Tesla-Autopilot Unfälle? Lebensgefahr? Dem Minister offenbar egal

Experten des Verkehrsministeriums kommen nach SPIEGEL-Informationen in einem Gutachten zu dem Schluss: Der Autopilot im Tesla ist eine erhebliche Verkehrsgefährdung. Trotzdem weigert sich Minister Dobrindt, den Sportwagen auf deutschen Straßen stillzulegen. Was steckt dahinter?
Tesla-Neuwagen in den Niederlanden: Erstaunlich kurzsichtig

Tesla-Neuwagen in den Niederlanden: Erstaunlich kurzsichtig

Foto: Dominik Asbach/ Laif

Normalerweise hätte es der Unfall nicht einmal in die Lokalzeitung geschafft: Ein Sportwagen fährt auf einen Reisebus auf, der Fahrer verletzt sich nur leicht, die Insassen des Reisebusses kommen mit dem Schrecken davon.

Am Mittwoch vergangener Woche hatte sich dieser Unfall auf der A24 zwischen Berlin und Hamburg ereignet. Doch die Nachricht machte nicht nur landesweit Schlagzeilen, sie versetzte sogar die Beamten des Bundesverkehrsministeriums in nervöse Hektik.

Denn bei dem Sportwagen handelte es sich um einen Tesla vom Model S. Am Steuer saß ein 50-jähriger Mann aus Brandenburg, gelenkt aber hatte ein Computer - und das ist auch der Grund, warum Verkehrsminister Alexander Dobrindt seine Fachleute zusammenrufen ließ.

Über 3000 Exemplare des schicken kalifornischen Elektroautos bewegen sich auf deutschen Straßen. Dabei würden etliche von Dobrindts Fachbeamten dem Modell am liebsten die Zulassung entziehen und es damit stilllegen. Sie gehen von einer "erheblichen Verkehrsgefährdung" durch den Tesla aus. So steht es in einem Gutachten, das auch Dobrindt kennt - und ignoriert.

Der Minister will den Tesla nicht stilllegen, er hat ganz andere Pläne: Er soll überlegen, der Firma Forschungsgelder zu geben, um die sogenannten Fahrassistenzsysteme in deutschen Großstädten zu testen.

Diese Computersysteme seien "die größte Mobilitätsrevolution seit Erfindung des Autos", sagt Dobrindt, sie könnten helfen, Verkehrstote zu vermeiden. Der CSU-Mann will sich damit schmücken, dass sein Ministerium bei der digitalen Revolution auf vier Rädern vorneweg fährt. "Wenn bloß nicht ein Tesla mit seinem Autopiloten verunglückt und es dabei Tote gibt", heißt es bei seinen Fachleuten.

Alexander Dobrindt am Stand von Tesla Motors auf der Leipziger Automesse

Alexander Dobrindt am Stand von Tesla Motors auf der Leipziger Automesse

Foto: DPA

In einem solchen Fall wäre Dobrindt politisch in großer Gefahr. Denn mit dem Wissen um die Gefahr des Tesla-Systems hätte er handeln und das Model S aus dem Verkehr ziehen müssen, so wie es ihm seine Beamten nahelegen. Doch auch nach dem Tesla-Unfall auf der A24 beschloss der Minister lediglich, weitere Gutachten über das Unfallpotenzial des Elektroflitzers in Auftrag zu geben. "Eine abschließende Bewertung" zur Autopilotfunktion liege noch nicht vor, heißt es im Ministerium.

Dobrindt verschafft sich zwar Zeit, rechtlich absichern kann ihn das aber nicht. Denn die Schwachstellen des Tesla-Fahrassistenten sind belegt. Ermittelt hat sie die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach, die höchste technische Instanz seines Hauses.


Testfahrt mit dem Tesla: Wie reagiert die Autopilot-Funktion von Tesla auf deutschen Straßen? Sehen Sie den Praxistest im Video.

DER SPIEGEL

Seit in diesem Frühjahrbei einem spektakulären Unfall in den USA ein Tesla-Fahrer zu Tode kam, gingen Dobrindts Sachverständige aus dem BASt dem Verdacht nach, der Autopilot könne technisch noch nicht ausgereift genug sein, um ihn in einem Serienauto einzusetzen. Eine Spezialität des digitalen Chauffeurs ist es unter anderem, einen Überholvorgang selbstständig einzuleiten und auszuführen.

In den vergangenen Monaten fuhren die BASt-Experten mit dem Model S viele Tausend Kilometer, sie analysierten das Verhalten des Autopiloten in den unterschiedlichsten Fahrsituationen, wobei es zu mitunter dramatischen Szenen gekommen sein soll. Am Ende identifizierten sie eine ganze Reihe zentraler Risiken, die sie in dem Papier für Dobrindt niederschrieben.

Die Kritik entzündet sich schon daran, dass sich das System auch auf Straßen innerorts aktivieren lässt, obwohl es eigentlich nur für Kraftfahrtstraßen und Autobahnen ausgelegt ist. Dadurch werde "vorhersehbarer Fehlgebrauch des Systems auf ungeeigneten Straßenkategorien nicht unterbunden", heißt es in dem Gutachten.

Auch wer die Gebrauchsanweisung liest, sei für den Einsatz des Autopiloten nicht ausreichend vorbereitet, so das BASt. Der Fahrer werde "irregeführt" durch die Bezeichnung Autopilot und dazu verleitet, "sich von der Fahraufgabe abwenden zu können". Dabei müsse der Fahrer "parallel zur automatisierten Steuerung" die Straße permanent überwachen, um sogleich einzugreifen, wenn das System an seine Grenzen stößt - oder bereits darüber hinaus ist, wie beim Unfall in den USA der Fall.

Cockpit des Model S

Cockpit des Model S

Foto: Imago/ CTK Photo

Erschwert wird dem Fahrer diese Entscheidung auch dadurch, dass der Fahrassistent nicht anzeigt, wenn seine Systemgrenzen überschritten sind. Das Tesla-System fahre "einfach (unsicher) weiter", so schreiben die staatlichen Gutachter.

Auf ihren Testfahrten mit dem Tesla erlebten sie zwei Situationen fast wie in der Geisterbahn. In dem einen Fall näherte sich der Tesla einer Autobahnbaustelle, in der gelbe Hilfslinien eine veränderte Streckenführung anzeigten. Der Tesla-Autopilot ignorierte sie und fuhr stur entlang der weißen Fahrbahnmarkierungen weiter.

In einer anderen Situation fehlten auf der Autobahn die Fahrbahnmarkierungen, so wie es etwa dann der Fall ist, wenn gerade ein neuer Belag aufgebracht und noch keine Linien gezogen wurden. Der Fahrassistent ist in einem solchen Fall offenbar so programmiert, dass er stur dem Vorderwagen folgt. Zieht das vorausfahrende Auto zur Seite, dann folgt der Tesla wie von Geisterhand der Lenkbewegung des anderen Fahrzeugs, ungeachtet dessen, ob neben ihm ein weiteres Fahrzeug fährt.

Er kann nicht anders, seine Algorithmen wollen es so. Eigentlich müsste in einem solchen Fall der Fahrassistent deutlich anzeigen, dass er nicht mehr weiterweiß, was er aber nach Meinung des BASt nicht tut.

Für ähnlich unzulänglich halten die Tester auch den Überholassistenten, den neben Tesla sonst nur noch Mercedes in einem Luxusmodell anbietet. Doch die Sensoren des Teslas, die nach hinten auf das Verkehrsgeschehen schauen, sind erstaunlich kurzsichtig. Sie reichen nur 40 Meter weit. Deshalb können sie mit der Wirklichkeit auf deutschen Autobahnen, wo andere Autos auf der linken Spur gut und gern mit 200 Stundenkilometern heranrasen, nicht mithalten.

In der bisherigen Software scheint sich das System zudem schon damit zufriedenzugeben, wenn ein Sensor freie Bahn anzeigt. Die BASt-Prüfer sollen erlebt haben, wie sich ein anderer Wagen von hinten nähert. Der Seitenradar des Teslas erfasst ihn aber offensichtlich nicht, obwohl er sich bereits in der Nähe befindet. Der Tesla will auf die linke Spur ziehen. Der Fahrer hatte große Mühe, um gegen den Computer anzusteuern.

Der wohl gewichtigste Kritikpunkt betrifft die Notbremsfunktion des Autopiloten, die bei den Schwächen des Systems einen Unfall möglicherweise verhindern könnte. Doch die weise nur "eine unzureichende Performance" auf, testieren die Prüfer, sie soll zu schwach reagieren.

Tesla widerspricht auf Nachfrage des SPIEGEL der Gutachterkritik. Der Autopilot funktioniere nur im Zusammenspiel mit dem Fahrer, der das System stets überwachen müsse. Das habe man den Kunden auch stets so kommuniziert. Ein Überholvorgang werde von dem Auto nur dann eingeleitet, wenn der Fahrer bestätigt, dass die Fahrsituation es zulässt. Das Notbremssystem entspräche "dem Stand der Technik", lässt Tesla verlauten.

Die Ingenieure des E-Auto-Herstellers haben eine überarbeitete Version des Autopiloten erstellt, die Verbesserungen bringen soll. Sie wird derzeit als Version 8.0 als Update zum Herunterladen aus dem Internet angeboten, bislang nur für Kunden in den USA. Verantwortlich für die Typgenehmigung in Europa sind die Zulassungsbehörden in den Niederlanden. Dobrindt könnte aber bei einer Gefährdung des Straßenverkehrs auch national anordnen, den Fahrzeugtyp stillzulegen.

Laut deutscher Straßenverkehrsordnung sind zudem Updates über das Internet für Autos nicht erlaubt, ein Umstand, über den Dobrindts Zulassungsbehörde trotz Warnungen im Haus schon einmal geflissentlich hinweggesehen hat.

Dobrindt hat das Thema "Automatisiertes Fahren" zwischenzeitlich in die Verantwortung jener Abteilung übertragen, die sich um die digitale Modernisierung des Landes kümmert. Die dortigen Beamten sind schon von Amts wegen viel aufgeschlossener für die neue Fahrtechnologie.

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