast nur noch gejubelt. Was offenbaren diese extremen Stimmungslagen?

Metzmacher: Ist das nicht ein Zeichen der Zeit? Politik ist, international gesehen, doch auch so geworden.

SPIEGEL: Der Bundespräsident mahnte bei der Eröffnung, dass die Hamburger jetzt bitte schön darauf achten sollten, dass es auch wirklich ein Haus für alle werde, auch um die Kosten für die Steuerzahler zu rechtfertigen. Glauben Sie, dass das auf Dauer gelingen kann? Klassische Musik ist doch ein eher elitäres Vergnügen.

Metzmacher: Viele Menschen denken, das sei nichts für sie, obwohl sie es gar nicht kennen. Kultur war ja immer auch eine Art Besitzstand - erst des Adels, dann der bürgerlichen Klasse. Das Hamburger Bürgertum hat sich im frühen 20. Jahrhundert im neobarocken Stil die Laeiszhalle gebaut. Arbeiter fühlten sich nie richtig zugehörig, nicht wegen der Musik, die da gespielt wurde, sondern weil sie meinten, schon das Gebäude sei nicht für ihre Klasse gedacht. Die Elbphilharmonie steht nicht nur für einen bestimmten Teil der Gesellschaft. Das ist eine Riesenchance.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum der Elbphilharmonie - mit unserem 360-Grad-Foto:

SPIEGEL: Sie spielen vor allem Musik des 20. Jahrhunderts. Die gilt nun als besonders elitär - selbst bei Klassikliebhabern. Warum tun sich die Leute so schwer mit Ihrem geliebten Herrn Schönberg?

Metzmacher: Die Menschen trauen sich die Musik der Moderne nicht zu, und das ist schade. Wenn Sie einen späten David Bowie hören - diese Musik ist verwandt mit den Werken der Moderne. Die Leute, die Bowie hören, gehen aber nicht ins Konzert und hören sich Varèse an. Sie glauben, es wäre nicht für sie, sondern für die anderen. Weil aber Musik durch die Onlinedienste so viel zugänglicher geworden ist, ändert sich gerade etwas. Die Zuhörerschaften vermischen sich. Zum Glück.

SPIEGEL: Viele Werke des 20. Jahrhunderts können politisch gedeutet werden. Denken Sie auch an die polarisierte, politische Gegenwart, wenn Sie, wie in der Elbphilharmonie, Werke von Anton Webern und Symphonien von Karl Amadeus Hartmann und Dmitrij Schostakowitsch ins Programm nehmen? Hartmann verweigerte sich dem Naziregime, Schostakowitsch komponierte zu Stalins Zeiten oft unter Lebensgefahr.

Metzmacher: Ich weiß nicht. Ich tue mich etwas schwer, da so direkt eine Verbindung herzustellen. Gerade die von Ihnen genannten Werke sprechen doch für sich selbst.

SPIEGEL: Gibt es denn grundsätzlich so etwas wie einen politischen Dirigenten?

Metzmacher: Oh Gott, Hilfe!

SPIEGEL: Immerhin zählen Sie internationale Politik zu Ihren Hobbys.

Metzmacher: Ja, das stimmt. Ich habe mich da schon mehrfach in die Nesseln gesetzt.

SPIEGEL: Vonseiten der Politik wird oft eine Nähe zur Musik und zu Musikern gesucht. Wenn die Bundeskanzlerin jetzt im Juli die Regierungschefs der G-20-Staaten in Hamburg begrüßen wird, geht sie mit ihnen natürlich in die Elbphilharmonie.

Metzmacher: Ja, das finde ich auch richtig. Aber gewehrt habe jedenfalls ich mich immer, wenn bei politischen Festakten das Orchester einfach nur im Hintergrund sitzt und ein paar nette Sachen spielen soll, die nichts zu tun haben mit dem Anlass der Feier. Ich finde, wenn man zum Beispiel die deutsche Einheit feiern will, dann muss auch die Musik etwas mit der Geschichte zu tun haben, mit der Einbindung Deutschlands in Europa. Da gäbe es eine Menge Musik, die dazu eine Haltung einnimmt.

SPIEGEL: Wie wird sich die klassische Musik im 21. Jahrhundert entwickeln?

Metzmacher: Auch da gibt es jetzt Verschiebungen. Heißt Komponieren noch, sich vor ein Blatt zu setzen und schwarze Punkte da draufzuschreiben, Noten? Oder heißt Komponieren, was die DJs machen, die ja auch Dinge zusammenfügen? Ich kenne Komponisten, die nehmen Klänge auf, die sie interessieren, und gehen dann nach Hause an den Computer und bearbeiten die und bringen die neu zusammen.

SPIEGEL: Wird es in fernerer Zukunft noch Orchester geben? In digitalen Zeiten wirkt es fast anachronistisch, dass Menschen sich hinsetzen und etwas erschaffen, was dann, jedenfalls wenn es keine Aufnahme gibt, für immer verschwindet.

Metzmacher: Orchester werden nie, nie, nie verschwinden. Im Gegenteil: Ich glaube, das Gemeinschaftserlebnis, und ein Konzert ist ja ein extremes Gemeinschaftserlebnis, wird gerade in Zeiten der Vereinzelung und Virtualität immer wichtiger. Es sind doch dann alle Sinne erfasst.

SPIEGEL: Sie sind auch Fußballfan. Ist das Gemeinschaftserlebnis die Schnittmenge zwischen klassischer Musik und Fußball?

Metzmacher: Ja klar. Es geht um die großen Emotionen. Es geht immer um alles. Die Aufgaben eines Trainers und eines Dirigenten sind übrigens sehr ähnlich. Eine Mannschaft muss zusammenspielen, ein Orchester ebenso. Ein Orchester braucht wiederum Individualisten, eine Mannschaft auch. Und doch müssen sich die Individualisten zu einer Gemeinschaft fügen. Auch die Aufgaben eines Instrumentalisten und Fußballers sind verwandt. Ein Fußballer muss peripheres Sehen beherrschen, er muss mit dem Ball umgehen und gleichzeitig sehen, was um ihn herum ist. Ein Instrumentalist muss spielen und gleichzeitig hören, was um ihn herum ist.

SPIEGEL: Kann ein Orchester oder eine kulturelle Institution für eine Stadt eine ähnliche Funktion haben wie ein Fußballverein?

Metzmacher: Natürlich. Beide sind identitätsstiftend. Ich zum Beispiel bin in Hannover aufgewachsen, habe in Hamburg gelebt und in Berlin. Jetzt leite ich als Intendant die Kunstfestspiele Herrenhausen und erlebe, wie wichtig dieses Festival für die Identität Hannovers ist. Das könnte eines Tages so bedeutsam werden wie der Erfolg von Hannover 96. Ich bin Fan dieses Vereins seit meiner Kindheit. Daran kann ich jetzt wieder anknüpfen. Und glauben Sie mir, das tue ich auch.

SPIEGEL: Herr Metzmacher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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GarrinchaMane 21.06.2017
1. Leider Esoterik
"SPIEGEL: Das haben wir oft gehört: Der Raum werde sich entwickeln. Was heißt das eigentlich? Metzmacher: Wenn Sie in eine neue Wohnung ziehen, sagt man ja auch, die muss man erst einmal einwohnen. Ich glaube, in einem Konzertsaal muss einfach viel geklungen haben, dann hängt das in den Wänden drin, und so entsteht Geschichte." Das ist leider esoterischer Humbug.
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