Islamisten in Deutschland Schlächter von Tabka

Fahnder sind einer Terrorgruppe auf der Spur: Ihre Mitglieder mordeten in Syrien und tauchten dann als Flüchtlinge in Deutschland unter. Etwa 25 Verdächtige sind identifiziert - wo stecken die anderen?
Kampfeinheit Liwa Owais al-Qarni beim Verlassen von Tabka 2013: "Den Rest besorgt"

Kampfeinheit Liwa Owais al-Qarni beim Verlassen von Tabka 2013: "Den Rest besorgt"

Was er in Syrien getan hatte, würde ihn auch in Deutschland verfolgen, so viel wurde Abdul Jawad al-K. bald klar, nachdem er im Oktober 2014 in Bremen angekommen war. Er hatte in Deutschland Landsleute getroffen, und sie wussten um seine Vergangenheit. "Bei Gott", schrieb al-K. über WhatsApp einem Bekannten, "sie erinnerten sich an Details, die ich selbst vergessen hatte."

Dazu gehören die grausamen Einzelheiten eines Massakers auf einem Müllplatz nahe der syrischen Stadt Tabka. Im März 2013 soll al-K. dort zusammen mit Gleichgesinnten 36 Polizisten, Verwaltungsangestellte und Milizionäre des Assad-Regimes getötet haben, auf bestialische Weise. "Sie haben sie halb geköpft und du hast den Rest besorgt", hielten die syrischen Landsleute al-K. vor. Er war damals Kommandeur einer Kampfeinheit der islamistischen Nusra-Front.

Die Enthauptungen auf der Müllkippe werden demnächst Thema vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Ende September beginnt dort der Prozess gegen al-K. und weitere mutmaßliche Mittäter. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor, Kriegsverbrechen und 36-fachen Mord.

Das Verfahren ist nur möglich, weil beide Seiten, Täter und Bekannte der Opfer, nach Deutschland kamen und dort aufeinandertrafen. Zeugen sollen die Gräueltaten von Tabka minutiös beschreiben können.

Der Prozess legt auch die Frage nahe, wie viele der Menschen, die Schutz suchend aus dem syrischen Kriegsgebiet nach Deutschland kamen, vor allem Täter sind und nicht Opfer. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden leben offenbar mehr als 60 Kämpfer der islamistischen Liwa Owais al-Qarni, zu der auch al-K.s Einheit gehörte, in der Bundesrepublik. Sie sollen nach und nach als Flüchtlinge, teilweise mit Aliasnamen getarnt, über die Balkanroute nach Deutschland eingesickert sein.

Die Kampfgruppe gehörte zu den ersten Einheiten, die im Norden Syriens bewaffneten Widerstand gegen das Regime des syrischen Diktators leisteten. Die Truppe war ursprünglich Teil der Freien Syrischen Armee. Ende 2012 lief sie geschlossen zur Nusra-Front über, dem Ableger von al-Qaida in Syrien. 2014 löste sich die Gruppe auf. Viele Mitglieder schlossen sich dem IS und anderen islamistischen Terrormilizen an. Andere verließen das Kriegsgebiet und kamen nach Europa.

Unter dem Kommando der Nusra kämpfte die Liwa Owais al-Qarni in der Provinz Rakka. Ihre Mitglieder sollen an "diversen Massakern an gefangenen Zivilisten und syrischen Soldaten" beteiligt gewesen sein, heißt es in einem vertraulichen Papier der Sicherheitsbehörden. Bei diesen Massakern sollen, so das Dokument, "mindestens 300" Menschen ermordet worden sein.

Bundesweit arbeiten die Behörden daran, an den Gräueltaten Beteiligte, die nach Deutschland kamen, aufzuspüren und zu verhaften. Bei rund 25 Ex-Mitgliedern der Gruppe sind die Vorwürfe so konkret, dass gegen sie ermittelt wird. Neben dem Generalbundesanwalt sind unter anderem auch die Landeskriminalämter (LKA) in Baden-Württemberg und Bayern aktiv. Es gibt Hinweise, dass die Männer in 13 verschiedenen Bundesländern untergekommen sind. Im Mai nahmen Beamte des LKA Sachsen einen Kommandeur der Brigade fest, den Syrer Ahmad A.-A.

Ungefähr 30 weitere Mitglieder der Gruppe, die ebenfalls in Deutschland leben sollen, sind noch nicht identifiziert oder gefunden. Bei manchen gibt es Hinweise, andere sind den Behörden schlicht unbekannt. Ziel der Nusra-Front war immer der Kampf in Syrien - nicht wie beim "Islamischen Staat" auch der Terror in Europa. "Aber natürlich bereitet einem der Gedanke Sorge, dass derart verrohte Menschen hier in Deutschland sind", sagt ein Verfassungsschützer.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Projektgruppe mit dem Codenamen "Keto" gegründet. Sie soll den Informationsaustausch zwischen den Bundesländern organisieren. Der "Liwa-Komplex", wie Geheimdienstler die Ermittlungen nennen, sei "womöglich noch umfangreicher als bislang bekannt", so ein Beamter.

Auf die Spur der Kampfgruppe in Deutschland kamen die Ermittler durch Zufall: Ein Mitglied erwähnte seine Zeit bei der Einheit in seiner Asylanhörung. Und dann funktionierte offenbar der Informationsfluss: Die eingeschalteten Beamten merkten schnell, dass sich der vermeintliche Einzelfall zu einem größeren Komplex entwickelte. Sie fanden weitere Zeugen. Einer von ihnen identifizierte Abdul Jawad al-K., den mutmaßlichen Schlächter von Tabka.

Der saß da allerdings bereits im Gefängnis, denn nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft wollte er den Terror auch nach Deutschland bringen - nun gemeinsam mit Anhängern des "Islamischen Staates". Zusammen mit anderen Islamisten soll er im Jahr 2016 einen Terroranschlag auf die Düsseldorfer Altstadt geplant haben, Selbstmordattentäter sollten sich dort in die Luft sprengen. "Wir müssen wissen, ob wir als Märtyrer sterben", schrieb al-K. damals einem seiner mutmaßlichen Mittäter. Inzwischen sieht es für ihn nach einem Leben hinter Gittern aus.

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