AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Statistisches Bundesamt Hier wird die deutsche Wirklichkeit gemacht

Das Statistische Bundesamt sammelt Daten über Rasenmäher, den Kaffeekonsum von Beamten und Preise beim Friseur - niemand weiß mehr über das Land und seine Bürger. Wie ticken die Deutschen?

Aktenregale im Amtskeller
Alina Emrich, Kien Hoang Le / DER SPIEGEL

Aktenregale im Amtskeller

Von


Es geht hinauf in den zwölften Stock und durch einen langen Flur in dunklem Rosa, dann steht man im Eckbüro eines Mannes, der laut Berechnung seiner Mitarbeiter noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 17,7 Jahren hat. Er sagt: "Herzlich willkommen", winkt den Besucher auf einen Platz am Konferenztisch und bestellt bei seiner Sekretärin Kaffee, ein Getränk, von dem in einem Beamtenhaushalt durchschnittlich 100 Tassen im Monat getrunken werden.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Der Mann heißt Dieter Sarreither, hat Ende vergangenen Jahres seinen 65. Geburtstag gefeiert und ist vermutlich 99,9 Prozent der Bevölkerung gänzlich unbekannt. Dabei leitet er eine der einflussreichsten Behörden des Landes: das Statistische Bundesamt.

Das klingt langweilig, klingt grau. Aber hier wird die Wirklichkeit gemacht.

Ohne dieses Amt ließe sich kaum eine sinnvolle Wirtschafts- und Sozialpolitik betreiben. Lobbyisten und Populisten könnten noch mehr Fake News verbreiten, als sie es ohnehin tun. Die Bürger wären nicht dazu in der Lage zu beurteilen, ob die Regierung ihren Job gut oder schlecht gemacht hat. "Wir tragen daher eine große Verantwortung, und wir tun alles, dass die Daten, die wir sammeln, korrekt sind", sagt Sarreither.

Doch was wird erhoben, geprüft und erforscht? Und wer entscheidet darüber?

Die meisten der etwa 2250 Mitarbeiter des Bundesamts sind in einem 13-stöckigen Haus in Wiesbaden untergebracht, das wegen seiner überdurchschnittlichen Trostlosigkeit auch nach Berlin-Marzahn passen würde. Vor dem Eingang steht eine abstrakte Pferdeskulptur, die vom Künstler auf den naheliegenden Namen "Pferd" getauft wurde, von der Belegschaft aber "Amtsschimmel" genannt wird.

Einen alten Paternoster hat man belassen und unter Denkmalschutz gestellt, ansonsten ist im Gebäude vor einigen Jahren alles auf modern getrimmt worden. Es gibt Einzelbüros hinter Glaswänden und offene Kaffeeküchen mit Stehtischen, die als "Kommunikationsinseln" dienen sollen. An den Wänden hängen Schaubilder mit Diagrammen, gegenüber dem Männer-WC im Erdgeschoss findet sich eine "Alterspyramide", die immer stärker zu einem Alterspilz mutiert.

Dank Umfragen mit Hunderttausenden Teilnehmern weiß man in Wiesbaden, wie der deutsche Alltag aussieht, wie sich das Bruttoinlandsprodukt entwickelt, die Inflationsrate. Aber auch, wie viele Männer mit über 30 noch bei ihren Eltern wohnen (rund zwei Prozent), wie viel Zeit ein Deutscher pro Tag durchschnittlich mit Essen verbringt (eine Stunde und 41 Minuten) oder wie viel Geld deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr mit dem Export von Rasenmähern nach Ghana eingenommen haben (rund 82.000 Euro).

Das Statistische Bundesamt arbeitet gründlich, nüchtern, präzise. Es ist vielleicht die deutscheste aller deutschen Behörden.

Sammeln

Der Mann, der für das Amt die meisten Daten heranschafft, heißt Klaus Geyer-Schäfer und wurde mit seinem knapp 300-köpfigen Team in ein Nebengebäude ausquartiert, das von außen etwa so repräsentativ ist wie ein eilig hochgezogenes Flüchtlingsheim. In der braun getäfelten Lobby hängt der Zigarettenqualm der vergangenen Jahrzehnte, die Flure sind in einem beklemmenden Behördengrau gehalten. Im vierten Stock hat Geyer-Schäfer sein Büro, an seinem Monitor klebt eine Postkarte mit der Aufschrift "Geist ist geil".

Gruppenleiter Geyer-Schäfer
Alina Emrich, Kien Hoang Le / DER SPIEGEL

Gruppenleiter Geyer-Schäfer

Geyer-Schäfer, 62, ist promovierter Jurist und leidenschaftlicher Rennradfahrer. Seine Leute von der Abteilung Außenhandel befragen Monat für Monat knapp 60.000 Unternehmen, wie viele Waren sie ein- und wie viele sie ausgeführt haben. Ab einer gewissen Größe sind sie verpflichtet, Meldung zu machen, und sie müssen es gründlich und fristgerecht tun, sonst droht ein Bußgeld. Wenn ein Autobauer Flachrundschrauben aus Südafrika bezieht, muss er das korrekt angeben. Wenn ein Hotel sein Klopapier aus der Ukraine einführt, muss es das berichten.

So kommt jeden Monat ein Datenkonvolut zusammen, das ausgedruckt einen 50 Meter hohen Papierstapel ergeben würde. Allerdings nur dann, wenn man die kleinste Schriftgröße wählen und ohne Absätze arbeiten würde, sonst wäre der Stapel höher, hat Geyer-Schäfer berechnet.

Gestärkt durch ein Mittagsmahl aus Rinderkraftbrühe mit Graubrot, will Geyer-Schäfer nun demonstrieren, wie genau und gut in seiner Abteilung gearbeitet wird. Er geht voran durch einen langen Flur und klopft an die Tür von Nina Reitz, 35. Sie hilft den Unternehmern dabei, alle Waren, die ein- oder ausgeführt wurden, einer achtstelligen Kennnummer zuzuordnen; nur dann können sie digital erfasst werden.

Reitz' Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist eine Dame, deren Firma ein Produkt vertreibt, das dem bekannten Pustefix für Kinder nicht unähnlich zu sein scheint. Sie habe im Kapitel 95 des Warenverzeichnisses "Spielzeug, Spiele, Unterhaltungsartikel und Sportgeräte" nach einer passenden Warennummer gesucht, sei dort aber nicht fündig geworden, berichtet die Frau. "Komplizierter Fall", antwortet Reitz. Weil man mit dem Produkt Seifenblasen machen kann, blättert sie zunächst in Kapitel 34, in dem die Warennummern für verschiedene Seifen zu finden sind. Dann einigt man sich allerdings wegen des vorhandenen Pustestabs doch auf eine Eingruppierung im Spielzeugkapitel.

Das Warenverzeichnis umfasst 9416 Kennnummern, darunter eine für Fleisch von Primaten (das zu handeln jedoch untersagt ist). Die Unterteilung ist so genau, dass man in Wiesbaden weiß, in welchem Umfang "Schuhe, den Knöchel, jedoch nicht das Knie bedeckend, mit einem Oberteil aus Kautschuk" im vergangenen Jahr nach Dänemark geliefert wurden (für 174.000 Euro). Wie viele "elektrische Auto-Rennspiele, die den Charakter von Gesellschaftsspielen haben", aus China importiert wurden (für 10.400.000 Euro). Und wie viel "Truthuhn, unzerteilt, frisch oder gekühlt mit Hals, Herz, Leber und Muskelmagen", die deutschen Lande verließ (13,7 Tonnen für einen Wert von 75.000 Euro).

Was soll dieser mikroskopisch genaue Blick auf den Bereich Import/Export? Würde es nicht genügen, einfach die Gesamtzahl der gehandelten Hosen zu ermitteln, anstatt sie in 20 Untergruppen zu unterteilen? "Diese Frage stellt sich nicht", sagt Geyer-Schäfer. Es gebe "für alle, wirklich alle Zahlen" Interessenten.

Im Jahr 2015 wurden auf der Website des Bundesamts fast drei Millionen Tabellen aufgerufen, hinzu kamen fast 30.000 Anfragen per Mail oder Telefon. Das Statistische Bundesamt unterhält regen Kontakt mit den Bürgern, es ist längst ein großer Dienstleister geworden, der auf seiner Website 830 Millionen Daten frei zugänglich macht. Das Amt muss kundenfreundlich sein, sonst läuft es Gefahr, dass die Bevölkerung nicht mehr kooperiert - und die richtigen Antworten verweigert.

Forschen

In Raum A.10.119. sitzt ein Mann durchschnittlichen Alters (44) und leicht überdurchschnittlichen Gewichts auf einem Stuhl mit grünem Bezug und wird beobachtet. Er hält ein Smartphone in der Hand, das ihm vor wenigen Minuten übergeben wurde. Er möge bitte den Anweisungen auf dem Display folgen, hieß es.

Die Kameras und Mikrofone an der Zimmerdecke übertragen, wie der Mann versucht, einen Aktivierungscode einzugeben. Die Zeichenfolge lautet Gf%_LeMS45pP#!, sie steht auf einem Zettel, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Der Mann tippt mit dem Zeigefinger ganz vorsichtig auf dem kleinen Bildschirm herum, dann teilt ihm das Smartphone mit, dass er den Code leider falsch eingegeben habe. "Herrgott noch mal", murmelt der Mann.

"Ui", sagt Jennifer Vallé im Nebenraum, "jetzt ist er wütend." Die Soziologin, 31, schaut auf einen Monitor, auf dem das Gesicht und die tippenden Finger des Probanden zu sehen sind. Sie schreibt "Gereizt!" in einen Collegeblock.

Vallé arbeitet für das amtseigene "Pretest-Labor", das Fragebogen vor dem Einsatz auf Tauglichkeit prüft. Die Probanden bekommen 30 Euro. Das Amt gewinnt Erkenntnisse darüber, ob die Bürger von der Art der Befragung genervt oder überfordert sind. Verstehen sie überhaupt, was man von ihnen wissen will?

An dem Mann im Nebenraum testet das Team gerade eine neue Form der Internetbefragung. Die soll Teil der Volkszählung "Zensus" werden, an der alle Bürger teilnehmen müssen. Die Umfrage soll zwar erst im Jahr 2021 stattfinden, wird im Amt aber schon seit mehr als fünf Jahren vorbereitet.

Nach zwei Versuchen hat es der Mann endlich geschafft, zum Fragenkatalog vorzudringen. Er soll beantworten, wie groß sein Haus ist, abzüglich aller Flächen mit einer "lichten Höhe" unter einem Meter. Er sieht ein wenig leidend aus, wie einer, der Kopfweh hat, dann gibt er rasch "148" ein, ohne auf das "i" für "Information" zu drücken, das ihm den Begriff erklären würde. War ihm wirklich klar, dass er alle Flächen unter den Schrägen abziehen soll? Oder hat er einfach irgendwas ins Kästchen geschrieben?

"Wenn die Bürger genervt sind oder nicht verstehen, was wir wissen wollen, dann antworten sie ungenau", sagt Vallé. "Trash in, Trash out" wird es im Bundesamt genannt, wenn die Art und Weise einer Befragung die Realität verzerrt. Es ist ein Phänomen, das Statistiker so sehr beschäftigt wie kaum ein anderes, und manchmal ist es nicht nur Dummheit, sondern Berechnung, die dahintersteckt.

Bert Bostelmann / DER SPIEGEL

Institute, die im Auftrag bestimmter Interessenvertreter arbeiten, leiten Fragen gern mit Satzteilen wie "Finden Sie nicht auch..." ein, die den Bürger sanft in eine bestimmte Richtung stupsen. Oder sie laden Fragen so sehr mit Emotion auf, dass die Antworten erwartbar sind.

So wollte die IG Metall einmal in Erfahrung bringen, was die Menschen von Arbeit am Samstag halten, und gab folgende Antwortmöglichkeiten: "Nach meiner Ansicht wäre die Abschaffung des freien Wochenendes ein schwerer Schlag für Familie, Freundschaften, Partnerschaften, für Geselligkeit, Vereine, den Sport und das Kulturleben." Wer sich für Samstagsarbeit aussprechen wollte, konnte sein Kreuzchen neben folgender Aussage machen: "Ich halte den gemeinsamen Freizeitraum des Wochenendes für nicht so wichtig. Seine Abschaffung würde zur besseren Auslastung der Freizeit- und Verkehrseinrichtungen führen."

Die erste Antwort klingt warmherzig und mitfühlend, die zweite liest sich kapitalistisch-kalt. Das Ergebnis war eindeutig: 95 Prozent der Befragten sprachen sich gegen Samstagsarbeit aus. Dabei ergaben andere Umfragen, die genauso repräsentativ angelegt waren, Zustimmungsraten von über 70 Prozent.

Das Bundesamt hat kein Interesse daran, ein bestimmtes Ergebnis zu liefern, es will die Realität abbilden. "Wir wollen der führende Anbieter von statistisch hochwertigen Daten sein", sagt Vallé. Dann dreht sie sich zu ihren Kollegen, die hinter ihr einen Halbkreis gebildet haben. "Das mit dem Code müssen wir im Arbeitskreis noch einmal besprechen."

Prüfen

Jeden Monat schnappen sich die Senioren Notizblöcke, Kugelschreiber und Lesebrillen. Damit marschieren sie durch Deutschlands Kommunen und überprüfen, was teurer und was billiger wurde. Sie sind äußerst penibel, es fällt ihnen auf, wenn eine Packung Kartoffelchips weniger Inhalt hat als in der Woche zuvor und trotzdem das Gleiche kostet. Sie registrieren, wenn beim Friseur um die Ecke die Haarwäsche plötzlich extra bezahlt werden muss. Sie lassen sich nicht verulken, schließlich sind sie im staatlichen Auftrag unterwegs.

Die meisten dieser etwa 600 Menschen sind Rentner und Pensionäre, doch es gehören auch ein paar Studenten und Hausfrauen zur Gruppe der "Preiserheber", die das Statistische Bundesamt auf die deutschen Händler und Dienstleister loslässt. Die Rentnerarmee und ihre jüngeren Rekruten arbeiten für das Referat "Verbraucherpreise", das unter anderem die Inflationsrate berechnet, die in den vergangenen Monaten im Vergleich zu den Vorjahresmonaten meist unter zwei Prozent lag.

Amtsgebäude in Wiesbaden
Alina Emrich, Kien Hoang Le / DER SPIEGEL

Amtsgebäude in Wiesbaden

Chef des Referats ist Florian Burg, wie Kollege Geyer-Schäfer ein überdurchschnittlich sportlicher Mann mit gebräuntem Teint. Er ist 39 Jahre alt, sieht aber zehn Jahre jünger aus. Burg und seine Leute bekommen von den Preiserhebern regelmäßig per Smartphone-App etwa 300.000 Einzelposten übermittelt. Gefahndet wird nicht nur in den Fußgängerzonen und auf der grünen Wiese, sondern auch im Internet. Dabei helfen Webcrawler, die Onlineshops wie Amazon und Ebay durchforsten.

Burgs Abteilung arbeitet mit einem gewaltigen Aufwand, trotzdem reagiert die deutsche Öffentlichkeit mit Skepsis auf das, was sie ermittelt. "Es gibt Menschen, die das Gefühl haben, dass die Rate nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun hat", sagt Burg, "und manchmal haben sie ja auch recht damit: Die subjektiv empfundene Inflation kann aufgrund individueller Verbrauchsgewohnheiten von der durchschnittlichen Inflation abweichen."

Der erlebnisorientierte Singlemann, der jeden zweiten Abend auswärts isst, aber so gut wie nie Auto fährt, registriert wegen steigender Gastronomiepreise eine andere Inflation als die Handlungsreisende, die jeden Monat 2000 Kilometer auf der Autobahn unterwegs ist und sich darüber freut, dass der Sprit 30 Cent weniger kostet als vor fünf Jahren. Die Familie, die im eigenen Haus wohnt und seit Jahren die gleiche Summe an die Bank abdrückt, leidet weniger unter Preissteigerungen als das Ehepaar, das sich vor wenigen Wochen in eine Wohnung in Hamburg-Eppendorf oder München-Schwabing eingemietet hat.

Zahlen können trügen, auch wenn sie sauber errechnet werden. Deswegen steht, neben der Inflationsrate, die Armutsberechnung des Bundesamts in der Kritik. Jedes Jahr wird dort aufs Neue ermittelt, wie viele Menschen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens leben müssen. Diese Bürger gelten in allen europäischen Statistikbehörden als "armutsgefährdet". Ein Wort, das von Medien, Wohlfahrtsverbänden und Politikern aus dem eher linken Spektrum oft mit "arm" gleichgesetzt wird.

Die Zahl ist jahrelang leicht gestiegen, nun stagniert sie, doch aus Sicht vieler Kritiker sagt das rein gar nichts darüber aus, wie es den Menschen in Deutschland wirklich geht.

Das Problem ist, dass sich am Anteil der Armutsgefährdeten nichts ändern würde, wenn plötzlich alle Bürger Deutschlands das Zehnfache verdienen würden. Selbst in einem Land, in dem nur Millionäre lebten, gäbe es Leute, die 60 Prozent weniger als das mittlere Einkommen haben.

Zu den umstrittenen Statistiken aus Wiesbaden gehört auch die Erhebung zur "atypischen Beschäftigung". Der Begriff gilt als Krücke und wird von Gewerkschaften oft mit "prekär" übersetzt. Das passt aber nicht ganz. Als "atypisch" beschäftigt gelten zum Beispiel alle Menschen, die einen befristeten Vertrag haben, und zwar unabhängig von ihrem Einkommen. Fußballprofi Thomas Müller zum Beispiel. Und der verdiente beim FC Bayern München zuletzt mehr als 15 Millionen Euro im Jahr.

Aufklären

Müsste das Amt seine Zahlen nicht genauer erklären? Den Menschen helfen, Statistiken besser zu verstehen, nicht nur die, die aus Wiesbaden kommen, sondern alle, die bedeutsam sind? Gerade in einer Zeit, in der das Land mit so vielen irreführenden Daten über Kriminalität, Armut oder Krankheiten überschwemmt wird wie noch nie?

Man muss nur den Satzteil "Immer mehr Menschen leiden" googeln, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viele problematische Zahlen durch die Öffentlichkeit geistern. Die Suchmaschine schlägt einem zahlreiche Websites mit Texten vor, die so weitergehen: "unter Essstörungen", "an Rückenschmerzen", "an Depressionen"; der Vorrat an grassierenden Malaisen scheint unerschöpflich.

Viele der Statistiken, auf denen diese Artikel fußen, wurden von Pharmaunternehmen und Lobbygruppen in Auftrag gegeben, die - anders als das Bundesamt - nur finanzielle, aber keine aufklärerischen Motive haben. Die Datenlage ist oft dünn, der Umgang mit den Statistiken unkritisch. In Medienberichten über eine Untersuchung des Umweltverbandes BUND heißt es, bei 70 Prozent aller Großstädter sei das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin nachgewiesen worden. Allerdings hatten nur zehn Bürger zur Probe gepinkelt, doch das wurde in einigen Publikationen unterschlagen.

Wer Aufmerksamkeit will, kann zu dem beliebten Trick greifen, Leute für krank zu erklären, die es nicht sind. So will die Krankenkasse DAK herausgefunden haben, dass fast jeder dritte Schüler unter "depressiven Stimmungen" leide. Das klingt dramatisch, zumal Tageszeitungen "depressive Stimmungen" schon mal in "Depressionen" umdeuteten, was ungefähr so ist, als machte man aus einem Sommerschnupfen eine schwere Lungenentzündung. Das erschütternde Ergebnis erklärt sich dadurch, dass die Hürde für die Diagnose einer Depressionsanfälligkeit sehr niedrig lag. Die Schüler gerieten schon in diese Kategorie, wenn sie angaben, dass sie sich manchmal "unverstanden" fühlten.

Der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung fordert wegen solcher Umtriebe das Statistische Bundesamt auf, seine Autorität zu nutzen. Es solle nicht nur Daten sammeln und aufbereiten, sondern auch "Aufklärung in großem Stil" leisten. Könnte das Amt gar als eine Art Statistik-TÜV agieren? "Es ist nicht unsere Aufgabe, das Material anderer Institute zu analysieren und zu bewerten", antwortet Behördenchef Sarreither. "Es würde uns personell auch überfordern. Wir sind schon sehr gut damit ausgelastet, den Auftrag zu erfüllen, der uns vom Gesetzgeber anvertraut wurde."

Bundesamtschef Sarreither
Alina Emrich, Kien Hoang Le / DER SPIEGEL

Bundesamtschef Sarreither

Sarreither will noch zeigen, wo die Statistiken gespeichert werden, die in Wiesbaden erstellt wurden. Er verlässt sein Büro und steigt in den Paternoster. Ganz langsam geht es ins Erdgeschoss, von wo aus eine schmale Treppe hinab in einen Flur mit Wänden aus Kalksandstein führt. "Dieser Bereich wird videoüberwacht", ist auf einem Schild zu lesen.

Sarreither steht jetzt vor einer Eisentür, hier geht es selbst für ihn nicht weiter. Den Raum, der sich dahinter befindet, dürfen nur einige autorisierte Techniker betreten. Es ist das Rechenzentrum des Amtes, aber das klingt zu unbedeutend. In Wahrheit ist es das Gedächtnis der Republik, das hinter der Tür leise vor sich hin brummt.

Sarreither weiß nicht so genau, wie viele Daten auf den Festplatten gespeichert sind, kurioserweise hat das im Amt nie einer nachgezählt. Klar ist, dass jeden Tag neue Zahlen über die Bundesrepublik Deutschland hinzukommen: über die Wirtschaft, den Alltag, die Umwelt. Daten, die kein Zerrbild, sondern ein Abbild der Realität liefern sollen. Deswegen werden sie mit einer Genauigkeit erhoben, die einem Fachfremden manchmal bizarr, fast unheimlich vorkommt. Doch wenn es sie nicht gäbe, wäre Deutschland ein anderes Land. Es müsste sich auf Gefühl und Gerede verlassen. Und das geht meistens schief.



© DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.