Stuttgart Eine Stadt voller Kerle

In deutsche Metropolen zieht es vor allem Männer. In Stuttgart etwa werden schon bald Frauen in der Minderheit sein. Wie verändert sich eine Stadt, wenn das Geschlechterverhältnis aus dem Gleichgewicht kommt?
Lasershow auf dem Stuttgarter Schlossplatz

Lasershow auf dem Stuttgarter Schlossplatz

Foto: Christoph Schmidt/ dpa

Als der Bankkaufmann Dennis Sieg vor acht Jahren aus Hannover nach Stuttgart zog, kannte er dort niemanden. So suchte er auf Facebook nach Leuten, die mit ihm ausgehen wollten.

Offenbar traf er damit einen Nerv. Siegs Gruppe "Neu in Stuttgart" ist mittlerweile auf über 20.000 Mitglieder angewachsen. Und der 32-Jährige ist in der Partyszene der Landeshauptstadt fest etabliert: Jeden Mittwoch füllt er mit seinen Kennenlernabenden für Neu-Stuttgarter Kneipen oder Diskotheken.

Sein Erfolgsrezept: Er sorgt für einen hohen Frauenanteil unter den Gästen. "Es ist immer schöner, wenn viele Frauen da sind, nicht nur für die Männer." Um den Abend für die Neulinge attraktiv zu machen, handelt Sieg etwa einen Hauscocktail für fünf Euro aus oder lässt eine Karaoke-Anlage aufbauen. "Wir kommen ungefähr auf eine Fifty-fifty-Quote", sagt Sieg - in Stuttgarts Nachtleben ist das längst eine Seltenheit.

Denn weibliche Wesen drohen zur Minderheit zu werden in der Metropole der Techniker, nicht nur beim Feiern. "Stuttgart wird männlicher", konstatiert das Statistische Amt der Stadt in seinem kommenden Monatsheft. Die Prognose: "Ende des Jahres 2016 werden in Stuttgart zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte mehr Männer als Frauen leben." Welche Folgen so ein Männerüberschuss haben kann, lässt sich in der Neckarmetropole bereits erahnen.

Ein Jahr zuvor lagen im Geschlechtervergleich noch die Frauen vorn. Ende 2015 gab es 302.329 Stuttgarterinnen und 299.975 Stuttgarter. Doch schon jetzt sind lediglich bei den über 60-Jährigen die Frauen in der Überzahl. Besonders in den mittleren Jahrgängen überwiegen die Männer. Pro Jahr zogen zuletzt 2000 mehr Männer als Frauen zu.

Was macht die baden-württembergische Landeshauptstadt für Männer so attraktiv? Die Statistiker sehen dahinter einen allgemeinen Trend in wirtschaftsstarken Regionen. Die Männer kämen des Jobs oder der Ausbildung wegen, erklärt Werner Brachat-Schwarz, Leiter des Referats für Bevölkerungserfassung beim Statistischen Landesamt Baden-Württemberg.

In Stuttgart haben große Arbeitgeber wie Daimler oder Bosch ihren Standort, sie rekrutieren viele Ingenieure oder Maschinenbauer. Die sind mit dem Männerüberhang bereits seit dem Studium vertraut: In Karlsruhe, einer Stadt mit großer Technischer Universität, leben schon seit 2012 mehr Männer als Frauen; normalerweise sind Frauen wegen ihres höheren durchschnittlichen Lebensalters in der Überzahl.

Aber auch die vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, haben für einen höheren Männeranteil gesorgt. Folge: Die Städte werden männlicher und migrantischer, in Stuttgart ist die Differenz zwischen Männern und Frauen, die zuziehen, so groß wie seit 1990 nicht mehr. Es sei wahrscheinlich, dass das Pendel vorerst weiter "auf die Seite der Männer ausschlägt", prophezeien die Statistiker.

Konstantin Kholodilin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat die Zu- und Abwanderung in hundert kreisfreien deutschen Städten untersucht, darunter die größten Metropolen. "Die Wanderungssalden für Ausländer bestehen zu zwei Dritteln aus Männern", bestätigt er in seiner Studie. Aus einigen Städten, etwa München, Duisburg oder Offenbach, zögen verstärkt Deutsche weg.

Wer mit einem Blick für geschlechtsspezifisches Verhalten durch die Schwabenmetropole geht, vermeint bereits die Anzeichen für einen männlich geprägten Mainstream zu entdecken: im abendlichen Korso auf der innerstädtischen Theodor-Heuss-Straße etwa, wo junge Männer ihre getunten Autos spazieren fahren.

Oder in der Vorliebe für Wunschkennzeichen S-EX, S-XX oder S-AU, schwer vorstellbar, dass Frauen auf der Zulassungsstelle dafür Geld bezahlen.

Jüngst beschwerten sich die Geschäftsinhaber in der Stuttgarter Innenstadt darüber, dass Wildpinkler die Eingänge zu den Läden verunstalteten. Der Umgang mit öffentlichem Gut sei nachlässiger geworden, beklagen Kommunalpolitiker. Allerdings ist es schwer, einen direkten Zusammenhang zwischen Vandalismus und Bevölkerungsstatistik herzustellen.

Die Folgen des demografischen Trends sind noch kaum abzusehen. Konrad Hummel, der Konversionsbeauftragte der Stadt Mannheim, sieht die Herausforderungen für die Stadtentwicklung, etwa wenn es darum geht, passende Wohnungstypen für die vielen männlichen Flüchtlinge zu finden. Der Stuttgarter Sozialbürgermeister Werner Wölfle hofft unterdessen auf männliche Nachwuchs-Arbeitskräfte für Kitas und Bildungseinrichtungen. Die Stadt hielt es allerdings auch für angezeigt, in einer großen Plakatkampagne Freier auf Zwangs- und Armutsprostitution hinzuweisen.

Wirtschaftsforscher Kholodilin warnt indes vor Alarmismus. Von echtem Frauenmangel seien die Großstädte statistisch noch Jahrzehnte entfernt: "Ich sehe keinen Grund zur Besorgnis, geschweige denn einen Anlass zur staatlichen Intervention."

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