Schutz vor Terror und Amok Im Kampf gegen den Hass im Kopf

Wütend, traumatisiert, psychisch labil - Deutschland muss sein Problem mit jungen gewaltbereiten Männern in den Griff bekommen. Die gute Nachricht: Die Chancen sind nicht schlecht, denn Prävention wirkt wirklich. Wir müssen sie nur wollen.
Salafisten und Organisationen wie der "Islamische Staat" (IS) ködern die Außenseiter und die Frustrierten, indem sie ihnen verheißen dazuzugehören und bedeutsam zu sein.

Salafisten und Organisationen wie der "Islamische Staat" (IS) ködern die Außenseiter und die Frustrierten, indem sie ihnen verheißen dazuzugehören und bedeutsam zu sein.

Foto: AFP/ Islamistische Propagandawebsite

Als André Taubert mit seinem alten Mercedes noch jeden Tag durch Norddeutschland fuhr, kam er sich oft ziemlich alleingelassen vor.

Mit nur einer Kollegin kümmerte er sich um Islamisten in vier Bundesländern: Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Immer wieder klingelte das Telefon mit besorgten Müttern am anderen Ende der Leitung. Frauen, deren Söhne oder Töchter gerade den Dschihadismus für sich entdeckten. Verzweifelte, die keinen Zugang mehr fanden zu ihren plötzlich fremden Kindern.

Morgens Kiel, nachmittags Göttingen, abends Bremen, so sahen von 2012 bis 2015 häufig Tauberts Tage aus. "Wir mussten Prioritäten setzen, Listen führen, überlegen, wo man überhaupt noch etwas bewegen kann", sagt er. "Das waren Kamikaze-Einsätze."

Prävention war kein großes Thema in jener Zeit, jedenfalls nicht für die Politik. In ganz Norddeutschland habe es nur ein Beratungszentrum für Angehörige von Islamisten gegeben - mit bloß einer öffentlich finanzierten Stelle, die sich Taubert und seine Kollegin teilten.

Inzwischen haben sich seine Arbeitsbedingungen verbessert: Seit Juli 2015 ist Taubert, 39, in Hamburg Chef von Legato, einer "Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung". Allein in der Hansestadt ist nun ein Team von neun Mitarbeitern im Einsatz; in nur einem Jahr haben sie bereits 130 Fälle betreut. Kein einziger dieser Jugendlichen sei bislang nach Syrien gereist, sagt Taubert, keiner sei seines Wissens des Terrorismus verdächtig. Im blutigen Sommer 2016 ist dies die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Ein Leben ohne neue Anschläge, ohne Terrorangst kann es nur geben, wenn man die Wut labiler junger Männer zu begreifen beginnt - und Antworten findet:

"Ich bin genervt von Aussagen, dass man gegen Terroranschläge sowieso nichts tun kann, nur weil die Sicherheitsbehörden nicht alles erkennen. Das ist eine Missachtung der zivilgesellschaftlichen Macht", sagt denn auch Taubert.

Es sind Menschen wie Taubert, auf die es in Deutschland nun ankommt. Sozialarbeiter, Therapeuten, Psychiater, Pädagogen. Sie sollen leisten, was Polizei und Geheimdiensten allein nicht gelingen kann. Sie müssen einspringen, wo Eltern nicht mehr weiterwissen, wo Freunde wegsehen und Nachbarn schweigen.

Der Nachholbedarf ist groß, wie eine SPIEGEL-Umfrage in allen Bundesländern zeigt. Obwohl die Zahl der nach Syrien und Irak ausreisenden gewaltbereiten Männer jahrelang stieg, arbeiten etwa bayernweit erst seit 2015 vier Ministerien im Rahmen eines Radikalisierungsnetzwerks gegen Salafismus eng zusammen. In Baden-Württemberg nahm ein Kompetenzzentrum kurz vor Weihnachten die Arbeit auf. Die Fachstelle "Salafismus im Saarland" startete am 1. Januar dieses Jahres. Geld war bislang fast überall knapp: Genau 16.005,76 Euro gab Thüringen 2015 im Bereich Islamismusprävention aus.

In Zeiten, in denen der Terror näher rückt, zeigten sich Staat und Gesellschaft bislang merkwürdig desinteressiert, wenn es darum ging, gefährdeten Jugendlichen zu helfen oder junge Radikale von den Rändern zurückzuholen. Dabei könnte das Ringen um ihre Köpfe und Herzen gelingen. Die Biografien - und möglichen Krankheitsbilder - von Gewalttätern sind sich in ihren Brüchen oft ähnlich, seien sie nun links, rechts oder extremistisch.

"Die Erkrankungen folgen sozialen Problemlagen und Krisen, die die Täter beim Aufwachsen erleben", sagt der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick. Mit anderen Worten: Familiäre Probleme, Schwierigkeiten in der Schule, Abwendung von alten Freunden sind neben psychischen Auffälligkeiten Faktoren, die eine Radikalisierung beschleunigen können. Oder möglicherweise zu einem fatalen Interesse an Amokläufen führen. Am Ende bleibt das große Loch. Und es hängt fast vom Zufall ab, welche Gruppe, welche Ideologie dieses Loch zu füllen versucht.

Salafisten und Organisationen wie der "Islamische Staat" (IS) machen das sehr professionell. Sie ködern die Außenseiter und die Frustrierten, indem sie ihnen verheißen dazuzugehören und bedeutsam zu sein. Wenn die anderen euch nicht respektieren, kommt zu uns, lautet die Botschaft. Es sind die gleichen Argumente, mit denen sich Rechtsextreme und Nationalisten an desillusionierte Jugendliche wenden.

Eine weitere Risikogruppe kommt dazu: Flüchtlinge aus den Krisengebieten des Nahen Ostens und anderen Teilen der Welt.

Zwar haben die Sicherheitsbehörden zuletzt gewarnt, dass sich auch IS-Kämpfer in die Flüchtlingsströme einschmuggeln können. Dass noch andere Gefahren drohen, wurde einer breiteren Öffentlichkeit aber erst nach den jüngsten Anschlägen bewusst: Bei den Tätern von Ansbach und Würzburg zeigte sich die instabile Lage, in der sich viele Flüchtlinge befinden - und die sie anfällig machen kann für extremistische Gedanken.

Mitarbeiter der bundesweiten Telefonhotline für radikalisierungsgefährdete Jugendliche sind schon seit einiger Zeit alarmiert. Die beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angesiedelte Hotline hat sich seit ihrer Gründung 2012 fast ausschließlich mit in Deutschland aufgewachsenen jungen Frauen und Männern beschäftigt. Doch seit vorigem Sommer kommt es immer häufiger vor, dass sich Betreuer von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen melden, weil sie eine Radikalisierung ihrer Schützlinge bemerken: Jugendliche zeigten sich untereinander Propagandavideos oder sympathisierten offen mit dem IS. 70 über die Hotline gemeldete minderjährige Flüchtlinge wurden bislang von Islamismusexperten betreut.

Am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer ist dieses Problem ebenfalls bekannt. Seit über einem Jahr müssen Ärzte dort den Großteil der wöchentlich rund 20 neuen Anfragen ablehnen: Die Kapazitäten reichen bei Weitem nicht aus, das Geld fehlt. Dabei benötigt nach Schätzung der Berliner Ärzte mindestens ein Viertel aller ankommenden Flüchtlinge psycholoische Betreuung. Viele wurden gefoltert oder haben in ihrer Heimat Menschen grausam sterben sehen.

Eine stabile Situation für die Flüchtlinge zu schaffen wäre die beste politische Prävention.

Vor allem unbegleitete minderjährige Asylbewerber sind gefährdet. Sie haben neben dem Leid, das alle erlebt haben, Eltern oder Geschwister zurücklassen müssen oder verloren. Nun sind sie allein in einem fremden Land mit einer fremden Sprache.

Gerade arabische Jungen täten sich schwer, über ihre Gefühle zu reden, sagt Mechthild Wenk-Ansohn, die seit 22 Jahren als Ärztin und Psychotherapeutin in der Ambulanz des Zentrums arbeitet. Immerhin: Dank einer privaten Spende kann die Berliner Einrichtung demnächst ihre derzeit 20 Therapieplätze aufstocken und einen Kinder- und Jugendpsychiater einstellen.

Ärztin Wenk-Ansohn

Ärztin Wenk-Ansohn

Foto: Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Auch andere Krankenhäuser helfen, so gut es eben geht, wenn Therapeuten und Dolmetscher fehlen. Eine Klinik im Saarland arbeitet unter anderem mit bebilderten Handbüchern, mit denen Minderjährige lernen sollen, ihren Stress zu regulieren. Sie legen etwa Eiswürfel auf die Haut, beißen in Chilischoten oder machen Liegestütze, um ihre Sinne vom Stress abzulenken. In ihrem persönlichen Stimmungsbarometer kreuzen die Jugendlichen jeden Morgen, Mittag und Abend an, ob sie gut gelaunt oder wütend sind. So ist für die Betreuer sichtbar, wie es ihnen geht.

"Eine stabile Situation für die Flüchtlinge zu schaffen und einen sofortigen Zugang zu integrativen Maßnahmen zu ermöglichen wären deshalb die beste politische Prävention", sagt Wenk-Ansohn in Berlin, "auch gegen solch schreckliche Taten, wie wir sie jetzt erlebt haben."

Es ist nicht einfach, die Biografien der Gewalttäter von Würzburg, München oder Ansbach zu vergleichen und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Noch reichen die Informationen nicht aus, noch steht nicht eindeutig fest, welche Rolle Mitwisser und Unterstützer spielten.

Was viele Einzeltäter jedoch eint, ist ihre Verzweiflung. Ob Amokschütze oder Islamist: Sie haben eine narzisstische Persönlichkeit, wollen als Einzelne berühmt werden und hassen alles andere. Die Unterschiede liegen in der Ausführung.

SPIEGEL

Die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg hat die Taten und Profile aller jungen Männer untersucht, die seit den Neunzigerjahren eine Amoktat in Deutschland begangen haben oder es versuchten, darunter die Amokläufe in Erfurt, Emsdetten und Winnenden. Alle Täter hätten ein "Motivbündel von Wut, Hass und Rachegedanken" entwickelt, das "nicht rational begründet" ist, heißt es in Bannenbergs Arbeit. "Sie fühlen sich oft gedemütigt und schlecht behandelt, ohne dass die Umwelt das nachvollziehen kann."

Deswegen ist es für Verwandte und Freunde schwer, Anzeichen im Vorfeld zu erkennen. Zwar ziehen sich Amoktäter üblicherweise schon weit vor der Tat sozial zurück und zeigen wenig Interesse für die Empfindungen anderer Menschen. Zwar hören viele von ihnen Musik mit hasserfüllten Texten oder verbringen viel Zeit mit gewalttätigen Computerspielen. Doch so verhalten sich auch andere psychisch auffällige Jugendliche, die nicht mit Waffen um sich schießen.

Bannenberg hat ein interdisziplinäres Präventionsangebot gegründet. Seit April 2015 ist eine Telefonnummer geschaltet, die Eltern, Lehrer oder Freunde anrufen können. 40-mal klingelte seitdem das Telefon, zwei Drittel der Anrufe waren sehr ernst und führten häufig zu Ermittlungen. Teilweise konnte die Polizei bei den Betroffenen Schusswaffen sicherstellen.

Auch Psychiater sind heute oft besser sensibilisiert, wenn Problemfälle sie erreichen. So sei man alarmiert, wenn gefährdete Jugendliche den Kontakt zu den Ärzten abbrächen oder sich dem offenen Gespräch verweigerten, sagt Kai von Klitzing, Kinder- und Jugendpsychiater an der Uniklinik Leipzig. "Wir informieren die Eltern und sprechen offen mit ihnen über die Gefährdung, wenn ein Jugendlicher sich der Behandlung entzieht. Das haben wir aus Winnenden gelernt. Ein Vorwurf des Täter-Vaters war ja, die behandelnden Ärzte hätten versäumt, ihn über die Gefährlichkeit seines Sohnes aufzuklären." Auch frage man seit dem Amoklauf in Winnenden gezielt nach, ob es im Umfeld des Patienten oder seiner Eltern Waffen gebe.

Wann aber brechen Psychiater ihre Schweigepflicht und informieren die Polizei? Wann übertrifft das Schutzbedürfnis der Allgemeinheit den Vertrauensschutz des Patienten? Die Rechtslage sieht vor, dass die Schweigepflicht aufgehoben werden kann, wenn eine "gegenwärtige, nicht anders abwendbare" Bedrohung für Leib und Leben besteht. Wann das der Fall ist, entscheidet der Psychiater.

Klitzing sagt, die Schweigepflicht dürfe man nur in Ausnahmen brechen. "Viele unserer jugendlichen Patienten berichten über Fantasien, sich selbst zu töten oder auch andere. Über solche Fantasien offen mit einem Therapeuten zu sprechen stellt eine gute Voraussetzung für ihre Begrenzung dar - und schützt davor, dass die Vorstellungen in Handlungen umgesetzt werden." Wer im Namen der Prävention nach schärferen Regeln rufe, sagt der Professor, behindere in Wahrheit die Prävention.

Was ist mit jenen Menschen, die sich scheinbar plötzlich dem Islamismus zuwenden?

Mittlerweile hat die Polizei in Deutschland eigene Leitfäden entwickelt, um Attentatsdrohungen, die nach einer solchen Tat erfahrungsgemäß vermehrt eingehen, besser einschätzen zu können: Ist einer ein Trittbrettfahrer, oder steht er kurz davor, Ernst zu machen? Oft kommen erste Hinweise aus dem persönlichen Umfeld. Auch den Mitschülern von David Sonboly, dem Amokläufer von München, soll sofort nach der Tat klar gewesen sein, dass es um ihren Klassenkameraden ging.

Wenn also besorgte Mitschüler, Lehrer oder Eltern melden, jemand zeige eine auffällige Affinität zu Waffen, interessiere sich für Massenmorde, dann stehen geschulte Polizeiteams zur Verfügung, um eine Gefährdungsbewertung zu erstellen.

In besonderen Fällen bittet das Polizeipräsidium zur Fallkonferenz: Vertreter von Schule, Ordnungs- und Gesundheitsamt, psychiatrischem Dienst, Polizei tragen ihre Informationen zusammen. Gibt es eine suizidale Krise? Wie konkret sind die Pläne? Hat jemand schon erste Organisationsschritte vollzogen? Gibt es einen Zugang zu Sprengmitteln oder Waffen? Darauf können folgen: gezielte Ansprache, verdichtetes Betreuungsangebot, Beschlagnahme des PC, Hausdurchsuchung, Unterbringung in der Psychiatrie.

Größenfantasien, tief empfundene Wertlosigkeit, Leere: Immer wieder stößt man auf ähnliche Hintergründe, wenn man die Geschichte der Gewalttäter betrachtet und sich mit jenen beschäftigt, die sich für solche Anschläge begeistern. Trotzdem braucht es für jede Problemgruppe differenzierte Antworten, maßgeschneiderte Strategien. Potenzielle Amok- oder Hasstäter benötigen therapeutische Hilfe.

Aber was ist mit jenen Menschen, die sich scheinbar plötzlich dem Islamismus zuwenden? Wie können sie erreicht und zur Umkehr bewegt werden - bevor sie nach Syrien ziehen und als IS-Krieger zurückkommen?

Der erste Schritt in der Präventionsarbeit besteht oft darin, jene Erzählweise zu verstehen, die Jugendliche in die Fänge von Dschihadisten lockt. So zeigen die meisten der vom IS verbreiteten Videos nicht Szenen, in denen Gefangene geköpft oder erschossen werden, wie man vielleicht glauben mag. Vielmehr vermitteln die hoch professionellen Filme ein weich gezeichnetes, romantisierendes Bild vom Leben im Kalifat. Sie inszenieren lachende Männer in adretten Uniformen, die in einer Gruppe von Gleichen ihre Waffen reinigen und anschließend zum Basar fahren, um dort Geschenke für die Kinder und Parfum für die Frauen zu kaufen. Ein kuscheliges Leben, selbstbestimmt und doch in einer großen Gemeinschaft.

Westliche Regierungen versuchen, diesen Erzählungen aus 1001 Nacht etwas entgegenzusetzen. Auf EU-Ebene hat sich deshalb ein Beraterteam gebildet, das mit Recherchen, Social-Media-Training und eigenen Kommunikationsstrategien die Mär vom idyllischen "Kalifat" entlarven soll.

In Deutschland hat die Bundeszentrale für politische Bildung mit bekannten YouTube-Stars Videos entwickelt, die Begriffe wie "Dschihad" oder "Salafismus" erklären sollen. Ein Beitrag des YouTubers LeFloid zur Frage "Was bedeutet 'Kalifat'?" erzielte über 130.000 Abrufe. Die Frage ist nur, ob sich davon junge Menschen abhalten lassen, nach Syrien zu reisen oder in Deutschland eine Bombe zu zünden.

Beim Hamburger Präventionsprojekt Legato hat André Taubert bewusst einen anderen Ansatz gewählt. Er heißt etwas sperrig "systemische Ausstiegsberatung".

Sozialarbeiter Taubert

Sozialarbeiter Taubert

Foto: Roland Magunia / Hamburger Abendblatt

Der Sozialarbeiter und Religionspädagoge berichtet über einen klassischen Fall: Die 16-jährige Tochter konvertierte zum Islam, nachdem sie im Internet einen jungen Muslim kennengelernt hatte. Sie versprach, ihn zu heiraten, obwohl sie ihn noch nie persönlich gesehen hatte. Sie fing an, ein Kopftuch zu tragen, seit Kurzem ist sie voll verschleiert.

Die Mutter, selbst Tochter frommer Christen, kann mit Religion nichts anfangen und gerät mit ihrer Tochter immer wieder in Streit. "Innerfamiliäre Konflikte, und seien sie noch so banal, sind häufig der Türöffner für eine Radikalisierung", sagt Taubert. Andererseits stimme es ihn optimistisch, dass Mutter und Tochter nach dem Auseinanderleben überhaupt noch streiten. "Das zeigt, dass die Tochter von der Mutter noch etwas will." Die Mutter habe sich ausdrücklich gewünscht, über ihren Fall zu berichten - um anderen Mut zu machen.

Taubert berät in der Regel nicht die Jugendlichen, sondern die Eltern, denn sie seien der Schlüssel zum Problem. Er versuche, ihnen klarzumachen, womit die Teenager in ihrem Elternhaus hadern. Er fordert sie auf, gelassener auf die eigenen Kinder zuzugehen, sie mit ihren Reaktionen zu überraschen.

"Es geht in Wahrheit nicht um die Religion, ob es den IS gibt oder nicht, spielt in meinen Fällen zunächst keine Rolle", sagt er: "Es ist klassische Familienberatung, was ich hier mache." Etwa 80 Prozent der Islamisten, mit denen er sich beschäftigt hat, stammen aus Haushalten mit einer alleinerziehenden Mutter, in denen der Islam kaum eine Rolle spielte.

Eltern sind oft der Meinung, ihr Kind sei von Islamisten einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Sie hätten die Erwartung, dass der Radikalismus möglichst schnell wieder hinausgewaschen werden könne. So erlebt es Taubert in seiner Praxis.

Aber so einfach laufe es nicht, sagt er. "Deradikalisierung ist ein langer Prozess." Die Betroffenen brauchten Zeit, um den Wert von Liebe, Respekt, Selbstachtung und gesunden sozialen Beziehungen für sich zu entdecken. Man dürfe nicht erwarten, dass ein Islamist von heute auf morgen erkläre: "Jetzt bin ich wieder derselbe Loser wie zuvor."

Die Frage ist, ob Deutschland die Geduld für derart lange Prozesse hat. Ob die Gesellschaft die Nerven behält, auch wenn es zu weiteren Anschlägen kommt.

Etliche Bundesländer haben den Handlungsbedarf inzwischen erkannt. Berlin stellt im nächsten Jahr allein im Rahmen eines Senatsprogramms für Deradikalisierungsprojekte immerhin 860.000 Euro bereit, Nordrhein-Westfalen verdreifachte in diesem Jahr seine Mittel für die Salafismus-Prävention. Auch auf Bundesebene tut sich etwas: "Wir müssen die Präventionsarbeit von Bund und Ländern endlich effizient vernetzen", fordert der SPD-Bundestagsabgeordnete und Innenexperte Uli Grötsch. Bald wird es eine Koordinierungsstelle auf Bundesebene geben, die den Überblick über die vielfältigen Programme behalten soll.

In Hamburg ist Taubert inzwischen optimistisch gestimmt; besser jedenfalls als in jenen Jahren, da er mit dem Auto durch Norddeutschland fuhr, um den Familien von Islamisten im Alleingang zu helfen.

Warum ist Deutschland bislang glimpflicher davongekommen als Frankreich oder Belgien? "Die Zivilgesellschaft hat schon viel geschafft", sagt Taubert, mittlerweile gebe es endlich flächendeckend Beratungsangebote. Dieser Weg dürfe nicht verlassen werden. "Wir brauchen nicht mehr Polizei. Wir brauchen mehr Prävention."

Von Maik Baumgärtner, Jörg Diehl, Frank Hornig, Philip Kaleta, Martin Knobbe, Beate Lakotta, Ann-Kathrin Müller, Jörg Schindler, Katja Thimm und Wolf Wiedmann-Schmidt